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Dienstag, 1. Dezember 2015

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII

Zitat eines Lesers:
Ich habe nun den letzten Teil Deines Blogs gelesen und sicherlich hast Du in Deinen technischen Beschreibungen vollkommen recht. Aber genau das ist der Punkt: Technisch! Du schreibst, dass Du dazu neigst, Deinen Ohren nicht zu trauen.... Das macht mich traurig! Lass Deine Messtechnik im Schrank und genieße Deine 5 Sinne! Und bevor Du vorschnell antwortest: Ich bin alles Andere als ein Esoteriker!
Kein Grund zu trauern! - Vielleicht ist das mit den Ohren nicht so ganz klar, wie ich das gemeint habe: Ich weiß -letztlich durch meine eigene 23jährige Berufserfahrung als Tontechniker und Tonmeister- dass sich das menschliche Gehör ebenso leicht und schnell täuschen lässt wie so ziemlich alle anderen Sinneswahrnehmungen auch. Meine Ohren, auch wenn sie speziell geschult sind, machen da keinen Unterschied.

Die Sehwahrnehmung beispielsweise passt sich automatisch der Farbtemperatur an - schon nach kürzester Zeit hat man vergessen, dass die Sonnenbrille auf der Nase das einfallende Licht stark verfärbt - alles sieht schnell ganz normal aus und dass das nicht so ist, merkt man erst wieder, wenn man sie absetzt. Ob eine Lichtquelle eher "kalt" oder "warm" leuchtet - das Gehirn sorgt für einen automatischen Weißabgleich. Ohne eine zuverlässige Referenz ist es daher nahezu unmöglich, die Farbtemperatur einer Lichtquelle zu beurteilen. Glücklicherweise wird die in der alltäglichen Umgebung mitgeliefert - ein Blick aus dem Fenster ins "kalte" Tageslicht reicht, um eine Glühlampe daneben als "warm" zu erkennen.

Nicht viel anders ist es mit den Ohren - zu diesem Thema gibt es einen eigenen, wissenschaftlichen Forschungszweig, die Psychoakustik - dabei geht es um das spannende Zusammenspiel von empfundenen Hörereignissen und physikalischen Schallereignissen, letztlich um Wahrnehmung.
Analog zum Beispiel mit der Sonnenbrille benutzt das Gehirn stets einen fest eingebauten Equalizer, der jeden Sound in allen Frequenzbereichen nahezu perfekt "equalisiert", d.h. vorhandene Verfärbungen und Verfälschungen schnell und unbewusst ausgleicht. Das geht sogar so weit, dass Frequenzen wahrgenommen werden, die im Originalsignal gar nicht enthalten sind! - Eine Wiedergabe des tiefsten Tons einer Bassgitarre etwa (das E mit ca. 40 Hz) wird von den meisten mittelgroßen und kleinen Lautsprechern gar nicht übertragen - den Ton bilden wir uns trotzdem ein, denn wir hören seine Obertöne bei 80 und 160 Hz. Dass die Grundfrequenz 40 Hz fehlt, merken wir bestenfalls beim Umschalten auf ordentliche große Lautsprecherchassis, die tatsächlich in der Lage sind, die erforderliche Energie an die Luft abzugeben.
Auch die Tatsache, dass sich die Obergrenze der Hochtonwahrnehmung mit zunehmendem Alter allmählich nach unten bewegt, wird meist erst dann als störend empfunden, wenn die Sprachverständlichkeit leidet. Das ist aber erst dann der Fall, wenn Töne nur noch bis 4 kHz oder weniger wahrgenommen werden. Zum Vergleich: ein Säugling kann mühelos Töne bis 20 kHz und höher hören, der Grundtonbereich von Musikinstrumenten geht bis ca. 8 kHz, darüber finden sich nur noch Obertöne bis etwa 20 kHz. Auch diese Obertöne werden, sollten sie fehlen, vom Gehirn automatisch und unbewusst ersetzt. Wir können z.B. stundenlang telefonieren, ohne dass uns der dabei stark eingeschränkte Frequenzgang (typischerweise ca. 300 - 3400 Hz) stören oder auch nur auffallen würde.

Das Gehör hat zudem ein wirklich schlechtes "Gedächtnis" - bei einem A/B-Vergleich etwa ist es entscheidend, dass die Umschaltpause nur Bruchteile von Sekunden beträgt. Ansonsten sind die entscheidenden Klangeindrücke von A schon längst vergessen, bevor B zu hören ist.
Ein Freund erzählte mir erst kürzlich, er hätte es gar nicht glauben wollen, aber er habe einer Demonstration von Lautsprecherkabeln beigewohnt, bei der er zuerst ein normales Kabel aus dem Baumarkt, dann ein "audiophiles" mit dickem Querschnitt vorgeführt bekommen habe - letzteres habe wirklich besser geklungen, das habe er sich keinesfalls eingebildet!
Meine Frage war dann nur, wie lange es denn gedauert habe, bis der Vorführer auf das andere Kabel umgeschaltet hat. Antwort: er habe gar nicht umgeschaltet, sondern das alte Kabel abgeschraubt und dann das neue an denselben Klemmen befestigt... - Alles klar! ;)

Auch die Lautstärke ist kritisch, denn der Frequenzgang des Ohrs ist stark lautstärkeabhängig. Bässe und Höhen werden erst bei zunehmend größeren Pegeln wahrgenommen, weil das Ohr da relativ umempfindlich ist - klar, denn die Evolution hat es auf maximale Sprachverständlichkeit abgestimmt. Für einen A/B-Vergleich müssen daher die Pegel von A und B exakt angeglichen sein, sonst kann man sich den Aufwand gleich sparen.

Nicht zuletzt ermüden Ohren auch irgendwann. Langes intensives Hören ist ebenso anstrengend wie konzentriertes Sehen, das Gehirn benötigt viele Pausen und reagiert auf Dauersessions mit Teilausfällen der Wahrnehmung, im Extremfall stellen sich Ausfallserscheinungen wie Tinnitus oder sogar Innenohr-Infarkte ein. Dies ist natürlich auch abhängig von der Art des Materials, der Abhörlautstärke und der Dauer der Belastung.

Daher sollte man sich nicht unbedingt einbilden, dass das, was man zu hören glaubt, auch tatsächlich zu hören ist. Jeder, der behauptet, seinen Ohren könne er trauen, macht sich etwas vor.

Nun könnte man einwenden, wenn die Hörwahrnehmung sämtliche Defizite einer Musikwiedergabe automatisch kompensiert, warum soll man sich dann um irgendwas sorgen? - Die Klangtreue wird doch in jedem Fall im Hirn-EQ regeneriert!

Guter Punkt. Was passiert aber, wenn man sein ganzes Leben mit der Sonnenbrille auf der Nase herumläuft? (Memo to myself: mal Bono fragen...)
Dann wird man die ein- oder anderen Dinge im Schatten irgendwann nicht mehr sehen können, selbst wenn man sie doch mal absetzt, denn dann ist man nur geblendet. Es passiert also nichts anderes als dass man sich sein eigenes Wahrnehmungsspektrum dauerhaft einschränkt! 
Eine stark verfärbte Musikwiedergabe bedeutet so letztlich den Verlust von Auflösung bei der Wahrnehmung. Feine Details werden von anderen, im Original so nicht oder nicht so laut vorkommenden Signalanteilen überlagert. Dass ein lautes Signal ein leises im selben Frequenzbereich in der Wahrnehmung auslöscht, wissen wir spätestens seit der Erfindung von mp3 - denn darauf beruht das Prinzip der Datenreduktion: was man nicht hört, lässt man weg.

Hör-Profis haben sich einige Tricks einfallen lassen, das natürliche "Manko" der Hörwahrnehmung zu kompensieren - da die Lautsprecher nach wie vor die schwächsten Glieder der Wiedergabekette sind, gibt es in jedem Studio stets mehrere verschiedene Abhören, von riesig groß und super-neutral bis winzig klein und quäkig. Simuliert wird insbesondere auch der Klang von Auto- oder Küchenradios mit all seinen Schwächen. Zwischen den Abhören wird daher oft hin- und hergeschaltet, auch Kopfhörer kommen zum Einsatz. Die berühmte Nahfeld-Monitorbox YAMAHA NS-10M steht heute noch auf den meisten Regiepulten dieser Welt, weil sie eine Referenz für schlechten Klang darstellt - kein Scherz!
YAMAHA NS-10M STUDIO MONITOR
Und noch ein Schlusswort: da ich also weiß, dass den Ohren nicht zu trauen ist - ist es umso wichtiger, dass ich meiner Anlage, meinem kompletten Wiedergabesystem vertrauen kann. Erst dann kann ich mich zurücklehnen und die Musik genießen!
Und das lässt sich auch mit der Wahrnehmung erklären: Ich hatte oben den "eingebauten Ohr-EQ" erwähnt - meine Theorie ist, dass dessen Einsatz für unser Gehirn letztlich Arbeit und Stress bedeutet; umso mehr, je stärker verfärbt und beeinträchtigt ein Klang ist - was dazu führen kann, dass die Ohren dann weit schneller ermüden als bei neutraler Wiedergabe, wo kein oder nur ein geringer Ausgleich stattfinden muss.

Die früheren Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII

Donnerstag, 12. November 2015

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII


Zitat eines Lesers:
Ich hatte mir ja deinen technikblog durchaus durchgelesen und verstanden und für richtig befunden. Deswegen ist es mir fast unmöglich, meinen Sinneseindrucken verbal Ausdruck zu verleihen... Insofern verstehe ich deine "Vinyl-Esoteriker" Bezeichnung ganz gut, wobei ich ihn für mich gar nicht so negativ belege.
Sinneseindrücke verbal zu beschreiben, ist extrem schwierig - denn uns steht bestenfalls eine Art Hilfsvokabular zur Verfügung, das wir zwar nutzen können, von dem wir aber kaum verlässlich erwarten können, dass es so verstanden wird, wie wir es gemeint, oder besser: gefühlt haben.
Daher interessieren mich Schilderungen von solchen Eindrücken auch nicht besonders, denn sie sind stets höchst subjektiv und damit kaum nachvollziehbar. Zudem sind verallgemeinernde Ausdrücke wie "Besser" o.ä. ziemlich wertlos, weil die zugrundeliegenden Kriterien nicht bekannt oder nicht allgemeingültig sind / sein können.

Zitat eines Lesers:
Ich bin für einen PA Hersteller tätig und hab viel live gemischt und bin auch an der Entwicklung DSPs beteiligt. Ich habe generell Probleme mit "Profis", die nur anhand von Datenblätter-Lesen die Performance einer (PA) Box beurteilen a la: "die Box kann gar nicht spielen". Auch ist in meiner "Branche" das Thema Kabelquerschnitt etc. eine nicht zu unterschätzende Größe, die die Güte eines Systems ausmachen.
Letzteres könnte ich mir - ohne dass ich mich da wirklich auskennen würde - durchaus vorstellen, denn dort geht es ja schnell um Kilowatt und andere Größenordnungen. Allerdings haben PAs auch nicht den Anspruch, "Hi-Fidelity" zu klingen - dort geht es darum, einen bestimmten Sound mit einer bestimmten Wirkung so zu transportieren, dass er auf allen Plätzen bei möglichst gleich bleibender Qualität gehört werden kann.

Zitat eines Lesers:
Deswegen vertraue ich da auf meine Ohren und believe it or not: die neuen PG Vinyls haben deutlich hörbar mehr Tiefe und Stereobreite als die (remastered) CDs (an der gleichen Abhöre natürlich). Wie erklärst du mir diese Wahrnehmung !? (Ehrlich gemeint) Edit: und bitte nicht jetzt mit "weil du das so hören willst" kommen. ;)
Ich kann und will dir deine Wahrnehmung nicht erklären - das ist überhaupt nicht mein Ansatz und wäre zudem unlauter, denn die individuelle Wahrnehmung ist die subjektivste aller Angelegenheiten - bei der jeder Mensch sich zudem viel leichter täuschen kann, als er selbst das vermuten würde.
"Weil du das so hören willst", wäre ein psychologischer Erklärungsansatz, der in vielen Fällen sogar zutrifft. Es kann aber auch ganz andere Gründe haben.
Ich neige jedenfalls dazu, meinen Ohren nicht zu trauen - obwohl sie speziell geschult sind (vielleicht auch gerade deswegen). Deshalb z.B. habe ich in meinem Studio vier verschiedene Abhören (fünf mit Kopfhörer).

Ich werde aber trotzdem versuchen, auf deine Frage ausführlich einzugehen: du hörst also "mehr Tiefe und Stereobreite"...
Gut, die Stereobreite ließe sich messtechnisch recht einfach erfassen - das ist letztlich das Verhältnis zwischen Mitten- und Seitenanteil in einem Stereosignal. Hier wäre ich bei Vinyl sehr skeptisch, ob es technisch überhaupt möglich ist, "breiter" zu klingen, denn beim Vinylschnitt wird der Seitenanteil (der für diesen Eindruck verantwortlich ist) relativ streng limitiert, weil man vermeiden will, dass die Nadel aus der Rille springt - die Gefahr besteht immer, wenn sich die beiden Stereokanäle im Pegel zu stark voneinander unterscheiden. Daher werden insbesondere die Bässe unterhalb einer bestimmten Frequenz einfach zu Mono zusammengemischt (Mono bedeutet: 100% Mitten-, 0% Seitenanteil im Stereobild). Das ist übrigens auch der Grund, warum basslastige Instrumente (Bassdrum, Bassgitarre etc.) schon beim Abmischen fast immer in die Mitte gelegt werden - im Digitalzeitalter gäbe es die Notwendigkeit nicht mehr, aber für Vinyl war das halt geboten - jetzt gehört es zur Tradition. Für höhere Frequenzen ist das zwar allgemein unkritischer, jedoch verhindert auch die beim Vinyl systembedingt geringe Übersprechdämpfung zwischen den Kanälen eine allzu weite Spreizung der Stereobasis.

Für die Wahrnehmung eine große Rolle spielt jedoch auch die Phasenlage des Stereosignals. Beim Vinylschnitt wird der Schneidstichel immer exakt tangential geführt, die Abtastung mit dem üblichen, seitlich gelagerten Tonarm hat jedoch immer einen mehr oder weniger großen Winkelversatz. Dies führt zu Phasenfehlern, die sich hörbar auswirken können.
Unser Gehirn wertet bei der Beurteilung der Position einer Schallquelle (unter anderem) die Laufzeitdifferenzen zwischen beiden Ohren aus. Ein Schallereignis, das meinetwegen schräg rechts vom Kopf entsteht, trifft früher auf das rechte Ohr als auf das linke. Das führt dann beim Vergleich mit vorliegenden Erfahrungswerten im Gehirn zu der Richtungswahrnehmung "schräg rechts". Phasenfehler sind letztlich nichts anderes als Laufzeitdifferenzen zwischen linkem und rechtem Kanal, die daher zu einer Fehlortung bei der Richtungswahrnehmung führen können. So ließe sich der Eindruck einer größeren Basisbreite vielleicht wissenschaftlich erklären. Die Phasenlage eines Stereosignals lässt sich natürlich ebenfalls messtechnisch erfassen, allerdings ist sie ja stark abhängig vom jeweiligen Abtastsystem, die Messergebnisse wären daher kaum übertragbar.

"Tiefe" ist ein Begriff, der für einen Sinneseindruck steht, der auf vielerlei Weise zustande kommen kann, für den es aber leider keine messtechnische Größe gibt. Bei der Stereo-Abmischung einer Aufnahme kann man eine Illusion von Tiefe beispielsweise durch einen größeren Hallanteil erzeugen. Auch das EQing spielt eine Rolle. Einzelsignale mit mehr Hall (bzw. längerem Predelay) und gleichzeitig weniger Bässen und Höhen scheinen aus größerer Distanz zu kommen als "trockene" Signale - einfach weil das der natürlichen Hörerfahrung entspricht. Dies kann hier natürlich nicht gemeint sein, da es sich ja nicht um eine andere Abmischung handelt, aber du siehst vielleicht, wie schwer nachvollziehbar solche subjektiven Begriffe sind.

Letztlich sind Eindrücke wie diese Anzeichen dafür, dass das Gesamtsystem Vinyl nichts mit "High Fidelity" zu tun hat. Denn wäre dies so, könnte man keinen Unterschied zwischen digitalem Master und der Vinylwiedergabe feststellen. Der Unterschied ist jedoch - da wird mir niemand widersprechen - beachtlich. Ob man das gut oder schlecht bewertet, ist Geschmacksache, aber darum geht es mir wie gesagt nicht. 

"High Fidelity" oder "höchste Klangtreue" war seit Anbeginn der Geschichte der Schallaufzeichnung die oberste Maxime aller Erfinder und Entwickler, die praktisch das ganze 20. Jahrhundert hindurch unermüdlich Verbesserungen ausgedacht und zur Industriereife gebracht haben - und die Verbraucher haben dieses Ideal dankbar angenommen und sich zu eigen gemacht. Wäre dem nicht so, würden wir Musik heute noch in Wachszylinder geschnitzt hören müssen.
Auch die Schallplatte selbst hat über 60 Jahre lang stetige Verbesserungen in Sachen Klangtreue erfahren dürfen. Nur wenige Nostalgiker sehnen sich heutzutage nach krächzenden Grammophontrichtern, Schelllackplatten und Stahlnadeln zurück. In den 1950er Jahren kam das Vinyl, Füllschrift und damit die "Langspielplatte", später dann Stereo und sogar Quadro (wobei Letzteres allerdings enorme technische Probleme hatte).
Die letzte Verbesserung, "Direct Metal Mastering" wurde erst Anfang der 1980er Jahre erfunden und hat eine deutliche Qualitätsverbesserung in Sachen Klangtreue zur Folge gehabt, denn gleich mehrere verlustbehaftete Arbeitsschritte in der Fertigung konnten so eingespart werden. Antriebsfeder auch hier war jedoch "High Fidelity" und mit den "DMM"-Aufklebern hatte man eine zeitlang stolz auf den Covers werben können.
Jeder wollte Klangtreue - damals war es unter uns Audio-Fans extrem verpönt, wenn jemand den Bass- oder Höhenregler an seinem Verstärker aus der Nullstellung bewegt hat. Später gab es die True-Bypass-Schaltungen für die Klangregelung an hochwertigen Verstärkern - der Klang sollte um keinen Preis verfälscht werden, nicht mal durch einen im Weg liegenden EQ in Nullstellung.

Mit der Digitalisierung ist jedoch etwas ganz Entscheidendes passiert: erstmals war man mit dieser Technik in der Lage, sämtliche verfälschende Einflüsse eines Tonträgers komplett auszuschließen - zwischen dem Tonstudio und dem Endverbraucher war dadurch erstmals eine verlustfreie "Übertragung" möglich - das Ideal war also nach gut 100 Jahren Schallaufzeichnung endlich erreicht.
Das mag nun jeder nach seinem Geschmack schätzen oder nicht - ich jedenfalls will nach wie vor die Musik möglichst so hören, wie sie im Studio geklungen hat - ich will kein Wiedergabesystem, das mir etwas anderes vorgaukelt - auch dann nicht, wenn ich das dann womöglich "schöner" fände.

Zitat eines Lesers:
...kann ich alles gut nachvollziehen....
Dennoch finde ich den Ansatz "so wie der Musiker/Produzent im Studio" fehlerhaft, da das ja die original Bedingungen (vom "Band" über Pult bis hin zur identischen Abhöre und Studioakustik) vorraussetzen würde, die niemand jemals simulieren kann.
Das stimmt so nicht. Das, was ein A/D-Wandler im Studio aufgezeichnet hat, bekomme ich mit der Digitaltechnik ja verlustfrei nach Hause geliefert - Mikrofone, Aufnahmetechnik und Mischpulte spielen also keine Rolle. Die Akustik in modernen Studios einschließlich der Monitorboxen ist extremst auf Neutralität (=Klangtreue) getrimmt. Das muss so sein, damit man das, was man vor Ort hört, überhaupt als Referenz nutzen kann. Anders könnte man dort keine verlässliche Abmischung fahren, d.h. es würde nur dort "gut" klingen und nirgendwo sonst.
Hält man das Neutralitätsprinzip durch, benötigt man keinesfalls dieselben Bedingungen oder Geräte zuhause - im Gegenteil. Insbesondere Studioboxen klingen u.U. in einem Wohnzimmer gar nicht mal so gut, weil sie die Neutralität der Studio-Raumakustik voraussetzen, die da nicht gegeben ist.

In jedem Fall: Der große Vorteil einer auf Neutralität optimierten Anlage ist die beliebige Austauschbarkeit der Einzelkomponenten - eben weil diese ja neutral sind und keinen eigenen Anteil am Klang haben. Sobald Musik, egal welcher Art, im Studio "gut" klingt, wird sie auch auf jeder anderen neutralen Anlage "gut" klingen. Abstriche gibt es natürlich, weil Klangtreue ein Ideal ist, das nur angestrebt, aber nicht überall erreicht werden kann.
Wirkliche Kompromisse müssen heutzutage aber nur noch bei den Lautsprechern und der Akustik des Hörraums gemacht werden - da ist neutraler Klang letztlich eine Frage des Aufwands.

Wenn Klangtreue/Neutralität kein allgemein gültiges Ideal wäre, auf das sich längst alle (Hersteller wie Kunden und selbst die Presse) committed hätten, würde jedes analoge Gerät in der Kette seine eigene Verfälschung/Verfärbung des Signals hinzufügen, was in der Folge dazu führen würde, dass bestimmte Geräte sich für spezielle Musikgenres besser eignen als für andere. Bei Lautsprechern, die wie gesagt am wenigsten neutral sind, haben wir das Phänomen bereits, dass sich einige eher für Rock, andere eher für Klassik etc. eignen.

Da ist es schon interessant, dass Klangtreue bei Vinyl plötzlich nicht nur keine Rolle mehr spielen soll, sondern das Fehlen derselben exakt das ist, was der Hörer nach 35 Jahren Digital Audio mehr zu schätzen glaubt, als die nach Jahren des Wartens endlich erreichte Neutralität und letztlich die Unabhängigkeit von einem physischen Tonträger.



Die nächste Folge dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die früheren Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII

Montag, 9. November 2015

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI

In einem Artikel des Musikmarkt habe ich unlängst diese schöne Grafik gefunden, die den ganzen Vinyl-Hype so herrlich anschaulich illustriert hat:

Grafik: Billboard
Wow - das geht ja richtig ab durch die Decke - alle Welt kauft also nur noch Vinyl und zwar inzwischen dreimal mehr als CDs und Downloads? - Ist ja der Hammer - naja, jetzt nicht ganz unerwartet, schreiben doch alle Gazetten dasselbe: Vinyl boomt unglaublich und hat die CD längst abgelöst, keiner kauft noch den silbernen Plastikschrott, sondern alle Welt gibt sich wieder dem ach so beruhigendem Rillenrauschen mit Lagerfeueratmo hin! Wunderbar. Priceless.

Diese Grafik ist ein schönes Beispiel für die übliche Desinformation, mit der in nahezu allen Medien gearbeitet wird, wo von einem "Vinyl-Boom" zu lesen ist. Hier nur auf die Spitze getrieben.
Die Kurven für sich genommen sind dabei nicht falsch - sicherlich haben die Vinylverkäufe zugenommen und dass die Verkaufszahlen für CDs und Download abgenommen haben, ist ebenfalls zutreffend. Ich halte es nur für überaus unseriös, diese Kurven -jedenfalls so wie in dieser Grafik- nebeneinander zu stellen. Denn es soll ja ein direkter Vergleich zwischen beiden Kurven impliziert werden - dies ist jedoch nicht möglich, wenn den Kurven zwei unterschiedliche Maßstäbe (für die y-Achse) zugrunde liegen. Wenn man genau hinschaut und auch den Text liest, wird man schnell feststellen, dass die Vinylkurve um den Faktor 100 vergrößert dargestellt ist. Würde man beide Kurven im selben Maßstab bringen, wäre die Bildaussage weit weniger spektakulär:

Bereinigt: Beide Kurven im selben Maßstab
Genau hinschauen: der schmale rote Streifen untem am Rand sind die Vinylverkäufe - ich habe mir die schwarze Linie mit dem Pfeil gespart, weil diese sonst das Rot komplett bedeckt hätte. Und ich habe dabei sogar noch aufgerundet: die rote Kurve hatte in der Originalgrafik noch ein Maximum von 297 vertikalen Pixeln - ich habe sie auf 3 Pixel reduziert (bei natürlich unveränderter horizontaler Pixelzahl).
Sieht jetzt echt explosiv aus! ;)


Der Vergleich zwischen beiden Kurven ist übrigens auch noch aus einem anderen Grund unzulässig - die Digitalkurve ignoriert nämlich, dass die Verkaufszahlen hauptsächlich deswegen zurückgegangen sind, weil die Hauptzielgruppe der Musikkonsumenten mehr und mehr zu Streaming-Diensten wie "Spotify" wechselt - mithin eine weitere Art, Musik digital zu konsumieren, die hier jedoch offensichtlich unberücksichtigt bleiben sollte, weil die Kurve sonst auf dem Niveau von 2010 stehen geblieben oder vielleicht sogar wieder angestiegen wäre, statt weiter so anschaulich zu fallen.
Ich darf mal Wikipedia zitieren, um zu zeigen, dass das keine marginalen Zahlen sind:
"Im Jahr 2011 machte Streaming inklusive der werbefinanzierten Angebote 11,5 Prozent der digitalen Umsätze mit Musik aus, 2013 waren es bereits 20 Prozent. Der Gesamtumsatz mit Abostreaming überschritt in diesem Jahr [2014, Anm. tom] die Grenze von 1 Milliarde US-Dollar bei einem Gesamtvolumen des weltweiten Musikmarkts von 15 Milliarden. Damit löste das Streaming als wachsender Markt die Musikdownloads ab, die parallel dazu das schnelle Wachstum der davor liegenden Jahre nicht mehr fortsetzen konnten."


Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die früheren Folgen:
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Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V

Montag, 15. Juni 2015

SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 14 - "Popcorn"

deutsches Single-Cover
Dieses kleine Stück elektronischer Popmusik kennt wohl so ziemlich jeder und obwohl es massiv gecovert wurde, ist die Version von "Hot Butter", einer Instrumental-Coverband, die den damals noch relativ neuen Moog-Synthesizer in den Sound-Vordergrund stellte, diejenige, die man sofort im Ohr hat. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Version 1972 ein weltweiter Hit war (#1 in Deutschland, Frankreich, Norwegen, Schweiz und Australien, #5 UK, #9 USA).
Hier eine besonders bescheuerte zeitgenössische TV-Präsentation:
https://www.youtube.com/watch?v=YfdLh0MHqKw

Interessant ist auch, dass die Covers sowohl der deutschen als auch der französischen Single-Pressung auf die angeblich enthaltene Originalversion verweisen - was wahrscheinlich darin begründet lag, dass diverse Trittbrettfahrer-Labels den Song, sobald er ein Riesenhit geworden war, gleich dutzendfach von namenlosen Studiomusikern neu einspielen und verkaufen ließen. Daher meinte man, die populäre Version von "Hot Butter speziell kennzeichnen zu müssen.

franz. Single-Cover
Das wahre, heute ziemlich unbekannte Original ist drei Jahre älter und stammt aus der Feder des deutsch-amerikanischen Komponisten und Elektronik-Pioniers Gershon Kingsley (geboren 1922 als Götz Gustav Ksinski in Bochum; er und seine Familie mussten 1938 aus Nazi-Deutschland fliehen), der es 1969 auf seinem Album "Music to moog by" und auch als Single-Auskopplung veröffentlichte.

US-Albumcover
Obwohl auch das Original den Moog-Synthesizer einsetzte, klang das Stück bei Kingsley doch ziemlich anders:
https://www.youtube.com/watch?v=OSRCemf2JHc

Kingsley selbst hatte dann -übrigens noch vor "Hot Butter"- eine weitere Version mit seiner Band "First Moog Quartet" aufgenommen - die schon ziemlich nah an der späteren Hitversion war: https://www.youtube.com/watch?v=ivEVhCDdiTY (hier kann man das ganze Album hören; es beginnt -natürlich- mit Popcorn).

US-Albumcover
Zu den Musikern dieser Band, die übrigens 1970 die ersten waren, die in der ehrwürdigen New Yorker Carnegie Hall elektronische Musik spielen durften, gehörte auch ein Keyboarder namens Stan Free, der später dann "Hot Butter" gründete.

2005 kam der Song in einer recht geschmacklosen Fassung von "Crazy Frog", einer Marke des Klingelton-Anbieters "Jamba!" erneut in die Charts. Aber das vergessen wir lieber gleich wieder...
Eine ziemlich umfassende Übersicht über die zahlreichen Coverversionen dieses kleinen Stücks findet sich auf dieser Seite: http://www.popcorn-song.com/
Die meisten der dort gelisteten Versionen lassen sich direkt anhören.


Randbemerkung: ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass das Hauptthema von Jean-Michel Jarres Hit Oxygene IV (1977) aus derselben Tonfolge besteht wie das Hauptthema von Popcorn. Wäre mir selbst wohl nicht ohne Weiteres aufgefallen, da die Metren beider Stücke und damit die Betonung der Melodien völlig verschieden sind, aber es stimmt.

Donnerstag, 21. Mai 2015

SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 13 - "You'll never walk alone"

You'll never walk alone wird an jedem Spieltag in fast allen Stadien der Welt vom jeweils vorhandenen Mob gecovert - ohne dass seine Komponisten auch nur einen Cent daran verdienen - und vermutlich ohne dass dem Mob die Hintergründe bekannt wären...

Tatsächlich war der Song 1963 ein #1-Hit in UK von einer Liverpooler "Merseybeat"-Band... nein, nicht die Liverpooler Band, sondern von Gerry & The Pacemakers - das waren nicht nur Zeitgenossen der Beatles, sie hatten auch mit George Martin denselben Produzenten.
Ein Blick auf das Label verrät jedoch bereits die eigentliche Urheberschaft:



"Carousel" war ein Musical, das 1945 am Broadway uraufgeführt wurde und in den Folgejahren im Englisch-sprachigen Raum recht erfolgreich war. Richard Rodgers war der Komponist, Oscar Hammerstein II der Textdichter - ein bewährtes Team, auf dessen Konto viele Musicals und Soundtracks in den 1940ern und 50ern gingen ("Cinderella", "The Sound of Music", "Oklahoma" etc.). Hier der fragliche Ausschnitt aus der späteren "Carousel"-Verfilmung von 1956.

Inhaltlich geht es in dem für heutige Begriffe eher kruden Musical um ein Paar aus der Arbeiterschicht - sie ist schwanger, er versucht sich als Gangster und stirbt auf der Flucht nach einem Überfall, indem er versehentlich in sein eigenes Messer fällt. Da kommt der Song als Ermutigung für die alsbald alleinerziehende Mutter wie gerufen. Dass ihr Ex-Mann 15 Jahre später einen Tag Hafturlaub vom Himmels-Knast bekommt und den dazu nutzt, seiner fassungslosen Tochter einen natürlich geklauten Stern zu schenken, den sie aber gar nicht haben will und er ihr dafür eine klebt - geschenkt. Am Ende haben sie alle -zusammen mit dem Papa-Geist- nochmal You'll never walk alone gesungen und alles war wieder gut. Das waren noch Plots damals!

Die erste Aufnahme gelang wohl Frank Sinatra, der ja auch alles gecovert hat, was nicht bei drei auf den Bäumen war - gerade mal zwei Wochen nach der Uraufführung des Musicals. Die Schellackplatte schaffte noch im selben Jahr die #6 in den US-Charts. Da es wohl die erste Veröffentlichung auf einem Tonträger war, könnte man diese Version also durchaus auch als Original betrachten.

Wie aber kam der Song in die Fußballstadien? - Dazu hat Gerry Marsden, Sänger und Namensgeber von Gerry & The Pacemakers einmal erzählt, dass damals im Stadion an der Anfield Road vor Spielbeginn immer die aktuellen Charts in umgekehrter Reihenfolge gespielt wurden. Als You'll never walk alone nun 1963 die #1 war, wurde diese Single also zuletzt gespielt. Die Fans fanden die Version der Lokalmatadoren offenbar jedoch so toll, dass sie den Song einfach weiter sangen, auch als das Spiel schon längst begonnen hatte. Und auch noch sangen, nachdem die Single längst wieder aus den Charts verschwunden war. Später übernahmen dann die Ultras von anderen Mannschaften den Song und irgendwann gab es ihn überall, wo gerade Support angesagt war. Frankieboy z.B. ließ es sich nicht nehmen, ihn zur Inauguration von George Bush senior 1989 anzustimmen.

Die englische Wikipedia listet derzeit rund 100 Coverversionen von Elvis bis Pink Floyd (als Stadiongesang-Einspielung im Song Fearless, sauber creditiert) - die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher liegen!

Dienstag, 19. Mai 2015

SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 12 - "Seasons in the sun"

Der Kanadische Singer/Songwriter Terry Jacks landete 1974 mit Seasons in the sun einen internationalen #1-Hit. Der Song wurde in späteren Jahren mehrfach gecovert, u.a. von Nirvana und der irischen Boygroup Westlife.


Single-Cover dt. Pressung
Seasons in the sun stammte jedoch nur zu einem kleinen Teil aus Jacks Feder. Komponiert und getextet wurde es von keinem geringeren als dem berühmten belgischen Chansonnier Jacques Brel, der den Song mit dem Originaltitel Le Moribond bereits 1961 schrieb und auf seinem Album "5" veröffentlichte. Die Übersetzung ins Englische besorgte kurz darauf der US-Dichter und Singer/Songwriter Rod McKuen, der im Laufe seiner Karriere eine ganze Reihe von Brel-Chansons übersetzte. Seine Version wurde 1963 zuerst von The Kingston Trio und dann 1968 von der britischen Band The Fortunes aufgenommen; das waren aber nur kleinere Hits.

McKuens Übersetzung hatte sich gegenüber dem Original bereits einige Freiheiten gegönnt. Das war eher sarkastisch-ironisch gehalten und Brel forderte die Zuhörer auf, zu singen und zu tanzen, bevor man ihn ins Loch warf (der YouTube-Link oben enthält englische Untertitel - für alle die kein Französisch können). McKuen ersetzte den Priester durch den Papa und war ansonsten fürs Sentimentale zuständig, das dem Brel-Original völlig abging. Jacks strich noch sämtliche Passagen mit dem Liebhaber der Frau des sterbenden Protagonisten und führte dafür eine Tochter namens Michelle ein, was den Text dann endgültig weichspülte. Einen direkten Vergleich der Änderungen zwischen McKuen und Jacks' Versionen kann man der englischen Wikipedia entnehmen.

Übrigens war auch die nachfolgende Terry Jacks-Single If you go away ein Song von Jacques Brel (Ne Me Quitte Pas) in der Übersetzung von Rod McKuen. Sie wurde nur ein kleiner Hit für Jacks (#8 UK, #68 US), zugleich sein letzter Charterfolg, von einigen Platzierungen in seinem Heimatland abgesehen.

Freitag, 15. Mai 2015

SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 11 - "Red red wine"

Red red wine war 1983 ein Superhit der britischen Reggae-Band UB40, #1 in UK und US (1988), sowie Irland, Holland und Neuseeland. Aber nicht mal die Band wusste anfangs, wer der Urheber des Originals war.



Laut Wikipedia kannten sie nur die Reggae-Version von Tony Tribe aus dem Jahr 1969, was ja naheliegend war. Auf dem Tribe-Label stand als Credit nur "Diamond" und sie wären wohl von allein nicht auf die Idee gekommen, dass es sich dabei um keinen geringeren als Neil Diamond handeln könnte.



Aber so war es, Neil Diamond veröffentlichte den Song bereits 1967 auf seinem zweiten Album "Just for you". Als er kurz darauf sein damaliges Label "Bang Records" verließ, mischte die Plattenfirma, ohne ihn zu fragen, einen Background-Chor dazu und veröffentlichte den Song als Single. Sie erreichte 1968 immerhin #62 in den Billboard-Charts.



Neil Diamond fand die UB40-Version im übrigen so gelungen, dass er den Song bei seiner letzten Tour in einem recht ähnlichen Reggae-Arrangement spielte, komplett mit Rap im Mittelteil, wenn auch mit anderem Text als bei UB40: Neil Diamond live in Philadelphia, 15.3.2015

Red red wine war jedoch nur der zweitgrößte Hit von UB40 - mit ihrem größten hatten sie nur zwei Jahre später dann auch die US-Charts geknackt: Dass I got you babe (featuring Chrissie Hynde) natürlich auch "nur" ein Cover war, ist jedoch ungleich mehr bekannt, denn das Original von Sonny & Cher war 1965 ein Welthit (#1 in u.a. US und UK, #3 in Deutschland), sei daher hier nur am Rande erwähnt.

Mittwoch, 13. Mai 2015

SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 9+10 - "Many of horror" & "Run"

Zwei Songs neueren Datums mit einem ähnlichen Schicksal:

Casting-Shows in aller Welt spülen ja nicht nur unzählige Sternchen für kurze Zeit ins Rampenlicht, sondern oft werden auch die Hits, die sie in den Shows covern, als Zweitverwertung zu respektablen Charterfolgen. Die meist blassen Cover-Versionen werden dann gern zu größeren Hits als es die Originale je waren, insbesondere, wenn diese aus dem Alternative-Sektor stammen.

2010 gewann ein Matt Cardle die UK-Show "X-Factor" mit dem Song When we collide - und wurde damit gleich die #1 in UK und Irland. Es war jedoch nur eine matte Coverversion einer richtig guten Rock-Ballade.



Der Originaltitel Many of horror der schottischen Band Biffy Clyro war nur ein paar Monate älter, hatte es aber in den Charts bis dahin nicht allzu weit bringen können, obwohl die Band in UK schon länger Kultstatus genießen konnte. Nach dem Sieg von Cardle passierte jedoch etwas bis dahin Einmaliges: die große Fangemeinde der Band startete eine Internet-Kampagne, um die potentiellen, aber ahnungslosen Käufer der Single zu bewegen, das nicht nur ihrer Meinung nach viel bessere Original statt des billigen Covers zu kaufen!
Das klappte allerdings nur teilweise - zwar schaffte es Many of horror im Anschluss tatsächlich bis auf #8 der UK-Charts, was die höchste Platzierung dieser Single bedeutete, Cardles Coverversion hielt jedoch die #1 in der Weihnachtswoche (das ist die mit den höchsten Verkaufszahlen) und belegte damit Platz 2 der Single-Verkaufscharts für 2010.

Nicht viel anders erging es der irisch-schottischen Band Snow Patrol mit ihrem ähnlich balladesk angelegten Song Run. Veröffentlicht im Januar 2004 war es die zweite Single ihres Albums "Final Straw", mit dem sie damals ihren Durchbruch feiern konnten. Run schaffte immerhin die #5 in UK und tauchte in den Folgejahren immer wieder kurz in den Charts auf, so 2007, 2008 und 2010, nachdem es die Band mit einigen weiteren Hits langsam in den Mainstream geschafft hatte, ein großer Hit war es jedoch nicht.



2008 konnte es wenigstens ein bisschen vom Erfolg der unsäglichen Coverversion von Leona Lewis profitieren, ebenfalls ein "X-Factor"-Sternchen, die diese Show allerdings schon 2006 gewinnen konnte, was sie nicht daran hinderte, Run in der aktuellen "X-Factor"-Staffel zu präsentieren. Die Single wurde so mit Leichtigkeit #1 in UK, Irland und Österreich, #2 in der Schweiz und immerhin #3 in Deutschland, wo das Original kaum jemand kennen dürfte, der nicht gerade ein Fan von Snow Patrol ist.

Mir ging es anders herum - Snow Patrol hatte ich mit diesem Song zuerst beim Live Earth-Konzert in Wembley 2007 gehört - das Cover kannte ich jedoch nicht, bis ich es vor drei Jahren auf einer Beerdigung eines Freundes hören musste. Aber ich finde es auch so gruselig genug. Schrecklich, was man aus einem wirklich tollen Rock-Song machen kann.

Montag, 11. Mai 2015

SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 7+8 - "I think we're alone now" & "Mony mony"


1987 gab es einen interessanten Zufall in den US-Charts: I think we're alone now erschien im August in der Version der damals 15jährigen US-Sängerin Tiffany. Es war ihre zweite Single und wurde gleich ein Welthit - #1 in US, UK, Irland, Neuseeland, Kanada und Südafrika. Obwohl ihr Debutalbum noch weitere durchaus erfolgreiche Singles abwarf, entpuppte sich Tiffany jedoch im Rückblick als One-Hit-Wonder. Schon ihr zweites Album war ein ziemlicher Flop. Lediglich mit ihren Playboy-Fotos 2002 konnte sie wieder einen Hit landen...



Nach nur einer Woche auf der Spitzenposition der Billboard-Charts wurde die Single jedoch schon abgelöst von Mony Mony in der Live-Version von Billy Idol. Der ehemalige Leadsänger der britischen Punkband "Generation X" hatte nach dem Split eine erfolgreiche Solokarriere gestartet. Mony mony hatte er bereits 1981, noch vor seinem Solodebut, auf einer E.P. mit dem Titel "Don't stop" veröffentlicht. Zum Hit wurde es allerdings erst in der Live-Version, aufgenommen 1985, erschienen im Oktober 1987 parallel zur US-Ausgabe seines Sampler "Vital Idol" - auf dem Höhepunkt seiner Karriere.



Was haben nun beide Songs gemeinsam? - Richtig: die Originale sind zwei Single-Hits aus den Jahren 1967 und 1968 einer US-Band namens Tommy James & The Shondells. Auch die Reihenfolge stimmt, jedoch gab es noch ein paar weniger erfolgreiche Singles dazwischen. I think we're alone now war immerhin eine #4 in US - geschrieben vom Producer der Band, Ritchie Cordell, später auch u.a. bekannt als Produzent von Joan Jetts Single I love rock'n'roll und den Ramones. Mony mony, geschrieben von Cordell, Tommy James, Bo Gentry und Bobby Bloom eroberte sogar den #1-Spot in den UK-Charts (#3 in US).

TJ&S 1967

Dass diese beiden Singles mit den Jahren dennoch etwas in Vergessenheit gerieten, war vermutlich dem Umstand geschuldet, dass die Band bis heute vor allem mit ihren beiden größten Hits Hanky panky (1966) und Crimson & Clover (1968) assoziiert wird. Vor allem letztere Single war eine deutliche Abkehr vom simplen Bubblegum-Pop und eine Hinwendung zum anspruchsvolleren Psychedelic-Rock, heute noch berühmt durch den Tremolo-Effekt auf Tommy James' Vocals - mithin ein Klassiker der Rock-Geschichte.

SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 6 - "Without you"

Hier haben wir den Archetyp einer Schmacht-Rock-Ballade: Without you war 1971 ein Welthit von Harry Nilsson, oder kurz: Nilsson, einem US-Singer/Songwriter, der Song wurde spielend #1 in USA, UK, Irland, Neuseeland, Australien und Kanada (Deutschland nur #12) und brachte seinem Interpreten den zweiten Grammy ein. Damit hatte Nilsson ausgesorgt - gut bekommen hatte ihm der Ruhm wohl dennoch nicht - nur wenige Jahre später machte er als Saufkumpel von John Lennon während dessen Yoko-Ono-Auszeit die Bars von L.A. unsicher. Legendär ist ihr Rauswurf aus dem "Troubadour"-Club in Hollywood, der 1973 als Pressemeldung um die ganze Welt ging.

Dass die überaus populäre Nilsson-Version zumindest in Deutschland gern für das Original gehalten wird, mag auch daran liegen, dass die deutsche RCA den irreführenden Zusatz "Originalversion" auf das Single-Cover drucken ließ (s.o.). Without you wurde laut Wikipedia über 180 Mal gecovert, 23 Jahre nach Nilsson auch von Mariah Carey - deren Version sich stark an die Nilsson-Version anlehnte. Gesanglich hat sie das Stück natürlich wieder mit ihrem völlig übertriebenen "Lining-out"-Gsangsstil zugeträllert, was es für meine Ohren nur schwer erträglich macht. War aber immerhin (u.a.) #1 in UK und Deutschland.

Das Original ist von der englisch-walisischen Band Badfinger und ist nur ein Jahr älter als die Nilsson-Version. Nilsson hatte den Song der Legende nach zuerst auf einer Party gehört und ihn für eine Beatles-Aufnahme gehalten. Als ihm sein Irrtum bewusst wurde, beschloß er sofort, ihn für sein kommendes Album "Nilsson Schmilsson" zu covern. Wahrscheinlich die beste Idee seines Lebens.

Badfinger war eine der ersten Bands, die einen Vertrag mit dem Beatles-eigenen "Apple-Records"-Label hatten und da zwischen 1969 und 1973 fünf Alben veröffentlichten (das erste noch unter ihrem früheren Bandnamen "The Ivys"). Der Beatles-Clan war anfangs maßgeblich an ihren Aufnahmen beteiligt. So schrieb und produzierte Paul McCartney ihren ersten großen Hit Come and get it, George Harrisons Gitarre und seine Produktionskünste waren bei einigen Songs des vierten Albums "Straight up", speziell beim Top-Ten-Hit Day after day, unüberhörbar. Beatles-Engineer Geoff Emerick und -Road Manager Mal Evans teilten sich den Produzentenstuhl mit anderen namhaften Producern wie Tony Visconti, Chris Thomas und Todd Rundgren. Nicky Hopkins, Klaus Voormann, Jim Keltner, Leon Russell und andere Größen waren als Gastmusiker in den Credits vertreten, fast schon ein Who-is-who der Rock-Geschichte - trotz der jederzeit hörbaren Beatles-Einflüsse hatten die Alben jedoch kaum nennenswerten Erfolg, was damals dem nicht gerade professionellen Marketing von Apple angelastet wurde.

Without you stammt von ihrem dritten Album "No Dice" und beim Hören kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Song von vornherein nur als Album-Track gedacht war. Das Arrangement erscheint ohne das Orchester zunächst etwas roh und dürftig; es hat jedoch seine eigenen Qualitäten, ist es doch auch frei vom Schmalz und Kitsch der Hit-Versionen, was mir grundsätzlich sympathisch ist. Erst gegen Ende des Songs wird es durch die Orgel etwas hymnischer, aber der Gesang klang nirgendwo authentischer, verzweifelter:



Das so überzeugend geschmetterte "Can't live" aus dem Refrain sollte später für Badfinger eine tragische Bedeutung bekommen, nahmen sich doch beide Autoren des Songs das Leben - zuerst Sänger und Gitarrist Pete Ham 1975, acht Jahre später dann auch Bassist Tom Evans, beide durch Erhängen. Ham bezeichnete in seinem Abschiedbrief ausdrücklich ihren damaligen Manager Stan Polley als "seelenlosen Bastard". Bereits 1972 hatte dieser einen erheblichen Vorschuss von Warner Brothers kassiert, für dessen Rückzahlung Warner die Band verklagt hatte. Das Geld war jedoch nicht mehr auffindbar und Ham und seine Kollegen damit finanziell ruiniert. 1991 wurde Polley schließlich in einem ähnlich gelagerten Fall zu fünf Jahren auf Bewährung verurteilt.

Apple Records hat übrigens 2010 alle ihre Badfinger-Alben im Apple-typischen Design neu aufgelegt und zum Reinschnuppern vorzüglich geeignet ist die Compilation "Timeless - The Musical Legacy of Badfinger" mit allen Hits und ausgesuchten Albumtracks (inkl. Without you) von 1969 bis 1979 - derzeit für € 4,99 nicht nur für Beatles-Fans ein echtes Schnäppchen.

Donnerstag, 7. Mai 2015

SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 5 - "There she goes"


Eine US-Sakropop-Band mit dem seltsamen Namen "Sixpence None The Richer" hatte mit diesem Song 1999 einen kleinen Hit (#14 UK, #32 US). Er war der letzte Track sich auf ihrem selbst-betitelten dritten Album von 1997, das eine etwas seltsame Covergestaltung besaß: Zwar kam die CD in einem ganz normalen Jewel-Case, das Design war jedoch so angelegt, dass das Booklet die Rückseite und dafür der feste Einleger, auf dem üblicherweise Titelliste und Barcode stehen, das Front-Artwork trug. Man musste das Jewel-Case also umgedreht halten, wobei es sich jedoch nicht auf die übliche Weise öffnen ließ - ob dieser Umstand den Verkäufen im Weg stand, darf nur vermutet werden; das Album verkaufte sich jedenfalls nur mäßig und das Cover wurde für den internationalen Markt geändert. Nachdem die erste Singleauskopplung Kiss me immerhin einen ordentlichen Anschub durch eine Episode von "Dawson's Creek" erfuhr (#2 US, #4 UK, #7 Deutschland), brachte man There she goes schließlich in der HBO-Serie "Six Feet Under" unter, strategisch gut plaziert als akustische Untermalung eines Suizids, leider vier Jahre zu spät.


Robbie Williams spielte den Song ebenfalls gern und veröffentlichte ihn in einer Live-Version für die B-Seite seiner Single No regrets (1998). Die Originalversion ist jedoch gut 10 Jahre älter:

There she goes wurde geschrieben von Lee Mavers, dem Sänger und Gitarristen der britischen Band The La's - und gleich zweimal veröffentlicht, 1988 und als Steve Lillywhite-Remix für das Album 1990. Beide Male leider relativ gefloppt:


Obwohl die Band mehrere Jahre zusammen spielte, haben sie es nur auf ein einziges, allerdings hervorragendes Studioalbum gebracht ("The La's"). Ich hatte vor ein paar Jahren einige Mühe, es zu erwerben. Inzwischen gibt es das Remaster für 5 Euro...

Mittwoch, 6. Mai 2015

SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 4 - "Living next door to Alice"


...Jaja, da haben mal zwei offenbar leicht angetrunkene Holländer mit dem schönen Bandnamen "Gompie" 1995 eine Spaßversion unter dem Titel Alice? Who the fuck is Alice? eingespielt, die dann sehr clever noch im selben Jahr wiederum von Smokie ge-re-covert wurde. Aber das ist weitgehend uninteressant, denn die Geschichte geht deutlich weiter zurück:

...Alice war nicht der einzige, aber sicherlich der mit Abstand größte Hit von Smokie aus dem Jahre 1976, geschrieben wie alle Singles bis dahin vom Autorengespann Nicky Chinn und Mike Chapman (die damals auch für Sweet, Mud, Suzi Quatro, Arrows, Exile usw. Hits am laufenden Band lieferten). #1 in Australien, Deutschland, Holland, Österreich, Schweiz, Irland und Norwegen und immerhin #3 in UK war eine mehr als ordentliche Ausbeute. Ich glaube, den Link kann ich mir sparen...


Was kaum jemand weiß: Die Originalversion stammt aus dem Jahre 1972 und wurde von der Australischen Popband New World unter der Regie von Mickie Most, Besitzer des RAK-Labels, bei dem später auch Smokie unter Vertrag waren, eingespielt und als Single veröffentlicht, leider relativ erfolglos, obwohl es nicht viel anders klang als die Smokie-Version. Sie konnten damit nicht an ihren großen Hit Tom Tom Turnaround (ebenfalls geschrieben von Chinn/Chapman) vom Vorjahr anknüpfen.



Hier ist das Original, das ich mir trotz des leicht insuffizienten Sängers lieber anhöre als die Smokie-Kitsch-Version, die ich aufrichtig hasse, obwohl Smokey/Smokie eine Zeitlang sogar meine Lieblingsband war. Ich habe mir in späteren Jahren sogar einen Smokie-Sampler selbst brennen müssen, weil es keinen einzigen zu kaufen gab, der diesen Song nicht hatte.







SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 3 - "Rockin' All Over The World"

Es gibt Leute, die halten Status Quo für eine unsäglich langweilige, weil höchst repetitive Schlagerkapelle - was ihr Spätwerk angeht, würde ich ihnen da durchaus zustimmen. Es gab für mich aber eine Phase, wo ich diesen Boogie-Power-Rock mal ganz gern gehört habe, das war so zwischen 1973-76, als sie mit Down Down einen ordentlichen Hit hatten (#1 UK, Holland und Belgien, #3 in Deutschland). Später hab ich dann auch gemerkt, dass es immer dieselbe Formel war. Aber immerhin schrieben sie ihre Songs meist selbst, bis auf Rockin' All Over The World, diese Single-Auskopplung aus dem gleichnamigen Album war 1977 der nächste größere Hit der Band (#3 in UK, Schweiz und Schweden, #1 in Irland, #7 in Deutschland). Wer den Song ganz unbefangen hört, kommt wahrscheinlich nicht auf die Idee, hier eine Coverversion zu vermuten, denn im Prinzip klingt er genauso wie die selbstgeschriebenen Singles von Status Quo.




Das Original dieses Songs ist jedoch zwei Jahre älter, geschrieben von keinem geringeren als John Fogerty, bekannt geworden als Sänger, Gitarrist und Songwriter der legendären US-Band Creedence Clearwater Revival. Seine Version (von seinem zweiten Soloalbum) entspricht in Sound und Stil ziemlich exakt dem seiner alten Band:






Deutlich rauher und typischerweise näher am Country, war das Original jedoch ein ziemlicher Flop (#27 USA, keine Platzierung in Europa) und so führen bei einer Suche nach dem Titel bei YT alle Links automatisch zur Status Quo-Version.

Dienstag, 5. Mai 2015

SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 2 - "A Groovy Kind Of Love"


Als Phil Collins 1988 mit diesem Stück aus dem "Buster"-Soundtrack einen veritablen Hit landete, haben die meisten sicherlich geahnt oder sogar gewusst, dass es sich dabei um eine Coverversion handelte. Denn bereits 1966 war der Song #2 in UK und US - gespielt von der britischen Band The Mindbenders, ursprünglich die Begleitband von Wayne Fontana, mit dem sie unter dem Namen "Wayne Fontana & The Mindbenders" 1964-65 einige Hits hatten. Als Fontana dann ausstieg, übernahm Gitarrist Eric Stewart den Gesang und er ist es auch, dessen Stimme auf A Groovy Kind Of Love zu hören ist. Dass Eric später dann mit 10cc noch wesentlich erfolgreicher wurde, ist auch eine interessante Fußnote:

Was aber nicht jeder weiß: schon der Mindbenders-Hit war eine Coverversion! Das Original stammt aus dem Jahr 1965 von einem charmant-naiv klingenden Gesangsduo namens Diane & Annita, die ihre Karriere in den 1950er Jahren als Background-Sängerinnen in der Big Band von Ray Anthony (Ex-Trompeter in der Big Band von Glenn Miller) starteten:




Und so sahen die Damen (in Unterwäsche) aus:


Nach dem Mindbenders-Hit gab es noch viele weitere Coverversionen, u.a. von Sonny & Cher und Petula Clark. Geschrieben wurde A Groovy Kind Of Love von dem Autorenteam Toni Wine und Carole Bayer Sager, die beide in späteren Jahren noch weitere Hits landen konnten. Toni Wine schrieb und sang die Hits Candida und Knock Three Times mit der Formation Tony Orlando & Dawn, außerdem sang sie die Zeile "I'm gonna make your life so sweet" im Archies-Hit Sugar Sugar. Carole Bayer Sager schrieb mit Ehemann Burt Bacharach u.a. den Hit That's What Friends Are For, der auch ein Kandidat für diese Rubrik wäre.

Das Hauptthema des Songs geht jedoch zweifelsfrei zurück auf die Sonate Nr. 5 des italienisch-englischen Komponisten Muzio Clementi aus dem Jahre 1797*:


*Dank an den User "mutzelkönig" aus dem deutschen Genesis-Forum für diesen Hinweis

Freitag, 24. April 2015

SERIE: Unbekannte Originale bekannter Hits 1 - "Sailing"

Ich starte hier eine kleine Serie innerhalb meines Blogs über große Hits, die (fast) jeder kennt, von denen aber nur wenige wissen, dass sie eigentlich Cover-Versionen von deutlich unbekannteren Originalen sind. Mögen manche davon sicherlich zurecht in Vergessenheit geraten sein, waren andere vielleicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Mich interessieren vor allem diese Hintergründe - was hat gefehlt, welche Musiker waren beteiligt, wo und wann waren sie vielleicht erfolgreicher.

Den Auftakt macht: Sailing, allseits bekannter Riesenhit für Rod Stewart von seinem Album "Atlantic Crossing" (1975), bei dem ich mir einen YouTube-Link sicher sparen kann. Der Albumtitel war damals Programm - Stewart war aus steuerlichen Gründen von London nach Los Angeles umgezogen, hatte die Faces verlassen und wollte mit neuem Label, neuen Musikern und neuem Produzenten einen Neuanfang jenseits des großen Wassers wagen. Sailing wurde als Single ausgekoppelt und wurde ein großer Erfolg - in Europa! #1 in UK, immerhin eine #4 in Deutschland, aber nur eine magere #58 in den USA. Zum Glück verkaufte sich das Album besser - das war tatsächlich erfolgreicher als seine fünf vorhergehenden "britischen" Soloalben.

Was kaum jemand weiß - das Original dieses Songs stammt aus dem Jahr 1972 und war eine weithin unbekannte, weil erfolglose Single der Sutherland Brothers - bestehend aus den Brüdern Ian und Gavin Sutherland, die den Song auf ihrem zweiten Album "Lifeboat" veröffentlicht hatten:




Da sich die Brüder kurz nach dem Erscheinen des Albums mit den Musikern der Band "Quiver" vereinigt hatten, wurde das Album mit drei neu aufgenommenen Tracks neu zusammengestellt und unter dem neuen, wenn auch sperrigen Bandnamen "Sutherland Brothers & Quiver" nun auch in den USA veröffentlicht. Es sollte noch drei weitere Jahre und Alben dauern, bis die Band mit Arms of Mary einen eigenen Hit landen konnte (#1 in Holland, Belgien und Irland, #3 Südafrika, #5 UK). Im Zuge dieses Erfolges brachte ihre frühere Plattenfirma Island Records 1975 einen Best-of Sampler mit dem Titel "Sailing" auf den Markt. Diesen hatte ich mir damals auch gleich besorgt und war ziemlich überrascht, einmal weil der Titelsong so ganz anders klang als die bekannte Rod Stewart-Version, aber auch, weil die anderen Songs darauf so viel besser waren als das jüngste Album "Reach for the sky", das neben Arms of Mary trotz der Mitwirkung von David Gilmour (auf der ersten Single-Auskopplung Ain't too proud spielt er die Slide-Guitar) doch überwiegend Füllwerk enthielt. Besonders gut gefiel mir auch das Cover:


Die Partnerschaft mit Quiver ging jedoch schon 1977 zuende, nachdem weitere Hits ausblieben. Die beiden verbliebenen Quiver-Musiker Tim Renwick und Willie Wilson schlossen sich später zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Pink Floyd-Tourband an, Gitarrist Renwick hatte aber schon zuvor unter anderem bei Al Stewart mitgewirkt und begleitete dann zunächst Roger Waters 1984er Tour, bevor ihn David Gilmour 1987 einlud, die "Delicate Sound of Thunder"-Tour zu spielen. Drummer Wilson hatte bereits 1965 in der Band "Joker's Wild" mit Gilmour zusammengespielt und gehörte dann zur Dreimannband, die 1978 sein beachtliches Solodebut-Album "David Gilmour" einspielte. Bei der "The Wall"-Tour 1980-81 war er dann Teil des umfangreichen Pink Floyd-Live-Ensembles. Die Sutherland-Brüder veröffentlichten jeder für sich einige Soloalben und brachten 1979 noch ein weiteres Duo-Album heraus - ohne je wieder an frühere Erfolge anknüpfen zu können.

Montag, 24. Juni 2013

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V

...ein Bekannter, Besitzer einer High-End-Anlage, versuchte mir einst zu erklären, dass der Laser bei den teuren Markenrohlingen aufgrund der Materialeigenschaften "weicher" reflektiert würde und der Klang darum wärmer sei...
Zu diesem Thema war ich ja schon am Ende von Teil IV gekommen. Diese Rohling-Geschichte ist bezeichnend dafür, wie wenig der Laie überhaupt versteht, was Digitaltechnik bedeutet und wie sie wirklich funktioniert. Natürlich klingt jeder Rohling exakt gleich - weil er nämlich überhaupt nicht klingt! Das ist das Grundmissverständnis! Der Klang entsteht erst im D/A-Wandler und der ist ja nicht Bestandteil der Disc, sondern des Players - oder sogar des AV-Verstärkers, wenn der Player mit einem Digitalkabel an diesen angeschlossen sein sollte.

Was in der Regel nicht verstanden wird, ist die Tatsache, dass Digital Audio nicht das Audiosignal selbst, sondern nur eine höchst präzise mathematische Beschreibung desselben speichert. Das hatte ich in Teil IV bereits erwähnt, wiederhole es hier aber noch einmal, weil ich im Folgenden auch erklären will, was das eigentlich bedeutet.


Toms kleiner Digitalkurs

Nehmen wir einmal ein Gemälde, das ein namhafter Künstler angefertigt hat. Um das Gemälde zu erfassen, wird zunächst ein Raster aus kleinen Quadraten darübergelegt. Dann wird die Farbe in jedem Quadrat gemessen und als Zahlenwert aufgeschrieben. Für jede Farbnuance gibt es einen anderen Zahlencode. Der Zettel mit den Zahlen wird dann einem anderen Maler in einem anderen Raum gegeben, der nun eine leere Leinwand mit identischen Abmessungen mit demselben Raster versieht und dann die Quadrate mit den Farben füllt, deren Code auf dem Zettel steht, quasi "Malen nach Zahlen". Wenn er das alles richtig macht, sieht sein Bild hinterher dem Original ziemlich ähnlich - obwohl er das Original nie gesehen hat!
Gut, dieses Bild hat er wahrscheinlich doch schon mal gesehen...
Wie ähnlich, hängt nicht vom Talent des zweiten Malers ab (oder wieviel man ihm bezahlt), sondern nur davon, wie fein das Raster ist und wieviele verschiedene Farbnuancen er aufgeschrieben bekommen hat. Macht man das Raster deutlich feiner als die feinste verwendete Pinselstrichstärke und die Farbpalette deutlich variantenreicher als die des Originalkünstlers, würde die Kopie vom Original nicht mehr zu unterscheiden sein.

Digitalfotografie funktioniert übrigens exakt nach diesem Prinzip - das Raster (die Auflösung) gibt der Sensor in Kamera oder Scanner vor und die Anzahl der für die Farbcodierung verfügbaren Bits bestimmt die Anzahl der möglichen Farbnuancen - in der Regel wird mit 8 Bit pro Farbe gespeichert, das macht 256 verschiedene Nuancen für jeweils Rot, Gelb und Blau, zusammen über 16 Millionen verschiedene Einzelfarben, die jedes Rasterfeld (das Pixel) annehmen kann.

Das ist übrigens auch der "Trick" bei der Mona Lisa oben im Bild. Die Rasterfelder in der linken und mittleren Version sind klar erkennbar, aber auch das "perfekte" Bild rechts ist ebenso gerastert (mit 200 x 150 Pixel), nur eben gerade so fein, dass es nicht erkennbar ist.

Digital Audio funktioniert ganz ähnlich, der Unterschied besteht nur in der Natur des "Gegenstands" an sich. Ein Bild ist ein statischer Eindruck auf der Netzhaut des Auges, man sieht alle Pixel gleichzeitig. Selbst ein Video ist nur eine rasche Abfolge einzelner statischer Bilder. Wenn man bei einem Video die Pause-Taste drückt, bekommt man ein Standbild, das man immer noch betrachten kann. Musik ist jedoch immer ein "zeitserieller" Eindruck. Das Gehör empfängt die schwingenden Luftdruckunterschiede in rascher zeitlicher Abfolge nacheinander. Pausiert man die Musik, bleibt da nichts mehr zum Hören, es entsteht Stille.
Dennoch lässt sich ein Audiosignal, genau wie ein Bild, digital erfassen, nur stehen die erfassten Zahlen nicht für die Farbe eines bestimmten Pixels, sondern jeweils für den Zustand des analogen Audiosignals zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ein elektrisches Audiosignal besteht ja aus nichts anderem als einer schwachen Wechselstromspannung, deren ständig schwankende Werte natürlich jederzeit gemessen werden können. Nichts anderes passiert im Analog-Digital-Wandler.

Ein analoges Audiosignal hat im Unterschied zu einem Bild also eine zeitliche Komponente, d.h. es gibt einen Verlauf von Spannungsänderungen, der in allen Ausprägungen erfasst werden muss. Dazu werden fortlaufend aktuelle "Schnappschüsse" (sogenannte "Samples") des Kurvenverlaufs gemacht und aufgeschrieben. Das passiert in einem festgelegten zeitlichen Abstand, der sog. "Sampling-Rate". Auch hier lautet die Faustregel, je häufiger ein Sample genommen wird und je genauer der Spannungswert der Signalkurve erfasst werden kann, desto eher ähnelt die übertragene "Kopie" dem analogen Original.
Das Audiosignal für die CD-Produktion hat eine festgelegte Sampling-Rate von 44100 Hz, was nichts anderes bedeutet als dass vierundvierzigtausendeinhundertmal pro Sekunde ein "Schnappschuss" des gegenwärtigen Kurvenzustands erfasst und aufgeschrieben wird. Für jedes Sample stehen bei der CD 16 Bit zur Verfügung, damit lassen sich 65535 verschiedene Spannungswerte, ähnlich der Farbnuancen, erfassen (das Ganze natürlich doppelt, denn jede CD hat zwei Kanäle, weil Stereo der Standard ist - Mono-Signale werden daher in zwei identischen Kanälen aufgezeichnet). SACD, DVD-Audio und Blu-Ray erlauben höhere Auflösungen, mit denen die Reproduktion noch genauer erfolgen kann.

Ein digitaler Datenstrom ist unter normalen Bedingungen völlig unempfindlich gegen äußere Einflüsse - Brummeinstreuungen, Frequenzeinbußen, Kabelimpedanzen, Übergangswiderstände - das spielt alles keine Rolle, denn das Signal ist viel simpler und damit deutlich robuster als ein analoges Audiosignal, das ja das gesamte hörbare Spektrum von 20-20000 Hz enthält und entsprechend anfällig für Klangverfälschungen auf dem Übertragungsweg ist. Ein Digitalsignal kennt dagegen nur zwei Zustände (entsprechend Null und Eins) und die Übertragung erfolgt mit einer einzigen, festen Frequenz. Handelt es sich um ein elektrisches Digitalsignal, gibt es daher nur zwei verschiedene Spannungsstufen, die übertragen werden müssen: "High" und "Low". Diese können auch bei schlechten elektrischen Übertragungseigenschaften oder Störungen von außen sicher unterschieden werden. Ob die Signalflanken steil oder verschliffen sind, spielt ebenfalls keine Rolle, auch Timingprobleme werden von der Eingangsstufe des Wandlers automatisch korrigiert. Deshalb kann man auch für eine normale SPDIF-Verbindung (Digitalkabel z.B. zwischen Player und Verstärker) unbesorgt das allerbilligste Cinch-Kabel verwenden, das man finden kann. Ähnlich siehts übrigens aus bei HDMI - dort fangen die Hersteller bereits wieder an, Auflösungen und Bildwiederholraten sowie Logos wie "3D" auf die Verpackungen zu drucken. Das ist derselbe Bullshit wie immer - jedes HDMI-Kabel seit Juni 2006 ist für 3D und alle derzeit üblichen Auflösungen und Frameraten natürlich gleich gut geeignet - weil es eben Datenübertragung ist.

Der Digital-Analog-Wandler hat am Ende der Kette nun die wichtige Aufgabe, aus den ankommenden Zahlenwerten (pro Sekunde bekommt er also pro Stereokanal 44100 mal einen von 65535 möglichen Werten zugespielt) wieder ein hörbares, analoges Audiosignal zu rekonstruieren. Dazu verfügt er an seinem Ausgang über einen Wechselstromgenerator, dessen jeweilige Spannungszustände aus den übertragenen Zahlenwerten gewonnen werden und daher eine genaue Reproduktion dessen sind, was der Analog-Digital-Wandler am Anfang der Kette gemessen hat.


Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die früheren Folgen:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV

Sonntag, 23. Juni 2013

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV

Wollen wir mal das Gesamtsystem Schallplatte betrachten:
Wie man aus dem Physikunterricht weiß, ist es prinzipiell nicht möglich, Energie von einer Form verlustfrei in eine andere zu überführen. Bei Vinyl passiert das mehrfach - und unter hohen Verlusten. Bereits beim Lackschnitt wird elektrische Energie in mechanische Energie gewandelt. Gleichzeitig wird der Frequenzgang des Audios extrem verbogen, damit das überhaupt möglich ist - die Bässe werden um 20 dB abgesenkt und die Höhen um den gleichen Betrag angehoben (20 dB entspricht Faktor 10 - die Bässe haben nur noch ein Zehntel, die Höhen das Zehnfache der ursprünglichen Lautstärke). Beim Abtasten auf dem heimischen Plattenspieler wird dann mechanische Energie wieder in elektrische Energie gewandelt. Leider ist von der ursprünglichen elektrischen Energie hier kaum noch etwas übrig, deshalb muss diese elektronisch um etwa den Faktor 1000 verstärkt werden. Ebenso muss der verbogene Frequenzgang mit einem entsprechenden Gegenfilter korrigiert werden. Analoge Filter verursachen jedoch immer Phasenverschiebungen, die sich auf die Präzision der Wiedergabe auswirken. Wie schon früher ausgeführt, kommt es beim Abspielen zu Verzerrungen, dazu kommen Störgeräusche wie Rillenrauschen und Knackser durch statische Aufladung und Staub. Auch das sind Veränderungen des Originalsignals.

Das Gesamtsystem Schallplatte verursacht also an mehreren Stellen mehr oder weniger starke Veränderungen am Audiosignal. Eine 1:1 Reproduktion des Studiomasters ist damit unmöglich, egal mit welcher Anlage. Dagegen verändert der Laserstrahl bei der CD-Abtastung das Audiosignal nicht, da er nicht das Audiosignal selbst abtastet, sondern stattdessen nur eine höchst präzise mathematische Beschreibung des Audiosignals, die auf der Disc in Form von winzigkleinen Buckeln und dazwischenliegenden Vertiefungen als Nullen und Einsen gespeichert ist.

Um das an dieser Stelle ganz deutlich zu sagen: anders als eine Vinyl-Schallplatte handelt es sich bei einer CD nicht um einen Tonträger, sondern um einen reinen Datenträger!

Der große Vorteil der Digitaltechnik ist daher, dass sich der Datenstrom aus lauter aneinander gereihten Nullen und Einsen, die der Analog-Digital-Wandler im Tonstudio erzeugt hat, völlig verlustfrei speichern, transportieren und vervielfältigen lässt. Denn erst im Abspielgerät des Kunden erzeugt ein Digital-Analog-Wandler daraus wieder ein hörbares Audiosignal. Alles was zwischen den beiden Wandlern stattfindet, ist für den Wohlklang völlig irrelevant - es kann nichts verändert werden - jedenfalls nicht unbeabsichtigt!

Die Fehlerkorrektur, die bei jeder Speicherung von Daten erforderlich ist, gleicht nur den Nachteil des jeweiligen Speichermediums aus. Bei optischen Datenträgern ist es natürlich erforderlich, dass Staub, Kratzer und Fingerabdrücke auf den Discs keine Störungen verursachen. Dazu bedient man sich mehrerer Tricks, zum Beispiel Prüfsummen. Auch werden Daten immer zu einem gewissen Anteil redundant gespeichert - wenn einzelne Bits (Nullen oder Einsen) nicht lesbar sein sollten, lässt sich der verlorene Wert so zweifelsfrei rekonstruieren. Auch das geschieht also verlustfrei - es sei denn eine Disc wäre zu stark verschmutzt oder verkratzt.

Eine Digitalaufnahme kommt in jedem Fall dem am Nächsten, was der Toningenieur, der Künstler, die Band, der Produzent entschieden hat - wie oben beschrieben, der A/D-Wandler steht im Tonstudio, der D/A-Wandler steht beim Hörer im Wohnzimmer. Mehr Klangtreue gäbe es nur noch, wenn der Hörer seinen gemütlichen Sessel direkt im Studio aufstellen könnte.

Der persönliche Geschmack spielt bei der Klangtreue keine Rolle - das darf er auch gar nicht!
Kein Mensch hört alle Frequenzen gleichermaßen gut - das menschliche Gehör ist vielmehr optimiert, Sprache zu verstehen, daher ist es im Bereich des menschlichen Stimmumfangs am Empfindlichsten (tatsächlich liegt Babygeschrei exakt auf der allerempfindlichsten Frequenz - evolutionsbedingt ein nachvollziehbarer Vorteil). Bässe und Höhen sind dagegen deutlich weniger empfindlich.

Für die Klangtreue ist es jedoch immens wichtig, dass die Kennlinien der Aufnahme- und Wiedergabegeräte in der gesamten Kette keine Frequenzen bevorzugen oder benachteiligen, denn nur dann bleibt das Klangerlebnis für den Hörer wirklich neutral. In der Analogtechnik war dies früher ein Zustand, der nur mit teurem Equipment und selbst damit nur annäherungsweise erreichbar war. Das führte zu mehr oder weniger großen Klang-Verfärbungen. Gute Wandler für die Digitaltechnik sind heutzutage jedoch billig und sie haben stets einen schnurgeraden Frequenzgang, sind daher völlig neutral.

Als "audiophil" bezeichnete sich zu Analogzeiten ein Liebhaber möglichst großer Klangtreue, der daher gleichzeitig auch bereit war, große Summen für sein Equipment auszugeben, auch wenn das nicht immer eine Verbesserung bedeutet hat. "Audiophile" haben leider immer wieder wahnhafte Ideen entwickelt, wie sich Wohlklang angeblich noch weiter steigern lässt, und so auch viel Geld für absoluten Humbug ausgegeben, beispielsweise für fingerdicke Lautsprecherkabel mit vergoldeten Anschlüssen. Gesteuert und gefördert wurde dieses Verhalten von den Audio- und Hifimagazinen, an deren Kompetenz es lange keinen Zweifel gegeben hatte, die jedoch mit dem Aufkommen der Digitaltechnik und der daraus resultierenden Erkenntnis, dass hervorragender Klang plötzlich auch mit einem Bruchteil des bisher eingesetzten Gelds möglich war, Einbußen im Anzeigengeschäft befürchteten und daher viele der erwähnten Wahnideen selbst entwickelten - wie etwa der berühmte Filzstift, mit dem man ernsthaft CDs am Rand bemalen sollte. Oder es wurden gebrannte CD-Rohlinge auf Klangunterschiede getestet - die dann natürlich auch angeblich festgestellt wurden und natürlich waren die teuren Markenrohlinge die bestklingenden. Da Musik heute oft auf USB-Sticks transportiert wird, würde es mich nicht wundern, wenn es da inzwischen auch schon entsprechende Vergleichstests gegeben hätte.

Hifi-Anlagen sind verglichen mit der Anfangszeit der Stereotechnik inzwischen völlig ausgereift und daher gibt es auch nur noch wenig Schwankungen in der Qualität. Preisunterschiede enstehen hauptsächlich durch die Anzahl der Anschlüsse und der eingebauten Features. Sicherlich lässt sich auch der Sound beeinflussen, aber das geht nicht mehr so unkompliziert wie früher mittels Bass-, Mitten- und Höhenregler, ohne die Verstärker in der Analogzeit nicht auskamen. Moderne A/V-Receiver lassen diese Möglichkeiten und noch viele mehr jedoch durchaus zu - schlechte Basswiedergabe eines Lautsprechers kann man also nach wie vor kompensieren. War das früher jedoch Geschmacksache, werden heutige A/V-Receiver meist mit einem Messmikrofon geliefert, das am Hörplatz aufgestellt wird und die Kompensation macht der Receiver dann automatisch gemäß der ermittelten Kennlinie. Was nicht heißt, dass man nicht der Meinung sein darf, mehr Bässe wären toll - nur hat man dann keine neutral eingestellte Anlage mehr, sobald man die einmal aufgedreht hat.


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Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die früheren Folgen:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III

Donnerstag, 20. Juni 2013

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III

"So wird's gemacht" - hier war ursprünglich ein interessanter Doku-Clip des Senders DMAX mit diesem Titel über die Vorgänge in einem Vinyl-Presswerk verlinkt. Leider nicht mehr online.
Dieser Clip war richtig gut - man konnte sehr schön sehen, wie steinalt die Maschinen sind, die da von einem Haufen von Menschen praktisch in Handarbeit bedient werden.

Was man aber auch sehen konnte: Für den Schneidvorgang wird nicht etwa ein analoges Tonband, sondern ein stinknormales digitales Audiofile als Master benutzt - das ebenso Spitzenwert-komprimiert ist wie bei der CD, allerdings haben sie zusätzlich noch einen EQ drin, der die Höhen ab 16 kHz mit 12 dB/Oktave abschneidet!
Hatte zum Glück ein paar Screenshots gemacht, auf denen man das sehr schön sehen kann:

Alles analog, na klar...

Bei der CD geht's rauf bis 20 kHz - nicht so bei Vinyl!
Da geht's ab 16 kHz mit 12 dB/Oktave steil abwärts!

Nicht gedacht hätte ich auch, dass die gesamte Fertigung nicht einmal annähernd unter Reinraumbedingungen geschieht! - Da läuft niemand mit Schutzkleidung oder Kopfhaube herum - die Schneidevorrichtung hat ebenfalls keine Staubschutzhaube und der Behälter mit dem Vinylgranulat hat natürlich keinen Deckel!
Wahrscheinlich deshalb braucht es jemanden wie in diesem Clip der Deutschen Welle zu sehen, der den Staub aus dem galvanisierten Master per Hand wieder rausmeißelt! - Technik, die begeistert!


Fazit: Meine optimistische Grundannahme, dass die Vinylproduzenten echte Analogfreaks sind, die einen radikalen und puristischen Ansatz haben, ist damit leider geschreddert. - Hier werden ganz normale Digitalproduktionen hergenommen und quasi "zweitverwertet" - möglicherweise erzielbare Zugewinne an Dynamik durch Verwendung eines nicht Spitzenwert-begrenzten Audios oder sogar durch ein analoges Mastertape interessieren hier offenbar niemanden. - Würde ja auch deutlich mehr Aufwand sein und Geld kosten.
Stattdessen nimmt man einfach eine CD und kopiert die auf Vinyl - und damit es "wärmer" klingt, werden noch die Höhen abgesenkt. So einfach ist das. Da kann der Vinylkäufer sich schön einbilden, ein mit großer Sorgfalt hergestelltes Analogprodukt erworben zu haben - in Wahrheit bekommt er nichts anderes als eine billige CD-Kopie auf einem minderwertigeren Tonträger.

Mein einmal scherzhaft gemeinter Vorschlag, doch einfach die CDs herzunehmen und sie durch das kostenlose Audio-Plugin von Izotope: "Vinyl" mit den nötigen Klicks und Verzerrungen zu versehen, wenn man schon auf die Lagerfeuerromantik nicht verzichten will, bekommt hier eine neue Dimension - denn genau das macht das Presswerk, nur nimmt es kein Plugin dazu, sondern ein Stück Plastik. Das Ergebnis ist in der Tat dasselbe (nur ist es natürlich nicht kostenlos)!


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Die früheren Folgen:
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