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Mittwoch, 1. April 2020

PINK FLOYD - The Later Years (Box Set, 2020)

Aus der Rubrik "das hab ich mir dann doch geleistet":

Finde ich ja toll, dass sie jetzt die Blu-rays als eigene preiswerte 6er Box herausgeben. Was anderes hätte mich sowieso nicht interessiert, da kommt das ganz gelegen. Hätte mich jetzt nur geärgert, wenn ich die große Box schon gekauft hätte. Das macht Alan Parsons ja besser, da werden die Blu-ray only-Versionen direkt mit angekündigt.

Na, Aprilscherz beiseite... 😁 Hatte mich früh gegen den Erwerb des Boxset entschieden. Der Preis sinkt jetzt zwar allmählich, aber es ist nach wie vor eher der Inhalt, der mich nicht begeistert. Und der ganze Schnickschnack - die Unboxing-Videos sind ja eher abschreckend - immerhin sind keine Glasmurmeln drin, aber das ist auch beinahe schon die einzige gute Nachricht. Die Verpackung scheint bewusst kompliziert und aufwändig, weil sie offenbar durch größtmögliche Kleinteiligkeit das Nichtvorhandensein von Substanz kaschieren möchte.

Der neue (Stereo-)Mix von "A Momentary Lapse of Reason" klingt ok für mich. Ich habe das Original jedoch so selten gehört, dass mir kaum Unterschiede auffallen. Ja, sie sollen in Sachen Keyboards und Drums ordentlich nachbearbeitet haben. Die Drums neu aufgenommen und Ricks Keyboards aus den Live-Versionen geklaut. Kann sein. Ich finde vor allem die Drums meist viel zu leise. Der 5.1-Mix ist OK, daran hab ich nichts auszusetzen, aber er haut mich nicht annähernd so um wie der versteckte Surroundmix von "Meddle" aus dem "Early Years" Box-Set. Man muss klar feststellen, dass bis auf einige wenige Ausnahmen die Songs einfach nicht so gut sind. Da ist "The Division Bell" schon besser gelungen - dieses Album bekommt man hier nochmal im 5.1-Mix - wer die "Immersion Edition" schon hat oder sich damals lieber die einzelne DVD direkt bei Universal bestellt hat, hat den jetzt doppelt. Die Studio-Outtakes von TDB sind jedoch recht unbeeindruckend.

Schauen wir uns mal die anderen Blu-rays näher an. Die ganzen Live-Sachen interessieren mich eigentlich nicht wirklich. Pulse hab ich schon seit Jahren auf DVD (einmal geguckt). Venice lief Silvester im Fernsehen - ok, aber auch hier: nothing to write home about...
"Delicate Sound of Thunder" erscheint in der Tat deutlich verbessert, wobei das hier ja die erste digitale Veröffentlichung ist - das konnte ja nur besser werden. Die Bildschärfe ist gut, wobei das Filmkorn deutlich zu erkennen ist. Ich tippe auf einen 16 mm-Film, der mit 2K neu abgetastet wurde (alle Screenshots lassen sich anklicken und zeigen sich dann in Originalgröße). Ein Still von Wish You Were Here:

Schade finde ich jedoch, dass das Konzert nicht vollständig ist - die fünf fehlenden Songs gibt es als "Bonus Tracks" in gleicher Bildqualität auf der ersten "Bonus"-Blu-ray (allerdings leider nur mit Stereo-Ton), warum auch immer.







"Pulse" unterscheidet sich in Qualität und Schärfe leider kaum von der 2005er DVD. Allerdings scheint das SD-Video tatsächlich in weiten Teilen neu geschnitten zu sein - interessant, weil ja schon die DVD angab, dass es sich um einen neuen Schnitt gehandelt hatte.

Ich hab hier mal nacheinander von ungefähr denselben Stellen Screenshots gemacht, dabei die DVD-Bilder auf 1440x1080 Pixel hochskaliert (das sind die ohne Balken links und rechts). Beim ersten Pärchen ist klar erkennbar eine andere Kamera für die Totale genommen worden, die etwas weiter links außen gestanden hat., Daher erscheint der Screen mit George Bush etwas weniger kreisförmig:





Die DVD hat auch die etwas satteren Farben, ist aber minimal unschärfer und hat zumindest im Still gut sichtbar stärkere Kompressionsartefakte:










Venice gab es zu Silvester ja schon im Fernsehen - sicher auch kein HD-Video, aber besser als alles, was vorher in den Tauschbörsen unterwegs war:
















Ist nicht überall so dunkel. Die beste Qualität hat Knebworth, das sieht richtig gut und scharf aus. Hier zwei Stills von Money, das es wie The great gig bisher ja nur in gruseligster (Audience-)Qualität gab:

















Keine HD-Qualität hat auch das Hall-of-Fame-Induction-Video mit Billy Corgan (der endlos lange redet). Viel besser als das eigentliche Pulse-Video sind die Pulse-Rehearsals auf der ersten "Bonus"-BD. Mit Knebworth in der Bildqualität vergleichbar, aber leider nur zwei Songs, einer davon (Great day for freedom) in zwei Versionen. Die Musikvideos (Promos) sind natürlich knackscharf, haben allerdings ebenfalls keinen 5.1-Sound. Arnold Layne live mit Ricks Vocals ist klasse, leider nicht sehr scharf und leidet unter Wacklern.
Der "Endless River"-Film von Ian Emes hätte natürlich auf die Blu-ray des Albums gehört, ist aber wohl erst später fertig geworden. Dessen Deluxe-Ausgabe ist damit natürlich beinahe überflüssig geworden - hier bekommen wir wunderschöne Aufnahmen in perfekter Bildqualität und auch die 5.1.Version. Von den übrigen Dokus auf der zweiten "Bonus"-BD ist eigentlich nur das Video von den Arnold Layne-Garderoben-Probe erwähnenswert, das ist wirklich interessant.

So weit meine Eindrücke.

(Alle Rechte der Screenshots bei Universal Music Group. Sie dienen hier nur zur Erläuterung der Rezension. Scherzfoto der Blu-ray only-Box copyright by tom)

Montag, 2. September 2019

GOVI Sampler: German Rock Scene Vol. I - VI (1975-80)

Der Sammlerwert dieser schönen, vorn leider nicht besonders abwechslungsreich gestalteten LP-Sampler der Firma GOVI beträgt derzeit zusammen nicht einmal 30 Euro, aber in meiner Sammlung haben sie ein Ehrenplätzchen:


Zwischen 1975 und 1980 kam jedes Jahr eine dieser Platten heraus und da sie mit 5,- DM günstiger waren als eine Single, hatte ich nicht gezögert. In GOVIs kleinem, aber gut sortierten Plattenladen auf der Brückstraße in Dortmund war ich ohnehin Stammkunde und in der Tat habe ich mir einige gute Anregungen holen können. Das Erscheinen der letzten, seltsamerweise anders gestalteten LP hatte ich jedoch verpasst - die habe ich mir der Vollständigkeit halber vor ein paar Jahren zugelegt.

Natürlich gab es diese Sampler rein zu Promotionzwecken - deshalb wurden sie in enger Kooperation mit den Plattenfirmen erstellt. GRS I hatte sogar ein Standard-Label von Brain. Mit Sky Records war auch ein echtes Indie-Label regelmäßig dabei - was damals ein kluger Schachzug war, da deren Platten im Radio seltener gespielt wurden.

GRS I (Brain/Metronome) 1975:
Neu: Neuschnee 3:59, Emergency: Confessions 4:00, Jane: Out In The Rain 5:48, Novalis: Banished Bridge 5:36, Curly Curve: Hell And Booze 4:03, Guru Guru: Samantha's Rabbit 2:54, Lava: Holy Fool 5:17, Embryo: Radio Marrakesch 2:25, Thirsty Moon: Das Fest Der Völker 5:02, Kollektiv: Baldrian 7:05

GRS II (Sky Records, BASF, CBS, Onagram, Teldec) 1976:
Harlis: BMW 5:03, Tritonus: Lady Turk 5:05, Birthcontrol: Rockin' Rollin' Roller 5:43, Ramses: La Leyla 7:25, Streetmark: Eleanor Rigby 5:30, Percewood's Onagram Feat. Michels: I've Got My Woman 4:36, Message: Before The Dawn 6:01, Embryo: Music Of Today 4:12, Kin Ping Meh: Good Time Gracie 3:22

GRS III (Sky Records) 1977:
Michael Rother: Flammende Herzen 7:02, Harlis: Night Meets The Day 5:00, Bullfrog: I Came From The Sky 4:45, Breakfast: Needing You 4:13, Ramses: Noise 6:25, Octopus: The First Flight Of The Owl 5:09, Streetmark: Reality Airport 5:55, Cluster: Sowiesoso (Excerpt) 3:30

GRS IV (A-Seite: Teldec, B-Seite: Sky Records) 1978:
Udo Lindenberg: Schneewittchen 4:20, Ulla Meinecke: Ex Und Hopp Mann 3:43, Jutta Weinhold: Keep On Running 2:54, Amon Düül II: One Blue Morning 7:30, Satin Whale: Reminiscent River 4:12, Michael Rother: Sonnenrad (Kurzversion) 3:13, Bullfrog: A Housepainter's Song 8:45, Octopus: The Delayable Rise Of Glib, Part II 3:43, Shaa Khan: World Will End On Friday 4:47, Streetmark: Tomorrow 1:11

GRS V (Brain/Metronome) 1979:
Birth Control: The Last Survivor 4:30, Jane: Fire 4:06, SFF: Explorer 4:55, Guru Guru: I'm Rolling Through The City 4:30, Grobschnitt: Travelling 6:50, Novalis: Brandung 3:42, Message: World Keeps On Turning 4:59, Accept: Helldriver 2:40

GRS VI (A-Seite: Innovative Communication/WEA, B-Seite: Sky Records) 1980:
Robert Schröder: Harmonic Ascendant (Auschnitt) 6:20, Richard Wahnfried: Charming The Wind 4:48, Mickie D's Unicorn: The Searcher 5:31, Baffo Banfi: Astralunato 3:51, Mickie D's Unicorn: Black Riders (Anhang) 0:38, Adelbert Von Deyen: Timemachine 5:02, Octopus: Black Points 3:37, Straight Shooter: Love In My Mind 3:11, Faithful Breath: This Is My Love Song 2:57, Mythos: Conjuration 1:27, Harald Grosskopf: Emphasis 4:55


Mein Favorit ist übrigens die zweite Seite von GRS IV - da gibt es nicht nur keinen Ausfall, sondern auch die komplette 8:45 lange, großartige Prog-/Hard Rock-Ballade A Housepainter's Song von Bullfrog, die ich sicherlich sonst nie kennen gelernt hätte:


Mittwoch, 30. Januar 2019

STEVE HACKETT - At The Edge Of Light (2019)

Hab es gestern runtergeladen und in der Bahn nach Hause gehört, mal ohne was zu lesen dabei, also richtig konzentriert (was ein wenig schwer fiel). Bin dabei bis zur Mitte von Hungry Years gekommen. Heute morgen dann Hungry Years neu gestartet und den Rest gehört. Habe dann kurz gedacht, er habe da eine Art Coda eingebaut, wo sich Melodien vom Anfang am Ende wiederholen - das kam mir doch zunehmend bekannt vor - bis ich bemerkte, dass der Spotify-Player wieder zum Anfang des Albums zurückgesprungen war. Immerhin konnte ich so den Nachweis eines Wiedererkennungs-Effekts führen...:)

Das Album hinterlässt beim ersten Hören einen (wie immer bei Steve) zwiespältigen Eindruck. Die instrumentalen Passagen sind mir einerseits oft zu aufdringlich laut und dicht, da knattert und kracht es überall und Gitarrensoli werden überall mit Highspeed reingestreut, dazu ballert ein extrem unruhiger Bass - andererseits sind mir dann die ruhigeren Stücke zu banal, zu vorhersehbar, zu poliert. Insbesondere die Effekte auf den Hackett-Chören sind nervig, zum Glück gibt es doch mehrere Stücke, bei denen Steves Stimme völlig trocken nach vorn gemischt ist. Das ist mutig und es funktioniert. Hätte ich gern überall so gehabt. Der Gitarrist Steve Hackett scheint zudem fast völlig vergessen zu haben, dass seine große Stärke nicht in der Geschwindigkeit liegt - aber das kritisiere ich schon lange an ihm.

Klar, der Sound ist kritikwürdig, noch mehr allerdings die Arrangements. Steves und Rogers Idee von Prog ist offenbar alles gleich laut und nach vorn zu mixen, dadurch fehlt echte Dynamik und Durchsichtigkeit. Auch muss wohl ständig ein Orchester mitfiedeln. Da fehlen mir vor allem auch die Soundideen - das ist so doch alles sehr klassisch-konventionell (und damit wenig "progressiv").
Was Mix und Mastering angeht, ist mir bisher (unter Kopfhörern) nur aufgefallen, dass viele Stücke etwas höhenarm klingen - eine kleine Anhebung (ca. 2 dB) im Bereich um 4,5 kHz hätte den etwas muffigen Sound m.E. deutlich erfrischt. Außerdem ist mir bei einigen Stücken eine sehr schmale Stereobasis aufgefallen. Hätte man die Instrumente weiter aufgefächert und auch mal ganz nach links oder rechts verteilt, hätte davon auch die Transparenz profitiert.

Auf der positiven Seite: ich denke, das Album wird beim mehrfachen Hören noch deutlich gewinnen - habe heute morgen ja (aus Versehen) die ersten vier Songs erneut gehört und kann nur sagen, dass sie mir schon deutlich besser gefallen haben als beim ersten Mal.

Samstag, 1. Oktober 2016

FLAMING BESS - Tanz der Götter (1979)


Dieses Album hab ich mal wieder ausgegraben - hatte es selbst nie besessen, aber ein Freund hatte es, daher kannte ich es gut. Lief damals komplett im WDR "Rockstudio" und eine Singleauskopplung machte 1979, als das Album im Selbstverlag erschienen war, Furore in der "Schlagerrallye"-Hitparade. Moderator Wolfgang Neumann, der die Band aus Düsseldorf "entdeckt" und für seine Sendung produziert hatte, machte auf diesem Album als Sprecher mit.

Sein Part war es, mit ziemlich unbeteiligter Stimme eine unsagbar blödsinnige Fantasy-Kitsch-Geschichte über eine "unsagbar schöne" Göttin des Lichts namens "Flaming Bess" zu erzählen - was nicht ganz zufällig auch der Name der Band war. Jeweils im Intro der fünf Songs war ein Teil dieser Schwurbel-Story zu hören, die Songs selbst waren rein instrumental - und gar nicht mal schlecht, denn die Jungs waren ziemlich offensichtlich große Camel-Fans. Es klingt sogar mit diesem zeitlichen Abstand ziemlich professionell, und die Musik allein hat durchaus internationales Format. Wenn da nicht dieser Sprecher wäre...

Weil mich dieser Fantasy-Quatsch immer genervt hat, hab ich jetzt meine eigene Version davon gemacht, bei der ich sämtliche Götter, Gnome und Sumpfkobolde komplett rausgeschnitten habe. Das ging ziemlich gut, denn die Musik, mit der die Texte unterlegt waren, war recht repetitiv und so sind die Intros nach wie vor vorhanden, nur jetzt halt etwas kürzer. Und wo ich gerade dabei war, hab ich natürlich auch ein wenig den Sound optimiert. Jetzt ist es wirklich anhörbar.

Das Album ist vor einigen Jahren sogar mal als remasterte CD neu rausgekommen, aber diese Version kenne ich nicht. Man bekommt sie wohl immer noch auf der Webseite der Band: http://www.flaming-bess.de/ - dort findet man auf jeder Seite hervorgehoben die erhabenen Worte, mit der die sagenhafte Flaming Bess-Story beginnt - die offenbar von der Band bzw. ihren Nachbesetzungen erstaunlicherweise immer noch völlig ernst genommen wird.

Montag, 27. Juni 2016

MICHAEL ROTHER: Flammende Herzen (1977) / Sterntaler (1978) / Katzenmusik (1979)



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Drei der Lieblingsalben meiner Adoleszenz - Michael Rother wurde seinerzeit gern mal als der deutsche Mike Oldfield gehandelt; das war aber, wie jeder schnell bemerken dürfte, ziemlicher Unsinn. Rother hat hier recht konsequent die anhörbaren Stil-Elemente seines legendären Duos NEU! mit radiotauglichen Melodiebögen, vielfach variiert mit einer ganzen Armada unterschiedlich klingender Gitarren, feinen Sequencer-Tupfern, die entfernt an seine Zugehörigkeit zu den frühen Kraftwerk erinnern, und ruhigen, aber stets inspirierten Ambient-Flächen aus seiner Harmonia-Phase verknüpft. Dazu vermitteln Can-Drummer Jaki Liebezeit mit seinen wenig variierten, aber dafür hochpräzisen 4/4teln und Conny Plancks wie immer großartige Produktion eine Leichtigkeit, wie sie in deutscher Rockmusik nur selten zu vernehmen war.

Die ersten zwei Alben sind mit je knapp 35 min und fünf, bzw. sechs Titeln erfreulich kurz und klingen, obwohl ein Jahr zwischen ihnen liegt, wie aus einer einzigen Aufnahmesession entstanden. "Flammende Herzen" (1977) hat vielleicht die etwas größeren musikalischen Ideen, dafür klingt "Sterntaler" (1978) in sich etwas geschlossener. Das Konzept hat in dieser Form leider nur diese beiden Alben überstanden - mit seinem dritten Album "Katzenmusik" (1979) wagte er - bei in etwa gleichbleibendem Sound - einen eher suiten-artigen Ansatz, bei dem die Einzeltitel aus durchnummerierten Variationen einiger weniger Grundthemen bestanden. Obwohl die eine Hälfte der elaborierteren Stücke mittels kürzerer, atmosphärischer Linking-Stücke verbunden waren, fällt das Album etwas stärker auseinander - wohl weil die Gesamt-Ideendichte bei etwas verlängerter Laufzeit (knapp 40 min) nicht mehr ganz so hoch war (so ist Katzenmusik 8 identisch mit Katzenmusik 7, nur rückwärts abgespielt - ein Trick, den er und Klaus Dinger schon bei "NEU!2" mangels Masse einsetzen mussten).

Sein viertes Album "Fernwärme" (1982) hatte sich nach der längeren Pause vom Gitarren-dominierten Sound entfernt und driftete dann schon deutlich stärker in die belanglosere Ambient-Richtung ab, die er später gänzlich einschlug. Rothers weitere Karriere habe ich dann nur noch am Rande verfolgt. Seine ersten drei Alben stehen jedoch heute noch für das, was an deutscher Rockmusik einmal auch international respektabel war - und offenbar auch heute noch im Ausland mehr geschätzt wird als im Inland. Jedenfalls ist Michael Rother in der englischen Wikipedia weit ausführlicher vertreten als in der deutschen. Und während letztere nur das Album "Flammende Herzen" in einem eigenen Artikel beleuchtet, findet sich der Rest seines Backkatalogs nur in der englischen Wikipedia in dieser Weise ausgebreitet.

Leider sind die 2000 erschienenen Remaster-CDs technisch und inhaltlich recht fragwürdig. Vernehmbares Bandrauschen stört in den leisen Passagen und die Bonustracks sind allesamt völlig unpassende Aufnahmen von 1999/2000, die mit dem Konzept der ursprünglichen Alben weder kompositorisch noch soundmäßig zu tun haben. Ich habe mich daher bis heute standhaft geweigert, diese CDs käuflich zu erwerben. Mittlerweile gibt es sie kostenlos für Prime-Kunden bei Amazon Music.

Montag, 14. September 2015

DAVID GILMOUR - Rattle That Lock (2015)

Erster Durchlauf...

Kurz ein paar Notizen während das neue Gilmour-Album läuft - die allerersten Eindrücke konnte man ja bereits vorab mit den beiden veröffentlichten "Singles" Rattle That Lock und Today gewinnen. Nun also alle 10 Tracks - Gesamtlaufzeit: 51:25 min

5 A.M. - ist ein athmosphärisches Instrumental (den Satz "hätte auch von Pink Floyd sein können" erspare ich mir jetzt und für den Rest dieser Kurzrezi) das sich gut als Opener eignet. Wunderschöne Sologitarre (auch den Satz könnte ich mir sparen).

Rattle That Lock - hatte ich jetzt einige Wochen nicht mehr gehört; scheint erstaunlicherweise in der Zwischenzeit jedoch deutlich besser geworden zu sein. Musste man sich wohl erst etwas dran gewöhnen.

Faces of Stone - Ein paar vereinzelte Pianotöne mit langem Nachhall sorgen für einen leicht melancholischen Anfang, danach erwartet man beinahe ein spärisches Stück mit Synthieflächen, bekommt jedoch eine akustische Gitarre im Dreivierteltakt, die sich zur voll instrumentierten Ballade mit leichten Referenzen an "The Division Bell" entwickelt - die Klarinette (oder was immer das ist) erinnert stark an den Mittelteil von Poles Apart. Ich wollte es zwar nicht nochmal schreiben, aber kann nicht anders: großartiges Gitarrensolo. Nachtrag: Zweitbester Song von allen!

A Boat Lies Waiting - das ist das Stück, bei dem David Crosby und Graham Nash die Backing Vocals beigesteuert haben. Die drei Stimmen klingen ausgezeichnet zusammen, verschmelzen fast zu einer einzigen. Die erste Hälfte des Songs ist jedoch rein instrumental-sphärisch mit hübschen Gitarrentupfern. Leider ist das Stück über den größten Teil ohne Rhythmus und wirkt dadurch etwas langatmig.

Dancing Right In Front Of Me
- Ein weiteres, eher langsames Stück, das jedoch keinesfalls langweilig wird, weil Arrangement und Rhythmus mehrmals überraschend variiert werden. Bei ca. Minute drei sind wir beim "Cool-Jazz" angekommen, aber nur kurz, dann geht es wieder zur Strophe zurück.

In Any Tongue - hier haben wir eine weitere Ballade im typischen Gilmour-Stil. Auch die Drums könnten von Nick Mason sein. Schöne Streicher im Background - guter Gesang. Dass nach dem zweiten Piano-Intermezzo dann das Gitarrensolo kommt, war absolut vorhersehbar. Die Struktur erinnert stark an Comfortably Numb. Nachtrag: Trotz der Berechenbarkeit klar der beste Song des Albums.

Beauty - auch hier wieder ein typisches Pink Floyd-Intro, das gut die Hälfte dieses mit 4:28 min relativ kurzen Instrumentals einnimmt. Im zweiten Teil gibt's dann die typische "Motorcycle-Guitar", die man so auch schon ein paarmal von ihm gehört hat.

The Girl in the Yellow Dress
- "says yes" - witziger Reim, schöne Zeile. Diesen Song kannte man schon von der kurzen YouTube-Live-Performance beim Autorenseminar im Borris House. Hier ist der ganze Song geprägt vom Besenschlagzeug, das einen langsamen Swing im Nachtclub-Format begleitet. Mit allem Drum und Dran, also Saxofonsolo etc. Nicht ganz mein Fall, aber mal was anderes...

Today - ein gepflegter Kirchenchor samt Orgel leitet diesen vergleichsweise schnellen Song ein, den man an dieser Stelle in der Dramaturgie des Albums zu schätzen weiß. Könnte noch etwas mehr abgehen, und etwas weniger Streicher und Sphärenklänge hätten auch nicht geschadet. Erinnert etwas an die "About Face"-Phase mit den etwas sperrigeren Songs.

And then... - hier verliert Gilmour keine Zeit und startet direkt mit seiner Black Strat durch, die eine weitere klassische Instrumental-Ballade einläutet. Schönes Solo (schon wieder) und für den Schluss hat er sich eine akustische Gitarre aufgehoben, die dann in Lagerfeuergeräuschen mit schreiendem Käuzchen untergeht.


Größtes Manko des Albums: alle Songs werden ausgeblendet - das hätte nun wirklich nicht sein müssen! Trotz der überwiegend nicht gerade flott zu nennenden Rhythmen ist dieses Album jedoch weit weniger langweilig als "On an Island", was aber auch nicht schwierig war. Zugemutet wird dem geneigten Hörer hier wenig, es gibt kaum Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen könnte, ohne dass man den Eindruck bekäme, das alles schon viel zu oft gehört zu haben. Kein Feuerwerk der Innovation, aber sicher auch kein ausgelutschtes Selbstzitat. Nach dem Durchlauf macht sich ein wenig ein seltsames Gefühl breit, als hätte irgendwas gefehlt, was man erst noch suchen und finden müsste.
Dennoch: Macht Spaß zu hören und wird nicht der letzte Durchlauf bleiben!
Nachtrag: Auch dieses Album "wächst" mit weiteren Durchläufen - erfordert also vielleicht etwas Geduld, was aber durchaus belohnt wird. Die Surroundfassung ist natürlich klanglich spitze und macht besonders dann Spaß, wenn man die Stereofassung schon "gewohnt" ist. Die Extra-Tracks auf der Blu-ray sind eher etwas enttäuschend. Vom "Borris House" bekommt man nur das Interview, leider fehlen die von Gilmour live gespielten Songs und die Barn Jams sind natürlich historisch bedeutsam und schon wegen Rick Wright sehenswert, aber musikalisch nicht gerade die Offenbarung.

Montag, 10. August 2015

PROCOL HARUM - Procol Harum/Shine On Brightly (1967/68 - Reissue 2015)

Procol Harums eponymöses Debütalbum, das in meiner verstaubten Repertoire-CD-Version noch "A Whiter Shade Of Pale" hieß, obwohl dies der Titel der späteren, um eben jene berühmte Single ergänzten Neuausgabe war, wurde in diesen Tagen zusammen mit den Folgealben "Salty Dog" und "Home" von den britischen Reissue-Spezialisten Esoteric Records als 2CD-Digipak neu veröffentlicht mit vielen bisher unveröffentlichten Bonustracks. Da lohnt sich schon ein näherer Blick.

CD1 beginnt mit dem bekannten Album selbst in der gewohnten Mono-Fassung - obwohl Stereo 1967 durchaus schon üblich war, hielt Producer Denny Cordell damals wohl nichts davon. Also gab es keinen Stereomix bis offenbar 1971 - einige der Stereo-Bonustracks tragen den entsprechenden Zusatz. Schön ist, dass die Tracklist hier streng dem UK-Original folgt - ohne die Singles A Whiter Shade of Pale und Homburg, die samt B-Seiten die ersten Bonustracks darstellen, natürlich ebenfalls in Mono und mit allen Songs in der ursprünglichen Reihenfolge.

Das Booklet liefert dazu viele interessante Infos - so war mir z.B. unbekannt, dass die berühmte Debutsingle, die sofort #1 in UK und #5 in US war, noch mit einer vorläufigen Band-Besetzung ohne Gitarrist Robin Trower und Drummer B.J.Wilson aufgenommen war, die erst später dazustießen (in den Videos dazu sind sie aber schon vertreten). Interessant ist auch die Geschichte des Tantiemen-Streits zu A Whiter Shade of Pale - bekanntlich hat Matthew Fisher in 2005 Klage eingereicht, weil sein Orgelspiel seiner Meinung nach eine Mitautorenschaft rechtfertigen würde - in letzter Instanz hatte das House of Lords 2009 schließlich zu seinen Gunsten entschieden, jedoch bekommt er die Tantiemen erst ab 2005, weil er so lange mit der Klage gewartet hatte. Nun ist A Whiter Shade of Pale ja ein Amalgam aus mehreren Stücken von J.S.Bach, das ändert meiner Meinung nach aber nichts daran, dass die Orgelmelodie, die unbestritten Fishers eigene Schöpfung ist, hier so prägnant ist, dass er von Anfang an als Mitautor hätte gelten müssen. Das gleiche gilt auch, finde ich, für einige andere Stücke des Albums.

Obwohl das Booklet sicherlich informativ ist, halte ich Chris Welchs Begleittext zur Repertoire-CD von 1997 wesentlich gelungener und interessanter. Dort zitiert er z.B. Gary Brooker, der ein wenig beklagt, dass sie die Stücke für das Album zwei Jahre lang komponiert, arrangiert und eingeübt hatten und es letztlich in nur zwei Tagen ohne Zeit für besondere Sorgfalt praktisch live aufnehmen mussten. Brooker bedauert an anderer Stelle auch die Entscheidung, die Singles nicht mit auf das ursprüngliche Album zu packen. Auch wenn dies in den 1960er Jahren gängige Praxis war, habe dies doch deutlich die Verkaufszahlen des Albums beeinträchtigt. Das Esoteric-Booklet listet zudem zwar die Bonustracks auf, geht aber nicht allzu tief ins Detail, was die Entstehung der jeweiligen Aufnahmen angeht - so wüsste ich gern, zu welchem Anlass diese "1971 Stereo Mixes" erfolgt waren und ob es sich dabei um dieselben Takes des Monoalbums oder um Alternativtakes handelt.

Vor Jahren hatte ich auf einem Greatest-Hits-CD-Sampler eine Stereoversion von A Whiter Shade of Pale entdeckt, den ich mir jedoch nicht gekauft hatte, weil ich solche Sampler nicht besonders mag. Dennoch hatte ich später diesen Sampler gesucht, aber nie wieder gefunden. Zwar ist die berühmte Monofassung der Single und der US-Version des Albums schon toll genug, aber die Alternativ-Version, mit der hier CD2 beginnt, ist nicht nur astrein abgemischtes Stereo (Hammond links, Vocals, Bass und Drums Mitte, Piano rechts), sondern mit über sechs Minuten Laufzeit fast zwei Minuten länger und hat zudem ein richtiges Ende mit Ritardando und allem Drum und dran - die mitten im Vocalpart ausgeblendete Single hatte mich in dieser Hinsicht immer gestört. Unterschiede in der Performance sind hörbar, aber nur gering - umwerfend gut ist die Soundqualität dieser Aufnahme.

Fast alle Songs des Albums und beide Single-A-Seiten finden sich als Stereoversionen unter den Bonustracks, Homburg sogar in zwei verschiedenen Stereofassungen, von denen die erste, als "extended" markierte, dann doch deutlich zu lang ist, weil sie zu viele zu wenig variierte Wiederholungen aufweist. Zumal stört hier auch der Drumsound, der fast klingt wie die berühmten Drumcomputer aus den 1980er Jahren. Besser gelungen ist der "1971 Stereo Mix", kürzer und deutlich näher am Original. Am besten gefällt mir jedoch She Wandered Through The Garden Fence mit seinem trocken-humorvollen Text, dessen lakonischer Vortrag mich immer wieder lachen lässt. Kostprobe:
Zitat:
And though I said, 'You don't exist,' she grasped me firmly by the wrist and threw me down upon my back and strapped me to her torture rack. And, without further argument I found my mind was also bent...
Überzeugend und nicht weniger interessant auch die BBC-Session-Tracks am Ende von CD2 - sie beginnen gleich mit einer tollen Version von Tim Hardins Klassiker Morning Dew, dann folgt eine inspirierte Version von A Whiter Shade... - diesmal sogar dank Robin Trower mit hörbarer Gitarre. She Wandered Through... ist schließlich die Überraschung der zweiten BBC-Session, hier deutlich schneller als das Original, aber genauso überzeugend eingespielt.

Zur Aufmachung - die ist nahezu perfekt. Anders als fast alle CD-Releases dieses Albums gibt es hier das Front-Artwork in der unbeschnittenen Fassung - fast überall sonst ist das Blumen-Ornament oder das weiße Kleid am unteren Rand angeschnitten (siehe auch Abb. oben), oft ist das Blattwerk oberhalb des Schriftzugs verändert. Auch hier gibt es wieder ein aufklappbares Poster mit den Songtexten auf der Rückseite. Das Digipack ist mehrfach aufklappbar und enthält Poster und Booklet eingeschoben in einen Schlitz unterhalb zweier Farbfotos der Band in psychedelisch-zeitgemäß bunten Konstümen. Sehr hübsch und sorgfältig gemacht - ein stabiler Schuber drumherum wäre natürlich noch schöner gewesen.

Stabil ist jedenfalls die Verpackung von "Shine On Brightly", dem zweiten Album. Es kommt in einer sog. "Clamshell"-Box (im Grunde eine Pappschachtel mit Pizzakarton-Mechanik), als 3CD-Version. Jede CD darin hat eine eigene Papphülle - CD1 mit dem "normalen" UK-Artwork (s.o.) beinhaltet das Album in der Stereoversion plus drei Bonustracks, CD2 hat die Monoversion als digitale Erstveröffentlichung (die Papphülle zeigt das US-Cover) und CD3, versehen mit einem Alternativmotiv des US-Covers, bietet 17 weitere Bonustracks, darunter als Erstveröffentlichung acht Aufnahmen von verschiedenen BBC-Sessions aus dieser Zeit. Als Beilagen gibt es ein Poster mit dem vergrößerten Albumcover, das auch die Texte enthält, ein paar Kärtchen mit zeitgenössischen Konzertplakatmotiven, sowie ein höchst informatives Booklet mit Anmerkungen zu allen Aufnahmen.

Der Sound ist auch hier klasse, besonders wenn man bedenkt, dass die Aufnahmen aus den Jahren 1967-68 stammen. Die Geschwindigkeits-Probleme, die die letzten Remaster-Ausgaben von Salvo Records offenbar hatten (das Album lief etwas zu schnell, entsprechend etwa einen Viertelton zu hoch, während die Bonustracks OK waren), sind hier behoben. Für mich gab es hier viel zu entdecken - insbesondere die Texte von Keith Reid sind voller Wortwitz und pointierten Einfällen und Gary Brookers Stimme, in etwa zu vergleichen mit der von Steve Winwood, bringt sie gekonnt rüber. Macht Spaß.

Freitag, 13. März 2015

STEVE HACKETT - Wolflight (2015)

Nach vier Jahren veröffentlicht Steve Hackett ein Album mit neuem Material und man durfte vorab gespannt sein, ob die höchst erfolgreiche Phase seines Retrospektiv-Albums "Genesis Revisited II", mit dem er in den letzten Jahren unterwegs gewesen war, auf seinen Stil Einfluss nehmen konnte. Um es vorweg zu nehmen: nur ganz gelegentlich sind hier Genesis-artige Stilelemente zu vernehmen, das Album folgt mehr oder weniger der Linie von "Out of the tunnel's mouth" (2009) und "Beyond the shrouded horizon" (2011).

Das Album beginnt dem Titel entsprechend mit Wolfsgeheul und der Opener Out of the body entpuppt sich dann als eine Art Ouvertüre; eine kurze instrumentale Einleitung mit vielleicht etwas zu süßlichen Geigenklängen.

Der Titelsong Wolflight kommt danach als erster Longtrack in recht abwechslungsreichem Gewand. Hier gibt es schon die hymnisch-programmatische Quintessenz des Albums - klassische Klänge von Nylongitarre und Orchester vermischt mit exotischen Saiteninstrumenten, fetten Chören, knalligen Drums (im Marschmusik-Gewand) und tollen Gitarrensoli. Die Musik beschreibt einen weiten Spannungsbogen über einem bisweilen etwas finsteren Arrangement, das das Stück auch gut als Filmsoundtrack tauglich machen würde.
Ab 6:05 min wird zweimal ein Thema von Fire On The Moon aus seinem 2009er Album "Out Of The Tunnel's Mouth" zitiert. Als ich die Gelegenheit hatte, Hackett zu fragen, welchen Grund er für dieses Selbstzitat hatte, gab er sich ahnungslos und meinte, dass dies eventuell seinem Alter geschuldet sei... - Wie auch immer: die Melodie stimmt 1:1 und auch die Tonart ist identisch. Kann man sich HIER anhören - die gesungenen Parts von Fire On The Moon und die Sologitarre von Wolflight wechseln sich in dem Soundclip ab.

Love song to a vampire beginnt mit einem feinen Intro auf der Nylongitarre und fast ist man überrascht, Steves Stimme mal ganz allein und ohne große Effekte zu hören, da setzt auch schon der übliche vielstimmige Chor ein, in dem sein Gesang dann auf- bzw. untergeht. Als Refrain gibt es auch hier wieder einen "Aaaah"-Chor, auch den gab es schon so ähnlich bei Fire on the moon, hier ist er jedoch deutlich weniger prägnant und vordergründig, weil der Song insgesamt eher verhalten daherkommt. Bemerkenswert ist das wunderschöne Gitarrensolo im typischen Hackett-Signature-Stil. Ab Minute 7 wird es dann zunächst klassisch - ein Orchester spielt sich kurz in den Vordergrund, danach wird es kurz etwas lauter - Steve deutet an, dass er auch im Alter noch flinke Finger hat - bevor es dann hymnisch ausklingt.

The wheel's turning beginnt mit einem seltsamen 2/4-Takt und Kirmesmusik, dazu murmelt Hackett leise "There is no Schadenfreude here", danach beginnt der eigentliche Song, den man ja schon vom Video kennt. Hier jedoch die Langversion, die der allzu poppigen Videofassung doch einige proggige Ecken und Kanten entgegensetzt. Das Orchester fügt sich hier gut ein, manchmal fühlt man sich an die sperrigeren Momente von "Voyage of the Acolyte", seinem Debutalbum von 1975 erinnert. Beim Gesang ist man jedoch schnell wieder in der Gegenwart, bzw. seiner jüngeren Vergangenheit. Die Gitarrensoli am Schluss zählen zur Extraklasse, werden jedoch fast ein wenig zu früh mit den Kirmesklängen kreuzgeblendet.

Corycian fire beginnt mit exotischen Instrumenten über einem dumpfen Dröhnen, fast wie von einem Hubschrauber, anschließend setzt ein traditionellen Streichquartett einen unerwarteten Kontrapunkt. Schwere Drums und verzerrter Gesang sorgen danach für einen erneuten Spannungsbogen, immer wieder unterbrochen von fernöstlichen Einwürfen. Mit Orff-artigen Chören, die sich zu einem schönen Höhepunkt hinaufschrauben, endet das Stück dann recht abrupt.

Earthshine ist dann ein schöner Kontrast in Form eines tollen Nylon-Solostücks. Manchmal glaubt man, hier Teile der Überleitungen, mit denen er früher gern die Einzelteile seiner Acoustic-Medleys verbunden hat, wiederzuerkennen. Aber hier geht es nicht darum, Fingerfertigkeit zu demonstrieren; das Stück ist vielmehr auskomponiert, gut strukturiert und steht in einer Reihe seiner besten Werke für Klassische Gitarre.

Loving sea klingt stark nach Crosby, Stills & Nash. Zwei Akustik-Gitarren mit schnell geschlagenen Country-Akkorden und feiner, durchgehend mehrstimmiger Gesang wird nur hier und da von rückwärts eingespielten E-Gitarren durchkreuzt.

Mit Black thunder folgt dann der letzte Longtrack des Albums. Das Schwergewicht beginnt mit düster-stampfendem Rhythmus, wieder leicht verzerrtem Gesang. Der Titel passt exakt zur finsteren Atmosphäre dieses Stücks. Am Schluss darf Rob Townsend ein schönes Klarinettensolo beisteuern.

Dust and dreams ist eine seltsame, instrumentale Mixtur aus fernöstlicher Laute und den entsprechenden Harmonien dazu auf einem recht soliden Reggae-Rhythmus - allerdings nur bis etwa zur Hälfte des Songs, dann wird es wieder "Black thunder"-artig finster. Obendrauf liegt dann ein weiteres großartiges Gitarrensolo.
In diesem Song finden sich zwei weitere Selbstzitate: die Melodie der Sologitarre ab 1:48 min findet sich ursprünglich direkt zu Beginn seines "klassischen" Albums "Metamorpheus" (2005), etwa 18 Sekunden im Stück The Pool of Memory and the Pool of Forgetfulness. Und das donnernde Schlagzeug in der zweiten Hälfte basiert offensichtlich auf einem Sample aus Valley of the Kings (aus dem Album "Genesis Revisited", 1996).

Der Übergang zu Heart song gelingt fast unbemerkt, da Rhythmus und Gitarrensolo praktisch unverändert bleiben, danach kommt ein dem Finale angemessener Gesang. Der Text ist kurz und enstpricht einem harmlosen Liebeslied, fast würde man sich wünschen, hier mal keinen Chor hören zu müssen, aber das entscheidende Resümee "let me find a way to love you" singt Hackett dann tatsächlich allein und erstaunlich souverän. Seine Gitarrenlinie im Hintergrund klingt ähnlich wie das Jingle-Jangle, das er vor Ewigkeiten zu einem anderen Finalsong, nämlich Afterglow beigesteuert hat. Auch ein "Aaah"-Chor und die typischen Akkordprogressionen à la Tony Banks dürfen nicht fehlen. Ich denke, diesen hübschen kleinen Song hat er in seinem typisch-britischen Humor mit der Zunge in der Backe geschrieben. Leider beginnt schon nach weniger als zweieinhalb Minuten die gemächliche Ausblende, mit der ein weiteres, schönes Gitarrensolo im Nichts verklingt.


Trotz der durchaus bekannt vorkommenden Formel hat Steve Hackett hier ein ambitioniertes Album vorgelegt, das mit viel Liebe zum Detail aufgenommen, jederzeit frisch und interessant erscheint. Besser noch als beim Vorgänger "Beyond the shrouded horizon" sind ihm hier einige wirklich große Würfe gelungen. Zudem gibt es keinen einzigen Schwachpunkt, immer wenn man gerade befürchtet, dass es im nächsten Moment vielleicht doch zu glatt und konventionell werden könnte, kriegt Hackett im richtigen Augenblick die Kurve und findet einen überraschenden Ausweg. Einige Arrangements scheinen hier und da vielleicht ein wenig zu bombastisch, zu dick aufgetragen. Das mindert jedoch nicht das Hörvergnügen und man freut sich schon auf den nächsten Durchlauf.

Donnerstag, 26. Februar 2015

STEVEN WILSON - Hand. Cannot. Erase. (2015)

Das ist es nun also: das neue Album von Steven Wilson. "Hand. Cannot. Erase." heißt es und man darf über den Titel und seine eigentümliche Schreibweise rätseln. Waren diese unmotiviert gesetzten Punkte nicht vor ein paar Jahren in jeder zweiten Werbekampagne für alle möglichen Produkte Standard? Und waren sie nicht längst schon wieder aus der Mode? Hat nicht sogar die F.D.P. ihre Punkte inzwischen abgeschafft?

Nun ist Steven Wilson nicht dafür bekannt, sich an gängigen Trends zu orientieren - er setzt lieber selbst welche. Sein neues Album war lange angekündigt und schon vor Monaten clever angeteased mit mehreren längeren Videoclips, die Steven mit seinen Kollegen zusammen im Studio zeigen, dazwischen eingestreute Interviews und immer wieder Musikschnipsel, die beim Anhören des fertigen Albums jetzt den ein oder anderen Wiedererkennungseffekt bewirken.

Dabei ist "H.C.E." ein signifikant anders klingendes Album als sein vielgelobter Vorgänger "The Raven That Refused To Sing", das ziemlich genau vor zwei Jahren veröffentlicht wurde. Steven Wilson scheint geschickt die Erwartungshaltungen seiner Fans unterlaufen zu wollen, aber -soviel sei schon verraten- wirkliches Neuland wird hier nicht betreten - was nichts Schlimmes ist. Feststellen lässt sich jedoch eine weitgehende Abkehr vom Jazzrock, dafür konnte das Progressive-Lager wieder deutliche Bodengewinne verzeichnen - was für die meisten seiner Fans sicher kein schlechter Zug ist, schließlich hat er den Großteil seiner treuen Gefolgschaft bereits zu Porcupine Tree-Zeiten rekrutieren können. Den größen Einfluss auf die Tatsache, dass dies hier dennoch kein neues Porcupine Tree-, sondern ein echtes Steven Wilson-Album geworden ist, hat sicher nicht Wilson selbst, sondern eher seine inzwischen sehr eingespielt klingende Stammbesetzung. Alle Musiker der "Raven"-Besetzung sind auch hier wieder dabei, neu dabei ist die israelische Sängerin, Schauspielerin und Moderatorin Ninet Tayeb, deren warme Altstimme auf mehreren Tracks zu genießen ist. Für Saxofonist/Flötist Theo Travis gab es diesmal nur wenig zu tun, lediglich auf einem Longtrack (Ancestral) ist er zu hören. Um es kurz zu machen: es hat dem Album nicht geschadet.

Track-by-track:
Es beginnt mit einem kurzen Atmo-Stück mit dem Titel First Regret - zu bedauern gibt es hier aber nichts. Teile der Atmo werden rückwärts abgespielt, und das Piano leidet hörbar unter Gleichlaufschwankungen; das klingt alles etwas surreal. Pink Floyd lässt grüßen.

Nahtlos gelingt der Übergang zu 3 Years Older, das mit den berühmten Mellotron-Strings beginnt - hier bekommen wir gleich den ersten Höhepunkt des Albums, ein 10:18 min langes Stück, bei dem eine Idee die nächste jagt, manchmal kaum verbunden, fast wie zufällig aneinandergeklebt. Trotzdem zerfällt es nicht in Beliebigkeit. Zusammengehalten von Wilsons klaren, anfangs sehr verhaltenen, später kräftigeren Vocals und einer genialen Hookline-Melodie: "I can feel you more than you really know - I will love you more than I'll ever show" - spätestens hier gibt es die ersten Gänsehäute. Gut, das Schweineorgelsolo bei 7:28 min wäre entbehrlich gewesen, aber das kann den guten Eindruck nicht trüben. 3 Years Older allein ist schon das Geld für das ganze Album wert.

Danach folgt mit Hand. Cannot. Erase. der schon vorab veröffentlichte Titelsong - hier in der etwas längeren Version, die eine zusätzliche, ruhig gehaltene Instrumentalpassage enthält, die in Sound und Stimmung kurz an das "Raven"-Album erinnert. Dieser Song ist ein für Wilson-Verhältnisse geradezu klassischer Pop-Rock-Song, geradeaus, traditioneller Aufbau, nur einige krumme Takte und starke Breaks verraten die gelungene Synthese aus Prog und Pop. Toller Refrain, stark gesungen, eine herausragende Single. Wäre in alten Zeiten sicher ein Hit geworden.

Ebenfalls vorab veröffentlicht wurde auch das Video zu Perfect Life, Wilsons Ausflug in den Trip-Hop. Katherine Jenkins liefert einen traurigen gesprochenen Text zu einem Massive-Attack-artigen Computerbeat. Als die Geschichte der beiden Mädchen aus dem Videoclip endet, löst Steven sie ab mit einer fast endlos wiederholten Zeile: "We've got, we've got a perfect life" - ebenso perfekt ist sein Harmoniegesang.

Mit Routine folgt der nächste Longtrack, beginnt mit sparsamen Klavierakkorden und leisem Gesang, kurz ist eine Meeratmo zu hören, danach baut sich der Song auf. Bei 2:43 hört man einen Knaben im ultrahohen Sopran, dann gibt es einen Fullstop. Mit 12-string-Fingerpicking baut sich langsam der zweite Teil auf. Der Bass greift zunächst die Gesangsmelodie zu einem kurzen Solo auf, dann hat Guthrie Gowan ein schönes Solo zu spielen, bevor Ninet Tayeb dann endlich singen darf. Und das macht sie großartig. Nach einem kurzen Vollgasteil kommt es dann zum Duett zwischen Ninet und Steven, mit dem dieser tolle Song wunderschön endet.

Mit Home Invasion geht es dann ordentlich ab. Die erste instrumentale Hälfte des Songs ist für die Headbangfreunde gedacht, ab ca. 3:00 geht es dann mit verzerrtem Gesang eher Richtung "erdiger Blues", nur unterbrochen von kleinen Schönklang-Traumsequenzen mit Mollakkorden und Harfenarpeggios.

Regret #9 schließt sich nahtlos an. Das klasse Minimoog-Solo könnte problemlos von Manfred Mann stammen, dann greift Gowan erneut ein. Hier darf er kurz mal übertreiben, das ist schon OK. Das Instrumental endet in Spielplatzatmo mit sparsamen Pianoakkorden und Banjogeklimper.

Transience ist ein eher klassischer, ruhiger Song mit Picking-Gitarren, der völlig ohne Drums und Bass auskommt. Nur ein Bass-Synthesizer darf ab und zu einen Tiefton einstreuen.

Vor dem nächsten Stück, dem 13:34 min langen Ancestral darf der Hörer ein paar Sekunden die Stille genießen. Einmal Luft holen, dann geht's los. Es beginnt wie ein normaler Song, nach gut drei Minuten wird es hymnisch, Wilson wirft hier alles auf einmal in die Waagschale, der Sound wird laut und mächtig, Gowan und Minnemann dürfen alles geben. Bei 5:03 kommt die vorhersehbare Zäsur, Ninet Tayeb beginnt mit tiefer Stimme den dritten Teil, so geht es eine Zeitlang weiter, zum Schluss wird der Song schneller und düsterer, seltsame Geräusche flirren von rechts nach links. Metal-Gitarren springen in die geschlagenen Breschen und geben dem Stück den Rest. Das klingt jedoch an keiner Stelle nervig oder abstoßend, sondern ist ein stets auf den Höhepunkt zusteuerndes Spiel mit den Erwartungen der Hörer. Großartig konzipiert und eingespielt. Trotzdem atmet man am Ende unwillkürlich etwas auf.

Netterweise wird gleich das Kontrastprogramm geliefert: Happy Returns ist anfangs wieder ein Leichtgewicht. Zu Piano und Akustikgitarren gibt es hier die beste Textzeile des Albums "Hey brother, I'd love to tell you I've been busy, but that would be a lie. 'Cause the truth is, the years just passed like trains - I wave but they don't slow down." - leider folgt gleich darauf die schlechteste: "Toodoodoodoo-dedeladaum-laum-ladadadaum-toodoodoo-dedlalaum". - Hand. Würde. Gern. Erasen! - Wilson schafft es jedoch nicht, diesen feinen Song damit zu verderben und wahrscheinlich hat er die kommenden Live-Shows im Sinn gehabt - die Sinnlos-Lallerei wird er wohl nutzen, das Publikum zum hymnischen Mitsingen zu animieren. Na, wenn das nicht mal zu kompliziert ist...

Ascendant Here On... ist dann sozusagen das natürliche Ausgeklimpere eines großartigen Albums. Wieder Spielplatzatmo, diesmal im Regen. Mütter, holt die Kinder rein! Toodoodoodoo-dedeladaum-laum!

Das Konzept des Albums wurde inspiriert vom tragischen Ende Joyce Carol Vincents, deren Tod in ihrer Wohnung mitten in London über zwei Jahre lang unbemerkt blieb. Als der Gerichtsvollzieher ihre skelettierte Leiche fand, liefen noch Fernseher und die Heizung. Als sie starb, war sie 38 Jahre alt; sie hatte Freunde und Verwandte, trotzdem hatte sie offenbar niemand vermisst. Wilson hatte den Dokumentarfilm "Dreams of a Life" gesehen, in dem versucht wird, ihr Leben zu rekonstruieren. Seine Geschichte weicht jedoch in vielen Details von dem realen Hintergrund ab. Die Einsamkeit seiner Protagonistin ist selbst gewählt, sie verbringt ihre Freizeit mit Fernsehen und Malen, nimmt für einige Zeit eine Katze in ihrer Wohnung auf, beteiligt sich vorübergehend auch in sozialen Medien und schreibt eine Art Blog, in dem sie ihr Leben reflektiert. Dieser fiktive Blog ist tatsächlich im Internet zu finden. Wilson hat sich dafür die URL handcannoterase.com reservieren lassen; die von ihm selbst verfassten Artikel finden sich aber auch in der großformatigen Deluxe-Edition des Albums, die einfach umwerfend aufwändig ausgestattet ist. Zwischen den hervorragenden Fotos von Lasse Hoile gibt es verschiedene faksimilierte Dokumente als Beilagen, darunter eine Geburtsurkunde, Zeitungsausschnitte, ein Mixtape-Inlay und handgeschriebene Hefte mit Zeichnungen und seltsamen Geschichten.
In ihrem Blog schildert die Frau merkwürdige Beobachtungen sowohl an Fremden, die sie aus ihrem Fenster beobachtet, als auch an sich selbst. So verlässt sie eines Nachts ihre Wohnung, weil sie sicher gehen will, dass ihr Telefonanschluss noch funktioniert, obwohl seit Ewigkeiten niemand mehr angerufen hat. Sie geht in eine Telefonzelle und wählt ihre eigene Nummer. Zu ihrem Erstaunen nimmt jemand ab und spricht mit ihr. Als sie wieder in ihre Wohnung zurückkehrt, ist dort jedoch niemand mehr. Der Blog endet mit dem letzten Eintrag am 2.3.2015; schon zuvor war von mysteriösen "Visitors" zu lesen, denen die Protagonistin Rede und Antwort stehen muss. Offenbar wurde sie schließlich von Ihnen mitgenommen, wohin auch immer. Der Leser assoziiert Ufos und Entführung durch Außerirdische - Wahnvorstellungen allgemein. Eine tragische, verstörende Geschichte, die die Texte seiner Songs illustriert und zum Teil in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. So könnte sich das infantil anmutende "Toodoodoo..." in Happy Returns letztlich als die schnelle Erschöpfung der Protagonistin bei ihrem Versuch erklären, ihrem Bruder einen Brief zum Geburtstag zu schreiben. Sie stellt fest, dass sie eigentlich nichts über ihn weiß, außer, dass er Frau und zwei Kinder hat und ihm letztlich auch nicht viel zu sagen hat. Sie bringt den Brief nicht zuende, "I'm feeling kind of drowsy now, so I'll finish this tomorrow" sind ihre letzten Worte und auch die letzte Textzeile des Albums. In Joyce Vincents Wohnung fanden sich bereits verpackte Weihnachtsgeschenke, weshalb man davon ausgeht, dass sie kurz vor Weihnachten 2003 gestorben sein muss. Die genaue Todesursache konnte nicht mehr festgestellt werden.

Exklusiv in der Deluxe-Edition gibt es eine zweite CD mit den Demos zu einigen Albumstücken. Wie nicht anders zu erwarten, sind diese von Wilson offenbar weitgehend im Alleingang eingespielten Demos in perfekter Tonqualität aufgenommen und erlauben einen unverstellten Blick auf die Entwicklungsphase seiner Musik. Es wird erkennbar, dass er die Arrangements speziell für seine Musiker konzipiert hat, die die Stücke dann später ohne allzu große Veränderungen interpretiert haben; die vorgesehenen Freiräume sind hier gut erkennbar, aber auch, dass einige wichtige Ideen erst später hinzu gekommen sind. So fehlt die erwähnte Hookline in 3 Years Older und Hand. Cannot. Erase. ist länger und hat einen völlig anderen Text. Erwähnenswert sind auch die beiden Stücke, die es nicht aufs Album geschafft haben: Key of Skeleton ist ein filmmusikartiges Instrumental mit schweren Streichern und Mellotron-Klängen, das am Ende richtig finster wird. Last Regret ist nichts anderes als die Fortsetzung von Happy Returns, mit einigen weiteren Zeilen an den Bruder, die eine Art Fazit des Lebens der Protagonistin als alternatives Ende beinhalten.

Die Blu-ray hat neben dem großartigen 5.1-Surroundmix, der viele Details offenbart, die dem Stereohörer verborgen bleiben, einige zusätzliche Tracks, die auch nicht uninteressant sind. Neben den Radio Edits von Hand. Cannot. Erase. und Happy Returns ist die "Ninet solo vocal version" von Routine erwähnenswert, ebenso der Alternativtake von Regret #9 mit einem völlig anderen Synthiesolo. Fast klassisch mutet die Zusammenfassung der Piano Themes from 'Hand Cannot Erase' an, ein 2:20 kurzer, virtuos gespielter Schnelldurchlauf, der wie eine eigens angefertigte Komposition klingt. Perfect Life kommt als "Grand Union Mix" mit dem gesprochenen Text fast komplett ohne unterliegende Musik und läuft danach noch gute fünf Minuten als ausladende Trip-Hop-Hymne weiter. Zusätzlich gibt es das gesamte Album auch noch als Instrumentalversion - da bleiben keine Wünsche offen.



Fazit: Nach allem, was ich bisher von Steven Wilson gehört habe, ist das hier der Höhepunkt seines Schaffens - eine Steigerung scheint kaum noch möglich, aber derzeit mag ich ohnehin nicht daran denken, wie es beim nächsten Album mit ihm weiter gehen könnte. Verglichen mit seinem Vorgänger ist dieses Album kompositorisch deutlich stärker - die Musiker konnten sich offenbar an gut ausgearbeitete Strukturen halten. Kein Wunder, dass die Improvisationen hier deutlich zurückgefahren scheinen, was das Album bei aller Schwere und Tiefgang, die es zweifellos hat, dennoch insgesamt deutlich leichter konsumierbar macht. Textlich kann man Wilson diesmal kaum etwas vorwerfen, insbesondere die Hintergrundgeschichte erscheint mysteriös und faszinierend zugleich, entsprechend gibt es viele starke Momente in seinen Lyrics, die sich einprägen.
Wenn es einen kleinen Wermutstropfen gibt, dann den, dass Wilson nach wie vor seine Unsitte pflegt, Melodien gern mal mit absurd-infantilen Ad-Libs aufzufüllen, was wirklich nicht sein müsste. Ich habe jedenfalls jetzt einen Ohrwurm: "Turaluraluralu - ich mach bubu was machst du..."

Freitag, 2. Januar 2015

ROBERT REED - Sanctuary (2014)


Um es gleich vorauszuschicken: Dieses Album ist eine einzige Hommage an das Frühwerk von Mike Oldfield. Und es wirkt ebenso: nach dem dritten oder vierten Mal bleiben die Melodien hängen und man freut sich immer schon auf den nächsten Part. Aufgeteilt ist es wie bei den Vorbildern in zwei LP-Seiten-lange Stücke, Sanctuary part 1 & 2. Beide Teile beginnen recht verhalten mit stehenden Tönen und steigern sich zum Ende hin, wobei nach der Climax ein kleines akustisches Stückchen einen besinnlichen Ausklang liefert. In der Struktur ist das genauso wie bei "Tubular Bells", "Hergest Ridge" und "Ommadawn". Wer diese Alben mag, ist mit "Sanctuary" bestens bedient.

Robert Reed, der Kopf der walisischen Progband "Magenta" und da eigentlich Keyboarder, spielt hier die meisten Instrumente selbst, die unvermeidlichen Röhrenglocken eingeschlossen. Alles, was er spielt, sei echt, keine Samples, behauptet er in einem Promo-Interview, das sich in seinem YouTube-Kanal findet. Das kann man beruhigt glauben, denn für die Akribie, mit der Reed hier die Oldfield-typischen Sounds rekonstruiert hat, ist Authentizität die oberste Voraussetzung. Nach den inzwischen hochbetagten Analogsynthesizern wird er lange gesucht haben, die meisten der Orchesterinstrumente konnte er sich zum Glück leihen, jedoch, so Reed, sei es nicht leicht gewesen, sich die jeweiligen Spielfähigkeiten von Glockenspiel, Marimbas und Orchesterbecken anzueignen. Aber das Ergebnis stimmt bis ins kleinste Detail - selbst die leicht verstimmten Flöten vom Anfang von "Hergest Ridge" finden sich auf "Sanctuary" wieder und wer bisher geglaubt hat, dass Oldfields Sologitarrensound, bedingt durch seine spezielle Spielweise (als gelernter Bassist natürlich stets ohne Plektrum) einmalig sei, wird hier unschwer eines Besseren belehrt, so originalgetreu klingen auch die vielen eingestreuten Soli. Der "Glorious Reedaphonic Sound" (eine weitere Anspielung auf die typischen Oldfieldschen Albumcredits) mag alt oder besser: altbekannt sein, neu sind jedoch die Melodien, die ihm ebenso gut gelungen sind wie Mike Oldfield vor nun über 40 Jahren.

War ich anfangs mehr als skeptisch, ob ein solcher Ansatz an der Grenze zum Plagiat funktionieren kann, war ich schon ab dem zweiten Durchgang problemlos der Faszination erlegen. Hätte nicht gedacht, jemals wieder neue Musik in diesem Stil hören zu können. Reed schafft hier konsequent und ohne zu plagiieren seine eigenen Räume in einem vorgegebenen Universum und er begeistert mich insbesondere da, wo er ansatzweise auch beim Sound innovativ wird. Das kommt hier zugegeben nicht oft vor - und war ja auch ganz offensichtlich nicht seine Intention - aber es stecken hinter der bekannten Fassade viele neue kluge Ideen, die "Sanctuary" auch lösgelöst vom Oldfield-Kanon als durchaus wertvoll erscheinen lassen.

Die CD/DVD kommt in einer schmalen und einfach gehaltenen Hochglanz-Pappkarton-Faltverpackung, sieht also Vinyl nicht unähnlich, abgesehen von der Größe natürlich. Die Discs werden allerdings innen herausgenommen, dabei hilft ein kleiner Ausschnitt. Das Artwork ist stimmig und sieht nicht billig aus, das Frontfoto ist hübsch; innen sieht man Robert im Studio mit seiner geliehenen Instrumentensammlung und dem Hämmerchen in der Hand vor den Tubular Bells. Die übliche lange Liste der Instrumente, die zum Einsatz kamen, steht hinten auf dem Cover und man bekommt sie auch als Standbild bei der DVD zu lesen.

Der Surroundmix klingt überzeugend, er gibt der Musik noch mehr Raum und Tiefe, teilt die dichten Klangteppiche auf in überschaubarere Einheiten. Einige wenige Male wandern Instrumente im Raum. Die Speaker hinten haben genauso viel zu tun wie die vorderen. Dies gelingt besser als die jüngsten Surroundmixe Oldfields, der sich, nun da die Neuausgabe seiner Alben mittlerweile bei seinen mittachtziger Popalben angekommen ist, zuletzt bei "Crises" deutlich verhoben hatte. Zusätzlich auf der DVD gibt es auch die Stereofassung in 24/96 LPCM, sowie die drei Videos, die auch bei YouTube zu sehen sind.

Co-produziert, abgemischt und gemastert wurde das Album übrigens mithilfe des Teams der originalen "Tubular Bells", Tom Newman und Simon Heyworth. Man darf also davon ausgehen, dass es diesen beiden auch gefallen hat.
Ich habe das Album jetzt so oft gehört, dass es für mich problemlos in einer Reihe mit den Vorbildern steht. Oldfields Alben ab einschließlich "Incantations" hat Robert Reed mit "Sanctuary" auf jeden Fall locker überholt, zu den ersten drei ist vielleicht noch ein wenig Luft, aber es ist auf jeden Fall verdammt knapp!

Freitag, 5. Dezember 2014

ROBERT PLANT - lullaby and... The Ceaseless Roar (2014)

Abb. Nonesuch/Warner
Ich schicke mal voraus, dass ich kein Led Zeppelin-Fan war oder bin. Es ist nicht so, dass ich diese Band nicht mag, sie hat mich vielmehr nur relativ kalt gelassen. Sicher gibt es eine ganze Reihe herausragender Songs und da, wo Stairway to heaven als bester Song der Rockgeschichte ever abgeschnitten hat, war diese Wahl für mich durchaus nachvollziehbar. Das vierte, namenlose Album befand sich lange als einziges in meiner Sammlung, später kam noch "III" dazu, mit diesem hübschen Artwork mit den Löchern und der drehbaren Scheibe dahinter. Ein Freund hatte mir damals mal "Physical Graffiti" geliehen, auch hier gab es ein nettes durchlöchertes Artwork zum Rumspielen, aber die Musik hatte mich als damals gerade mal 15jährigem doch ziemlich überfordert. Robert Plants Soloalben hatte ich anfangs noch mitverfolgt - klar, denn an den ersten beiden war ein gewisser Phil Collins beteiligt. Ich erinnere mich dann an 29 Palms auf MTV und fand den Song ziemlich gut. Später jedoch verlor sich Robert Plants Spur für mich. Ende Oktober war ich in einem HMV-Laden in einer südenglischen Kleinstadt und musste die Verkäuferin fragen, was denn da für eine eigenartige Musik über die Beschallung zu hören war. Sie meinte, das sei das neue (großartige) Robert Plant-Album. Das machte mich neugierig.

Seit ein paar Tagen läuft es nun fast ununterbrochen auf meinem iPhone und ich finde es mit jedem Durchlauf besser. Der erste Eindruck: eigenartig - trifft es nach wie vor; das Album klingt doch recht ungewöhnlich. Plants Stimme ist stark zurückgenommen, sehr verhalten, man hört ihn nie schreien. Stattdessen sind ein bis zwei ziemlich großartige Gitarren zu hören, im Panorama meist ganz nach links und rechts verteilt, die keine Soli spielen, dafür einige leicht angezerrte Lick-Miniaturen und viele geniale Riffs und meist das Klangbild auf diese Weise dominieren. Einen konventionellen Schlagzeugsound gibt es nirgendwo zu hören; die Drums klingen leicht verzerrt und sehr "noisy"; auf Hi-Hats oder Becken wird die meiste Zeit verzichtet, dafür stammen einige Patterns deutlich hörbar von Drumcomputern. Ein wenig so wie Peter Gabriel das bei seinem dritten Album von 1980 erstmals exerzierte (interessanterweise wurde das Album in Teilen in Gabriels Real World-Studio in Bath aufgenommen). Darüber liegen dann einige akustische/exotische Folkinstrumente wie Banjo, Djembe, Tehardant und Bendirs (was immer das alles sein mag). Darunter pulsiert ein federnder, treibender Bass und einige Synthie/Sequencer-Sprengsel fügen alles zu einem dichtgewebten Klangteppich zusammen, den ich so noch nirgendwo gehört habe.

Das Album beginnt mit dem Traditional Little Maggie und zwei akustischen Instrumenten, eins davon vermutlich ein Banjo. Später kommt etwas Fiddle-artiges hinzu, das eine sehr repetitive Melodie darüberlegt. Rainbow, auch als Single ausgekoppelt, ist gleich danach so etwas wie die Blaupause des Albums. Ein starker, simpler Groove, tolle Vocals und eine geniale Gitarrenlinie treiben eine sehr eingängige Melodie nach vorn. Der Mittelteil erinnert erstmals ein wenig an Led Zeppelin, der Männerchor allerdings auch wieder nicht. Pocketful of Golden beginnt mit einem Didgeridoo über einem nicht variierten Drum-Loop. Plant singt hier wie ein Schlafwandler, dadurch bekommt der Song etwas Hypnotisches. Auch Embrace Another Fall beginnt mit einer Art Traumsequenz, darüber dann ein exotisches Saiteninstrument mit leicht fernöstlichem Einschlag. Gastsängerin Julie Murphy singt irgendetwas walisisches, die Melodie könnte jedoch genauso gut aus Nordafrika stammen. Turn it up ist dann so nah am traditionellen Rock und am Zeppelin, wie das hier nur möglich scheint. Die schweren Blues-Gitarrenriffs stehen ganz weit vorn und man wird so ein wenig an Kashmir erinnert. A Stolen Kiss ist dann das genaue Gegenteil, eine pianodominierte Ballade mit einer schönen Melodie, sehr ruhig und verhalten. Der Albumtitel ist einer Zeile dieses Songs entnommen. Ein Schlaflied ist es dennoch nicht, denn es bleibt bis zum Ende spannend, der tiefe Männerchor ist wieder zu hören und am Ende singt ein feines E-Bow-Solo. Somebody There wäre wohl der nächste Single-Kandidat. Der Refrain ist unglaublich catchy und die Gitarrenlinien wieder so, dass man kaum genug davon bekommen kann. Poor Howard ist wieder traditioneller/akustischer, was überwiegend natürlich am hier dominierenden Banjo liegt. Ich habe in den Credits nachgeschaut - es ist kein Traditional, worauf ich ansonsten gewettet hätte. House of Love beginnt mit einer leisen E-Bow-Gitarre und entwickelt sich gleich zum nächsten Album-Highlight. "Ooo, when I think about it no-oow" singt Plant über einen pulsierenden Groove mit oktavierendem Wechselbass und das ist einfach umwerfend. Up on the Hollow Hill (Understanding Arthur) ist dann ein ziemlich finsteres Werk mit sehr bluesigen Anlagen bevor das Album mit dem kurzen Stück Arbaden (Maggie's Baby) einen würdigen Abschluss findet. "Badimbadimbadimbadim" singt jemand in einer exotischen Sprache, das klingt erstmal lustig - dann variiert Plant das Thema des Openers erneut, bevor sich der Geräuschteppich langsam der Ausblende ergibt.

Ich denke ich werde mich jetzt mal in Plants Back-Katalog einhören, vielleicht gibt es da noch die ein- oder andere Perle zu entdecken...


Freitag, 15. August 2014

Background: Progressive Rock - wasndas?

Heute mal was Einfaches: wir definieren "Progressive Rock"...
Es gibt Webseiten, die das sehr schön auf den Punkt bringen, z.B. cracked.com:
  1. Progressive rock is categorized by a sacking of traditional song structure, complex rhythms, odd time signatures and a sense of inherent superiority over other rock genres
  2. Because of this, it's pretty much never been popular
  3. It is the only rock genre in which the term "flute solo" has any meaning
Leider ist es dann doch nicht ganz so einfach. Zuletzt hatte prog.teamrock.com mal wieder eine (ernstgemeinte) Liste der besten 100 Prog-Alben veröffentlicht, auf der absurdeste Scheiben zu finden waren, die nicht im Mindesten dazugehören - dafür fehlten natürlich wichtige Alben. Nun kann man sagen, OK, Geschmacksache, aber das wäre auch wieder eine unzulässige Vereinfachung. Also räumen wir zuerst mal mit den Missverständnissen auf:

"Progressive" ist kein eigenes Genre!
Das kann man schon an der Wortart erkennen; es ist klar und deutlich kein Substantiv, sondern nur ein Adjektiv. Der vollständige Begriff lautet: "Progressive Rock"; wörtlich übersetzt also "fortschrittliche Rockmusik". Das zugehörige Genre lautet also: "Rock".
Eine Feststellung, ob Musik fortschrittlich ist oder nicht, kann nur in Bezug auf einen Vergleich mit anderer Musik desselben Genres erfolgen. Gemessen und gewertet wird der Innovationsgehalt eines Albums, eines Musikstücks oder eines Künstlers. Jemand, der einmal in seiner Karriere ein progressives Album veröffentlicht, aber sich sonst nur selbst kopiert hat, kann nicht per se ein progressiver Künstler sein. Ohnehin neigen ältere Künstler eher dazu, sich weniger häufig neu zu erfinden - die Kreativität lässt ganz allgemein nach, je näher man dem Rentenalter kommt. Eric Clapton war sicherlich ein Innovator in den 1960er Jahren, als man ihm den Gottstatus verleihen wollte, aber ich habe nicht mitgezählt, seit wieviel Jahrzehnten der Herr schon langweilt. Es kommt also auf Anderes an.

1970 galt auch ein Album wie "Deep Purple In Rock" als "progressive", obwohl es aus heutiger Sicht eher zum "Dadrock" gerechnet wird. Das hat aber wohl eher mit der geringen Innovationsleistung zu tun, die Deep Purple in den 20 Jahren danach zuwege gebracht hat. Im Rückblick wird halt zuwenig darauf geachtet, welchen "Impact" ein Album bei seinem Erscheinen ausgelöst hat. Ich halte diesen Faktor jedoch für essentiell.
Vielfach wird eingewandt, ein kommerziell erfolgreiches Album könne nicht gleichzeitig auch "progressive" sein, was natürlich völliger Unsinn ist. "Sgt. Pepper" - der Archetyp eines progressiven Rockalbums -  war nach Ohrenzeugenberichten 1967 ein absoluter Hammer, der selbst eingefleischte Beatles-Fans fassungslos zu Boden schmetterte. Gleichzeitig war es überaus erfolgreich.
So ist "The Dark Side Of The Moon" sicherlich ein progressives Album - Pink Floyd haben es damit zum ersten Mal meisterlich geschafft, solide Kompositionen mit elektronischen, experimentalen (Ambient-) Sounds und Geräuschen zu verbinden. Das hatten sie zwar auch schon zuvor versucht, jedoch nicht mit dieser songdienlichen Stringenz.

Wichtiger als Verkaufszahlen erscheint doch, dass das Produkt zu einem "Fortschritt" in der Rezeption des Publikums (eingeschlossen weitere zeitgenössische Rockmusiker oder -bands) geführt und damit eine nachhaltige Wirkung ausgelöst hat, die die weitere Historie des Genres "Rock" maßgeblich geprägt hat. Leider hat es nicht allzu viele Alben in der Geschichte der Rockmusik gegeben, die gleichzeitig erfolgreich und progressiv waren, dennoch schließen sich diese Parameter nicht gegenseitig aus.

Kriterium ist für mich eindeutig die Originalität, die in einer Aufnahme steckt - das Variieren einer bereits bekannten oder beliebten kreativen Idee kann sicherlich ebenfalls kreativ sein, jedoch geht nichts über die Originalität.
Was heutzutage als "Prog" gilt, ist jedoch meist besser in der Schublade "Retro" aufgehoben. Gesampelte Mellotronsounds können sicherlich trotzdem nett klingen. "Retroprog" (diese absurde Wortschöpfung gibt es tatsächlich) ist ein kläglicher Versuch, ein Label zu finden für all die Epigonen, die den Progressive Rock von damals mit alten Stilmitteln und Sounds wie eben Mellotron nachahmen - also eigentlich nur "retro" sind.
The Watch zum Beispiel. Oder Steven Wilson - der ist als ausgewiesener Progfan dafür gut, immer mal eine alte Idee als Hommage einzustreuen (siehe Watchmaker von seinem Album "The Raven that Refused to Sing" - eine Collage aus Genesis' Cinema Show meets Pink Floyds Dogs). Aber "fortschrittlich" oder "originell" ist das im eigentlichen Sinn nicht - und ist dann auch sicher nicht so gemeint.

Viele Fans (und Musiker) verwechseln Virtuosität mit Kreativität. 
Das konnte man zuletzt sehr schön bei den Lobeshymnen sehen, die aus dem Proglager auf Steven Wilsons "Raven" angestimmt wurden. Es handelt sich dabei um eine Grundfehlannahme, die seit den frühen 1970er Jahren immer wieder getroffen wird und vermutlich dem Einfluss der Improvisation (also Blues und Jazz) auf die Rockmusik geschuldet ist. Insbesondere wurde der Jazz, nachdem er in den 1950ern langsam aus der Mode kam, allmählich ein Lieblingskind vorzugsweise elitärer Kreise, seine Protagonisten als musikalische Genies gefeiert - heute ist Jazz ungefähr so innovativ wie Barockmusik, was man auch an seinen abendgarderobierten "Fans" erkennt, die längst zum Hochkulturestablishment gehören.
Rockfans, die sich anfangs eher am unteren Ende des sozialen Spektrums sahen, begrüßten diese Einflüsse daher von Anfang an, weil sie ihre Lieblingsmusik dadurch aufgewertet sahen. Dabei wird übersehen, dass ein Gitarrensolo an sich ist jedoch nur selten progressiv ist, auch nicht, wenn es 20 Minuten dauert oder ausschließlich aus 64tel Noten besteht.

Will man das Adjektiv jedoch konsequent nur an solche Rockmusik vergeben, die es auch verdient hat, kommt man nicht umhin, seinen persönlichen Geschmack in die Ecke zu stellen und stattdessen einen Blick in die Musikhistorie zu werfen, denn nur so lässt sich beurteilen, wann eine Idee wirklich neu war, oder ob wieder mal nur Epigonen am Werk waren.
Beispiel 1: ich halte Pink Floyds "The Division Bell" für ein tolles Album, das ich sehr gern höre, aber es ist nun mal nicht "progressive" (wäre es 20 Jahre früher erschienen sicher gewesen).
Beispiel 2: King Crimsons "In the Court of the Crimson King" ist sicherlich unbestritten ein bahnbrechendes Album des Progressive Rock, allein ich mag es nicht wirklich (ich besitze es trotzdem).

Montag, 21. Juli 2014

JETHRO TULL - A Passion Play (1973/2014)

Die Neuausgabe der klassischen Jethro Tull-Alben schreitet weiter voran. Nun liegt also "A Passion Play" in überarbeiteter Edition vor. Die schmucke Box trägt den Untertitel: "An Extended Performance" - was sich auf die ebenfalls enthaltenen Chateau d'Herouville-Sessions bezieht.

Abb.: Parlophone/Warner Music
Wie gewohnt ist die Abmischung unspektakulär großartig - Steven Wilson geht wie immer sehr behutsam vor und schafft den Spagat, den Altsound nicht allzu stark zu verändern und trotzdem die neuen Möglichkeiten durch das erweiterte Panorama zu nutzen.

Bei mir hat es dazu geführt, dass ich das Album erstmals tatsächlich genießen konnte, denn plötzlich ist durch den Wilson-Mix eine klare Struktur erkennbar. Vorher fand ich einfach keinen Zugang dazu, gar nicht mal, weil es etwa zu sperrig gewesen wäre, sondern weil es hier zuwenig zu geben schien, was im Gedächtnis bleiben konnte. Scheinbar fehlen "A Passion Play" für ein Werk dieser Länge die offensichtlichen Themen, die einen Wiedererkennungseffekt bewirken konnten. So gibt es bei vergleichbaren Konzeptalben ja oft ein Eingangsthema, das sich dann auch am Ende wiederfindet. Solche Elemente sind bei "A Passion Play" tatsächlich schwieriger auffindbar, aber es gibt sie, verborgen unter einem Überangebot an Ideen, die hier dazu führen, dass viele davon einfach so verpuffen, weil sie nur kurz angerissen werden und dann, von der nächsten gejagt, verschwinden und nie wieder kommen. Soviel Kreativität nutzen andere Bands für vier oder fünf Alben. Umso erstaunlicher, wenn man sich die interessante Entstehungsgeschichte des Albums zu Gemüte führt, die im Booklet ausführlich beschrieben wird - wird da doch erst klar, dass es in nur wenigen Tagen komponiert und eingespielt wurde - obwohl bei den vorhergehenden Sessions in Frankreich eigentlich bereits genug Material erarbeitet worden war, hatte man praktisch nochmal bei Null angefangen.

Die Tapes der Chateau d'Herouville-Sessions sind daher auch die eigentliche Überraschung des Gesamtpakets. Erstmals sind sie vollständig und in der korrekten Reihenfolge - endlich enthalten nun auch die Urversion von Skating away on the thin ice of the new day - immer schon mein Tull-Lieblingssong. Lediglich die Nonsense-Geschichte vom Hare who lost his spectacles, die seinerzeit für "A Passion Play" übernommen und überarbeitet wurde, konnte nicht wieder in den Chateau-Urzustand rückversetzt werden. Befreit von den zusätzlichen Flötentönen und der kitschigen Soundanmutung der späten 1980er Jahre, die für die Erstveröffentlichung der meisten Stücke auf diversen Samplern in dieser Zeit hinzugefügt worden waren, sind die Sessions jetzt erstmals wirklich anhörbar - und erstaunlicherweise gar nicht unbedingt schlechter als das eigentliche Album! Wilsons Ziel war, die Sessions so klingen zu lassen wie das reguläre Album - das ist ihm vollauf gelungen und so macht es Spaß, Album und Sessions direkt hintereinander zu hören.

Design und Ausstattung des Pakets sind vorbildlich, ebenso die Auswahl der Fotos und Memorabilia. Die Texte sind ausführlich und interessant - gut, auf die zwei Seiten mit den Tourdaten 1974 hätte ich verzichten können, aber das war es auch schon, was ich hätte kritisieren können. Schön auch, dass es im selben Format wie die Neuausgabe von "Thick as a Brick" kommt, so stehen die beiden Deluxe-Editionen nett beieinander im Regal. Schade nur, dass nicht auch "Aqualung", "Benefit" und "Stand Up" in diesem Format erschienen sind.

Samstag, 21. Juni 2014

GENESIS - Inside and Out (Song, 1977)

Dieser relativ unbekannte Genesis-Song (Erstveröffentlichung 1977 auf der 7"-EP "Spot the Pigeon") steht bekannteren Klassikern wie Cinema Show oder One for the Vine in nichts nach. Einem ruhigen, akustisch gehaltenen Anfang folgt ein schöner Refrain mit mehrstimmigem Gesang und perfekten Drum-Rolls bei der Wiederholung, untermalt mit einer großartigen Basslinie. Das Arrangement steigert sich stetig, um dann zur Hälfte der Laufzeit in ein furioses Uptempo-Instrumental zu münden, in dem buchstäblich alle Register gezogen werden. Es gibt tolle Solos von Keyboard und Leadgitarre, garniert mit einfallsreichen Arpeggios und tiefen Bass-Drones. Was will man mehr? - Wenn wir damals gewusst hätten, dass wir so etwas schon beim nächsten Genesis-Album schmerzhaft vermissen würden...

Dass Inside and Out nicht auf dem W&W-Album gelandet ist, hatte sicherlich keine qualitativen Gründe - auch bandintern galt der Song mindestens als gleichwertig gegenüber den Albumtracks, ansonsten hätte er sicher nicht All in a mouses's night von der Setlist der Wind & Wuthering-Tour 1977 verdrängen können. Ich vermute, ausschlaggebend war neben der Länge des Songs letztlich die Ähnlichkeit des ersten Teils mit Your own special way. Beide Songs gingen nicht, also hatte man sich einfach für den kürzeren entschieden.


Quelle: Wikipedia
Dass dieser Song im Übrigen keine beliebige Single-B-Seite war - auch nicht in der Wertschätzung der Band - kann man daran erkennen, dass er eben nicht auf einer Single-B-Seite landete, sondern auf einer exklusiven EP! Die beiden anderen enthaltenen Songs Match of the day wie auch Pigeons kamen sicherlich nicht für das Album infrage; beide waren schon eher Outtakes im eigentlichen Sinn. Jedoch wurde für Match of the day immerhin sogar ein Video gedreht und einen Top-of-the-pops-Auftritt bei der BBC hatten sie auch damit. Erst ein paar Jahrzehnte später fingen sie an, sich offenbar für den Text zu schämen, weshalb der Song - sehr zum Ärger der Fans - nicht im zweiten "Archive"-Box-Set enthalten war. Auch Pigeons war ein durchaus interessanter Song; ein kleines musikalisches Experiment, bei dem sie sich die besondere Mühe gegeben hatten, einen Ton die ganze Laufzeit über stehen zu lassen und darunter alle möglichen Akkorde, die diesen Ton beinhalteten, zu variieren. Der Text war eher ein Leichtgewicht - es ging um Taubenscheiße auf dem Dach des Außenministeriums -  wurde aber immerhin für den Titel der EP genutzt: "Spot the Pigeon" - übrigens ein Wortspiel mit "Spot the ball" - einem damals in UK sehr beliebten Zeitungsrätsel, bei dem der Ball aus einem Foto mit einer Fußballszene herausretuschiert wurde und der Leser seine Position dann anhand der Bewegungen oder Blickrichtungen der abgebildeten Personen erraten musste.

Dazu muss man wissen, dass sich EPs (Abk. für "Extended Play") seit den 1950er Jahren besonders in UK zu einem eigenen Kunstformat entwickelt hatten. Es handelte sich um eine äußerlich normale 7"-Schallplatte, wie sie für Singles verwendet wurde, jedoch mit mehr als nur zwei Stücken, die ähnlich wie bei einer Langspielplatte mit einem vergrößerten Rillenabstand sichtbar auseinander gehalten wurden. Um die gegenüber einer normalen Single verlängerte Spieldauer zu ermöglichen, wurden EPs mit geringerer Rillenauslenkung (= Lautstärke) oder mit 33,3 statt 45 U/min geschnitten. In der Regel hatten EPs einen eigenen Titel, der wie ein Albumtitel oft nicht identisch mit dem Titel eines der vorhandenen Songs war. EPs hatten zudem im sofort erkennbaren Unterschied zu normalen Singles immer auch ein Picture Cover - normale 7"-Singles hatten in den UK bis weit in die 1970er Jahre hinein nur eine neutrale Hülle mit dem Logo der Plattenfirma und einem Kreisausschnitt für das Label!

Anfangs stellten EPs meist Kompilationen aus früher erschienenen Singles dar oder beinhalteten Songs einer parallel erscheinenden LP. Die Beatles brachten jedoch mit "Long Tall Sally" 1964 erstmals eine EP mit vier (für den UK-Markt) neuen Songs heraus und es waren auch die Fab Four, die das Format mit der 1967 erschienenen Doppel-E.P. "Magical Mystery Tour" mit sechs neuen Songs, Foldout-Cover und eingeheftetem Fotobuch zum Höhepunkt führten. Daher war eine EP -zumindest in UK- immer etwas Besonderes.

Nebenbei bemerkt war "Spot the Pigeon" keinesfalls die erste Genesis-EP, denn bereits 1972 gab es eine "Nursery Cryme"-EP mit drei Tracks (wenn auch nur als Promo) und eine weitere EP mit vier Tracks vom "The Lamb lies down on Broadway"-Album erschien 1975 in Brasilien.

Donnerstag, 16. Mai 2013

STEVEN WILSON - The raven that refused to sing (and other stories) (2013)

Vielleicht ist es noch zu früh, nach eindreiviertel Durchläufen des Albums schon meine Eindrücke aufzuschreiben, aber ich versuche es trotzdem mal. Muss vorausschicken, ich habe mir die CD+DVD-Version besorgt, weil ich die Verpackung der BluRay einfach mies finde. Das ist die übliche blau-transparente Plastikschachtel mit der billigen Folie außendrum, in der ein simples, einseitig bedrucktes Blatt liegt. Passt nicht im Entferntesten zum Artwork des Albums. Es soll zudem auch nur ein achtseitiges Faltbooklet enthalten sein statt des 40seitigen Booklets der Digipak-Deluxe-Ausgabe. DTS 24/96 ist ohnehin genauso gut wie Master HD von der BluRay und ob ich die Instrumentalversionen der einzelnen Songs brauche, weiß ich noch nicht. Ohnehin ließen sie sich nicht an einem Stück hören, was ich recht ärgerlich fände.
Grafisch finde ich die Vepackung der mir vorliegenden Ausgabe schon mal hervorragend. Illustrationen und die spärlich eingesetzte Typografie harmonieren geschmackvoll und bereits jetzt ist festzustellen, dass es sehr gut zur Musk passt.

Die Musik, ach ja:

Luminol ist jetzt nach dem vierten Durchlauf schon fast "gewohnt" (die ersten zwei Male hab ich die Stereoversion des "VISIONS"-Samplers gehört). Und es ist schon seltsam: hat man anfangs noch das Gefühl, nicht zu verstehen, was die einzelnen Passagen miteinander zu tun haben, verschwindet das nach mehreren Durchläufen und das große Ganze wird sichtbar. Der Surroundmix fächert das Klangbild sehr schön auf und die anfangs recht lang und anstrengend erscheinenden 12 Minuten erscheinen plötzlich leichtgewichtiger. Nick Beggs tritt ein paar Mal deutlich hervor und auch bei Theo Travis' Tröten hätte es gut auch eine Nummer kleiner getan. Gefällig sind dagegen die jederzeit vertraut klingen Mellotron-Flöten, die spontan an Moody-Blues-Paradestücke erinnern. Etwas weniger Sologedudel und das Stück wäre richtig gut.

Drive Home
kommt dagegen fast schon poppig herüber, erinnert an Blackfield-Glanzzeiten oder Lazarus. Pink Floyd schimmert hier sehr stark durch, auch weil eine Slide-Gitarre zu hören ist. Dazu ein feines Orchester, alles schön ausbalanciert und auf Schönklang optimiert. Leider drehen Sologitarre und Drums gegen Ende hin etwas durch, aber nur kurz. Melodisch hätte es hier ruhig ein wenig mehr sein dürfen.

The Holy Drinker fängt ohne erkennbare Struktur an, alle Instrumente scheinen munter drauflos zu improvisieren, nur gehalten von einem kurzen, sich regelmäßig wiederholenden Unisono-Riff. Nach einer kurzen Zäsur beginnt dann der Gesangspart, der recht spannend klingt, allerdings nach kurzer Zeit schon erkennen lässt, dass es hier ebenfalls keine richtige Melodie gibt. Jetzt fängt langsam der Drummer an zu nerven, dessen Ziel es offenbar ist, keinen einzigen Groove zuzulassen. Immer wenn man denkt, jetzt geht es aber mal ab, schiebt er einen schaut-mal-wie-toll-ich-bin Absurdbreak ein, der den Rhythmus schreddert und wenig Wohlbehagen zulässt. Ich muss gestehen, ich habe ein Problem mit Freejazz und mich nervt das Gedudel schnell. Zum Glück dauert es hier nicht immer allzu lang und wird durch eingeschobene, durchaus interessante Passagen unterbrochen. Eine zweite Gesangspassage, extrem ruhig, wird abgelöst von krachenden, Metal-mäßigen Gitarrentönen, auf die wiederum ein Mellotron-Chor ertönt. Mit leisem Wolfsgeheul klingt das Stück aus.

The Pin Drop erinnert stark an Pink Floyds Animal-Album, leider singt Wilson hier anfangs in einer Tonlage, für die seine Stimme definitiv nicht gemacht ist. Später gibt sich das zum Glück und sorgt für den vielleicht stärksten Moment auf diesem Album. Seine anhaltende Melodieschwäche scheint er im Mittelteil mit einer Art Kinderlied-Anleihe kompensieren zu wollen, das hilft ihm aber auch nicht viel weiter. Dennoch ein ganz starker Song.

Bei The Watchmaker war ich gestern abend beim ersten Hören tatsächlich eingeschlafen, obwohl es erst kurz nach halb elf war, wo ich eigentlich noch hellwach zu sein pflege. Die bereits viel geäußerten Genesis-Zitate waren mir jedoch gestern bereits aufgefallen - der Song klingt anfangs wie eine Mischung aus Supper's Ready und Cinema Show. Hab ich keine Probleme mit, im Gegenteil. Für Wilsons Verhältnisse klingt der Song enorm melodisch. Sehr schön auch der Klaviereinsatz und die 12-string Akustikgitarre, die eher verhaltene Sologitarre und das Mellotron, das fein aus den hinteren Speakern klingt. Später klingt es jedoch wieder etwas nach Pink Floyd und Porcupine Tree, was der Kontinuität des Songs jedoch überhaupt nicht schadet. Gut, mit "dududu" und "tadada"-Vocals konnte ich noch nie viel anfangen, aber wenn einem kein Text einfällt, muss man das wohl so machen. Leider fällt der Song danach wieder leicht auseinander, Sinnlos-Breaks, bedrohliche Chöre und Krach-Passagen steuern allmählich auf den Höhepunkt zu, der aber nicht kommt, der Song ist stattdessen irgendwie zuende. Trotz einiger Irritationen und nicht immer zu erkennender Struktur ein tolles Stück, das ich mir sicher öfter anhören werde.

The Raven..., das Titelstück. Das kannte ich schon von diesem Vorab-Videoclip, den es hier seltsamerweise nicht zu sehen gibt, stattdessen dreht sich auf dem TV immer noch der halbdurchsichtige "Planet" mit seinen sich überblendenden Grafiken, was allerdings schön gemacht ist und gut zur Musik passt. Der Song plätschert anfangs so dahin und wird dann mit dem Einsatz der Drums etwas lebendiger und verdichtet sich zu einer schönen Ballade, der es jedoch -auch hier wieder- etwas an Melodiösität fehlt. Längst nicht so langweilig, wie ich ihn zusammen mit dem Video in Erinnerung hatte.

Fazit:
Sehr gutes Album, dem nur hier und da vielleicht das gewisse Etwas fehlt. Die Kompositionen an sich scheinen nicht immer stark genug, aber die meist hervorragenden Arrangements reißen es immer wieder raus. Der Surroundsound ist toll, wenngleich es hier nicht allzu viele Überraschungen gibt, was die Verteilung der Instrumente angeht, dafür aber jederzeit transparent und perfekt balanciert. Die beiden hinteren Lautsprecher sind den drei vorderen nahezu gleichberechtigt - so soll es sein.

Ob es jedoch ein Meilenstein in der Geschichte des Progressive Rock ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Das neue Doppelalbum von Biffy Clyro ("Opposites") gefällt mir da jederzeit besser, auch wenn der Vergleich sich natürlich eigentlich verbietet, denn die kommen ja aus einer ganz anderen Ecke. Dennoch hätte ich einen etwas höheren "Rock"-Anteil durchaus auch hier begrüßt - etwas mehr Agressivität und Spontaneität, etwas mehr Biss, etwas mehr Struktur, dafür etwas weniger Gefrickel hätten dem Album hier und da gut getan. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Beste Songs: The Pin Drop und The Watchmaker, schwächster Track: The Holy Drinker.


Nachtrag 17.3.: 
Ich habe inzwischen noch ein paar weitere Durchläufe hinter mir, wobei ich diesmal einige Songs auch einzeln angewählt habe. Mein erster Eindruck scheint sich zu verfestigen, allerdings sieht es so aus, als würde mein Favorit Pin Drop einzeln gespielt etwas verlieren. Auch The Raven... fängt nach häufigerem Hören an, etwas zu nerven, besonders diese ständig wiederholten vier Töne. Als Kontrastpunkt nach Watchmaker kommt das deutlich besser. Ich denke, das ist ein Zeichen, dass die Tracks besser im Gesamtkontext funktionieren als für sich allein genommen. Also doch ein Gesamtkunstwerk...