Posts mit dem Label CD werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label CD werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 17. Dezember 2019

Technobabble: Plattenspieler-Update 11/2019

...es klingt nicht schön, will aber trotzdem abgespielt werden! 😏

Meine Haltung zum Thema Vinyl ist ja nicht zuletzt durch diesen Blog bekannt - weniger bekannt ist vielleicht, dass ich seit einigen Jahren nebenberuflich ein Mastering-Studio betreibe. Oft bekomme ich als Ausgangsmaterial "nur" eine mehr oder weniger verschlissene Schallplatte, die ich dann so weit aufarbeiten muss, dass sie als Master für eine CD und eine neue Vinylauflage taugt. Das ist vor allem ein sehr zeitraubender Vorgang.

Als Plattenspieler nutze ich zu diesem Zweck seit vielen Jahren einen DUAL CS741Q - dieses Modell kam 1982 auf den Markt - erstmals im zeitgenössischen Japan-Design, wobei er vollständig Made in Germany war. Das bis dahin jahrzehntelang kaum veränderte, eher rustikal anmutende "Schwarzwälder Design" der legendären Firma wurde aufgegeben - keine Nussbaum-furnierten Holzchassis mehr, dafür war jetzt Silberlook und Plastik angesagt. Kein billiges Plastik natürlich, sondern durchaus ein sehr stabiler Qualitätswerkstoff, aber modern sollte es halt aussehen - was man in den 1980ern halt so trug. Ich finde ihn heute noch ziemlich schick und elegant - er sieht irgendwie "technisch" aus, ohne ausschließlich funktional anzumuten wie die Studio-Trümmer von EMT - das gefällt mir. Eine seltenere Variante gab es übrigens auch in dunkelbraun - naja...

Dual CS741Q mit Lehmannaudio Black Cube SE II
Der CS741Q war bei seiner Markteinführung das Topmodell - Kenner behaupten, dass Dual nie einen besseren Dreher gebaut habe. Der UVP von 750 DM (entspricht einer heutigen Kaufkraft von ca. 680 €) war hoch, aber angemessen. Genützt hat es wenig - die Zeit der Plattenspieler war vorbei, die CD war das neue, angesagte Medium, Vinyl wollte niemand mehr. Dual ging kurz darauf pleite und wurde von einer französischen Firma übernommen, die Fertigung in Deutschland auf ein Minimum zurückgefahren. Später wurde die Wortmarke nach Fernost verkauft und prangte fortan an allen möglichen Elektogeräten, wie es auch beim ehemaligen Konkurrenten Braun der Fall war (gab es eigentlich auch elektrische Zahnbürsten, Föhns und Rasierer von Dual?). Heute werden wieder Dual-Plattenspieler von akzeptabler Qualität im Schwarzwald gefertigt - jedoch mit deutlich weniger ambitionierter Technik. Einen quarzgeregelten Direct-Drive mit "Ultra-Low-Mass"-Tonarm und einem stimmbaren Anti-Resonator wie den CS714Q sucht man im Portfolio vergeblich.

Vor ein paar Jahren - der Spieler stand schon da, wo er auch heute wieder steht (siehe Foto oben) - saß ich am Studio-Schreibtisch, als es plötzlich hinter mir anfing, fies nach "Elektronik" zu riechen. Aus der vorderen linken Ecke des Plattenspielergehäuses quoll eine stinkende Qualmwolke! Klar: hier war irgendwas abgeraucht. Ich bekam etwas Panik, zog den Netzstecker und öffnete vorsichtig das Gerät. Die Ursache war auf einen Blick zu erkennen: Am ohnehin schon länger defekten Ein/Aus-Schalter (dessen Funktion ich vor einiger Zeit überbrückt hatte, um das Gerät überhaupt verwenden zu können, ohne den Knopf die ganze Zeit gedrückt zu halten) befand sich ein durchgeschmorter Funkentstör-Kondensator. Nun, so ein 1,50 €-Bauteil war mir bereits bei meiner Senseo-Kaffeemaschine begegnet - da war es verantwortlich für die geplante Obsoleszenz, die gleich nach Ablauf der Garantiezeit dafür sorgen sollte, dass der Besitzer sich eine neue Senseo kauft. Diesen Vorwurf konnte ich meinem Plattenspieler nicht machen - das Teil hatte immerhin 30 Jahre tapfer durchgehalten. Anders als bei meiner Senseo ließ es sich auch einfach ersetzen - und meine Panik war unbegründet: Diese Sorte Kondensator brennt quasi kontrolliert ab und löscht sich dann selbst - ohne dass das Studio dabei in Flammen aufgeht. Es stinkt halt nur.

Das war jedoch nicht das einzige Problem. Dual hatte damals die Idee mit "ULM - Ultra-Low-Mass" - die Masse des Tonarms sollte möglichst gering sein, damit es auch bei verwellteren Platten mit deutlichem Höhenschlag zu keinem Abtastproblem kommen sollte. Außerdem, so die (durchaus umstrittene) Theorie, würde die Nadel der Rillenauslenkung noch besser folgen können. Also wurde im Wortsinn massiv abgespeckt. Schließlich mussten sogar die Schrauben der üblichen Halbzoll-Befestigung dran glauben. Dual ließ von seinen Zulieferern Shure und Ortofon ULM-Spezial-Systeme entwickeln, die in den Tonarmkopf eingeklickt wurden.
ULM-Träger mit Halbzoll-Adapterplatte
Ein Systemwechsel ließ sich so in wenigen Sekunden ohne Schrauben und fummelige Kabelhülsen durchführen. Um dennoch auch Halbzoll-Systeme montieren zu können, wurde immerhin eine Adapterplatte mitgeliefert. Am anderen Ende des Tonarms musste dafür sogar ein zusätzliches Gegengewicht montiert werden - mit ULM hatte das dann allerdings nichts mehr zu tun. Außerdem lag der Arm wegen der zusätzlichen Höhe der Adapterplatte (ca. 2 mm) nicht mehr parallel zur Plattenoberfläche, dadurch stimmte auch der Aufsetzwinkel der Nadel nicht mehr - ein Problem, denn der Tonarm ist leider nicht höhenverstellbar. Als mechanische Schwachstelle erwies sich dann die winzige Plastik-Haltenase, die das ULM-System oder die Adapterplatte unter dem Trägerkopf arretierte. Diese brach irgendwann ab, so dass ich mich die letzten Jahre mit einem Kabelbinder behelfen musste, ansonsten wäre das System einfach heruntergefallen. Es blieb leider eine wackelige Angelegenheit - nicht immer waren nach dem Aufsetzen der Nadel auch beide Kanäle zu hören, weil die Federkontakte durch die fehlende Arretierung trotz Kabelbinder wohl nicht ausreichend fest angedrückt wurden.

Auch die Automatik hatte mit den Jahren gelitten, immer häufiger senkte sich der Tonarm nicht in die Einraufrille, sondern schon knapp vor der Platte ab.

Dennoch waren mit dem von mir verwendeten Ortofon OMB5-Billig-System bis zuletzt durchaus brauchbare Digitalisierungen möglich - der Frequenzgang war absolut OK, allerdings war der Klang wenig "dynamisch" und eher etwas "muffig" - was ich allerdings erst jetzt, im direkten (und lautheitskorrigierten) Vergleich feststellen kann.

Zeit also für eine Generalüberholung! Auf die Webseite der Magdeburger "Dualklinik" war ich schnell aufmerksam geworden, eine Anfrage über das Kontaktformular wurde schnell beantwortet und die Komplettrestauration inkl. Umbau des Tonarms auf Halbzoll beauftragt (Kosten insgesamt: 670 € - beinahe Neupreis. Letztlich etwas teurer als ursprünglich veranschlagt, weil ich dummerweise vergessen hatte, das Anti-Resonator-Gegengewicht für den Transport zu demontieren - es kam in Einzelteile zerlegt in Magdeburg an und musste komplett ersetzt werden). Etwa zwei Wochen war der Plattenspieler unterwegs, dann kam er zurück und sah beinahe aus wie neu. Im Karton lag ein Beutel mit allen ausgetauschten Bauteilen - sämtliche Elkos, alle Mikroschalter und die nun nicht mehr benötigten Teile der alten Systembefestigung. In der begleitenden Mail wurde ich freundlich darauf hingewiesen, dass "mit der jetzt montierten 5er Nadel [...] kein Hifi Genuss aufkommen [kann]. Man baut in die Mercedes S-Klasse ja auch keinen Motor vom VW Polo ein". Empfohlen wurde mir eine 30er oder 40er Nadel (für 270 bzw. 360 Euro). Meine Entscheidung war jedoch bereits gefallen, da ich zwischenzeitlich herausgefunden hatte, dass Ortofon für den OM-Träger eine speziell auf den Anwendungszweck der Digitalisierung optimierte Nadel mit dem schönen Namen "Arkiv" entwickelt hatte. Diese sollte besonders neutral klingen und war mit 40 Euro auch deutlich preiswerter. Davon abgesehen wusste ich, dass die Nadel ohnehin nicht der kritischste Teil der Wiedergabekette ist - das ist nämlich der Phono-Vorverstärker (auch "Phono-Stage" genannt).

Der fehlte mir noch. Bisher hatte ich bedenkenlos den Phono-Eingang meines Yamaha RX-V663-Receivers verwendet. Ich wäre nur gern auch etwas flexibler mit dem Signalrouting gewesen, deshalb sollte der Ausgang der Vorstufe auf meinem analogen LEMO-Steckfeld liegen. Also ein externer Preamp - da kam eigentlich nur ein "Black Cube" von Lehmannaudio in Frage. Diese kleinen Kistchen haben seit fast 25 Jahren einen ausgezeichneten Ruf in der "Audiophilen"-Szene. Die RIAA-Entzerrung erfolgt hier ausschließlich durch passive, selektierte Komponenten mit perfekt neutralem Frequenzgang und ebenso perfekter Wiedergabe der Transienten. Da die Firma bei uns quasi um die Ecke "wohnt", bin ich hingefahren und habe mich von Inhaber Norbert Lehmann beraten lassen. Schließlich ist es ein Black Cube SE II geworden, mit einem VP von 950 € der teuerste, aber durch sein voluminöses Netzteil auch der beste Black Cube.

Da ich selbst Vinyl-Masterfiles erzeuge, bin ich in der seltenen Lage, eine Schallplatte direkt mit ihren Masterfiles vergleichen zu können. Als Testobjekt diente mir hier eine White-Label-Testpressung von Optimal Media des im Frühjahr bei Tapete Records erschienenen Doppelalbums "The Nightmare of J. B. Stanislas" von Nick Garrie. Die folgenden Kurven zeigen den Peak- (gelb) und den Durchschnitts-Frequenzgang (grün) des Titelsongs (LP1, A1). Die dickeren Linien sind der Vinyltransfer, die dünneren das 24 Bit-Masterfile:

Anzeige Y-Achse x10 dB, Auflösung x-Achse 1/12 Oktave
Wie man sieht, unterscheiden sich die beiden Kurven praktisch nur im Tiefbassbereich, also unterhalb von 30 Hz. Dies sind die Störgeräusche der Abtastung, die ziemlich genau 20 dB mehr betragen als im Original. Verursacht durch die RIAA-Schneidekurve, nach der die Bässe beim Schnitt um 20 dB abgesenkt werden. Der Phono-Vorverstärker muss die Bässe daher spiegelbildlich wieder um 20 dB verstärken - leider werden die Störgeräusche natürlich mit verstärkt. Der Black Cube bietet mehrere schaltbare Hochpässe an; ich habe mich nach einigen Tests für eine Einstellung entschieden, die die Bässe unterhalb von 20 Hz absenkt. Dies "greift" die musikalischen Frequenzen kaum bis gar nicht an, sorgt aber dafür, dass das Gerumpel gut unter Kontrolle bleibt. Eine kleine, sichtbare Einbuße erfahren auch die Peaks oberhalb von 10 kHz - das ist wahrscheinlich die Folge eines Tiefpassfilters, den das Presswerk beim Schnitt oberhalb von 16 kHz einsetzt. Den Cube fahre ich übrigens im "MM High Output" Modus, ansonsten würde er den A/D-Wandler meines RME Fireface 800 glatt überfahren. Grund ist das relativ laute Ortofon Arkiv-System.

Entscheidend aber ist die Transienten-Wiedergabe - da ist der Black Cube durch sein passives RIAA-Filter im Vorteil - und das hört man auch. Verglichen mit dem Yamaha klingt hier alles eine Spur "klarer" und "frischer", Drums sind "knackiger" und scheinen mehr im Vordergrund zu stehen. Damit wird beinahe die Präzision des digitalen Masters erreicht - ich denke, dass die Wiedergabe vom Vinyl kaum originalgetreuer sein kann - und darauf kommt es an!

Mit dem Kurzschließer-Mechanismus der Dual-Automatik habe ich jedoch immer noch ein Problem - er knackst vernehmlich, sowohl beim Schließen als auch beim Öffnen. Zuletzt habe ich Spitzen von bis zu -5.5 dbFS gemessen. Natürlich ist die Funktion prinzipiell eine gute Idee gewesen, wird doch so das Aufsetzgeräusch der Nadel wirksam vermieden. Dafür bekomme ich zwei Knackser statt einem. Bei nächster Gelegenheit nehme ich den Mechanismus daher wohl besser außer Betrieb.

v.l.n.r.: IN R | OUT R | Netzteil-Festanschluss | IN L | Masseklemme | OUT L
Außer Betrieb genommen habe ich schon das alte Cinch-Kabel - ersetzt wurde es durch zwei symmetrische Mikrofonkabel, deren Schirme auf der Gehäusemasse des Dual liegen und die, mit Schrumpfschläuchen sorgfältig isoliert von der Tonmasse, am Klemmanschluss auf der Rückseite des Cube geerdet sind. Auf nebenstehendem Foto gut zu erkennen sind die braunen Litzen, die hinten aus den vergoldeten Cinch-Steckern herausgeführt sind. Dadurch habe ich nun eine perfekt symmetrische Signalführung, die die Brummeinstreuung (dafür war der Plattenspieler im Studioumfeld immer etwas anfällig) deutlich minimiert hat. Sie liegt nun in der Größenordnung -70 dBFS - ohne Platte. Das ist ein perfekter Wert, der mit Platte sowieso nie erreicht werden kann.

Fazit: Trotz des hohen finanziellen Aufwands hat sich die Umrüstung gelohnt. Für die nächsten 35 Jahre habe ich jetzt Ruhe - und mein Studio eine professionelle und völlig neutrale Vinyl-Wiedergabe. Der nächste Vinyl-Restaurations/Mastering-Auftrag ist schon eingetroffen - da freue ich mich drauf! 😊



Dienstag, 1. Dezember 2015

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII

Zitat eines Lesers:
Ich habe nun den letzten Teil Deines Blogs gelesen und sicherlich hast Du in Deinen technischen Beschreibungen vollkommen recht. Aber genau das ist der Punkt: Technisch! Du schreibst, dass Du dazu neigst, Deinen Ohren nicht zu trauen.... Das macht mich traurig! Lass Deine Messtechnik im Schrank und genieße Deine 5 Sinne! Und bevor Du vorschnell antwortest: Ich bin alles Andere als ein Esoteriker!
Kein Grund zu trauern! - Vielleicht ist das mit den Ohren nicht so ganz klar, wie ich das gemeint habe: Ich weiß -letztlich durch meine eigene 23jährige Berufserfahrung als Tontechniker und Tonmeister- dass sich das menschliche Gehör ebenso leicht und schnell täuschen lässt wie so ziemlich alle anderen Sinneswahrnehmungen auch. Meine Ohren, auch wenn sie speziell geschult sind, machen da keinen Unterschied.

Die Sehwahrnehmung beispielsweise passt sich automatisch der Farbtemperatur an - schon nach kürzester Zeit hat man vergessen, dass die Sonnenbrille auf der Nase das einfallende Licht stark verfärbt - alles sieht schnell ganz normal aus und dass das nicht so ist, merkt man erst wieder, wenn man sie absetzt. Ob eine Lichtquelle eher "kalt" oder "warm" leuchtet - das Gehirn sorgt für einen automatischen Weißabgleich. Ohne eine zuverlässige Referenz ist es daher nahezu unmöglich, die Farbtemperatur einer Lichtquelle zu beurteilen. Glücklicherweise wird die in der alltäglichen Umgebung mitgeliefert - ein Blick aus dem Fenster ins "kalte" Tageslicht reicht, um eine Glühlampe daneben als "warm" zu erkennen.

Nicht viel anders ist es mit den Ohren - zu diesem Thema gibt es einen eigenen, wissenschaftlichen Forschungszweig, die Psychoakustik - dabei geht es um das spannende Zusammenspiel von empfundenen Hörereignissen und physikalischen Schallereignissen, letztlich um Wahrnehmung.
Analog zum Beispiel mit der Sonnenbrille benutzt das Gehirn stets einen fest eingebauten Equalizer, der jeden Sound in allen Frequenzbereichen nahezu perfekt "equalisiert", d.h. vorhandene Verfärbungen und Verfälschungen schnell und unbewusst ausgleicht. Das geht sogar so weit, dass Frequenzen wahrgenommen werden, die im Originalsignal gar nicht enthalten sind! - Eine Wiedergabe des tiefsten Tons einer Bassgitarre etwa (das E mit ca. 40 Hz) wird von den meisten mittelgroßen und kleinen Lautsprechern gar nicht übertragen - den Ton bilden wir uns trotzdem ein, denn wir hören seine Obertöne bei 80 und 160 Hz. Dass die Grundfrequenz 40 Hz fehlt, merken wir bestenfalls beim Umschalten auf ordentliche große Lautsprecherchassis, die tatsächlich in der Lage sind, die erforderliche Energie an die Luft abzugeben.
Auch die Tatsache, dass sich die Obergrenze der Hochtonwahrnehmung mit zunehmendem Alter allmählich nach unten bewegt, wird meist erst dann als störend empfunden, wenn die Sprachverständlichkeit leidet. Das ist aber erst dann der Fall, wenn Töne nur noch bis 4 kHz oder weniger wahrgenommen werden. Zum Vergleich: ein Säugling kann mühelos Töne bis 20 kHz und höher hören, der Grundtonbereich von Musikinstrumenten geht bis ca. 8 kHz, darüber finden sich nur noch Obertöne bis etwa 20 kHz. Auch diese Obertöne werden, sollten sie fehlen, vom Gehirn automatisch und unbewusst ersetzt. Wir können z.B. stundenlang telefonieren, ohne dass uns der dabei stark eingeschränkte Frequenzgang (typischerweise ca. 300 - 3400 Hz) stören oder auch nur auffallen würde.

Das Gehör hat zudem ein wirklich schlechtes "Gedächtnis" - bei einem A/B-Vergleich etwa ist es entscheidend, dass die Umschaltpause nur Bruchteile von Sekunden beträgt. Ansonsten sind die entscheidenden Klangeindrücke von A schon längst vergessen, bevor B zu hören ist.
Ein Freund erzählte mir erst kürzlich, er hätte es gar nicht glauben wollen, aber er habe einer Demonstration von Lautsprecherkabeln beigewohnt, bei der er zuerst ein normales Kabel aus dem Baumarkt, dann ein "audiophiles" mit dickem Querschnitt vorgeführt bekommen habe - letzteres habe wirklich besser geklungen, das habe er sich keinesfalls eingebildet!
Meine Frage war dann nur, wie lange es denn gedauert habe, bis der Vorführer auf das andere Kabel umgeschaltet hat. Antwort: er habe gar nicht umgeschaltet, sondern das alte Kabel abgeschraubt und dann das neue an denselben Klemmen befestigt... - Alles klar! ;)

Auch die Lautstärke ist kritisch, denn der Frequenzgang des Ohrs ist stark lautstärkeabhängig. Bässe und Höhen werden erst bei zunehmend größeren Pegeln wahrgenommen, weil das Ohr da relativ umempfindlich ist - klar, denn die Evolution hat es auf maximale Sprachverständlichkeit abgestimmt. Für einen A/B-Vergleich müssen daher die Pegel von A und B exakt angeglichen sein, sonst kann man sich den Aufwand gleich sparen.

Nicht zuletzt ermüden Ohren auch irgendwann. Langes intensives Hören ist ebenso anstrengend wie konzentriertes Sehen, das Gehirn benötigt viele Pausen und reagiert auf Dauersessions mit Teilausfällen der Wahrnehmung, im Extremfall stellen sich Ausfallserscheinungen wie Tinnitus oder sogar Innenohr-Infarkte ein. Dies ist natürlich auch abhängig von der Art des Materials, der Abhörlautstärke und der Dauer der Belastung.

Daher sollte man sich nicht unbedingt einbilden, dass das, was man zu hören glaubt, auch tatsächlich zu hören ist. Jeder, der behauptet, seinen Ohren könne er trauen, macht sich etwas vor.

Nun könnte man einwenden, wenn die Hörwahrnehmung sämtliche Defizite einer Musikwiedergabe automatisch kompensiert, warum soll man sich dann um irgendwas sorgen? - Die Klangtreue wird doch in jedem Fall im Hirn-EQ regeneriert!

Guter Punkt. Was passiert aber, wenn man sein ganzes Leben mit der Sonnenbrille auf der Nase herumläuft? (Memo to myself: mal Bono fragen...)
Dann wird man die ein- oder anderen Dinge im Schatten irgendwann nicht mehr sehen können, selbst wenn man sie doch mal absetzt, denn dann ist man nur geblendet. Es passiert also nichts anderes als dass man sich sein eigenes Wahrnehmungsspektrum dauerhaft einschränkt! 
Eine stark verfärbte Musikwiedergabe bedeutet so letztlich den Verlust von Auflösung bei der Wahrnehmung. Feine Details werden von anderen, im Original so nicht oder nicht so laut vorkommenden Signalanteilen überlagert. Dass ein lautes Signal ein leises im selben Frequenzbereich in der Wahrnehmung auslöscht, wissen wir spätestens seit der Erfindung von mp3 - denn darauf beruht das Prinzip der Datenreduktion: was man nicht hört, lässt man weg.

Hör-Profis haben sich einige Tricks einfallen lassen, das natürliche "Manko" der Hörwahrnehmung zu kompensieren - da die Lautsprecher nach wie vor die schwächsten Glieder der Wiedergabekette sind, gibt es in jedem Studio stets mehrere verschiedene Abhören, von riesig groß und super-neutral bis winzig klein und quäkig. Simuliert wird insbesondere auch der Klang von Auto- oder Küchenradios mit all seinen Schwächen. Zwischen den Abhören wird daher oft hin- und hergeschaltet, auch Kopfhörer kommen zum Einsatz. Die berühmte Nahfeld-Monitorbox YAMAHA NS-10M steht heute noch auf den meisten Regiepulten dieser Welt, weil sie eine Referenz für schlechten Klang darstellt - kein Scherz!
YAMAHA NS-10M STUDIO MONITOR
Und noch ein Schlusswort: da ich also weiß, dass den Ohren nicht zu trauen ist - ist es umso wichtiger, dass ich meiner Anlage, meinem kompletten Wiedergabesystem vertrauen kann. Erst dann kann ich mich zurücklehnen und die Musik genießen!
Und das lässt sich auch mit der Wahrnehmung erklären: Ich hatte oben den "eingebauten Ohr-EQ" erwähnt - meine Theorie ist, dass dessen Einsatz für unser Gehirn letztlich Arbeit und Stress bedeutet; umso mehr, je stärker verfärbt und beeinträchtigt ein Klang ist - was dazu führen kann, dass die Ohren dann weit schneller ermüden als bei neutraler Wiedergabe, wo kein oder nur ein geringer Ausgleich stattfinden muss.

Die früheren Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII

Donnerstag, 12. November 2015

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII


Zitat eines Lesers:
Ich hatte mir ja deinen technikblog durchaus durchgelesen und verstanden und für richtig befunden. Deswegen ist es mir fast unmöglich, meinen Sinneseindrucken verbal Ausdruck zu verleihen... Insofern verstehe ich deine "Vinyl-Esoteriker" Bezeichnung ganz gut, wobei ich ihn für mich gar nicht so negativ belege.
Sinneseindrücke verbal zu beschreiben, ist extrem schwierig - denn uns steht bestenfalls eine Art Hilfsvokabular zur Verfügung, das wir zwar nutzen können, von dem wir aber kaum verlässlich erwarten können, dass es so verstanden wird, wie wir es gemeint, oder besser: gefühlt haben.
Daher interessieren mich Schilderungen von solchen Eindrücken auch nicht besonders, denn sie sind stets höchst subjektiv und damit kaum nachvollziehbar. Zudem sind verallgemeinernde Ausdrücke wie "Besser" o.ä. ziemlich wertlos, weil die zugrundeliegenden Kriterien nicht bekannt oder nicht allgemeingültig sind / sein können.

Zitat eines Lesers:
Ich bin für einen PA Hersteller tätig und hab viel live gemischt und bin auch an der Entwicklung DSPs beteiligt. Ich habe generell Probleme mit "Profis", die nur anhand von Datenblätter-Lesen die Performance einer (PA) Box beurteilen a la: "die Box kann gar nicht spielen". Auch ist in meiner "Branche" das Thema Kabelquerschnitt etc. eine nicht zu unterschätzende Größe, die die Güte eines Systems ausmachen.
Letzteres könnte ich mir - ohne dass ich mich da wirklich auskennen würde - durchaus vorstellen, denn dort geht es ja schnell um Kilowatt und andere Größenordnungen. Allerdings haben PAs auch nicht den Anspruch, "Hi-Fidelity" zu klingen - dort geht es darum, einen bestimmten Sound mit einer bestimmten Wirkung so zu transportieren, dass er auf allen Plätzen bei möglichst gleich bleibender Qualität gehört werden kann.

Zitat eines Lesers:
Deswegen vertraue ich da auf meine Ohren und believe it or not: die neuen PG Vinyls haben deutlich hörbar mehr Tiefe und Stereobreite als die (remastered) CDs (an der gleichen Abhöre natürlich). Wie erklärst du mir diese Wahrnehmung !? (Ehrlich gemeint) Edit: und bitte nicht jetzt mit "weil du das so hören willst" kommen. ;)
Ich kann und will dir deine Wahrnehmung nicht erklären - das ist überhaupt nicht mein Ansatz und wäre zudem unlauter, denn die individuelle Wahrnehmung ist die subjektivste aller Angelegenheiten - bei der jeder Mensch sich zudem viel leichter täuschen kann, als er selbst das vermuten würde.
"Weil du das so hören willst", wäre ein psychologischer Erklärungsansatz, der in vielen Fällen sogar zutrifft. Es kann aber auch ganz andere Gründe haben.
Ich neige jedenfalls dazu, meinen Ohren nicht zu trauen - obwohl sie speziell geschult sind (vielleicht auch gerade deswegen). Deshalb z.B. habe ich in meinem Studio vier verschiedene Abhören (fünf mit Kopfhörer).

Ich werde aber trotzdem versuchen, auf deine Frage ausführlich einzugehen: du hörst also "mehr Tiefe und Stereobreite"...
Gut, die Stereobreite ließe sich messtechnisch recht einfach erfassen - das ist letztlich das Verhältnis zwischen Mitten- und Seitenanteil in einem Stereosignal. Hier wäre ich bei Vinyl sehr skeptisch, ob es technisch überhaupt möglich ist, "breiter" zu klingen, denn beim Vinylschnitt wird der Seitenanteil (der für diesen Eindruck verantwortlich ist) relativ streng limitiert, weil man vermeiden will, dass die Nadel aus der Rille springt - die Gefahr besteht immer, wenn sich die beiden Stereokanäle im Pegel zu stark voneinander unterscheiden. Daher werden insbesondere die Bässe unterhalb einer bestimmten Frequenz einfach zu Mono zusammengemischt (Mono bedeutet: 100% Mitten-, 0% Seitenanteil im Stereobild). Das ist übrigens auch der Grund, warum basslastige Instrumente (Bassdrum, Bassgitarre etc.) schon beim Abmischen fast immer in die Mitte gelegt werden - im Digitalzeitalter gäbe es die Notwendigkeit nicht mehr, aber für Vinyl war das halt geboten - jetzt gehört es zur Tradition. Für höhere Frequenzen ist das zwar allgemein unkritischer, jedoch verhindert auch die beim Vinyl systembedingt geringe Übersprechdämpfung zwischen den Kanälen eine allzu weite Spreizung der Stereobasis.

Für die Wahrnehmung eine große Rolle spielt jedoch auch die Phasenlage des Stereosignals. Beim Vinylschnitt wird der Schneidstichel immer exakt tangential geführt, die Abtastung mit dem üblichen, seitlich gelagerten Tonarm hat jedoch immer einen mehr oder weniger großen Winkelversatz. Dies führt zu Phasenfehlern, die sich hörbar auswirken können.
Unser Gehirn wertet bei der Beurteilung der Position einer Schallquelle (unter anderem) die Laufzeitdifferenzen zwischen beiden Ohren aus. Ein Schallereignis, das meinetwegen schräg rechts vom Kopf entsteht, trifft früher auf das rechte Ohr als auf das linke. Das führt dann beim Vergleich mit vorliegenden Erfahrungswerten im Gehirn zu der Richtungswahrnehmung "schräg rechts". Phasenfehler sind letztlich nichts anderes als Laufzeitdifferenzen zwischen linkem und rechtem Kanal, die daher zu einer Fehlortung bei der Richtungswahrnehmung führen können. So ließe sich der Eindruck einer größeren Basisbreite vielleicht wissenschaftlich erklären. Die Phasenlage eines Stereosignals lässt sich natürlich ebenfalls messtechnisch erfassen, allerdings ist sie ja stark abhängig vom jeweiligen Abtastsystem, die Messergebnisse wären daher kaum übertragbar.

"Tiefe" ist ein Begriff, der für einen Sinneseindruck steht, der auf vielerlei Weise zustande kommen kann, für den es aber leider keine messtechnische Größe gibt. Bei der Stereo-Abmischung einer Aufnahme kann man eine Illusion von Tiefe beispielsweise durch einen größeren Hallanteil erzeugen. Auch das EQing spielt eine Rolle. Einzelsignale mit mehr Hall (bzw. längerem Predelay) und gleichzeitig weniger Bässen und Höhen scheinen aus größerer Distanz zu kommen als "trockene" Signale - einfach weil das der natürlichen Hörerfahrung entspricht. Dies kann hier natürlich nicht gemeint sein, da es sich ja nicht um eine andere Abmischung handelt, aber du siehst vielleicht, wie schwer nachvollziehbar solche subjektiven Begriffe sind.

Letztlich sind Eindrücke wie diese Anzeichen dafür, dass das Gesamtsystem Vinyl nichts mit "High Fidelity" zu tun hat. Denn wäre dies so, könnte man keinen Unterschied zwischen digitalem Master und der Vinylwiedergabe feststellen. Der Unterschied ist jedoch - da wird mir niemand widersprechen - beachtlich. Ob man das gut oder schlecht bewertet, ist Geschmacksache, aber darum geht es mir wie gesagt nicht. 

"High Fidelity" oder "höchste Klangtreue" war seit Anbeginn der Geschichte der Schallaufzeichnung die oberste Maxime aller Erfinder und Entwickler, die praktisch das ganze 20. Jahrhundert hindurch unermüdlich Verbesserungen ausgedacht und zur Industriereife gebracht haben - und die Verbraucher haben dieses Ideal dankbar angenommen und sich zu eigen gemacht. Wäre dem nicht so, würden wir Musik heute noch in Wachszylinder geschnitzt hören müssen.
Auch die Schallplatte selbst hat über 60 Jahre lang stetige Verbesserungen in Sachen Klangtreue erfahren dürfen. Nur wenige Nostalgiker sehnen sich heutzutage nach krächzenden Grammophontrichtern, Schelllackplatten und Stahlnadeln zurück. In den 1950er Jahren kam das Vinyl, Füllschrift und damit die "Langspielplatte", später dann Stereo und sogar Quadro (wobei Letzteres allerdings enorme technische Probleme hatte).
Die letzte Verbesserung, "Direct Metal Mastering" wurde erst Anfang der 1980er Jahre erfunden und hat eine deutliche Qualitätsverbesserung in Sachen Klangtreue zur Folge gehabt, denn gleich mehrere verlustbehaftete Arbeitsschritte in der Fertigung konnten so eingespart werden. Antriebsfeder auch hier war jedoch "High Fidelity" und mit den "DMM"-Aufklebern hatte man eine zeitlang stolz auf den Covers werben können.
Jeder wollte Klangtreue - damals war es unter uns Audio-Fans extrem verpönt, wenn jemand den Bass- oder Höhenregler an seinem Verstärker aus der Nullstellung bewegt hat. Später gab es die True-Bypass-Schaltungen für die Klangregelung an hochwertigen Verstärkern - der Klang sollte um keinen Preis verfälscht werden, nicht mal durch einen im Weg liegenden EQ in Nullstellung.

Mit der Digitalisierung ist jedoch etwas ganz Entscheidendes passiert: erstmals war man mit dieser Technik in der Lage, sämtliche verfälschende Einflüsse eines Tonträgers komplett auszuschließen - zwischen dem Tonstudio und dem Endverbraucher war dadurch erstmals eine verlustfreie "Übertragung" möglich - das Ideal war also nach gut 100 Jahren Schallaufzeichnung endlich erreicht.
Das mag nun jeder nach seinem Geschmack schätzen oder nicht - ich jedenfalls will nach wie vor die Musik möglichst so hören, wie sie im Studio geklungen hat - ich will kein Wiedergabesystem, das mir etwas anderes vorgaukelt - auch dann nicht, wenn ich das dann womöglich "schöner" fände.

Zitat eines Lesers:
...kann ich alles gut nachvollziehen....
Dennoch finde ich den Ansatz "so wie der Musiker/Produzent im Studio" fehlerhaft, da das ja die original Bedingungen (vom "Band" über Pult bis hin zur identischen Abhöre und Studioakustik) vorraussetzen würde, die niemand jemals simulieren kann.
Das stimmt so nicht. Das, was ein A/D-Wandler im Studio aufgezeichnet hat, bekomme ich mit der Digitaltechnik ja verlustfrei nach Hause geliefert - Mikrofone, Aufnahmetechnik und Mischpulte spielen also keine Rolle. Die Akustik in modernen Studios einschließlich der Monitorboxen ist extremst auf Neutralität (=Klangtreue) getrimmt. Das muss so sein, damit man das, was man vor Ort hört, überhaupt als Referenz nutzen kann. Anders könnte man dort keine verlässliche Abmischung fahren, d.h. es würde nur dort "gut" klingen und nirgendwo sonst.
Hält man das Neutralitätsprinzip durch, benötigt man keinesfalls dieselben Bedingungen oder Geräte zuhause - im Gegenteil. Insbesondere Studioboxen klingen u.U. in einem Wohnzimmer gar nicht mal so gut, weil sie die Neutralität der Studio-Raumakustik voraussetzen, die da nicht gegeben ist.

In jedem Fall: Der große Vorteil einer auf Neutralität optimierten Anlage ist die beliebige Austauschbarkeit der Einzelkomponenten - eben weil diese ja neutral sind und keinen eigenen Anteil am Klang haben. Sobald Musik, egal welcher Art, im Studio "gut" klingt, wird sie auch auf jeder anderen neutralen Anlage "gut" klingen. Abstriche gibt es natürlich, weil Klangtreue ein Ideal ist, das nur angestrebt, aber nicht überall erreicht werden kann.
Wirkliche Kompromisse müssen heutzutage aber nur noch bei den Lautsprechern und der Akustik des Hörraums gemacht werden - da ist neutraler Klang letztlich eine Frage des Aufwands.

Wenn Klangtreue/Neutralität kein allgemein gültiges Ideal wäre, auf das sich längst alle (Hersteller wie Kunden und selbst die Presse) committed hätten, würde jedes analoge Gerät in der Kette seine eigene Verfälschung/Verfärbung des Signals hinzufügen, was in der Folge dazu führen würde, dass bestimmte Geräte sich für spezielle Musikgenres besser eignen als für andere. Bei Lautsprechern, die wie gesagt am wenigsten neutral sind, haben wir das Phänomen bereits, dass sich einige eher für Rock, andere eher für Klassik etc. eignen.

Da ist es schon interessant, dass Klangtreue bei Vinyl plötzlich nicht nur keine Rolle mehr spielen soll, sondern das Fehlen derselben exakt das ist, was der Hörer nach 35 Jahren Digital Audio mehr zu schätzen glaubt, als die nach Jahren des Wartens endlich erreichte Neutralität und letztlich die Unabhängigkeit von einem physischen Tonträger.



Die nächste Folge dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die früheren Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII

Montag, 9. November 2015

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI

In einem Artikel des Musikmarkt habe ich unlängst diese schöne Grafik gefunden, die den ganzen Vinyl-Hype so herrlich anschaulich illustriert hat:

Grafik: Billboard
Wow - das geht ja richtig ab durch die Decke - alle Welt kauft also nur noch Vinyl und zwar inzwischen dreimal mehr als CDs und Downloads? - Ist ja der Hammer - naja, jetzt nicht ganz unerwartet, schreiben doch alle Gazetten dasselbe: Vinyl boomt unglaublich und hat die CD längst abgelöst, keiner kauft noch den silbernen Plastikschrott, sondern alle Welt gibt sich wieder dem ach so beruhigendem Rillenrauschen mit Lagerfeueratmo hin! Wunderbar. Priceless.

Diese Grafik ist ein schönes Beispiel für die übliche Desinformation, mit der in nahezu allen Medien gearbeitet wird, wo von einem "Vinyl-Boom" zu lesen ist. Hier nur auf die Spitze getrieben.
Die Kurven für sich genommen sind dabei nicht falsch - sicherlich haben die Vinylverkäufe zugenommen und dass die Verkaufszahlen für CDs und Download abgenommen haben, ist ebenfalls zutreffend. Ich halte es nur für überaus unseriös, diese Kurven -jedenfalls so wie in dieser Grafik- nebeneinander zu stellen. Denn es soll ja ein direkter Vergleich zwischen beiden Kurven impliziert werden - dies ist jedoch nicht möglich, wenn den Kurven zwei unterschiedliche Maßstäbe (für die y-Achse) zugrunde liegen. Wenn man genau hinschaut und auch den Text liest, wird man schnell feststellen, dass die Vinylkurve um den Faktor 100 vergrößert dargestellt ist. Würde man beide Kurven im selben Maßstab bringen, wäre die Bildaussage weit weniger spektakulär:

Bereinigt: Beide Kurven im selben Maßstab
Genau hinschauen: der schmale rote Streifen untem am Rand sind die Vinylverkäufe - ich habe mir die schwarze Linie mit dem Pfeil gespart, weil diese sonst das Rot komplett bedeckt hätte. Und ich habe dabei sogar noch aufgerundet: die rote Kurve hatte in der Originalgrafik noch ein Maximum von 297 vertikalen Pixeln - ich habe sie auf 3 Pixel reduziert (bei natürlich unveränderter horizontaler Pixelzahl).
Sieht jetzt echt explosiv aus! ;)


Der Vergleich zwischen beiden Kurven ist übrigens auch noch aus einem anderen Grund unzulässig - die Digitalkurve ignoriert nämlich, dass die Verkaufszahlen hauptsächlich deswegen zurückgegangen sind, weil die Hauptzielgruppe der Musikkonsumenten mehr und mehr zu Streaming-Diensten wie "Spotify" wechselt - mithin eine weitere Art, Musik digital zu konsumieren, die hier jedoch offensichtlich unberücksichtigt bleiben sollte, weil die Kurve sonst auf dem Niveau von 2010 stehen geblieben oder vielleicht sogar wieder angestiegen wäre, statt weiter so anschaulich zu fallen.
Ich darf mal Wikipedia zitieren, um zu zeigen, dass das keine marginalen Zahlen sind:
"Im Jahr 2011 machte Streaming inklusive der werbefinanzierten Angebote 11,5 Prozent der digitalen Umsätze mit Musik aus, 2013 waren es bereits 20 Prozent. Der Gesamtumsatz mit Abostreaming überschritt in diesem Jahr [2014, Anm. tom] die Grenze von 1 Milliarde US-Dollar bei einem Gesamtvolumen des weltweiten Musikmarkts von 15 Milliarden. Damit löste das Streaming als wachsender Markt die Musikdownloads ab, die parallel dazu das schnelle Wachstum der davor liegenden Jahre nicht mehr fortsetzen konnten."


Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die früheren Folgen:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Technobabble: Platinum SHM-CDs - der Wahn hört nie auf...

Da das mit der SuperAudioCD (kurz: SACD) dann doch nicht hingehauen hatte, weil kaum ein Hörer großen Wert auf tollen High-End-Klang legen wollte bzw. keine Lust hatte, sich extra einen neuen CD-Player zu kaufen, der all die neuen hochauflösenden Formate abspielen konnte, hat die Industrie mal kurz innegehalten und nachgedacht. Ja, das machen die wirklich! Oder doch nicht? - Egal, statt einheitlich auf die Blu-Ray als Trägermedium zu setzen, haben sie jetzt tatsächlich dem nun schon fast 35 Jahre alten Standard CD-Audio nochmal ein Update verpasst: Die SHM-CD!
Das ist eine neue Erfindung, natürlich aus Japan, bei der der übliche Polycarbonatträger der CD gegen ein neues Material (ebenfalls Polycarbonat, aber viel besser!) ausgetauscht wurde, das einige Vorteile besitzen soll. Es ist angeblich transparenter und soll in der Fertigung Pressfehler minimieren, so dass es in der Summe dadurch zu weniger Lesefehlern kommen soll.

Das liest sich ja erstmal gar nicht schlecht und fast schon so, als hätten die Experten den Schwachpunkt der guten alten CD ausgemacht. "Lesefehler" - da hat jeder die Assoziation von Spratzern, Klicks und springenden CDs, die in Endlosschleife einen millisekundenlangen Schnipsel repetieren, bevor der Player dann endgültig die Wiedergabe abbricht. Kennen wir alle, vor allem von Selbstgebrannten.
Die Lesefehler, die bei SHM-CDs möglicherweise geringer werden, sind jedoch die, die bei CDs ohnehin ständig vorkommen - die aber, und das ist der Witz, keinerlei Konsequenzen haben geschweige denn Störungen verursachen, denn das Digitalsignal mit seinen endlosen Einsen und Nullen hat genug Reserven, um verloren gegangene Bits absolut fehlerfrei und perfekt zu rekonstruieren.
Diese Fehlerkorrektur ist eine Grundfunktion eines Digital-Analog-Wandlers, jener Baustein, der in jedem CD-Player dafür sorgt, dass aus den Zahlen wieder hörbare Musik wird. Von Anfang an haben die Entwickler des CD-Formats eine bestimmte Zahl an möglichen Lesefehlern pro Zeiteinheit einkalkuliert, daher werden den Zahlenkolonnen Prüfsummen und weitere zusätzliche Daten mitgegeben, die die Fehlerkorrektur in die Lage versetzen, die ausgefallenen Bits einfach neu zu errechnen. Und da es sich dabei um Mathematik handelt, ist das Ergebnis nicht nur ungefähr so, wie es ursprünglich war, sondern stimmt bis aufs kleinste Bit überein. Mehrere hundert Fehler pro Sekunde kann ein CD-Player so locker wegstecken. Das ist auch der Grund, warum CDs, DVDs und Blu-Rays nicht in Cartridges verpackt sind wie seinerzeit die MiniDisc. Es ist einfach bei normaler Behandling nicht notwendig. Die üblichen Staubfusseln stören die Wiedergabe nicht im Geringsten.
Erst im Grenzbereich, d.h. wenn eine CD stark verkratzt oder verschmutzt ist, können irreparable Fehler entstehen, die unter Umständen und je nach Abspielgerät auch hörbar sind (starke Verzerrungen, Sprünge, kurze Wiederholungen, Hängenbleiben, Aussetzer oder Stummschalten der Wiedergabe).

Daher kann das verbesserte Polycarbonat der SHM-CD keinen klanglichen Unterschied bieten!

Von SHM profitiert zuallererst die Industrie, da das Verfahren offenbar weniger Ausschuss durch Pressfehler erzeugt - angeblich fließt das Material besser beim Pressvorgang und schmiegt sich so noch besser an die "Mutter"-Matritze an.
Allerdings können ältere CD-Player, deren Laserdiode kurz vor dem Ende der Lebensdauer steht, von SHM ebenfalls profitieren. Oder Nutzer, die ihre CDs regelmäßig auch als Bierdeckel, Wurfgeschosse oder Fingerabdruckspeicher verwenden.

Es geht jedoch noch toller: Der allerneuste Schrei der Highend-Esoteriker ist die Platinum-SHM-CD. Da wird die üblicherweise verwendete Aluminiumbeschichtung gegen eine 20mal so teure aus Platin getauscht. Dadurch wird der Klang natürlich noch edler, ist ja klar...?
Nee, Spaß beiseite: Aluminium -mit dem üblicherweise CDs beschichtet werden- wird in der Astronomie für die Verspiegelung von Teleskopen eingesetzt - das sagt eigentlich schon alles. Silber wäre eigentlich die noch bessere Wahl, denn es hat die besten Reflexionswerte, leider oxydiert Silber recht schnell, daher ist es für Teleskopspiegel unbrauchbar. Dennoch wird es für CD-Rs und CD-RWs eingesetzt, da es die Verluste durch den Brenn-Farbstoff etwas kompensiert (die Oxydation hat man hier gut im Griff, solange die CD-Rs auf der Labelseite vollflächig bedruckt sind).

Der Hersteller von Platinum SHM-CDs weist nun extra darauf hin, dass die CDs nur auf Playern laufen, die CD-R kompatibel sind. Daraus lässt sich zweifellos schließen, dass die Reflexionseigenschaften der Platinbeschichtung schlechter sind als die üblichen Silber- und Aluminiumbeschichtungen.

Da kann man wieder schön sehen, wohin der Highend-Wahn führt - der Vorteil der optisch verbesserten Trägerschicht durch das neue Polycarbonat wird durch die Wahl eines weniger gut reflektierenden Beschichtungsmetalls absichtlich wieder herabgesetzt, weil sich die CDs mit dem Aufdruck "Platinum" besser und teurer verkaufen lassen. Und weil die High-End-Esoteriker ja mal wieder was zum Bejubeln brauchen. Dieser Artikel fand sich in der Zeitschrift STEREO: Story: SHM-CD - darin macht der Autor sich zunächst Mühe, zwei bitidentische Exemplare einer CD zu finden und vergleicht die "normale" CD-Ausgabe dann mit der SHM-CD. Mit verblüffendem Resultat:
"Wie also hören sich Fairport Convention auf SHM-CD an? Auf der Laufwerk/Wandler-Kombi TL1N/DA1N von C.E.C. klingt die SHM-Version tatsächlich in den oberen Lagen entspannter, weniger glasig, beschwingter, gelöster und dreidimensionaler. Die Normal-CD wirkt dagegen wie eingeschnürt: kompakter und belegter. Diese Unterschiede sind deutlich reproduzierbar..."
Wie kann es zu solch einem herrlichen Fehlurteil kommen? Die Lasereinheit am Ende? Die Bierdeckel-Theorie scheidet wohl aus und dass der Autor von den Grundlagen der Digitaltechnik nichts versteht, ist ebenfalls nicht zu vermuten. Bleibt der Eindruck, dass hier ganz bewusst Esoterik-Bullshit geschrieben wurde, um das Leservolk weiterhin zu desinformieren - was die High-End-Presse ja nun schon seit Jahren versucht, seit ihre Anzeigenkunden mit der Einführung der Digitaltechnik das Problem bekommen haben, dass guter Klang auch mit wenig Geld (=wenig Umsatz) zu bekommen ist.

Die SHM-CD ist also nur ein weiterer Versuch der Industrie (und ihrer angeschlossenen Printmedien), die CD schlecht zu reden und damit die Musikliebhaber zu verleiten, mehr Geld für dieselbe Qualität auszugeben. 

Dienstag, 29. Juli 2014

Technobabble: Pimp my CD-Player

Mittlerweile kann man schon für ein ehemaliges Massenprodukt wie den CD-Player nostalgische Gefühle entwickeln, denn es werden offenbar keine mehr produziert. Bei Amazon gibt es derzeit unter dem Suchwort "CD-Player" gerade noch eine handvoll Produkte als Neuware für den HiFi-Bereich, von denen das jüngste Modell (ein Denon) schon mehr als zwei Jahre auf dem Markt ist.
Diese Beobachtung habe ich zum Anlass genommen, meinem inzwischen 19 Jahre alten Denon DCD-625 eine kleine Frischzellenkur zu gönnen. Nach wie vor finde ich den Player klasse - besonders seine Zehnertastatur. Denn da ich oft einzelne Tracks aus CDs spiele, ist es echt praktisch, nach dem Einlegen einer CD in die Schublade direkt auf die Tracknummer zu drücken. Dann schließt er die Schublade und spielt sofort den gewünschten Song, ohne sich mit dem Inhaltsverzeichnis aufzuhalten. In der entscheidenden Disziplin Zugriffsgeschwindigkeit schlägt er daher meinen Pioneer BDP-440 Kombiplayer um Längen und ist so immer noch erste Wahl bei CDs. Dass der Player einen möglicherweise nicht mehr ganz aktuellen Delta-Sigma 20 Bit - 8fach Oversampling D/A-Wandler an Bord hat, spielt für mich keine Rolle, denn er ist per SPDIF coaxial an meinen erst zwei Jahre alten Onkyo-A/V-Receiver angeschlossen - ich nutze ihn also nur noch als Laufwerk.


Leider hatte er zuletzt angefangen, etwas zu schwächeln. Manchmal dauerte es deutlich länger als normal, bis das TOC einer CD angezeigt war und bei einigen Selbstgebrannten kam es auch gelegentlich zu Abspielfehlern. Klare Anzeichen dafür, dass die Laserdiode am Ende ihrer Lebensdauer angekommen war. Vermutlich hatte zuletzt nur noch die Fehlerkorrektur dafür gesorgt, dass die meisten CDs abspielbar blieben, aber dass sich das alsbald dramatisch verschlechtern würde, war mir klar.

Zum Glück hatte ich mich damals für ein Markengerät eines renommierten Herstellers entschieden, für das auch nach 19 Jahren noch problemlos Ersatzteile zu bekommen sind. Eine neue Lasereinheit (übrigens von Sony) kostet bei Ebay knapp unter 35 € und ein neuer Antriebsriemen für die Schubladenmechanik war für 3,50 € auch noch drin. Der Wechsel der Einheit hat nicht mal zwei Minuten gedauert, allerdings brauchte ich eine Stunde, um erst einmal herauszufinden, wie weit ich das Laufwerk überhaupt zerlegen musste. Aber ich hatte am Ende wider Erwarten doch keine Schraube übrig, und jetzt spielt er wieder wie am ersten Tag - und hält jetzt hoffentlich nochmal 19 Jahre.

Montag, 24. Juni 2013

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V

...ein Bekannter, Besitzer einer High-End-Anlage, versuchte mir einst zu erklären, dass der Laser bei den teuren Markenrohlingen aufgrund der Materialeigenschaften "weicher" reflektiert würde und der Klang darum wärmer sei...
Zu diesem Thema war ich ja schon am Ende von Teil IV gekommen. Diese Rohling-Geschichte ist bezeichnend dafür, wie wenig der Laie überhaupt versteht, was Digitaltechnik bedeutet und wie sie wirklich funktioniert. Natürlich klingt jeder Rohling exakt gleich - weil er nämlich überhaupt nicht klingt! Das ist das Grundmissverständnis! Der Klang entsteht erst im D/A-Wandler und der ist ja nicht Bestandteil der Disc, sondern des Players - oder sogar des AV-Verstärkers, wenn der Player mit einem Digitalkabel an diesen angeschlossen sein sollte.

Was in der Regel nicht verstanden wird, ist die Tatsache, dass Digital Audio nicht das Audiosignal selbst, sondern nur eine höchst präzise mathematische Beschreibung desselben speichert. Das hatte ich in Teil IV bereits erwähnt, wiederhole es hier aber noch einmal, weil ich im Folgenden auch erklären will, was das eigentlich bedeutet.


Toms kleiner Digitalkurs

Nehmen wir einmal ein Gemälde, das ein namhafter Künstler angefertigt hat. Um das Gemälde zu erfassen, wird zunächst ein Raster aus kleinen Quadraten darübergelegt. Dann wird die Farbe in jedem Quadrat gemessen und als Zahlenwert aufgeschrieben. Für jede Farbnuance gibt es einen anderen Zahlencode. Der Zettel mit den Zahlen wird dann einem anderen Maler in einem anderen Raum gegeben, der nun eine leere Leinwand mit identischen Abmessungen mit demselben Raster versieht und dann die Quadrate mit den Farben füllt, deren Code auf dem Zettel steht, quasi "Malen nach Zahlen". Wenn er das alles richtig macht, sieht sein Bild hinterher dem Original ziemlich ähnlich - obwohl er das Original nie gesehen hat!
Gut, dieses Bild hat er wahrscheinlich doch schon mal gesehen...
Wie ähnlich, hängt nicht vom Talent des zweiten Malers ab (oder wieviel man ihm bezahlt), sondern nur davon, wie fein das Raster ist und wieviele verschiedene Farbnuancen er aufgeschrieben bekommen hat. Macht man das Raster deutlich feiner als die feinste verwendete Pinselstrichstärke und die Farbpalette deutlich variantenreicher als die des Originalkünstlers, würde die Kopie vom Original nicht mehr zu unterscheiden sein.

Digitalfotografie funktioniert übrigens exakt nach diesem Prinzip - das Raster (die Auflösung) gibt der Sensor in Kamera oder Scanner vor und die Anzahl der für die Farbcodierung verfügbaren Bits bestimmt die Anzahl der möglichen Farbnuancen - in der Regel wird mit 8 Bit pro Farbe gespeichert, das macht 256 verschiedene Nuancen für jeweils Rot, Gelb und Blau, zusammen über 16 Millionen verschiedene Einzelfarben, die jedes Rasterfeld (das Pixel) annehmen kann.

Das ist übrigens auch der "Trick" bei der Mona Lisa oben im Bild. Die Rasterfelder in der linken und mittleren Version sind klar erkennbar, aber auch das "perfekte" Bild rechts ist ebenso gerastert (mit 200 x 150 Pixel), nur eben gerade so fein, dass es nicht erkennbar ist.

Digital Audio funktioniert ganz ähnlich, der Unterschied besteht nur in der Natur des "Gegenstands" an sich. Ein Bild ist ein statischer Eindruck auf der Netzhaut des Auges, man sieht alle Pixel gleichzeitig. Selbst ein Video ist nur eine rasche Abfolge einzelner statischer Bilder. Wenn man bei einem Video die Pause-Taste drückt, bekommt man ein Standbild, das man immer noch betrachten kann. Musik ist jedoch immer ein "zeitserieller" Eindruck. Das Gehör empfängt die schwingenden Luftdruckunterschiede in rascher zeitlicher Abfolge nacheinander. Pausiert man die Musik, bleibt da nichts mehr zum Hören, es entsteht Stille.
Dennoch lässt sich ein Audiosignal, genau wie ein Bild, digital erfassen, nur stehen die erfassten Zahlen nicht für die Farbe eines bestimmten Pixels, sondern jeweils für den Zustand des analogen Audiosignals zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ein elektrisches Audiosignal besteht ja aus nichts anderem als einer schwachen Wechselstromspannung, deren ständig schwankende Werte natürlich jederzeit gemessen werden können. Nichts anderes passiert im Analog-Digital-Wandler.

Ein analoges Audiosignal hat im Unterschied zu einem Bild also eine zeitliche Komponente, d.h. es gibt einen Verlauf von Spannungsänderungen, der in allen Ausprägungen erfasst werden muss. Dazu werden fortlaufend aktuelle "Schnappschüsse" (sogenannte "Samples") des Kurvenverlaufs gemacht und aufgeschrieben. Das passiert in einem festgelegten zeitlichen Abstand, der sog. "Sampling-Rate". Auch hier lautet die Faustregel, je häufiger ein Sample genommen wird und je genauer der Spannungswert der Signalkurve erfasst werden kann, desto eher ähnelt die übertragene "Kopie" dem analogen Original.
Das Audiosignal für die CD-Produktion hat eine festgelegte Sampling-Rate von 44100 Hz, was nichts anderes bedeutet als dass vierundvierzigtausendeinhundertmal pro Sekunde ein "Schnappschuss" des gegenwärtigen Kurvenzustands erfasst und aufgeschrieben wird. Für jedes Sample stehen bei der CD 16 Bit zur Verfügung, damit lassen sich 65535 verschiedene Spannungswerte, ähnlich der Farbnuancen, erfassen (das Ganze natürlich doppelt, denn jede CD hat zwei Kanäle, weil Stereo der Standard ist - Mono-Signale werden daher in zwei identischen Kanälen aufgezeichnet). SACD, DVD-Audio und Blu-Ray erlauben höhere Auflösungen, mit denen die Reproduktion noch genauer erfolgen kann.

Ein digitaler Datenstrom ist unter normalen Bedingungen völlig unempfindlich gegen äußere Einflüsse - Brummeinstreuungen, Frequenzeinbußen, Kabelimpedanzen, Übergangswiderstände - das spielt alles keine Rolle, denn das Signal ist viel simpler und damit deutlich robuster als ein analoges Audiosignal, das ja das gesamte hörbare Spektrum von 20-20000 Hz enthält und entsprechend anfällig für Klangverfälschungen auf dem Übertragungsweg ist. Ein Digitalsignal kennt dagegen nur zwei Zustände (entsprechend Null und Eins) und die Übertragung erfolgt mit einer einzigen, festen Frequenz. Handelt es sich um ein elektrisches Digitalsignal, gibt es daher nur zwei verschiedene Spannungsstufen, die übertragen werden müssen: "High" und "Low". Diese können auch bei schlechten elektrischen Übertragungseigenschaften oder Störungen von außen sicher unterschieden werden. Ob die Signalflanken steil oder verschliffen sind, spielt ebenfalls keine Rolle, auch Timingprobleme werden von der Eingangsstufe des Wandlers automatisch korrigiert. Deshalb kann man auch für eine normale SPDIF-Verbindung (Digitalkabel z.B. zwischen Player und Verstärker) unbesorgt das allerbilligste Cinch-Kabel verwenden, das man finden kann. Ähnlich siehts übrigens aus bei HDMI - dort fangen die Hersteller bereits wieder an, Auflösungen und Bildwiederholraten sowie Logos wie "3D" auf die Verpackungen zu drucken. Das ist derselbe Bullshit wie immer - jedes HDMI-Kabel seit Juni 2006 ist für 3D und alle derzeit üblichen Auflösungen und Frameraten natürlich gleich gut geeignet - weil es eben Datenübertragung ist.

Der Digital-Analog-Wandler hat am Ende der Kette nun die wichtige Aufgabe, aus den ankommenden Zahlenwerten (pro Sekunde bekommt er also pro Stereokanal 44100 mal einen von 65535 möglichen Werten zugespielt) wieder ein hörbares, analoges Audiosignal zu rekonstruieren. Dazu verfügt er an seinem Ausgang über einen Wechselstromgenerator, dessen jeweilige Spannungszustände aus den übertragenen Zahlenwerten gewonnen werden und daher eine genaue Reproduktion dessen sind, was der Analog-Digital-Wandler am Anfang der Kette gemessen hat.


Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die früheren Folgen:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV

Sonntag, 23. Juni 2013

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV

Wollen wir mal das Gesamtsystem Schallplatte betrachten:
Wie man aus dem Physikunterricht weiß, ist es prinzipiell nicht möglich, Energie von einer Form verlustfrei in eine andere zu überführen. Bei Vinyl passiert das mehrfach - und unter hohen Verlusten. Bereits beim Lackschnitt wird elektrische Energie in mechanische Energie gewandelt. Gleichzeitig wird der Frequenzgang des Audios extrem verbogen, damit das überhaupt möglich ist - die Bässe werden um 20 dB abgesenkt und die Höhen um den gleichen Betrag angehoben (20 dB entspricht Faktor 10 - die Bässe haben nur noch ein Zehntel, die Höhen das Zehnfache der ursprünglichen Lautstärke). Beim Abtasten auf dem heimischen Plattenspieler wird dann mechanische Energie wieder in elektrische Energie gewandelt. Leider ist von der ursprünglichen elektrischen Energie hier kaum noch etwas übrig, deshalb muss diese elektronisch um etwa den Faktor 1000 verstärkt werden. Ebenso muss der verbogene Frequenzgang mit einem entsprechenden Gegenfilter korrigiert werden. Analoge Filter verursachen jedoch immer Phasenverschiebungen, die sich auf die Präzision der Wiedergabe auswirken. Wie schon früher ausgeführt, kommt es beim Abspielen zu Verzerrungen, dazu kommen Störgeräusche wie Rillenrauschen und Knackser durch statische Aufladung und Staub. Auch das sind Veränderungen des Originalsignals.

Das Gesamtsystem Schallplatte verursacht also an mehreren Stellen mehr oder weniger starke Veränderungen am Audiosignal. Eine 1:1 Reproduktion des Studiomasters ist damit unmöglich, egal mit welcher Anlage. Dagegen verändert der Laserstrahl bei der CD-Abtastung das Audiosignal nicht, da er nicht das Audiosignal selbst abtastet, sondern stattdessen nur eine höchst präzise mathematische Beschreibung des Audiosignals, die auf der Disc in Form von winzigkleinen Buckeln und dazwischenliegenden Vertiefungen als Nullen und Einsen gespeichert ist.

Um das an dieser Stelle ganz deutlich zu sagen: anders als eine Vinyl-Schallplatte handelt es sich bei einer CD nicht um einen Tonträger, sondern um einen reinen Datenträger!

Der große Vorteil der Digitaltechnik ist daher, dass sich der Datenstrom aus lauter aneinander gereihten Nullen und Einsen, die der Analog-Digital-Wandler im Tonstudio erzeugt hat, völlig verlustfrei speichern, transportieren und vervielfältigen lässt. Denn erst im Abspielgerät des Kunden erzeugt ein Digital-Analog-Wandler daraus wieder ein hörbares Audiosignal. Alles was zwischen den beiden Wandlern stattfindet, ist für den Wohlklang völlig irrelevant - es kann nichts verändert werden - jedenfalls nicht unbeabsichtigt!

Die Fehlerkorrektur, die bei jeder Speicherung von Daten erforderlich ist, gleicht nur den Nachteil des jeweiligen Speichermediums aus. Bei optischen Datenträgern ist es natürlich erforderlich, dass Staub, Kratzer und Fingerabdrücke auf den Discs keine Störungen verursachen. Dazu bedient man sich mehrerer Tricks, zum Beispiel Prüfsummen. Auch werden Daten immer zu einem gewissen Anteil redundant gespeichert - wenn einzelne Bits (Nullen oder Einsen) nicht lesbar sein sollten, lässt sich der verlorene Wert so zweifelsfrei rekonstruieren. Auch das geschieht also verlustfrei - es sei denn eine Disc wäre zu stark verschmutzt oder verkratzt.

Eine Digitalaufnahme kommt in jedem Fall dem am Nächsten, was der Toningenieur, der Künstler, die Band, der Produzent entschieden hat - wie oben beschrieben, der A/D-Wandler steht im Tonstudio, der D/A-Wandler steht beim Hörer im Wohnzimmer. Mehr Klangtreue gäbe es nur noch, wenn der Hörer seinen gemütlichen Sessel direkt im Studio aufstellen könnte.

Der persönliche Geschmack spielt bei der Klangtreue keine Rolle - das darf er auch gar nicht!
Kein Mensch hört alle Frequenzen gleichermaßen gut - das menschliche Gehör ist vielmehr optimiert, Sprache zu verstehen, daher ist es im Bereich des menschlichen Stimmumfangs am Empfindlichsten (tatsächlich liegt Babygeschrei exakt auf der allerempfindlichsten Frequenz - evolutionsbedingt ein nachvollziehbarer Vorteil). Bässe und Höhen sind dagegen deutlich weniger empfindlich.

Für die Klangtreue ist es jedoch immens wichtig, dass die Kennlinien der Aufnahme- und Wiedergabegeräte in der gesamten Kette keine Frequenzen bevorzugen oder benachteiligen, denn nur dann bleibt das Klangerlebnis für den Hörer wirklich neutral. In der Analogtechnik war dies früher ein Zustand, der nur mit teurem Equipment und selbst damit nur annäherungsweise erreichbar war. Das führte zu mehr oder weniger großen Klang-Verfärbungen. Gute Wandler für die Digitaltechnik sind heutzutage jedoch billig und sie haben stets einen schnurgeraden Frequenzgang, sind daher völlig neutral.

Als "audiophil" bezeichnete sich zu Analogzeiten ein Liebhaber möglichst großer Klangtreue, der daher gleichzeitig auch bereit war, große Summen für sein Equipment auszugeben, auch wenn das nicht immer eine Verbesserung bedeutet hat. "Audiophile" haben leider immer wieder wahnhafte Ideen entwickelt, wie sich Wohlklang angeblich noch weiter steigern lässt, und so auch viel Geld für absoluten Humbug ausgegeben, beispielsweise für fingerdicke Lautsprecherkabel mit vergoldeten Anschlüssen. Gesteuert und gefördert wurde dieses Verhalten von den Audio- und Hifimagazinen, an deren Kompetenz es lange keinen Zweifel gegeben hatte, die jedoch mit dem Aufkommen der Digitaltechnik und der daraus resultierenden Erkenntnis, dass hervorragender Klang plötzlich auch mit einem Bruchteil des bisher eingesetzten Gelds möglich war, Einbußen im Anzeigengeschäft befürchteten und daher viele der erwähnten Wahnideen selbst entwickelten - wie etwa der berühmte Filzstift, mit dem man ernsthaft CDs am Rand bemalen sollte. Oder es wurden gebrannte CD-Rohlinge auf Klangunterschiede getestet - die dann natürlich auch angeblich festgestellt wurden und natürlich waren die teuren Markenrohlinge die bestklingenden. Da Musik heute oft auf USB-Sticks transportiert wird, würde es mich nicht wundern, wenn es da inzwischen auch schon entsprechende Vergleichstests gegeben hätte.

Hifi-Anlagen sind verglichen mit der Anfangszeit der Stereotechnik inzwischen völlig ausgereift und daher gibt es auch nur noch wenig Schwankungen in der Qualität. Preisunterschiede enstehen hauptsächlich durch die Anzahl der Anschlüsse und der eingebauten Features. Sicherlich lässt sich auch der Sound beeinflussen, aber das geht nicht mehr so unkompliziert wie früher mittels Bass-, Mitten- und Höhenregler, ohne die Verstärker in der Analogzeit nicht auskamen. Moderne A/V-Receiver lassen diese Möglichkeiten und noch viele mehr jedoch durchaus zu - schlechte Basswiedergabe eines Lautsprechers kann man also nach wie vor kompensieren. War das früher jedoch Geschmacksache, werden heutige A/V-Receiver meist mit einem Messmikrofon geliefert, das am Hörplatz aufgestellt wird und die Kompensation macht der Receiver dann automatisch gemäß der ermittelten Kennlinie. Was nicht heißt, dass man nicht der Meinung sein darf, mehr Bässe wären toll - nur hat man dann keine neutral eingestellte Anlage mehr, sobald man die einmal aufgedreht hat.


Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die früheren Folgen:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III

Donnerstag, 20. Juni 2013

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III

"So wird's gemacht" - hier war ursprünglich ein interessanter Doku-Clip des Senders DMAX mit diesem Titel über die Vorgänge in einem Vinyl-Presswerk verlinkt. Leider nicht mehr online.
Dieser Clip war richtig gut - man konnte sehr schön sehen, wie steinalt die Maschinen sind, die da von einem Haufen von Menschen praktisch in Handarbeit bedient werden.

Was man aber auch sehen konnte: Für den Schneidvorgang wird nicht etwa ein analoges Tonband, sondern ein stinknormales digitales Audiofile als Master benutzt - das ebenso Spitzenwert-komprimiert ist wie bei der CD, allerdings haben sie zusätzlich noch einen EQ drin, der die Höhen ab 16 kHz mit 12 dB/Oktave abschneidet!
Hatte zum Glück ein paar Screenshots gemacht, auf denen man das sehr schön sehen kann:

Alles analog, na klar...

Bei der CD geht's rauf bis 20 kHz - nicht so bei Vinyl!
Da geht's ab 16 kHz mit 12 dB/Oktave steil abwärts!

Nicht gedacht hätte ich auch, dass die gesamte Fertigung nicht einmal annähernd unter Reinraumbedingungen geschieht! - Da läuft niemand mit Schutzkleidung oder Kopfhaube herum - die Schneidevorrichtung hat ebenfalls keine Staubschutzhaube und der Behälter mit dem Vinylgranulat hat natürlich keinen Deckel!
Wahrscheinlich deshalb braucht es jemanden wie in diesem Clip der Deutschen Welle zu sehen, der den Staub aus dem galvanisierten Master per Hand wieder rausmeißelt! - Technik, die begeistert!


Fazit: Meine optimistische Grundannahme, dass die Vinylproduzenten echte Analogfreaks sind, die einen radikalen und puristischen Ansatz haben, ist damit leider geschreddert. - Hier werden ganz normale Digitalproduktionen hergenommen und quasi "zweitverwertet" - möglicherweise erzielbare Zugewinne an Dynamik durch Verwendung eines nicht Spitzenwert-begrenzten Audios oder sogar durch ein analoges Mastertape interessieren hier offenbar niemanden. - Würde ja auch deutlich mehr Aufwand sein und Geld kosten.
Stattdessen nimmt man einfach eine CD und kopiert die auf Vinyl - und damit es "wärmer" klingt, werden noch die Höhen abgesenkt. So einfach ist das. Da kann der Vinylkäufer sich schön einbilden, ein mit großer Sorgfalt hergestelltes Analogprodukt erworben zu haben - in Wahrheit bekommt er nichts anderes als eine billige CD-Kopie auf einem minderwertigeren Tonträger.

Mein einmal scherzhaft gemeinter Vorschlag, doch einfach die CDs herzunehmen und sie durch das kostenlose Audio-Plugin von Izotope: "Vinyl" mit den nötigen Klicks und Verzerrungen zu versehen, wenn man schon auf die Lagerfeuerromantik nicht verzichten will, bekommt hier eine neue Dimension - denn genau das macht das Presswerk, nur nimmt es kein Plugin dazu, sondern ein Stück Plastik. Das Ergebnis ist in der Tat dasselbe (nur ist es natürlich nicht kostenlos)!


Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die früheren Folgen:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II

Dienstag, 12. Februar 2013

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II

Hier ein Artikel aus der Frankfurter Rundschau, der beispielhaft ist für das gefährliche Halb- oder Nichtwissen von Journalisten zu diesem Thema: Schallplatten halten fast ewig - auf die Pflege kommt es an.
Eine Schallplatte lebt mit guter Pflege deutlich länger als viele digitale Audiomedien. «Im Grunde ist die Haltbarkeit unbegrenzt», sagt Rainer Bergmann, Vorsitzender der Analogue Audio Association (AAA), einem Verein zum Erhalt analoger Medien. «Bei CDs haben sie manchmal schon nach zehn Jahren einen unlesbaren Datenträger.»
Was der Kollege vergisst zu erwähnen: Schallplatten halten bei guter Lagerung nur unter einer Bedingung "fast ewig": Naämlich dann, wenn man sie niemals spielt!
Denn jeder Abspielvorgang verursacht Abrieb, d.h. die eingeprägten Wellenformen werden zunehmend verschliffen. Irgendwann kann man das dann auch hören. Am besten sollte man sie nie aus ihrer Hülle nehmen, denn sie laden sich gern schon beim Auspacken statisch auf und ziehen Staubfasern an. Hartgesottene Vinyl-Sammler wissen das und lassen ihre wertvollen Platten am Besten eingeschweißt. "Still sealed" ist nach wie vor das Gütesiegel, mit dem sich beim Verkauf historischer Schallplatten die höchsten Preise erzielen lässt.

Wie lange gepresste CDs bei normaler Behandlung halten, ist immer noch nicht abschließend geklärt. Meine älteste CD, Peter Gabriels "So", gekauft 1986, klingt immer noch exakt so wie am ersten Tag. Neulich habe ich sie für einen Artikel über das "So"-Remaster mit einem Plextor-Laufwerk und der Software ExactAudioCopy ausgelesen: 100% Qualität, d.h. keinerlei Lesefehler. Pflegebedürftigkeit: keine (immer nur am Rand angefasst, immer gleich zurück ins Jewelcase).

Noch mehr gelacht habe ich über diesen Absatz, der die Expertise des genannten Herrn doch mehr als nur ein wenig in Zweifel stellt:
Die beste Methode zur Digitalisierung der analogen Musiksammlung ist ein Plattenspieler mit USB-Anschluss. Software zum Aufzeichnen der Musik liegt solchen Geräten meist bei. Anstatt eines USB-Kabels können Anwender aber auch herkömmliche Klinkenstecker verwenden. Ein sogenannter Digital-Analog-Wandler unterdrückt dabei störendes Brummen.
Das ist grober Unfug und geradezu lächerlich.

Ein Plattenspieler mit integriertem USB-Anschluss ist ohne Zweifel die praktischste, aber auch die allerschlechteste Methode, Vinyl zu digitalisieren, denn es kommen nur da ausschließlich Low-Budget-Komponenten zum Einsatz. Neben dem billigen Laufwerk wäre da vor allem der fest eingebaute Entzerrer-Vorverstärker als wichtiges Glied der Übertragungskette zu nennen (von dem gut klingende Geräte das dreifache eines USB-Plattenspielers allein kosten), und ein A/D-Wandler, von dem in den meisten PC-Billig-Onboard-Soundkarten bessere Varianten verbaut sind.

Und auch bei Benutzung von Klinkensteckern benötigt man einen Analog-Digital-Wandler, keinen "Digital-Analog-Wandler", denn am PC sollen ja Nullen und Einsen ankommen, keine Schallwellen. Und dass ein Wandler jemals störendes Brummen unterdrückt hätte, wäre mir neu - die zeichnen das gnadenlos mit auf, wenn es am Eingang anliegt.



Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die frühere Folge:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I

Samstag, 29. September 2012

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I

Ich bin (natürlich) mit Vinyl großgeworden. Schon im zarten Alter von drei Jahren war ich als Discjockey in der Famile berühmt. Obwohl ich da noch nicht lesen konnte, konnte ich A- und B-Seite von Rocco Granatas Single "Marina"/"Manuela" mühelos auseinanderhalten (hat meine Mutter immer stolz erzählt - sie hat nie herausgefunden, wie ich das gemacht habe und ich selbst weiß es leider nicht mehr). Den kleinen Braun-Plattenspieler meiner Eltern konnte ich jedenfalls im Schlaf bedienen. Meine erste eigene Single habe ich mit fünf bekommen. Als sich ein paar Jahre später auf dem Plattenteller erstmals "Hey Jude" drehte, weiß ich noch, dass ich staunte, weil der Song einfach nicht enden wollte. Mit 16 kaufte ich mir die erste, nagelneue Hifi-Anlage, da hatte ich schon über 500 LPs und unzählige Singles.

Aber: die Unzulänglichkeiten der analogen Medien haben mich schon gestört, bevor ich mit Digitaltechnik auch nur ansatzweise in Berührung gekommen war. Ich fand es erstaunlich, dass Platten rauschten und knacksten und dies auch noch umso mehr, je häufiger man sie abspielte. Da konnte man sie noch so vorsichtig am Rand anfassen - selbst ungespielte Platten schienen in der Hülle, vermeintlich sicher verpackt, mit den Jahren zu verderben. Manchmal war es zum Verzweifeln. Da man mit Chromdioxid-Cassetten und Dolby B bessere Rauschabstände erreichen konnte, verfiel auch ich eine zeitlang der Idee, Schallplatten beim ersten Abspielen auf Cassette zu überspielen und die Musik zumindest in der ersten Zeit, wo sie noch frisch war, von diesem Medium abzuspielen. Viele meiner Generation träumten damals von einem Spulentonbandgerät - das kam wenigstens optisch an das heran, was man damals in einem Tonstudio vorfinden konnte. Leider konnte man seine Lieblingsalben nicht als vorbespielte "Schnürsenkel"-Bänder kaufen - es gab bestenfalls vorbespielte Compact-Cassetten. Die waren jedoch teuer und klangen, bedingt durch das industrielle Highspeed-Kopierverfahren und die lange vorherrschenden Eisenoxidbänder, mehr als nur dürftig.

Die Geräteentwickler hatten damals ein einfaches, aber unerreichbares Ziel: Klangtreue (gern auch "HiFi" oder "High Fidelity" genannt). Es gab damals sogar eine HiFi-Norm, das war die DIN 45500, in der u.a. festgelegt war, welche Wertegrenzen die Geräte in verschiedenen kritischen Disziplinen einhalten sollten. Die Norm war zwar recht zahm (sonst hätte Vinyl sie ja nicht schaffen können), aber immerhin ein Gütesiegel. Echte "HiFi"-Geräte nach DIN waren teuer.

Schon damals gab es Mystiker, die glaubten zwischen dicken und dünnen Lautsprecherkabeln einen Unterschied zu hören, aber einig waren sich alle: jeder, wirklich jeder wollte seine Lieblingsmusik so unverfälscht wie möglich hören - eben so, wie es Musiker und Produzent im Studio entschieden hatten!

Dass die sogenannten "Audiophilen" diese Maxime inzwischen aufgegeben haben und nun wieder einem Medium huldigen, das sie damals mit Freuden und völlig zu Recht in die Wüste gejagt haben, ist eine absurde Fußnote der Geschichte. Aber diesen Esoterikern ging es schon damals eher darum, möglichst teure und aufwändige Anlagen zu besitzen als Musik darauf abzuspielen - Digitalgeräte waren Anfangs ja extrem teuer und daher hochbegehrt. Heute sind sie das nicht mehr - klar, dass es also wieder andersrum gehen muss.

Daher nun der neue Vinyl-Hype. Allerdings: Aussagen wie "Vinylplatten klingen aber so schön warm und CDs ach so kalt" hatte man bereits in den frühen 1980ern hören können - sie sind natürlich windelweich und völlig subjektiv, dennoch ist es keineswegs völlig irrational, wenn Menschen vorgeben, Vinyl klanglich zu bevorzugen. Man kann das alles durchaus ein Stück weit erklären - neben dem umgekehrten Placebo-Effekt (etwa: ich habe eine Mörderknete für Plattenspieler-Vorstufe-Verstärker-Kabel-Boxen ausgegeben, daher MUSS das jetzt besser klingen, sonst wär ja alles umsonst gewesen) gibt es durchaus mithilfe der Messtechnik und der Psychoakustik nachvollziehbare Erklärungen für dieses Phänomen. Es trägt den schönen Namen: "Klirrfaktor".

Der Klirrfaktor ist bei analoger Schallspeicherung und -übertragung immer eine kritische Größe, denn ihn möglichst klein zu halten erfordert schaltungstechnischen Aufwand, der zu steigenden Fertigungskosten führt. Wer es mag, da mal in die Tiefe zu gehen: Klirrfaktor (Wikipedia)
Bei der Fertigung einer Schallplatte (die ja seit der Einführung des Direct-Metal-Masterings in den frühen 1980ern keinerlei technische Fortschritte mehr gemacht hat) kommt es prinzipbedingt zu Verzerrungen des Audiosignals. Das bedeutet, dass sowohl beim initiierenden Lackschnitt als auch bei jedem Abspielvorgang der fertigen Platte durch die Platte selbst und durch die Übertragungskette dem Signal eine ganze Reihe sowohl gradzahliger als auch ungeradzahliger Oberschwingungen zugefügt werden, die im Original-Master nicht vorhanden waren. Dies bezeichnet man in der Messtechnik als "nicht-lineare Verzerrungen".

Glücklicherweise hat nun jeder Klang "von Haus aus" Oberschwingungen, denn reine Sinustöne kommen in der Natur nicht vor - und insbesondere der Anteil ungeradzahliger Obertöne, die nicht-harmonisch sind und daher insbesondere bei Musik ab einem gewissen Pegel störend wirken können, ist in der Regel gering. Die unterschiedliche Gewichtung von Obertönen sind für das Gehör entscheidend für die Identifikation eines Klangs. Eine Geige und ein Klavier erzeugen beim selben gespielten Grundton ein völlig unterschiedliches Obertonspektrum, an dem wir das jeweilige Instrument mit geschlossenen Augen erkennen können. Wir kennen uns also sehr gut aus mit Obertönen.
Von nicht-linearen Verzerrungen profitieren also im Wesentlichen die natürlich vorhandenen Obertöne, was zu dem psychoakustischen Effekt führt, dass so "behandelte" Klänge einen wahrnehmbaren Gewinn an Präsenz erfahren. Das liegt daran, dass das Gehör eine nicht-lineare Frequenzkurve hat, die im Mittenbereich am empfindlichsten ist (optimiert für Sprachwahrnehmung). Eine annähernd gleichmäßige Verteilung künstlicher Obertöne führt also vorwiegend zu einer gesteigerten Wahrnehmung dort, wo das Gehör am empfindlichsten ist. Gleichzeitig wird das Originalsignal durch die Überlagerung ein Stück weit verdeckt, zusammen mit der ohnehin schlechten Wiedergabetreue von sehr dynamischen Impulsen mit kurzen Attack-Zeiten (z.B. Bassdrum) wird das Signal quasi "verschliffen", was zu weiteren Verzerrungen führt, die sich nun dynamisch auswirken (hohe Dynamik=große Verzerrungen). Das ist nichts anderes als der Effekt, den viele Hörer mit "warm" charakterisieren.

Daher werfen Laien wie auch angebliche Fachleute der Digitaltechnik ja seit jeher vor, sie sei "kalt" und daher herzlos. In der messtechnischen Realität ist sie jedoch nur auf größtmögliche Neutralität getrimmt - nicht vergessen: das war von je her das Ziel aller Audioentwickler (übrigens auch von denen, die bis 1980 noch an der Weiterentwicklung der Vinylschallplatte gerabeitet haben)!
Mit den beim Digital Recording überall verbreiteten 24 bit A/D-Wandlern hat man dieses Ziel inzwischen mit relativ einfachen Mitteln erreicht; auch bei Doppelblindtests ist es selbst Fachleuten mit geschultem Gehör nicht mehr möglich, zwischen einem analogen Original-Mastertape und der digitalen Kopie davon zu unterscheiden.

"Vinyl ist besser" ist also Unfug oder bestenfalls fragwürdige Geschmackssache. Holt man jedoch das offenbar längst überholte Ideal der "Klangtreue" wieder aus der Schublade, kommt man nicht umhin festzustellen, dass eine technische Überlegenheit der Schallplatte objektiv nicht vorhanden ist. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das, was man klanglich beim Vinyl als Benefit empfinden mag, künstliche Obertöne sind, die von der ganzen Fertigungs- und Wiedergabekette hinzugefügt wurden - natürlich ohne Autorisierung der beteiligten Künstler!*
Wem es also auch in diesen aufgeklärten Zeiten darauf ankommt, das Studiomaster exakt so zu hören, wie es die Musiker und der Produzent im Studio entschieden haben, kann das definitiv nicht mit einem Plattenspieler tun (und wenn er noch so teuer war).

*Nebenbei bemerkt gibt es natürlich längst Effektgeräte, die einem Klang künstliche Oberschwingungen zufügen können. In den 1970ern nannte man die "Exciter" - später waren sie verpönt, da sie einen starken Gewöhnungsfaktor hatten - bei längerem Gebrauch ermüdete die Wahrnehmung des Effekts, was den Toningenieur schnell um seine Neutralität brachte.



Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII