Donnerstag, 12. November 2015

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII


Zitat eines Lesers:
Ich hatte mir ja deinen technikblog durchaus durchgelesen und verstanden und für richtig befunden. Deswegen ist es mir fast unmöglich, meinen Sinneseindrucken verbal Ausdruck zu verleihen... Insofern verstehe ich deine "Vinyl-Esoteriker" Bezeichnung ganz gut, wobei ich ihn für mich gar nicht so negativ belege.
Sinneseindrücke verbal zu beschreiben, ist extrem schwierig - denn uns steht bestenfalls eine Art Hilfsvokabular zur Verfügung, das wir zwar nutzen können, von dem wir aber kaum verlässlich erwarten können, dass es so verstanden wird, wie wir es gemeint, oder besser: gefühlt haben.
Daher interessieren mich Schilderungen von solchen Eindrücken auch nicht besonders, denn sie sind stets höchst subjektiv und damit kaum nachvollziehbar. Zudem sind verallgemeinernde Ausdrücke wie "Besser" o.ä. ziemlich wertlos, weil die zugrundeliegenden Kriterien nicht bekannt oder nicht allgemeingültig sind / sein können.

Zitat eines Lesers:
Ich bin für einen PA Hersteller tätig und hab viel live gemischt und bin auch an der Entwicklung DSPs beteiligt. Ich habe generell Probleme mit "Profis", die nur anhand von Datenblätter-Lesen die Performance einer (PA) Box beurteilen a la: "die Box kann gar nicht spielen". Auch ist in meiner "Branche" das Thema Kabelquerschnitt etc. eine nicht zu unterschätzende Größe, die die Güte eines Systems ausmachen.
Letzteres könnte ich mir - ohne dass ich mich da wirklich auskennen würde - durchaus vorstellen, denn dort geht es ja schnell um Kilowatt und andere Größenordnungen. Allerdings haben PAs auch nicht den Anspruch, "Hi-Fidelity" zu klingen - dort geht es darum, einen bestimmten Sound mit einer bestimmten Wirkung so zu transportieren, dass er auf allen Plätzen bei möglichst gleich bleibender Qualität gehört werden kann.

Zitat eines Lesers:
Deswegen vertraue ich da auf meine Ohren und believe it or not: die neuen PG Vinyls haben deutlich hörbar mehr Tiefe und Stereobreite als die (remastered) CDs (an der gleichen Abhöre natürlich). Wie erklärst du mir diese Wahrnehmung !? (Ehrlich gemeint) Edit: und bitte nicht jetzt mit "weil du das so hören willst" kommen. ;)
Ich kann und will dir deine Wahrnehmung nicht erklären - das ist überhaupt nicht mein Ansatz und wäre zudem unlauter, denn die individuelle Wahrnehmung ist die subjektivste aller Angelegenheiten - bei der jeder Mensch sich zudem viel leichter täuschen kann, als er selbst das vermuten würde.
"Weil du das so hören willst", wäre ein psychologischer Erklärungsansatz, der in vielen Fällen sogar zutrifft. Es kann aber auch ganz andere Gründe haben.
Ich neige jedenfalls dazu, meinen Ohren nicht zu trauen - obwohl sie speziell geschult sind (vielleicht auch gerade deswegen). Deshalb z.B. habe ich in meinem Studio vier verschiedene Abhören (fünf mit Kopfhörer).

Ich werde aber trotzdem versuchen, auf deine Frage ausführlich einzugehen: du hörst also "mehr Tiefe und Stereobreite"...
Gut, die Stereobreite ließe sich messtechnisch recht einfach erfassen - das ist letztlich das Verhältnis zwischen Mitten- und Seitenanteil in einem Stereosignal. Hier wäre ich bei Vinyl sehr skeptisch, ob es technisch überhaupt möglich ist, "breiter" zu klingen, denn beim Vinylschnitt wird der Seitenanteil (der für diesen Eindruck verantwortlich ist) relativ streng limitiert, weil man vermeiden will, dass die Nadel aus der Rille springt - die Gefahr besteht immer, wenn sich die beiden Stereokanäle im Pegel zu stark voneinander unterscheiden. Daher werden insbesondere die Bässe unterhalb einer bestimmten Frequenz einfach zu Mono zusammengemischt (Mono bedeutet: 100% Mitten-, 0% Seitenanteil im Stereobild). Das ist übrigens auch der Grund, warum basslastige Instrumente (Bassdrum, Bassgitarre etc.) schon beim Abmischen fast immer in die Mitte gelegt werden - im Digitalzeitalter gäbe es die Notwendigkeit nicht mehr, aber für Vinyl war das halt geboten - jetzt gehört es zur Tradition. Für höhere Frequenzen ist das zwar allgemein unkritischer, jedoch verhindert auch die beim Vinyl systembedingt geringe Übersprechdämpfung zwischen den Kanälen eine allzu weite Spreizung der Stereobasis.

Für die Wahrnehmung eine große Rolle spielt jedoch auch die Phasenlage des Stereosignals. Beim Vinylschnitt wird der Schneidstichel immer exakt tangential geführt, die Abtastung mit dem üblichen, seitlich gelagerten Tonarm hat jedoch immer einen mehr oder weniger großen Winkelversatz. Dies führt zu Phasenfehlern, die sich hörbar auswirken können.
Unser Gehirn wertet bei der Beurteilung der Position einer Schallquelle (unter anderem) die Laufzeitdifferenzen zwischen beiden Ohren aus. Ein Schallereignis, das meinetwegen schräg rechts vom Kopf entsteht, trifft früher auf das rechte Ohr als auf das linke. Das führt dann beim Vergleich mit vorliegenden Erfahrungswerten im Gehirn zu der Richtungswahrnehmung "schräg rechts". Phasenfehler sind letztlich nichts anderes als Laufzeitdifferenzen zwischen linkem und rechtem Kanal, die daher zu einer Fehlortung bei der Richtungswahrnehmung führen können. So ließe sich der Eindruck einer größeren Basisbreite vielleicht wissenschaftlich erklären. Die Phasenlage eines Stereosignals lässt sich natürlich ebenfalls messtechnisch erfassen, allerdings ist sie ja stark abhängig vom jeweiligen Abtastsystem, die Messergebnisse wären daher kaum übertragbar.

"Tiefe" ist ein Begriff, der für einen Sinneseindruck steht, der auf vielerlei Weise zustande kommen kann, für den es aber leider keine messtechnische Größe gibt. Bei der Stereo-Abmischung einer Aufnahme kann man eine Illusion von Tiefe beispielsweise durch einen größeren Hallanteil erzeugen. Auch das EQing spielt eine Rolle. Einzelsignale mit mehr Hall (bzw. längerem Predelay) und gleichzeitig weniger Bässen und Höhen scheinen aus größerer Distanz zu kommen als "trockene" Signale - einfach weil das der natürlichen Hörerfahrung entspricht. Dies kann hier natürlich nicht gemeint sein, da es sich ja nicht um eine andere Abmischung handelt, aber du siehst vielleicht, wie schwer nachvollziehbar solche subjektiven Begriffe sind.

Letztlich sind Eindrücke wie diese Anzeichen dafür, dass das Gesamtsystem Vinyl nichts mit "High Fidelity" zu tun hat. Denn wäre dies so, könnte man keinen Unterschied zwischen digitalem Master und der Vinylwiedergabe feststellen. Der Unterschied ist jedoch - da wird mir niemand widersprechen - beachtlich. Ob man das gut oder schlecht bewertet, ist Geschmacksache, aber darum geht es mir wie gesagt nicht. 

"High Fidelity" oder "höchste Klangtreue" war seit Anbeginn der Geschichte der Schallaufzeichnung die oberste Maxime aller Erfinder und Entwickler, die praktisch das ganze 20. Jahrhundert hindurch unermüdlich Verbesserungen ausgedacht und zur Industriereife gebracht haben - und die Verbraucher haben dieses Ideal dankbar angenommen und sich zu eigen gemacht. Wäre dem nicht so, würden wir Musik heute noch in Wachszylinder geschnitzt hören müssen.
Auch die Schallplatte selbst hat über 60 Jahre lang stetige Verbesserungen in Sachen Klangtreue erfahren dürfen. Nur wenige Nostalgiker sehnen sich heutzutage nach krächzenden Grammophontrichtern, Schelllackplatten und Stahlnadeln zurück. In den 1950er Jahren kam das Vinyl, Füllschrift und damit die "Langspielplatte", später dann Stereo und sogar Quadro (wobei Letzteres allerdings enorme technische Probleme hatte).
Die letzte Verbesserung, "Direct Metal Mastering" wurde erst Anfang der 1980er Jahre erfunden und hat eine deutliche Qualitätsverbesserung in Sachen Klangtreue zur Folge gehabt, denn gleich mehrere verlustbehaftete Arbeitsschritte in der Fertigung konnten so eingespart werden. Antriebsfeder auch hier war jedoch "High Fidelity" und mit den "DMM"-Aufklebern hatte man eine zeitlang stolz auf den Covers werben können.
Jeder wollte Klangtreue - damals war es unter uns Audio-Fans extrem verpönt, wenn jemand den Bass- oder Höhenregler an seinem Verstärker aus der Nullstellung bewegt hat. Später gab es die True-Bypass-Schaltungen für die Klangregelung an hochwertigen Verstärkern - der Klang sollte um keinen Preis verfälscht werden, nicht mal durch einen im Weg liegenden EQ in Nullstellung.

Mit der Digitalisierung ist jedoch etwas ganz Entscheidendes passiert: erstmals war man mit dieser Technik in der Lage, sämtliche verfälschende Einflüsse eines Tonträgers komplett auszuschließen - zwischen dem Tonstudio und dem Endverbraucher war dadurch erstmals eine verlustfreie "Übertragung" möglich - das Ideal war also nach gut 100 Jahren Schallaufzeichnung endlich erreicht.
Das mag nun jeder nach seinem Geschmack schätzen oder nicht - ich jedenfalls will nach wie vor die Musik möglichst so hören, wie sie im Studio geklungen hat - ich will kein Wiedergabesystem, das mir etwas anderes vorgaukelt - auch dann nicht, wenn ich das dann womöglich "schöner" fände.

Zitat eines Lesers:
...kann ich alles gut nachvollziehen....
Dennoch finde ich den Ansatz "so wie der Musiker/Produzent im Studio" fehlerhaft, da das ja die original Bedingungen (vom "Band" über Pult bis hin zur identischen Abhöre und Studioakustik) vorraussetzen würde, die niemand jemals simulieren kann.
Das stimmt so nicht. Das, was ein A/D-Wandler im Studio aufgezeichnet hat, bekomme ich mit der Digitaltechnik ja verlustfrei nach Hause geliefert - Mikrofone, Aufnahmetechnik und Mischpulte spielen also keine Rolle. Die Akustik in modernen Studios einschließlich der Monitorboxen ist extremst auf Neutralität (=Klangtreue) getrimmt. Das muss so sein, damit man das, was man vor Ort hört, überhaupt als Referenz nutzen kann. Anders könnte man dort keine verlässliche Abmischung fahren, d.h. es würde nur dort "gut" klingen und nirgendwo sonst.
Hält man das Neutralitätsprinzip durch, benötigt man keinesfalls dieselben Bedingungen oder Geräte zuhause - im Gegenteil. Insbesondere Studioboxen klingen u.U. in einem Wohnzimmer gar nicht mal so gut, weil sie die Neutralität der Studio-Raumakustik voraussetzen, die da nicht gegeben ist.

In jedem Fall: Der große Vorteil einer auf Neutralität optimierten Anlage ist die beliebige Austauschbarkeit der Einzelkomponenten - eben weil diese ja neutral sind und keinen eigenen Anteil am Klang haben. Sobald Musik, egal welcher Art, im Studio "gut" klingt, wird sie auch auf jeder anderen neutralen Anlage "gut" klingen. Abstriche gibt es natürlich, weil Klangtreue ein Ideal ist, das nur angestrebt, aber nicht überall erreicht werden kann.
Wirkliche Kompromisse müssen heutzutage aber nur noch bei den Lautsprechern und der Akustik des Hörraums gemacht werden - da ist neutraler Klang letztlich eine Frage des Aufwands.

Wenn Klangtreue/Neutralität kein allgemein gültiges Ideal wäre, auf das sich längst alle (Hersteller wie Kunden und selbst die Presse) committed hätten, würde jedes analoge Gerät in der Kette seine eigene Verfälschung/Verfärbung des Signals hinzufügen, was in der Folge dazu führen würde, dass bestimmte Geräte sich für spezielle Musikgenres besser eignen als für andere. Bei Lautsprechern, die wie gesagt am wenigsten neutral sind, haben wir das Phänomen bereits, dass sich einige eher für Rock, andere eher für Klassik etc. eignen.

Da ist es schon interessant, dass Klangtreue bei Vinyl plötzlich nicht nur keine Rolle mehr spielen soll, sondern das Fehlen derselben exakt das ist, was der Hörer nach 35 Jahren Digital Audio mehr zu schätzen glaubt, als die nach Jahren des Wartens endlich erreichte Neutralität und letztlich die Unabhängigkeit von einem physischen Tonträger.



Die nächste Folge dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die früheren Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII

Montag, 9. November 2015

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI

In einem Artikel des Musikmarkt habe ich unlängst diese schöne Grafik gefunden, die den ganzen Vinyl-Hype so herrlich anschaulich illustriert hat:

Grafik: Billboard
Wow - das geht ja richtig ab durch die Decke - alle Welt kauft also nur noch Vinyl und zwar inzwischen dreimal mehr als CDs und Downloads? - Ist ja der Hammer - naja, jetzt nicht ganz unerwartet, schreiben doch alle Gazetten dasselbe: Vinyl boomt unglaublich und hat die CD längst abgelöst, keiner kauft noch den silbernen Plastikschrott, sondern alle Welt gibt sich wieder dem ach so beruhigendem Rillenrauschen mit Lagerfeueratmo hin! Wunderbar. Priceless.

Diese Grafik ist ein schönes Beispiel für die übliche Desinformation, mit der in nahezu allen Medien gearbeitet wird, wo von einem "Vinyl-Boom" zu lesen ist. Hier nur auf die Spitze getrieben.
Die Kurven für sich genommen sind dabei nicht falsch - sicherlich haben die Vinylverkäufe zugenommen und dass die Verkaufszahlen für CDs und Download abgenommen haben, ist ebenfalls zutreffend. Ich halte es nur für überaus unseriös, diese Kurven -jedenfalls so wie in dieser Grafik- nebeneinander zu stellen. Denn es soll ja ein direkter Vergleich zwischen beiden Kurven impliziert werden - dies ist jedoch nicht möglich, wenn den Kurven zwei unterschiedliche Maßstäbe (für die y-Achse) zugrunde liegen. Wenn man genau hinschaut und auch den Text liest, wird man schnell feststellen, dass die Vinylkurve um den Faktor 100 vergrößert dargestellt ist. Würde man beide Kurven im selben Maßstab bringen, wäre die Bildaussage weit weniger spektakulär:

Bereinigt: Beide Kurven im selben Maßstab
Genau hinschauen: der schmale rote Streifen untem am Rand sind die Vinylverkäufe - ich habe mir die schwarze Linie mit dem Pfeil gespart, weil diese sonst das Rot komplett bedeckt hätte. Und ich habe dabei sogar noch aufgerundet: die rote Kurve hatte in der Originalgrafik noch ein Maximum von 297 vertikalen Pixeln - ich habe sie auf 3 Pixel reduziert (bei natürlich unveränderter horizontaler Pixelzahl).
Sieht jetzt echt explosiv aus! ;)


Der Vergleich zwischen beiden Kurven ist übrigens auch noch aus einem anderen Grund unzulässig - die Digitalkurve ignoriert nämlich, dass die Verkaufszahlen hauptsächlich deswegen zurückgegangen sind, weil die Hauptzielgruppe der Musikkonsumenten mehr und mehr zu Streaming-Diensten wie "Spotify" wechselt - mithin eine weitere Art, Musik digital zu konsumieren, die hier jedoch offensichtlich unberücksichtigt bleiben sollte, weil die Kurve sonst auf dem Niveau von 2010 stehen geblieben oder vielleicht sogar wieder angestiegen wäre, statt weiter so anschaulich zu fallen.
Ich darf mal Wikipedia zitieren, um zu zeigen, dass das keine marginalen Zahlen sind:
"Im Jahr 2011 machte Streaming inklusive der werbefinanzierten Angebote 11,5 Prozent der digitalen Umsätze mit Musik aus, 2013 waren es bereits 20 Prozent. Der Gesamtumsatz mit Abostreaming überschritt in diesem Jahr [2014, Anm. tom] die Grenze von 1 Milliarde US-Dollar bei einem Gesamtvolumen des weltweiten Musikmarkts von 15 Milliarden. Damit löste das Streaming als wachsender Markt die Musikdownloads ab, die parallel dazu das schnelle Wachstum der davor liegenden Jahre nicht mehr fortsetzen konnten."


Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die früheren Folgen:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V

Donnerstag, 5. November 2015

GUY GARVEY - Courting the Squall (2015)

(Pic by Amazon)

Ich hege große Sympathien für Elbow und ihren allseits gelobten Sänger Guy Garvey, habe die Band im letzten Jahr erstmals live gesehen und besitze auch die letzten vier Studioalben, die mir im Großen und Ganzen sehr gut gefallen. Die Frage ist natürlich immer, erwartet man bei einem Soloalbum ungefähr dasselbe wie von einem neuen Bandalbum - oder wenn es schon verschieden ist, gibt es einen hörbaren Benefit - gefallen die Unterschiede so, dass man es nicht schade findet, dass diese Songs nicht mit der Band eingespielt wurden?

Der Pressetext gibt die Richtung vor: "Anders als bei elbow, wo schon immer demokratisch abgestimmt wurde, ist Courting the Squall ein Album, bei dem Guy Garvey letztlich alle Fäden in der Hand hatte, um ganz allein seine Vision und seine Gefühle zu vertonen. „Insgesamt basiert Courting the Squall auf jenen Einflüssen und Ideen, die „einfach nicht ins elbow-Universum passen“, so Garvey."
Wieso diese Songs nicht zu Elbow passen sollen, erschließt sich mir jedoch nicht wirklich, denn angelegt und strukturiert sind sie wie "normale" Elbow-Songs, es gibt dieselben Harmonien, dieselbe schwebende, ruhige, minimalistische Rhythmik, denselben Gesangsstil - was ich jedoch fast schmerzhaft vermisse, sind die anderen Elbow-Musiker - die "Ersatzmannschaft", die hier am Start ist, weiß anscheinend nicht so richtig, wie sie mit diesen Songs umgehen soll. Die Musiker agieren sehr zurückhaltend, fast übervorsichtig - das hinterlässt bei vielen Songs ein Vakuum, so dass viele kluge Ideen ins Leere zu laufen scheinen. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, hier handele sich um eine Sammlung von Elbow-Outtakes; Songs, die keiner so richtig wollte.
Dennoch kein schlechtes Album - man sollte nur nicht zu viel erwarten...


Mittwoch, 28. Oktober 2015

Technobabble: Dolby Atmos

Mehrkanaltonformate haben natürlich nur am Rande mit Musik zu tun - abgesehen von der relativ kurzen Phase in den 1970er Jahren, in denen versucht wurde, die Quadrophonie als Nachfolger der Stereophonie als reines Audioformat zu etablieren (was damals in erster Linie an der Unzulänglichkeit der damaligen Technik gescheitert war), konnten sich alle späteren Mehrkanal-Aufzeichnungs- und Übertragungsformate nur etablieren, weil mit dem boomenden "Heimkino"-Markt ein preiswertes und allseits kompatibles optisches Speicherformat eingeführt wurde: die DVD. 5.1 Surround in Dolby Digital und DTS gab es damit von Anfang an auch für die Kunden, die den Ton zuhause noch über die im Fernseher eingebauten Quäken hörten. Heimkino-Anlagen mit sechs und mehr Lautsprechern wurden in den Folgejahren preiswerter, kleiner und damit auch beliebter. Musik wurde mit diesen eher für Soundtracks optimierten Anlagen natürlich auch gehört, und trotz der weithin als gescheitert angesehenen Versuche, mit DVD-Audio und SACD zwei Formate für hochauflösendes Mehrkanal-Audio zu etablieren, wurden und werden in ansteigender Zahl weiterhin Musikalben in Surround veröffentlicht, viele darunter sind Wiederveröffentlichungen, oft in aufwändiger Verpackung als "Superdeluxe-Edition" für Liebhaber - mit entsprechender Preisgestaltung, mit der sich dann auch Kleinauflagen rechnen - sehr zur Freude der Tonträgersammler, die es nach wie vor immer noch gibt.

Inzwischen ist die Blu-ray als universelles Discformat längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und hat auch SACD und DVD-Audio beerbt. Die Blu-ray wurde von Anfang an als offener Standard eingeführt, d.h. anders als bei der DVD sollten hier technische Weiterentwicklungen nicht ausgeschlossen sein, neue Codecs für Bild und Ton sollten so die Zukunftsfähigkeit des Mediums sichern. Dies führte in der Vergangenheit leider oft dazu, dass neuere Blu-rays auf älteren Spielern nur per nachgeschobenem Software-Update zum Laufen zu bewegen waren, wenn überhaupt. In den meisten Fällen waren es neue Authoring-Tricks, die nicht ganz abwärtskompatibel waren, manchmal aber auch größere Erweiterungen des Standards wie die Einführung von 3D. Für die Industrie ein Segen, bedeutet es doch, dass ein Blu-ray-Player, wenn er nach wenigen Jahren schon aus dem Update-Support des Herstellers herausgeflogen ist, schneller veraltet ist als er durch Verschleiß kaputt gehen kann - der Kunde hat dann nur noch die Wahl, auf neuere Discs zu verzichten, oder sich endlich einen neuen Player zu kaufen - und ggf. einen neuen Receiver und Fernseher gleich mit.

Beim Blu-ray-Ton hatte sich lange nichts getan. Den letzten größeren Schnitt gab es Ende 2006, als mit HDMI 1.3 eine volldigitale Schnittstelle zum Standard wurde, die erstmals auch das Streaming von Dolby TrueHD und DTS-HD Master Audio ermöglichte - den beiden (verlustfreien) Standardformaten der Blu-ray. Damit waren die anachronistischen analogen Multichannel-Verbindungen (sechs Cinch-Kabel zwischen Player und Receiver) obsolet geworden.

Zum großen Bedauern der Industrie nahmen diese Receiver noch bis vor kurzem alle möglichen Digitalformate an ihren Eingängen problemlos entgegen, also musste dringend etwas Neues her, das den Kunden dazu motivieren sollte, sein Heimkino erneut einem teuren Update zu unterziehen. Dies passte perfekt zu den parallelen Bestrebungen der Firma Dolby, das an DTS verlorene Terrain zurückzugewinnen - anders als bei der DVD-Video, wo Dolby Digital eins der Pflichtformate und DTS stets nur optional angeboten werden durfte (es darf daher bis heute keine DVD geben, die ausschließlich DTS als Tonformat anbietet) - war DTS-HD Master Audio von Anfang an ein Standardformat für Blu-rays - jeder Spieler musste es daher unterstützen. Dummerweise stellte sich DTS-HD MA auch noch als das unkompliziertere Format heraus; in der Folge verlor TrueHD zunehmend Marktanteile.
Ein neues Format musste also her und es musste entsprechend beworben werden:



Wow, was für ein Name! - "Atmos", das klingt nach griechischer Gottheit oder wenigstens nach einer griechischen Sonneninsel; suggeriert in jedem Fall Erhabenheit. 2012 eingeführt, gab es das anfangs nur für einige wenige ausgewählte Kinos (die dafür vermutlich horrende "Atmos-Zuschläge" verlangten).
Neu bei Atmos ist die im Prinzip unlimitierte Anzahl der Tonkanäle - die erste Generation des "Dolby Atmos Cinema Processors" (ein spezieller Computer, der für die Kino-Wiedergabe unerlässlich ist) erlaubt bis zu 128 diskrete Kanäle und bis zu 64 diskrete Lautsprecherausgänge. Die Idee dahinter ist nicht neu, schon Pete Townshend experimentierte in den 1970er Jahren mit einem Lautsprecher-Array, das einen Hörraum fast lückenlos umschließen sollte. Atmos sieht allerdings explizit Kanäle für die Beschallung von der Decke vor - ideal für z.B. Hubschrauber-Überflüge.

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich Atmos daher als eine Mischung aus gewöhnlichen Surroundkanälen mit festem Bezug zu einzelnen Lautsprechern und Spezialkanälen, die für bewegte "Sound-Objekte" vorgesehen sind. Ein Atmos-Signal besteht daher aus drei Komponenten:

"Bed-Audio" - das sind die konventionellen, kanalbezogenen Signale, die einem üblichen 7.1 oder 9.1 Setup mit bis zu vier Deckenlautsprechern entsprechen,
"Object-Audio" - dies sind spezielle Kanäle für frei im Raum bewegbare Einzelgeräusche mit automatisierten Richtungsänderungen,
"Dolby Atmos Metadata" - dies sind die Daten, die für das Rendern der "Object-Audio"-Signale erforderlich sind und in erster Linie daher die benötigten Richtungsinformationen enthalten.

Vereinfachend könnte man sagen, dass es den Dolby-Entwicklern darum geht, die heutige Standard-Anordnung eines Surround-Setups von fünf oder sieben Lautsprechern, die alle auf einer einzigen Ebene (Ohrhöhe) abstrahlen, um eine dritte Dimension, die Höhe, zu erweitern. Mit Atmos ist es prinzipiell möglich, bis zu 118 verschiedene "Audio-Objekte" frei in einem Raum zu platzieren bzw. sie im Raum gezielt bewegen zu können.
Der Ansatz, dies unabhänging von der Anzahl der tatsächlich vorhandenen Lautsprechern zu schaffen, wurde durch die Not geboren, nicht jedem Kino- (und schon gar nicht dem Heimkino-) Besitzer vorschreiben zu können, wo und wie viele Lautsprecher er tatsächlich zu stellen oder zu hängen hat und wieviele Kanäle seine Anlage in der Lage ist, gleichzeitig wiederzugeben.
Dolby wirbt daher damit, dass ein Atmos-System diese Wiedergabe-Bedingungen automatisch erkennt. Daher werden die Audio-Objekte von einem speziellen Computersystem in Echtzeit gerendert. Der Computer weiß durch die mitgelieferten Metadaten, wo ein Audio-Objekt sich befinden soll, verrechnet dies mit den ihm bekannten Positionen der angeschlossenen Lautsprecher und weist diesen Lautsprechern dann exakt den Signalanteil zu, den das Ohr benötigt, um das Geräusch dort zu lokalisieren, wo es beabsichtigt ist. Je mehr Lautsprecher und -kanäle dafür zur Verfügung stehen, desto präziser soll das Ergebnis sein. In einem High-Tech-Großraumkino sicher kein Problem, aber in einem Wohnzimmer?

Ja, auch im Wohnzimmer soll Atmos Vorteile bringen, lässt uns Dolby wissen. Offenbar ist den Entwicklern sogar die Problematik bekannt, dass in den meisten dieser Hörstuben alles andere als ideale Abhörbedingungen existieren - auch, dass die meisten Hörer nicht einmal in der Lage sind, die vorhandenen Lautsprecher optimal aufzustellen. Sie wissen auch, dass der Trend eher zu "virtual Surround" geht und die Leute daher "Soundbars" bevorzugen, die meist unter dem Fernseher liegen und mit allerlei Phasenschweinereien einen Surroundklang zu imitieren versuchen. Trotzdem schlagen sie allen Ernstes eine Aufrüstung auf bis zu vier zusätzliche Deckenlautsprecher vor. Falls Deckenlautsprecher gar nicht gehen, sollen es auch Standlautsprecher auf Ohrhöhe tun, die eine zusätzliche Membran aufweisen, die nach oben gerichtet zur Decke abstrahlt und den Schall so reflektiert. Was sowas mit der eben verkündeten Präzision der Ortung zu tun hat, wissen allerdings nur die Dolby-Leute. Nun denn - es hat in der Vergangenheit schon mehrfach Versuche gegeben, die Lautsprecherzahl im Heimkino zu steigern, bisher konnte sich neben 5.1 kaum etwas anderes durchsetzen. Meine Prognose ist die, dass sich das auch durch Atmos nicht ändern wird.

Tatsächlich gibt es Dolby Atmos inzwischen auch für Blu-rays - zumindest sind einige wenige Titel bereits mit diesem Label erschienen - dass dies jedoch in erster Linie eine Marketing-Masche ist, sollte auf der Hand liegen. Es fängt schon damit an, dass ein Blu-ray-Player oder AV-Receiver niemals 118 Audio-Objekte in Echtzeit rendern könnte - die im Heimgerätebereich verwendeten Prozessoren sind dafür viel zu lahm und die Maximaldatenrate einer Blu-ray ist ohnehin auf 48 Mbit/s begrenzt - Video inklusive. Die statischen Kanäle sind nicht das Problem - es ist vergleichsweise einfach, ein paar zusätzliche diskrete Signale für die Decke mitzuführen. Die Vorteile der von Atmos gezielt berechneten Audio-Objekte wird man jedoch bestenfalls für einige wenige, besonders auffällige Geräusche wahrnehmen können. Atmos auf Blu-ray bedeutet also immer, dass es sich um einen gegenüber dem Kino-Original deutlich limitierten Downmix handelt.

Zudem dürfte es nur für einige wenige Blu-ray-Player und AV-Receiver Firmware-Updates geben - wie oben erwähnt ist das aus Sicht der Industrie ja auch nicht der Sinn der Sache. Aber selbst dann wäre immer noch ein neues Set Lautsprecher und die Neuverkabelung des Wohnzimmers erforderlich. Ob man sich das wirklich zumuten möchte, muss jeder selbst entscheiden.
Zum Glück ist Atmos eingebettet als eine Erweiterung der bestehenden Formate Dolby TrueHD oder Dolby Digital Plus - jeder AV-Receiver, der mit den zusätzlichen Informationen von Dolby Atmos nichts anzufangen weiß, kann in jedem Fall die "Core"-Informationen von TrueHD decodieren, liefert dann also wie gewohnt "normales" 5.1 oder 7.1 Surround - und wenn man so am Ende gar nichts vermissen sollte, würde mich das nicht groß überraschen.

Atmos auf Blu-rays nützt zwar also nicht unbedingt viel, richtet allerdings auch keinen größeren Schaden an, es sei denn, ein zusätzlicher Aufkleber mit dem Atmos-Logo führte zu einer messbaren Verkaufspreissteigerung - was keinesfalls auszuschließen sein dürfte; immerhin sind Blu-rays mit dem "3D"-Logo ja auch bis zu 100% teurer als "normale".

Montag, 14. September 2015

DAVID GILMOUR - Rattle That Lock (2015)

Erster Durchlauf...

Kurz ein paar Notizen während das neue Gilmour-Album läuft - die allerersten Eindrücke konnte man ja bereits vorab mit den beiden veröffentlichten "Singles" Rattle That Lock und Today gewinnen. Nun also alle 10 Tracks - Gesamtlaufzeit: 51:25 min

5 A.M. - ist ein athmosphärisches Instrumental (den Satz "hätte auch von Pink Floyd sein können" erspare ich mir jetzt und für den Rest dieser Kurzrezi) das sich gut als Opener eignet. Wunderschöne Sologitarre (auch den Satz könnte ich mir sparen).

Rattle That Lock - hatte ich jetzt einige Wochen nicht mehr gehört; scheint erstaunlicherweise in der Zwischenzeit jedoch deutlich besser geworden zu sein. Musste man sich wohl erst etwas dran gewöhnen.

Faces of Stone - Ein paar vereinzelte Pianotöne mit langem Nachhall sorgen für einen leicht melancholischen Anfang, danach erwartet man beinahe ein spärisches Stück mit Synthieflächen, bekommt jedoch eine akustische Gitarre im Dreivierteltakt, die sich zur voll instrumentierten Ballade mit leichten Referenzen an "The Division Bell" entwickelt - die Klarinette (oder was immer das ist) erinnert stark an den Mittelteil von Poles Apart. Ich wollte es zwar nicht nochmal schreiben, aber kann nicht anders: großartiges Gitarrensolo. Nachtrag: Zweitbester Song von allen!

A Boat Lies Waiting - das ist das Stück, bei dem David Crosby und Graham Nash die Backing Vocals beigesteuert haben. Die drei Stimmen klingen ausgezeichnet zusammen, verschmelzen fast zu einer einzigen. Die erste Hälfte des Songs ist jedoch rein instrumental-sphärisch mit hübschen Gitarrentupfern. Leider ist das Stück über den größten Teil ohne Rhythmus und wirkt dadurch etwas langatmig.

Dancing Right In Front Of Me
- Ein weiteres, eher langsames Stück, das jedoch keinesfalls langweilig wird, weil Arrangement und Rhythmus mehrmals überraschend variiert werden. Bei ca. Minute drei sind wir beim "Cool-Jazz" angekommen, aber nur kurz, dann geht es wieder zur Strophe zurück.

In Any Tongue - hier haben wir eine weitere Ballade im typischen Gilmour-Stil. Auch die Drums könnten von Nick Mason sein. Schöne Streicher im Background - guter Gesang. Dass nach dem zweiten Piano-Intermezzo dann das Gitarrensolo kommt, war absolut vorhersehbar. Die Struktur erinnert stark an Comfortably Numb. Nachtrag: Trotz der Berechenbarkeit klar der beste Song des Albums.

Beauty - auch hier wieder ein typisches Pink Floyd-Intro, das gut die Hälfte dieses mit 4:28 min relativ kurzen Instrumentals einnimmt. Im zweiten Teil gibt's dann die typische "Motorcycle-Guitar", die man so auch schon ein paarmal von ihm gehört hat.

The Girl in the Yellow Dress
- "says yes" - witziger Reim, schöne Zeile. Diesen Song kannte man schon von der kurzen YouTube-Live-Performance beim Autorenseminar im Borris House. Hier ist der ganze Song geprägt vom Besenschlagzeug, das einen langsamen Swing im Nachtclub-Format begleitet. Mit allem Drum und Dran, also Saxofonsolo etc. Nicht ganz mein Fall, aber mal was anderes...

Today - ein gepflegter Kirchenchor samt Orgel leitet diesen vergleichsweise schnellen Song ein, den man an dieser Stelle in der Dramaturgie des Albums zu schätzen weiß. Könnte noch etwas mehr abgehen, und etwas weniger Streicher und Sphärenklänge hätten auch nicht geschadet. Erinnert etwas an die "About Face"-Phase mit den etwas sperrigeren Songs.

And then... - hier verliert Gilmour keine Zeit und startet direkt mit seiner Black Strat durch, die eine weitere klassische Instrumental-Ballade einläutet. Schönes Solo (schon wieder) und für den Schluss hat er sich eine akustische Gitarre aufgehoben, die dann in Lagerfeuergeräuschen mit schreiendem Käuzchen untergeht.


Größtes Manko des Albums: alle Songs werden ausgeblendet - das hätte nun wirklich nicht sein müssen! Trotz der überwiegend nicht gerade flott zu nennenden Rhythmen ist dieses Album jedoch weit weniger langweilig als "On an Island", was aber auch nicht schwierig war. Zugemutet wird dem geneigten Hörer hier wenig, es gibt kaum Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen könnte, ohne dass man den Eindruck bekäme, das alles schon viel zu oft gehört zu haben. Kein Feuerwerk der Innovation, aber sicher auch kein ausgelutschtes Selbstzitat. Nach dem Durchlauf macht sich ein wenig ein seltsames Gefühl breit, als hätte irgendwas gefehlt, was man erst noch suchen und finden müsste.
Dennoch: Macht Spaß zu hören und wird nicht der letzte Durchlauf bleiben!
Nachtrag: Auch dieses Album "wächst" mit weiteren Durchläufen - erfordert also vielleicht etwas Geduld, was aber durchaus belohnt wird. Die Surroundfassung ist natürlich klanglich spitze und macht besonders dann Spaß, wenn man die Stereofassung schon "gewohnt" ist. Die Extra-Tracks auf der Blu-ray sind eher etwas enttäuschend. Vom "Borris House" bekommt man nur das Interview, leider fehlen die von Gilmour live gespielten Songs und die Barn Jams sind natürlich historisch bedeutsam und schon wegen Rick Wright sehenswert, aber musikalisch nicht gerade die Offenbarung.

Montag, 10. August 2015

PROCOL HARUM - Procol Harum/Shine On Brightly (1967/68 - Reissue 2015)

Procol Harums eponymöses Debütalbum, das in meiner verstaubten Repertoire-CD-Version noch "A Whiter Shade Of Pale" hieß, obwohl dies der Titel der späteren, um eben jene berühmte Single ergänzten Neuausgabe war, wurde in diesen Tagen zusammen mit den Folgealben "Salty Dog" und "Home" von den britischen Reissue-Spezialisten Esoteric Records als 2CD-Digipak neu veröffentlicht mit vielen bisher unveröffentlichten Bonustracks. Da lohnt sich schon ein näherer Blick.

CD1 beginnt mit dem bekannten Album selbst in der gewohnten Mono-Fassung - obwohl Stereo 1967 durchaus schon üblich war, hielt Producer Denny Cordell damals wohl nichts davon. Also gab es keinen Stereomix bis offenbar 1971 - einige der Stereo-Bonustracks tragen den entsprechenden Zusatz. Schön ist, dass die Tracklist hier streng dem UK-Original folgt - ohne die Singles A Whiter Shade of Pale und Homburg, die samt B-Seiten die ersten Bonustracks darstellen, natürlich ebenfalls in Mono und mit allen Songs in der ursprünglichen Reihenfolge.

Das Booklet liefert dazu viele interessante Infos - so war mir z.B. unbekannt, dass die berühmte Debutsingle, die sofort #1 in UK und #5 in US war, noch mit einer vorläufigen Band-Besetzung ohne Gitarrist Robin Trower und Drummer B.J.Wilson aufgenommen war, die erst später dazustießen (in den Videos dazu sind sie aber schon vertreten). Interessant ist auch die Geschichte des Tantiemen-Streits zu A Whiter Shade of Pale - bekanntlich hat Matthew Fisher in 2005 Klage eingereicht, weil sein Orgelspiel seiner Meinung nach eine Mitautorenschaft rechtfertigen würde - in letzter Instanz hatte das House of Lords 2009 schließlich zu seinen Gunsten entschieden, jedoch bekommt er die Tantiemen erst ab 2005, weil er so lange mit der Klage gewartet hatte. Nun ist A Whiter Shade of Pale ja ein Amalgam aus mehreren Stücken von J.S.Bach, das ändert meiner Meinung nach aber nichts daran, dass die Orgelmelodie, die unbestritten Fishers eigene Schöpfung ist, hier so prägnant ist, dass er von Anfang an als Mitautor hätte gelten müssen. Das gleiche gilt auch, finde ich, für einige andere Stücke des Albums.

Obwohl das Booklet sicherlich informativ ist, halte ich Chris Welchs Begleittext zur Repertoire-CD von 1997 wesentlich gelungener und interessanter. Dort zitiert er z.B. Gary Brooker, der ein wenig beklagt, dass sie die Stücke für das Album zwei Jahre lang komponiert, arrangiert und eingeübt hatten und es letztlich in nur zwei Tagen ohne Zeit für besondere Sorgfalt praktisch live aufnehmen mussten. Brooker bedauert an anderer Stelle auch die Entscheidung, die Singles nicht mit auf das ursprüngliche Album zu packen. Auch wenn dies in den 1960er Jahren gängige Praxis war, habe dies doch deutlich die Verkaufszahlen des Albums beeinträchtigt. Das Esoteric-Booklet listet zudem zwar die Bonustracks auf, geht aber nicht allzu tief ins Detail, was die Entstehung der jeweiligen Aufnahmen angeht - so wüsste ich gern, zu welchem Anlass diese "1971 Stereo Mixes" erfolgt waren und ob es sich dabei um dieselben Takes des Monoalbums oder um Alternativtakes handelt.

Vor Jahren hatte ich auf einem Greatest-Hits-CD-Sampler eine Stereoversion von A Whiter Shade of Pale entdeckt, den ich mir jedoch nicht gekauft hatte, weil ich solche Sampler nicht besonders mag. Dennoch hatte ich später diesen Sampler gesucht, aber nie wieder gefunden. Zwar ist die berühmte Monofassung der Single und der US-Version des Albums schon toll genug, aber die Alternativ-Version, mit der hier CD2 beginnt, ist nicht nur astrein abgemischtes Stereo (Hammond links, Vocals, Bass und Drums Mitte, Piano rechts), sondern mit über sechs Minuten Laufzeit fast zwei Minuten länger und hat zudem ein richtiges Ende mit Ritardando und allem Drum und dran - die mitten im Vocalpart ausgeblendete Single hatte mich in dieser Hinsicht immer gestört. Unterschiede in der Performance sind hörbar, aber nur gering - umwerfend gut ist die Soundqualität dieser Aufnahme.

Fast alle Songs des Albums und beide Single-A-Seiten finden sich als Stereoversionen unter den Bonustracks, Homburg sogar in zwei verschiedenen Stereofassungen, von denen die erste, als "extended" markierte, dann doch deutlich zu lang ist, weil sie zu viele zu wenig variierte Wiederholungen aufweist. Zumal stört hier auch der Drumsound, der fast klingt wie die berühmten Drumcomputer aus den 1980er Jahren. Besser gelungen ist der "1971 Stereo Mix", kürzer und deutlich näher am Original. Am besten gefällt mir jedoch She Wandered Through The Garden Fence mit seinem trocken-humorvollen Text, dessen lakonischer Vortrag mich immer wieder lachen lässt. Kostprobe:
Zitat:
And though I said, 'You don't exist,' she grasped me firmly by the wrist and threw me down upon my back and strapped me to her torture rack. And, without further argument I found my mind was also bent...
Überzeugend und nicht weniger interessant auch die BBC-Session-Tracks am Ende von CD2 - sie beginnen gleich mit einer tollen Version von Tim Hardins Klassiker Morning Dew, dann folgt eine inspirierte Version von A Whiter Shade... - diesmal sogar dank Robin Trower mit hörbarer Gitarre. She Wandered Through... ist schließlich die Überraschung der zweiten BBC-Session, hier deutlich schneller als das Original, aber genauso überzeugend eingespielt.

Zur Aufmachung - die ist nahezu perfekt. Anders als fast alle CD-Releases dieses Albums gibt es hier das Front-Artwork in der unbeschnittenen Fassung - fast überall sonst ist das Blumen-Ornament oder das weiße Kleid am unteren Rand angeschnitten (siehe auch Abb. oben), oft ist das Blattwerk oberhalb des Schriftzugs verändert. Auch hier gibt es wieder ein aufklappbares Poster mit den Songtexten auf der Rückseite. Das Digipack ist mehrfach aufklappbar und enthält Poster und Booklet eingeschoben in einen Schlitz unterhalb zweier Farbfotos der Band in psychedelisch-zeitgemäß bunten Konstümen. Sehr hübsch und sorgfältig gemacht - ein stabiler Schuber drumherum wäre natürlich noch schöner gewesen.

Stabil ist jedenfalls die Verpackung von "Shine On Brightly", dem zweiten Album. Es kommt in einer sog. "Clamshell"-Box (im Grunde eine Pappschachtel mit Pizzakarton-Mechanik), als 3CD-Version. Jede CD darin hat eine eigene Papphülle - CD1 mit dem "normalen" UK-Artwork (s.o.) beinhaltet das Album in der Stereoversion plus drei Bonustracks, CD2 hat die Monoversion als digitale Erstveröffentlichung (die Papphülle zeigt das US-Cover) und CD3, versehen mit einem Alternativmotiv des US-Covers, bietet 17 weitere Bonustracks, darunter als Erstveröffentlichung acht Aufnahmen von verschiedenen BBC-Sessions aus dieser Zeit. Als Beilagen gibt es ein Poster mit dem vergrößerten Albumcover, das auch die Texte enthält, ein paar Kärtchen mit zeitgenössischen Konzertplakatmotiven, sowie ein höchst informatives Booklet mit Anmerkungen zu allen Aufnahmen.

Der Sound ist auch hier klasse, besonders wenn man bedenkt, dass die Aufnahmen aus den Jahren 1967-68 stammen. Die Geschwindigkeits-Probleme, die die letzten Remaster-Ausgaben von Salvo Records offenbar hatten (das Album lief etwas zu schnell, entsprechend etwa einen Viertelton zu hoch, während die Bonustracks OK waren), sind hier behoben. Für mich gab es hier viel zu entdecken - insbesondere die Texte von Keith Reid sind voller Wortwitz und pointierten Einfällen und Gary Brookers Stimme, in etwa zu vergleichen mit der von Steve Winwood, bringt sie gekonnt rüber. Macht Spaß.

Freitag, 3. Juli 2015

TRICKSTER - Find the Lady (1977)

Da ich immer noch meine Patchbay verkabele, läuft außer Vinyl nichts in meinem Studio - nicht mal der Ton vom PC. Also höre ich während der Lötarbeiten weiter eine Platte nach der anderen. Diese hier hab ich sogar zweimal hintereinander gehört, weil ich beim ersten Mal nicht glauben wollte, dass sie mir gefällt:

​​

Diese Band scheint ein ziemlicher Geheimtipp zu sein - nicht mal die englische Wikipedia kennt sie. Ich selbst weiß leider auch nicht mehr genau, wieso ich diese Platte gekauft hatte, nur, dass ein Freund den letzten Song Let it lie ganz toll fand. Der konnte mich jedoch damals nicht besonders reizen; das weiß ich genau - daher bleibt wohl das eins der ungelösten Mysterien meines Lebens...


Aber egal, es gibt -erstaunlicherweise- genug andere gute bzw. bessere Songs auf diesem Album, z.B. If that's the way the feelings take you - das ist sauber produzierter, recht amerikanisch klingender AOR-Pop in der Tradition von Boston, Foreigner oder REO Speedwagon - aber das hier sind offenbar Briten.

Wie gesagt, es gibt nur wenig Infos zu finden. "Find the Lady", 1977 erschienen beim selben Label (Jet) wie E.L.O., scheint das Debutalbum zu sein; zwei Jahre später erschien noch "Back to Zero" (zufällige Parallele zum Boston-Ableger "Return to Zero") und das scheint's schon gewesen zu sein. Angeblich sollen sie häufiger als Vorgruppe unterwegs gewesen zu sein, erst bei E.L.O. (das ist verbürgt) und in den 1980ern angeblich noch bei Simply Red oder Level 42 (so genau wusste der Kollege das nicht mehr - wäre bemerkenswert, denn das wäre deutlich nach ihrem letzten Album gewesen). Die Namen der Musiker sagen mir nichts - Bassist Phil Bates schlug später mal als Bassist von E.L.O.II auf und Gitarrist Michael Groth schrieb das Original des "Feten-Hits" Was macht der Hund auf dem Sofa und wurde später TV-Moderator. Einzig der Produzent - Martin Rushent - ist kein Unbekannter. Er produzierte damals die Stranglers und später Human League, XTC, Generation X und andere New Wave Bands.

Bei meinen Recherchen bin ich schnell auch auf die zeitgenössische Kritik im Musik Express (zwei Sterne) gestoßen; ich meine, die hätte ich damals gelesen. Fehlendes "Feuer und Frische" kann ich dem Album jedoch nicht attestieren. Das ist sicher kein Meilenstein der Rockgeschichte, aber mir macht es ab und zu Spaß, solche Musik zu hören.