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Dienstag, 30. April 2019

ANTHONY PHILLIPS - Slow Dance (2CD/1DVD Remix Stereo/5.1)

1988-89 aufgenommen und am 24. September 1990 als erstes neues Album seines Vertrags mit Virgin Records veröffentlicht, ist "Slow Dance" das vielleicht letzte "echte" Soloalbum von Anthony Phillips - mit für diesen Zweck komponiertem und vollständig instrumentiertem bzw. orchestriertem Material. Alle anderen Alben danach bestanden entweder aus Zweitverwertungen von älteren Stücken oder auch nur aus einfachen, meist solo-instrumentalen Skizzen, von denen nur die wenigsten ursprünglich für einen Album-Kontext vorgesehen waren.


Als einziges seiner Alben gliedert sich "Slow Dance" in zwei gleich benannte und etwa gleich lange Teile, die ähnlich einer klassischen Serenade in jeweils vier thematisch unterschiedliche Sätze (ich nenne sie im Folgenden "Movements") mit jeweils eigenen Spannungsbögen gegliedert sind, ohne dass die Grenzen dieser Teile auf den Tonträgern erkennbar wären, sei es durch Zwischenrillen beim Vinyl oder Trackmarken bei der CD. Die "Slow Dance"-LP hat zwei Seiten ohne sichtbare Unterteilungen und die CD dementsprechend genau zwei Tracks. Die Einteilung in acht Sätze ist daher keine offizielle; sie dient hier nur der Veranschaulichung.

Es folgt der Versuch einer Übersicht über die Melodie-thematischen Bestandteile des Werks. Die Bezeichnungen Lenta Chorum, Single Demo und No Way Out entsprechen den Themen der gleichnamigen Einzeltitel auf der Bonus-CD. Die "Harp-Section" wird in den Credits erwähnt.


Slow Dance (Part 1)

Movement 1: "Lenta Chorum"

0:00 Das Eingangssthema des Werks beginnt mit einem verhalten spielenden Orchester, das die String-Synthesizer im Vordergrund nicht verdrängen kann. Darunter liegt ein starkes, windartiges Rauschen.

0:53 Erstmaliger Einsatz der synthetischen Nylon-Gitarren, die das Thema aufgreifen und variieren, versehen mit einem schwirrenden Echo, das an diesem stark künstlich wirkenden Klang nichts verbessern kann.

1:30 Nun greift die Flöte dasselbe Thema auf, unterlegt von einem orgelartigen Synthesizerklang.

1:46 Zweiter "Gitarren"-Part, durch die schnellen Arpeggios fällt der Plastikklang noch unangenehmer auf.

2:18 Das Thema wird nun wieder vom Orchester und den Flöten übernommen, allerdings in einem höheren Register, feierlich getragen, aber optimistisch.

2:49 Das Thema verkehrt sich ins Finstere, viele schwerblütig-dunkle Akkorde und einige schräge Tonartwechsel vermitteln eine nun eher bedrohliche Stimmung.

3:14 Die Flöten greifen nun den zweiten Gitarrenpart melodisch auf. Er steigert sich zum kraftvollen Finale des ersten Spannungsbogens – mit Akkordvariationen einer an Tony Banks erinnernden Vielfalt. Da die meisten der in Lenta Chorum verwendeten Themen im späteren Verlauf erneut auftauchen, meist variiert in Arrangement, Tempo und Harmonie, kann dieser erste, quasi in sich abgeschlossene Teil des Werks als eine Art Ouvertüre angesehen werden, auch wenn wichtige zentrale Themen hier fehlen.


Movement 2: "HarpSection"

5:07 Nach dem Verklingen des Sturms geht es ruhiger weiter. Das Speachi Quartet mit Harfe, Oboe, Piccoloflöte und Klarinette bittet zur gepflegten Volta. Man umkreist sich im gemächlichen 3/4-Takt.

7:00 Kurzes Einsetzen der Streicher, eine einfache absteigende Melodie wird zweimal durchgespielt,

7:21 danach wird das Speachi Quartet -Thema wiederholt.

7:45 Eine weitere Streicher-Einlage, diesmal mit dem Single Demo-Thema, das hier zum ersten Mal erklingt und ebenfalls zweimal durchgespielt wird. Anschließend direkt überleitet zu

8:08 einem neuen Flöten-Thema, hier jedoch von einem Synthesizer gespielt mit untergelegten Harfen-Pizzikatos.

9:08 Speachi Quartet, Teil 3 und Schluss des zweiten Spannungsbogens.


Movement 3:

9:38 Beginnt mit auf dem letzten Ton des zweiten Movements mit stur durchgespielten Achtelnoten von einem Synthesizer. Darüber spielt anfangs ein monophoner Synthesizer ein einfaches Solo. Das Stück steigert sich langsam.

11:38 Ein Akkordwechsel steigert die Spannung, die sich schließlich

12:01 in einem stark rhythmusbetonten Stück auflöst. Handclaps und verschiedene Arten von Percussion lassen nur wenig Raum für ein sehr weit in den Hintergrund gerücktes Stratocaster-Solo.

14:03 Der Rhythmus stoppt abrupt und man hört eine kurze Variation der Lenta Chorum-Akkorde, bevor

14:26 schließlich ein künstlicher Chor einsetzt.

14:51 Hinter dem Chor krachen die Timpanis des Orchesters, es endet auf der Dominante (A) ohne zur Tonika (D) zurückzukehren.


Movement 4: "Guitar Adagio"

15:29 Das Guitar Adagio-Thema beginnt dafür gleich danach in D. Sparsame, perkussive Synthieklänge treffen sich mit wunderschönen echten Stratocaster-Arpeggios.

16:33 Mit einem überraschenden Tonartwechsel ertönt das Flöten-Thema von 8:07 erneut, jedoch drei Halbtöne höher als zuvor. Eine Art synthetisches Glockenspiel leitet schließlich über zum

17:09 Single-Demo-Thema, hier gespielt von einem leisen Flötenklang und mit Plastikgitarren-Picking unterlegt. Ab

17:42 setzt nach und nach das Orchester ein.

19:29 Es folgt noch einmal der Lenta Chorum in einer Art Schnelldurchgang mit verhaltener Instrumentierung.

21:01 Reprise des finsteren Teils des Lenta Chorum, dient hier aber nur als Überleitung zum

21:22 Guitar Adagio-Reprise. Wir hören erstmals echte Drums und kleine, aber effektive Läufe der Stratocaster.

23:21 Zum Abschluss noch einmal der unechte Chor, an den sich wieder ein kurzer Harfen-Teil anschließt, der den ersten Teil des Werks zügig und definiert beendet.


Slow Dance (Part 2)

Movement 5:

0:00 Ein einfacher Melodie-Loop aus Glockenspiel und Sequencer, dazu eine marschartige Snaredrum eröffnen die zweite Seite des Albums, es erinnert ein wenig an das Stück Preparation vom Camel-Album "Snow Goose" – nicht die schlechteste Vorlage!

2:12 Abgelöst von einem längeren Ambient-Stück mit schwebenden Synthesizer-Akkorden und mehreren monophonen Synthies mit Reed-artigen Klängen.

4:15 Ein langsam treibender Rhythmus, monotoner Bass, Shatter-Echos auf Bassdrum und Snare, erst nach über einer Minute kommt der erste Akkordwechsel.

6:10 Die Drums setzen aus, nur ein Schellenkranz scheppert leise weiter,

6:37 künstliche Chimes leiten über zu einer

6:57 Oboe, die sich mit schrecklich billig klingenden Orchester-Hits auseinandersetzen muss,

7:27 bis sie abgelöst wird von einigen simplen Melodien. Alles plätschert so dahin, elektronische Drums, es klingt wie die Begleitautomatik aus billigen Heimkeyboards.

9:00 Vier laute, leicht dissonante Akkord-Schläge beenden dieses Movement überraschend.


Movement 6:

9:22 Beginnt mit schnell-flirrenden Sequencern, darüber Synthie-Flöte, Klarinette, ein Lead-Synthi spielt kurz das „Single-Demo“-Thema an, das Orchester setzt ein, es klingt beinahe wie Filmmusik, dramatische Tonartwechsel, dann wieder das Hauptmotiv des Lenta Chorum kurz zitiert, dann ein abruptes Ende nach vier weiteren lauten Schlägen, die diesmal mit ihren Echos wie Schüsse klingen.

12:15 Ein G#-Bass-Drone wird aufgebaut, steigert sich langsam, Akkorde schwirren herum, dann die scheinbare Auflösung nach C, dennoch bleiben Dissonanzen stehen.


Movement 7: "No Way Out"

14:18 Bei weitem das spannendste Arrangement des Albums, elektronische Drums, das Orchester ist in Hochform, eine Trompete wird effektvoll eingesetzt, dann löst sich die Spannung etwas, ein leises Keyboard-Solo führt das Stück wieder zum Anfang zurück.

17:34 Kurz wird das Hauptthema des Lenta Chorum erneut zitiert. Ein zaghaftes Stratocaster-Solo drängt sich nicht in den Vordergrund, was schade ist. Ab

17:45 wird das Single Demo-Thema wieder aufgegriffen.

18:39 Alles bricht zusammen. Nur ein Flötensound besteht auf dem No Way Out-Thema, dahinter krachen Drum-Echos, ähnlich wie bei Vienna von Ultravox.


Movement 8:

19:24 Mit den schweren Eingangsakkorden des Lenta Chorum, diesmal in Zeitlupe gespielt beginnt das letzte Movement des Werks.

21:15 Rückkehr zum normalen Tempo. Die Flöte greift erneut das Thema auf.

22:29 Es wechselt etwas abrupt zum Eingangsthema aus Movement 5 (also dem Beginn der Seite 2) – der flirrende Sequencer fehlt, dafür gibt es zarte Sphärenklänge und an Frauenstimmen erinnernde Synthie-Figuren, warme, versöhnliche Akkorde, leichte, perkussive Klänge werden am Schluss beinahe zu zarten Chören – alle Instrumente plätschern langsam aus und so ist das Ende des Werks fast wie eine lange Ausblende.


Fazit:

Es hätte so gut sein können! – Anthony Phillips hat auf diesem Album viele starke Melodien mit oft überraschenden Harmonien gepaart, die Arrangements sind im Prinzip weltklasse, die Aufnahmetechnik überzeugt durch hervorragende Dynamik – nur mit der Instrumentierung hat er es sich leider zu häufig viel zu einfach gemacht. – Klar, Ende der 1980er Jahre waren digitale Synthesizer mit den käsigsten voreingestellten Sounds, die man zudem nicht wirklich groß verändern konnte, weit verbreitet – an den Klang eines Yamaha DX-7 oder seines hier eingesetzten nahen Verwandten Casio CZ 5000 war man gewöhnt. Im Booklet lobt Anthony diesen Synthesizer immer noch, vor allem diesen "super flute sound, which you wouldn't know it's a synth" - sorry, lieber Ant, aber die falsche Flöte erkennt man leider auch ohne klassische Ausbildung sofort!

Diese Sounds waren damals zugegeben hochmodern – so klang die aufkommende "New Age"-Musik – sie wirken inzwischen leider ziemlich angestaubt und werden sofort mit den "Eighties" oder den Panflöten-spielenden Indios in Fußgängerzonen assoziiert. Heute findet man sie ausschließlich noch in billigen Alleinunterhalter-Keyboards. Leider klingt das Album daher über weite Strecken so, als wäre es mit solchem Equipment eingespielt worden.

Der Einsatz des so primitiven wie (vergleichsweise) preiswerten Samplers Emax von der Firma E-mu (deren Hochpreis-Produkt „Emulator“ deutlich populärer und auch besser war) war vermutlich der größte Fehler, den Anthony Phillips hier begangen hat. Diesem Gerät haben wir u.a. die vielen einfach nur mies klingenden Nylongitarren zu verdanken – die Ant besser als echte Instrumente eingespielt hätte. Mir gegenüber gestand er einst auf Nachfrage, dass er damals einfach zu faul gewesen war, sich hinzusetzen und die Parts auf echten Gitarren einzuüben.

Immerhin, einen älteren, voll-analogen Roland Jupiter 8-Synthesizer listet das Booklet ebenfalls auf. Er wurde zum Glück für die warmen Streicherklänge und die vollen Akkorde im Hintergrund verwendet, daher klingen zumindest diese Passagen, die oftmals mit dem Orchester überlagert werden, herausragend gut.

Aber es sind nicht nur die Sounds – echte Instrumente sind ja durchaus eingesetzt worden, leider sind sie vorwiegend in den Hintergrund gemischt und oft kaum herauszuhören. So klingt das Album über weite Strecken leider nicht viel besser als die unsäglichen "Fantasy Strings", die bis noch vor einigen Jahren die hochbetagte Hörerschaft von WDR 4 allabendlich in den verdienten Schlaf gesäuselt haben.

Zu Anthony Phillips' Entlastung: Die Aufnahmen gestalteten sich seinerzeit schwierig und technisch ambitioniert. Eine geliehene, semi-professionelle Fostex 16-Spur-Maschine brachte zwar ein wenig gestalterische Freiheit, jedoch spielte er das Album weitestgehend ohne Klicktrack oder andere Synchronisations-Vorgabe ein, musste also für jeden Part jedes Instrument in der vorgesehenen Reihenfolge nacheinander einspielen. Als schließlich alles so gut wie fertig war, kam Co-Producer Simon Heyworth nicht umhin, echte Streicher vorzuschlagen (was mich überhaupt nicht wundert). Dafür brauchte man natürlich mehr Spuren, also wurde eine zweite 16-Spur-Maschine gekoppelt und das Orchester in den Londoner CBS-Studios aufgenommen. Mehr Spuren bedeutete jedoch mehr Hände für das Abmischen (eine Automation war in Ants Homestudio nicht vorhanden). Zum Glück fand er immer wieder Leute, die ihm bei der Fertigstellung halfen. Auch finanziell, denn seit der Pleite seines US-Labels Passport war er ohne Plattenvertrag und damit auch ohne Vorschüsse. Zum Glück kam er schließlich mit dem fertigen Album bei Virgin Records unter, die auch seinen Backkatalog neu (und erstmals auf CD) veröffentlichen wollten. "Slow Dance" erschien jedoch als erstes – und wurde durchaus ein Erfolg – vor allem bei seinen Fans.

Es hätte jedoch viel besser sein können! – Wieviel besser, zeigen ansatzweise einige der Tracks auf der Bonus-CD, die dem ansprechend gestalteten Fünf-Panel-Digipack beiliegt und der man den Titel "Slow Dance-Vignettes" gegeben hat. Insbesondere die beiden Alternativ-Mixe von No Way Out zeigen klar, wie mit einfachsten Mitteln Großes hätte entstehen können:


Themes from Slow Dance
fasst die wichtigsten Orchester-Motive des Albums zusammen in einer dreieinhalbminütigen Suite, sehr gut aufgenommen, glasklarer Sound

No Way Out (alternate mix)
Mein Favorit der zweiten CD – so hätte "Slow Dance" klingen können, wenn man die akustischen Gitarren in den Vordergund gestellt hätte. Anthony Phillips spielt hier keine halsbrecherischen Sachen, sondern vergleichsweise simple Arpeggien, aber es ist eine echte Nylongitarre, welche Wohltat, mit der das Orchester hervorragend harmoniert.

A Slower Dance
Hierbei handelt es sich um eine Art Kurzfassung von "Slow Dance". Mit einem leider etwas starren Elektro-Rhythmus und einem irgendwann nervig werdenden Sequencer-Gebimmel werden die wichtigsten "Slow Dance"-Themen in fünfeinhalb Minuten aneinandergereiht. Verzichtbar.

Guitar Adagio from Slow Dance
Hier hat man einen neuen Mix des Finales von Part 1 (ab ca. 21:22) hergestellt, erneut mit der Betonung der hervorragend gespielten Melodielinien und Arpeggios von Anthonys Stratocaster, die im Originalmix leider etwas untergeht.

Touch Me Deeply (demo)
Kommt mir ziemlich bekannt vor, ohne dass ich das Stück spontan identifizieren könnte. Halt ein sehr eingängiges Demo, das quasi nebenbei, während der Album-Sessions aufgenommen wurde. Dominierendes Instrument ist ein Piano, leider ziemlich mit Käseschmiere-Synthie-Akkorden zugekleistert. Endet in einer Ausblende, in der man ab und zu eine Gitarre zu erkennen glaubt.

Clarinet Sleigh Ride
ist das zweite dieser Nebenbei-Demos. Außer dem zeitlichen gibt es auch hier keinerlei Bezug zu "Slow Dance". Hier dominiert neben der namensgebenden (leider synthetischen) Klarinette auch ein ziemlich monotoner Sequencer. Wenn die Klarinette spielt, passt der Titel. Leider alles viel zu lang.

Slow Dance single demo (alternate mix)
Für eine mögliche Single-Auskopplung wurde seinerzeit vorsorglich ein Single-Mix angefertigt, dazu bediente man sich des Hauptthemas von Seite 1, das zum ersten Mal ab 7:45 min zu hören ist, hier jedoch mit synthetischen Drums und Percussions sowie mit den käsigsten Synthiesounds angereichert ist, die man sich vorstellen kann. "The Sound of Muzak", furchtbar! - Das Demo befand sich bereits auf der ersten "Archive Collection"-CD; hier gibt es jedoch einen Remix mit etwas stärkerer Betonung der Keyboards (als wenn das nötig gewesen wäre...). Die Single-Idee fand Virgin natürlich nicht so super, deshalb wurde nichts draus.

No Way Out (original mix with drums)
Tatsächlich hatte man für diesen Höhepunkt des Albums echte Drums mit Ian Thomas aufgenommen, später jedoch entschieden, diese ausgerechnet hier wegzulassen – das muss man sich einmal vorstellen! – Allerdings, so wie dieser Track abgemischt ist, kann man das durchaus in etwa verstehen, hätte man die Drums stattdessen etwas spektakulärer in den Vordergrund gestellt, wäre das dem Stück jedoch durchaus dienlich gewesen.

Lenta Chorum
Hier bekommen wir noch einmal das Thema, mit dem "Slow Dance" beginnt und auch endet, als alleinige Orchester-Fassung vorgeführt. Kraftvoll gespielt, leider sehr kurz.


Mit nicht einmal 32 Minuten Laufzeit sind die "Vignetten" insgesamt etwas kurz geraten. Ein paar Alternativmixe mehr hätten mir hier gut gefallen können. Auch das "Slow Dance"-Outtake The Burnt-Out Cattle Truck Hits The Road hätte hier noch gut gepasst, auch wenn es nicht weiter von Belang ist und bereits auf "Archive Collection Vol. 1" veröffentlicht wurde.


Abschließend noch ein Kommentar zur 5.1-Abmischung, enthalten auf der DVD dieser Edition in dts und Dolby Digital: diese ist recht konservativ und daher nicht gerade mutig ausgefallen. Leider, kann man sagen, wenn man sich gewünscht hätte, dass die Gitarren nun doch endlich etwas besser hätten zur Geltung kommen können. Zum Glück, kann man sagen, wenn man das Album so hören möchte, wie man es seit fast 30 Jahren kennt, nur halt ein bisschen räumlicher.

Mehr hat man nämlich nicht gemacht; in den Surroundkanälen finden sich keine isolierten Instrumente, nur die Hallfahnen. Ich neige eher dazu, dies angesichts des Potenzials dieses Albums und der ausgesprochen gelungenen Remixe auf der Bonus-CD doch ein wenig schade zu finden.


(Diese Rezension erschien am 30.4.2019 auf der Webseite des Deutschen Genesis-Fanclubs. Fotos von dort © Esoteric Records/Deutscher Genesis-Fanclub)

Mittwoch, 30. Januar 2019

STEVE HACKETT - At The Edge Of Light (2019)

Hab es gestern runtergeladen und in der Bahn nach Hause gehört, mal ohne was zu lesen dabei, also richtig konzentriert (was ein wenig schwer fiel). Bin dabei bis zur Mitte von Hungry Years gekommen. Heute morgen dann Hungry Years neu gestartet und den Rest gehört. Habe dann kurz gedacht, er habe da eine Art Coda eingebaut, wo sich Melodien vom Anfang am Ende wiederholen - das kam mir doch zunehmend bekannt vor - bis ich bemerkte, dass der Spotify-Player wieder zum Anfang des Albums zurückgesprungen war. Immerhin konnte ich so den Nachweis eines Wiedererkennungs-Effekts führen...:)

Das Album hinterlässt beim ersten Hören einen (wie immer bei Steve) zwiespältigen Eindruck. Die instrumentalen Passagen sind mir einerseits oft zu aufdringlich laut und dicht, da knattert und kracht es überall und Gitarrensoli werden überall mit Highspeed reingestreut, dazu ballert ein extrem unruhiger Bass - andererseits sind mir dann die ruhigeren Stücke zu banal, zu vorhersehbar, zu poliert. Insbesondere die Effekte auf den Hackett-Chören sind nervig, zum Glück gibt es doch mehrere Stücke, bei denen Steves Stimme völlig trocken nach vorn gemischt ist. Das ist mutig und es funktioniert. Hätte ich gern überall so gehabt. Der Gitarrist Steve Hackett scheint zudem fast völlig vergessen zu haben, dass seine große Stärke nicht in der Geschwindigkeit liegt - aber das kritisiere ich schon lange an ihm.

Klar, der Sound ist kritikwürdig, noch mehr allerdings die Arrangements. Steves und Rogers Idee von Prog ist offenbar alles gleich laut und nach vorn zu mixen, dadurch fehlt echte Dynamik und Durchsichtigkeit. Auch muss wohl ständig ein Orchester mitfiedeln. Da fehlen mir vor allem auch die Soundideen - das ist so doch alles sehr klassisch-konventionell (und damit wenig "progressiv").
Was Mix und Mastering angeht, ist mir bisher (unter Kopfhörern) nur aufgefallen, dass viele Stücke etwas höhenarm klingen - eine kleine Anhebung (ca. 2 dB) im Bereich um 4,5 kHz hätte den etwas muffigen Sound m.E. deutlich erfrischt. Außerdem ist mir bei einigen Stücken eine sehr schmale Stereobasis aufgefallen. Hätte man die Instrumente weiter aufgefächert und auch mal ganz nach links oder rechts verteilt, hätte davon auch die Transparenz profitiert.

Auf der positiven Seite: ich denke, das Album wird beim mehrfachen Hören noch deutlich gewinnen - habe heute morgen ja (aus Versehen) die ersten vier Songs erneut gehört und kann nur sagen, dass sie mir schon deutlich besser gefallen haben als beim ersten Mal.

Montag, 11. Dezember 2017

GENESIS - It's Yourself (Single-B-Seite, 1976)

It's Yourself war den meisten deutschen Genesis-Fans erstmals 1977 als B-Seite der Single Your Own Special Way aufgefallen. Die Erstveröffentlichung geschah jedoch bereits ein Jahr früher auf der B-Seite der hierzulande nicht erschienenen italienischen Ripples-Single. Aufgenommen während der Sessions zum "A Trick Of The Tail"-Album im Herbst des Jahres 1975 hätte es nicht nur nach der Meinung vieler Fans gut zum Rest des Albums gepasst. Tatsächlich hatte Nick Davis, Toningenieur der 2007er Stereo- und 5.1 Surround-Remixe, im offiziellen Genesis-Forum erwähnt, dass während der Remix-Arbeiten kurzzeitig erwogen wurde, It's Yourself wieder in die Album-Trackliste aufzunehmen, quasi als Einleitung zu Los Endos, mit dem es einige Sekunden Audio gemein hat (siehe unten), doch dazu kam es dann doch nicht.

Da It's Yourself schließlich auf der Extra-Disc der besagten Box in einer 6:15 min langen Remix-Version zu finden ist und das Stück bei seiner digitalen Erstveröffentlichung im 3CD-Box-Set "Genesis Archive 2: 1976–1992" (2000) nur in einer kürzeren 5:26 min-Version erschien, ist die 5:44 lange Originalversion der beiden Vinyl-Singles bis heute nicht wiederveröffentlicht worden, weder digital noch analog (hier kann man sie sich jedoch anhören).

Den Grund dafür nannte Davis ebenfalls: Das Vinyl-Ende von It's Yourself besteht aus einer einsamen Keyboard-Solo-Figur, die sich bereits ein paar Takte vor dem Ende des Musikbetts aus diesem herausschält. Zum Schluss ist sie allein zu hören und endet schließlich in den bekannten fünf Tönen des Themas von Mad Man Moon. In den Archiven fand sich jedoch nur ein Stereomaster, bei dem eben dieses Ende leider fehlte. Warum dies so war, darüber konnte nur spekuliert werden. Wahrscheinlich hatte man seinerzeit die Mad Man Moon-Melodie dem bereits fertigen Stereomaster hinzugemischt - was erklären würde, warum diese auch auf den Mehrspur-Mastertapes, die später für die 2007er Remixe verwendet wurden, nicht zu finden war. Dafür fand sich auf letzteren der lang vermisste erste Refrain und die zweite Strophe, die für die Singlefassung seinerzeit herausgeschnitten worden waren (und die eingefleischten Fans nur von einigen Bootlegs mit "Trick"-Outtakes bekannt waren).

Was nun die Gemeinsamkeiten mit Los Endos angeht - beide Songs wurden voneinander getrennt aufgenommen, denn nur die ersten 45 Sekunden von Los Endos sind identisch mit einem Ausschnitt aus der Mitte von It's Yourself. "Identisch" ist hier wörtlich gemeint - diese 45 Sekunden sind nicht einfach nur ähnlich; es handelt sich eindeutig um dieselbe Aufnahme. Diesen Ausschnitt von 2:30 bis 3:15 min (Timing von der Archive #2-Version) hat man als Intro von Los Endos sozusagen zweitverwertet.
Die eigentliche Aufnahme von Los Endos beginnt auf den Multitracks mit dem Einsatz von Drums und Bassgitarre. Erst nach der Stereo-Abmischung hat man den besagten 45-Sekunden-Ausschnitt von It's Yourself als Intro zugemischt (eigentlich waren es sogar 50 Sekunden, denn weitere 5 Sekunden kann man unter Drums und Bass noch hören, bis das eigentliche Thema von Los Endos einsetzt).

Hier hat sich jemand die Mühe gemacht, die beiden Stücke miteinander zu verbinden - vermutlich so, wie Nick Davis es damals geplant hatte. Man kommt nicht umhin, festzustellen, dass das wohl gut funktioniert hätte.

It's Yourself ist ein typisches Kleinod aus den frühen Genesis-Tagen. Es entstammt der Zeit, in der auch Meisterwerke wie "The lamb lies down on Broadway" entstanden und reiht sich nahtlos in die Reihe der höchst kreativ-progressiven Stücke aus dieser Zeit ein. Tatsächlich finden sich erste, rein instrumentale Ansätze dieses Stücks bereits auf den geleakten Übungs-Sessions aus Headley Grange im Sommer/Herbst 1974 - es gibt dort in der Tat eine nicht komplett unähnliche, rein instrumentale Idee, bestehend aus dem 12-string-Arpeggio und einem improvisierten Keyboardsolo darüber. Die zugrunde liegenden Akkorde haben jedoch nicht viel mit dem späteren fertigen Song gemein, daher halte ich es für etwas gewagt, im Tracklisting der Sessions bereits den späteren Titel zu nennen (zumal der anfängliche Arbeitstitel - gemäß den Angaben der diversen "Trick"-Outtake-Bootlegs - ja Beloved Summer war). Man kann sich aber durchaus vorstellen, dass diese Idee ein Jahr später wieder aufgegriffen und fertig ausgearbeitet wurde.
Der Sänger-Wechsel von Gabriel zu Collins gelang damals nahezu spur- und mühelos und war keinesfalls eine stilistische Zäsur für die Band. Diese gab es erst mit dem Ausstieg von Steve Hackett 1977, der auch bei It's Yourself die Fäden mit vielschichtigen Ambient-Gitarren-Sounds im Hintergrund zieht. Schade, dass es am Ende jetzt zweimal nicht für das "Trick"-Album gereicht hat.

Freitag, 13. März 2015

STEVE HACKETT - Wolflight (2015)

Nach vier Jahren veröffentlicht Steve Hackett ein Album mit neuem Material und man durfte vorab gespannt sein, ob die höchst erfolgreiche Phase seines Retrospektiv-Albums "Genesis Revisited II", mit dem er in den letzten Jahren unterwegs gewesen war, auf seinen Stil Einfluss nehmen konnte. Um es vorweg zu nehmen: nur ganz gelegentlich sind hier Genesis-artige Stilelemente zu vernehmen, das Album folgt mehr oder weniger der Linie von "Out of the tunnel's mouth" (2009) und "Beyond the shrouded horizon" (2011).

Das Album beginnt dem Titel entsprechend mit Wolfsgeheul und der Opener Out of the body entpuppt sich dann als eine Art Ouvertüre; eine kurze instrumentale Einleitung mit vielleicht etwas zu süßlichen Geigenklängen.

Der Titelsong Wolflight kommt danach als erster Longtrack in recht abwechslungsreichem Gewand. Hier gibt es schon die hymnisch-programmatische Quintessenz des Albums - klassische Klänge von Nylongitarre und Orchester vermischt mit exotischen Saiteninstrumenten, fetten Chören, knalligen Drums (im Marschmusik-Gewand) und tollen Gitarrensoli. Die Musik beschreibt einen weiten Spannungsbogen über einem bisweilen etwas finsteren Arrangement, das das Stück auch gut als Filmsoundtrack tauglich machen würde.
Ab 6:05 min wird zweimal ein Thema von Fire On The Moon aus seinem 2009er Album "Out Of The Tunnel's Mouth" zitiert. Als ich die Gelegenheit hatte, Hackett zu fragen, welchen Grund er für dieses Selbstzitat hatte, gab er sich ahnungslos und meinte, dass dies eventuell seinem Alter geschuldet sei... - Wie auch immer: die Melodie stimmt 1:1 und auch die Tonart ist identisch. Kann man sich HIER anhören - die gesungenen Parts von Fire On The Moon und die Sologitarre von Wolflight wechseln sich in dem Soundclip ab.

Love song to a vampire beginnt mit einem feinen Intro auf der Nylongitarre und fast ist man überrascht, Steves Stimme mal ganz allein und ohne große Effekte zu hören, da setzt auch schon der übliche vielstimmige Chor ein, in dem sein Gesang dann auf- bzw. untergeht. Als Refrain gibt es auch hier wieder einen "Aaaah"-Chor, auch den gab es schon so ähnlich bei Fire on the moon, hier ist er jedoch deutlich weniger prägnant und vordergründig, weil der Song insgesamt eher verhalten daherkommt. Bemerkenswert ist das wunderschöne Gitarrensolo im typischen Hackett-Signature-Stil. Ab Minute 7 wird es dann zunächst klassisch - ein Orchester spielt sich kurz in den Vordergrund, danach wird es kurz etwas lauter - Steve deutet an, dass er auch im Alter noch flinke Finger hat - bevor es dann hymnisch ausklingt.

The wheel's turning beginnt mit einem seltsamen 2/4-Takt und Kirmesmusik, dazu murmelt Hackett leise "There is no Schadenfreude here", danach beginnt der eigentliche Song, den man ja schon vom Video kennt. Hier jedoch die Langversion, die der allzu poppigen Videofassung doch einige proggige Ecken und Kanten entgegensetzt. Das Orchester fügt sich hier gut ein, manchmal fühlt man sich an die sperrigeren Momente von "Voyage of the Acolyte", seinem Debutalbum von 1975 erinnert. Beim Gesang ist man jedoch schnell wieder in der Gegenwart, bzw. seiner jüngeren Vergangenheit. Die Gitarrensoli am Schluss zählen zur Extraklasse, werden jedoch fast ein wenig zu früh mit den Kirmesklängen kreuzgeblendet.

Corycian fire beginnt mit exotischen Instrumenten über einem dumpfen Dröhnen, fast wie von einem Hubschrauber, anschließend setzt ein traditionellen Streichquartett einen unerwarteten Kontrapunkt. Schwere Drums und verzerrter Gesang sorgen danach für einen erneuten Spannungsbogen, immer wieder unterbrochen von fernöstlichen Einwürfen. Mit Orff-artigen Chören, die sich zu einem schönen Höhepunkt hinaufschrauben, endet das Stück dann recht abrupt.

Earthshine ist dann ein schöner Kontrast in Form eines tollen Nylon-Solostücks. Manchmal glaubt man, hier Teile der Überleitungen, mit denen er früher gern die Einzelteile seiner Acoustic-Medleys verbunden hat, wiederzuerkennen. Aber hier geht es nicht darum, Fingerfertigkeit zu demonstrieren; das Stück ist vielmehr auskomponiert, gut strukturiert und steht in einer Reihe seiner besten Werke für Klassische Gitarre.

Loving sea klingt stark nach Crosby, Stills & Nash. Zwei Akustik-Gitarren mit schnell geschlagenen Country-Akkorden und feiner, durchgehend mehrstimmiger Gesang wird nur hier und da von rückwärts eingespielten E-Gitarren durchkreuzt.

Mit Black thunder folgt dann der letzte Longtrack des Albums. Das Schwergewicht beginnt mit düster-stampfendem Rhythmus, wieder leicht verzerrtem Gesang. Der Titel passt exakt zur finsteren Atmosphäre dieses Stücks. Am Schluss darf Rob Townsend ein schönes Klarinettensolo beisteuern.

Dust and dreams ist eine seltsame, instrumentale Mixtur aus fernöstlicher Laute und den entsprechenden Harmonien dazu auf einem recht soliden Reggae-Rhythmus - allerdings nur bis etwa zur Hälfte des Songs, dann wird es wieder "Black thunder"-artig finster. Obendrauf liegt dann ein weiteres großartiges Gitarrensolo.
In diesem Song finden sich zwei weitere Selbstzitate: die Melodie der Sologitarre ab 1:48 min findet sich ursprünglich direkt zu Beginn seines "klassischen" Albums "Metamorpheus" (2005), etwa 18 Sekunden im Stück The Pool of Memory and the Pool of Forgetfulness. Und das donnernde Schlagzeug in der zweiten Hälfte basiert offensichtlich auf einem Sample aus Valley of the Kings (aus dem Album "Genesis Revisited", 1996).

Der Übergang zu Heart song gelingt fast unbemerkt, da Rhythmus und Gitarrensolo praktisch unverändert bleiben, danach kommt ein dem Finale angemessener Gesang. Der Text ist kurz und enstpricht einem harmlosen Liebeslied, fast würde man sich wünschen, hier mal keinen Chor hören zu müssen, aber das entscheidende Resümee "let me find a way to love you" singt Hackett dann tatsächlich allein und erstaunlich souverän. Seine Gitarrenlinie im Hintergrund klingt ähnlich wie das Jingle-Jangle, das er vor Ewigkeiten zu einem anderen Finalsong, nämlich Afterglow beigesteuert hat. Auch ein "Aaah"-Chor und die typischen Akkordprogressionen à la Tony Banks dürfen nicht fehlen. Ich denke, diesen hübschen kleinen Song hat er in seinem typisch-britischen Humor mit der Zunge in der Backe geschrieben. Leider beginnt schon nach weniger als zweieinhalb Minuten die gemächliche Ausblende, mit der ein weiteres, schönes Gitarrensolo im Nichts verklingt.


Trotz der durchaus bekannt vorkommenden Formel hat Steve Hackett hier ein ambitioniertes Album vorgelegt, das mit viel Liebe zum Detail aufgenommen, jederzeit frisch und interessant erscheint. Besser noch als beim Vorgänger "Beyond the shrouded horizon" sind ihm hier einige wirklich große Würfe gelungen. Zudem gibt es keinen einzigen Schwachpunkt, immer wenn man gerade befürchtet, dass es im nächsten Moment vielleicht doch zu glatt und konventionell werden könnte, kriegt Hackett im richtigen Augenblick die Kurve und findet einen überraschenden Ausweg. Einige Arrangements scheinen hier und da vielleicht ein wenig zu bombastisch, zu dick aufgetragen. Das mindert jedoch nicht das Hörvergnügen und man freut sich schon auf den nächsten Durchlauf.

Samstag, 21. Juni 2014

GENESIS - Inside and Out (Song, 1977)

Dieser relativ unbekannte Genesis-Song (Erstveröffentlichung 1977 auf der 7"-EP "Spot the Pigeon") steht bekannteren Klassikern wie Cinema Show oder One for the Vine in nichts nach. Einem ruhigen, akustisch gehaltenen Anfang folgt ein schöner Refrain mit mehrstimmigem Gesang und perfekten Drum-Rolls bei der Wiederholung, untermalt mit einer großartigen Basslinie. Das Arrangement steigert sich stetig, um dann zur Hälfte der Laufzeit in ein furioses Uptempo-Instrumental zu münden, in dem buchstäblich alle Register gezogen werden. Es gibt tolle Solos von Keyboard und Leadgitarre, garniert mit einfallsreichen Arpeggios und tiefen Bass-Drones. Was will man mehr? - Wenn wir damals gewusst hätten, dass wir so etwas schon beim nächsten Genesis-Album schmerzhaft vermissen würden...

Dass Inside and Out nicht auf dem W&W-Album gelandet ist, hatte sicherlich keine qualitativen Gründe - auch bandintern galt der Song mindestens als gleichwertig gegenüber den Albumtracks, ansonsten hätte er sicher nicht All in a mouses's night von der Setlist der Wind & Wuthering-Tour 1977 verdrängen können. Ich vermute, ausschlaggebend war neben der Länge des Songs letztlich die Ähnlichkeit des ersten Teils mit Your own special way. Beide Songs gingen nicht, also hatte man sich einfach für den kürzeren entschieden.


Quelle: Wikipedia
Dass dieser Song im Übrigen keine beliebige Single-B-Seite war - auch nicht in der Wertschätzung der Band - kann man daran erkennen, dass er eben nicht auf einer Single-B-Seite landete, sondern auf einer exklusiven EP! Die beiden anderen enthaltenen Songs Match of the day wie auch Pigeons kamen sicherlich nicht für das Album infrage; beide waren schon eher Outtakes im eigentlichen Sinn. Jedoch wurde für Match of the day immerhin sogar ein Video gedreht und einen Top-of-the-pops-Auftritt bei der BBC hatten sie auch damit. Erst ein paar Jahrzehnte später fingen sie an, sich offenbar für den Text zu schämen, weshalb der Song - sehr zum Ärger der Fans - nicht im zweiten "Archive"-Box-Set enthalten war. Auch Pigeons war ein durchaus interessanter Song; ein kleines musikalisches Experiment, bei dem sie sich die besondere Mühe gegeben hatten, einen Ton die ganze Laufzeit über stehen zu lassen und darunter alle möglichen Akkorde, die diesen Ton beinhalteten, zu variieren. Der Text war eher ein Leichtgewicht - es ging um Taubenscheiße auf dem Dach des Außenministeriums -  wurde aber immerhin für den Titel der EP genutzt: "Spot the Pigeon" - übrigens ein Wortspiel mit "Spot the ball" - einem damals in UK sehr beliebten Zeitungsrätsel, bei dem der Ball aus einem Foto mit einer Fußballszene herausretuschiert wurde und der Leser seine Position dann anhand der Bewegungen oder Blickrichtungen der abgebildeten Personen erraten musste.

Dazu muss man wissen, dass sich EPs (Abk. für "Extended Play") seit den 1950er Jahren besonders in UK zu einem eigenen Kunstformat entwickelt hatten. Es handelte sich um eine äußerlich normale 7"-Schallplatte, wie sie für Singles verwendet wurde, jedoch mit mehr als nur zwei Stücken, die ähnlich wie bei einer Langspielplatte mit einem vergrößerten Rillenabstand sichtbar auseinander gehalten wurden. Um die gegenüber einer normalen Single verlängerte Spieldauer zu ermöglichen, wurden EPs mit geringerer Rillenauslenkung (= Lautstärke) oder mit 33,3 statt 45 U/min geschnitten. In der Regel hatten EPs einen eigenen Titel, der wie ein Albumtitel oft nicht identisch mit dem Titel eines der vorhandenen Songs war. EPs hatten zudem im sofort erkennbaren Unterschied zu normalen Singles immer auch ein Picture Cover - normale 7"-Singles hatten in den UK bis weit in die 1970er Jahre hinein nur eine neutrale Hülle mit dem Logo der Plattenfirma und einem Kreisausschnitt für das Label!

Anfangs stellten EPs meist Kompilationen aus früher erschienenen Singles dar oder beinhalteten Songs einer parallel erscheinenden LP. Die Beatles brachten jedoch mit "Long Tall Sally" 1964 erstmals eine EP mit vier (für den UK-Markt) neuen Songs heraus und es waren auch die Fab Four, die das Format mit der 1967 erschienenen Doppel-E.P. "Magical Mystery Tour" mit sechs neuen Songs, Foldout-Cover und eingeheftetem Fotobuch zum Höhepunkt führten. Daher war eine EP -zumindest in UK- immer etwas Besonderes.

Nebenbei bemerkt war "Spot the Pigeon" keinesfalls die erste Genesis-EP, denn bereits 1972 gab es eine "Nursery Cryme"-EP mit drei Tracks (wenn auch nur als Promo) und eine weitere EP mit vier Tracks vom "The Lamb lies down on Broadway"-Album erschien 1975 in Brasilien.

Donnerstag, 28. März 2013

GENESIS: Three Sides Live (1982 ff.) - Eine Release-Übersicht



Hier ein Versuch, den Dschungel aus unterschiedlichen Releases mit unterschiedlichen Tracklists auf unterschiedlichen Tonträgern zu lichten. Aaaalso:

1982 erschien zunächst nur als Doppel-LP (Vinyl) "Three Sides Live" mit zwei verschiedenen Tracklists:
1. UK-only Pressung mit vier live-Seiten
2. International-(Rest der Welt) Pressungen mit drei live-Seiten
plus fünf Studiotracks auf der vierten Seite, beginnend mit den drei Tracks der UK-only E.P. "3x3". (Was auch der Grund für die vierte Live-Seite der UK-Pressung war, denn ansonsten hätte sich die zeitgleich erschienene E.P. dort kaum verkaufen lassen)
Damit können beide Tracklistings als "original" gelten, da die beiden Versionen zeitgleich erschienen.


"Four" Sides Live, UK-Import-LP
UK-Fatbox aufgeklappt mit Innenbooklet.
Kurze Zeit später wurden einige Importexemplare der UK-Pressung in Deutschland mit einem Aufkleber "Four" und dem kleingeschriebenen Zusatz "Vier Seiten live Limitierte Auflage" versehen, damit sie sich von der regulär erhältlichen deutschen Pressung unterscheiden ließ (siehe Abb. links).

Seitdem hat sich der Titel "Four Sides Live" im deutschen Sprachgebrauch festgesetzt; den gab es trotzdem aber nie offiziell.

Die unterschiedlichen Tracklists fanden sich unverändert auch bei den einige Jahre später erscheinenden CD-Ausgaben - mit Ausnahme der CD-Erstpressung 1984. Diese, von Polygram in Hannover produzierte Version wurde in die ganze Welt mit der internationalen Tracklist exportiert, auch die für Virgin UK bestimmte und mit einem hellblauen Label ("Blue Face") bedruckte Version hatte die Studiotracks am Ende.
Erst nachdem Virgin seine CD-Produktion nach England verlagerte, wurde für den UK-Markt wieder die UK-only-Tracklist verwendet - nun zum ersten Mal auf CD.
Bis 1994 gab es also wie beim Vinyl-Album die Aufteilung in UK und Rest-der-Welt (was die UK-CDs als Import in Deutschland damals unglaublich teuer machte - ich musste damals über 60 DM bezahlen, das entspricht heute 50 Euro!).
Alle CD-Erstausgaben hatten weltweit die Fatbox mit Innenbooklet.


UK-Fatbox Rückseite

Die UK-Version hatte ein geheftetes Innenbooklet mit allen Texten, erstmals waren so auch die Texte der drei Songs des "Abacab"-Albums abgedruckt.
Die Erstausgabe der in UK hergestellten Version erkennt man übrigens am fehlenden Barcode auf der Rückseite.



Einzigartiges Rosa (genesis-discography.org)
Größten Seltenheitswert hat natürlich die allererste CD-Pressung (Virgin/Charisma GECD 2002), made in Germany by Polygram, Hannover, die man an der rosa Rückseite und dem schon erwähnten "Blue Face"-Label erkennt. Diese erschien 1984, allerdings nur auf dem britischen Markt (Abb. rechts und unten).
Dieses Kuriosum resultierte aus dem Umstand, dass das Polygram-Presswerk in Hannover ab August 1982 auch den US- und UK-Markt mit CDs versorgte - die ersten Monate sogar ausschließlich, denn es war das einzige CD-Presswerk auf der ganzen Welt - bis dann Sony im Herbst 1982 ein eigenes in Japan baute. Die ersten Presswerke in UK und USA gab es nicht vor Mitte 1983 und bis 1985 exportierte das deutsche Polygram-Werk noch in alle Welt. Daher ist die CD-Erstpressung von "Three Sides Live" auf dem Virgin-Label zwar eine deutsche Pressung, jedoch nicht die deutsche Erstausgabe, denn die war Vertigo mit dem ebenfalls in Hannover produzierten "Blue Swirl"-Labelaufdruck vorbehalten.
Die CDs sind einfarbig hellblau ("Blue Face").
Das Innenbooklet der deutschen Fatbox bestand nur aus einem einfachen Faltblatt mit dem Foto im Breitformat. Wie man im nächsten Bild sehen kann, war das Foto bei der Virgin-Erstpressung außen, jedoch umlaufend in der Breitversion und wie in der UK-Version mit gelbem Logo. Ab der deutschen Erstausgabe (Vertigo) war das Foto innen ohne das gelbe Logo, außen war dafür das übliche Frontartwork mit dem Schwarzweiß-Logo zu sehen (also ähnlich wie das originale LP-Artwork).
"Blue Swirl"-Label
Beim CD-Aufdruck gibt es in der CD-Erstpressung einen Schreibfehler: "Paperplate". Ein Exemplar wird derzeit bei Ebay für 265 Euro angeboten!

Die deutsche Erstausgabe (Vertigo) hat durchaus ebenfalls Seltenheitswert. Sie ist erkennbar an dem blauen CD-Aufdruck (die Grafik wird "Blue Swirl" genannt, Abb. rechts).

Vertigo - Label ab 2. Auflage
Die späteren deutschen Vertigo-Pressungen haben ebenfalls einen Schreibfehler im Labelaufdruck ("In the eage") und einen roten Aufdruck mit anderem Muster.

US-Erstausgabe mit "Afterflow"
Die US-Erstausgabe der CD (Atlantic) hatte auch einen Schreibfehler, allerdings auf dem rückseitigen Einleger - "Afterflow" (Abb. rechts).

Spätere Ausgaben haben das falsche "F" gegen ein "G" ausgetauscht. Da man das wohl mit Schere und Kleber gemacht hat, sitzt das "G" erkennbar ein wenig zu hoch.
US-Fatbox-Front-Einleger mit riesigem Logo
Eine spätere Neuauflage (Made in Holland, Virgin, UK-Tracklist) verzichtete dann auf die Fatbox, daher wanderte das eigentliche Innenbooklet nach außen. Die Rückseite blieb unverändert (kleines Bild).
Eine Fatbox mit diesem Frontcover gibt es nicht!

Erst mit der 1994er Definitive Edition Remaster-Serie wurde die CD weltweit vereinheitlicht. Das Tracklisting aller CDs folgt seitdem der originalen UK-Ausgabe ohne Studiotracks. Die zusätzlichen drei Livetracks wurden damit erstmals weltweit veröffentlicht.

Die ehemalige International-Version mit den fünf Studiotracks ist seitdem weltweit vergriffen. Da der Originalmix des Songs Me And Virgil nur hier in digitaler Form erschienen ist, ist diese Version inzwischen durchaus gesucht. Zum Glück ist sie wegen der großen Verbreitung nicht allzu selten.


Anhang I: Tracklists
(Anm.: die unterschiedlichen CD-Ausgaben haben jeweils die LP-Seiten 1 und 2, sowie 3 und 4 auf je einer CD zusammengefasst.)

UK-Version bis 1994 (ab 1994: weltweit einheitliche Version):

Seite 1:
Turn It On Again
Dodo
Abacab

Seite 2:
Behind The Lines
Duchess
Me & Sarah Jane
Follow You Follow Me

Seite 3:
Misunderstanding
In The Cage (medley)
Afterglow

Seite 4:
One For The Vine
The Fountain Of Salmacis
It / Watcher Of The Skies


Internationale Version (außer UK, bis 1994, ab 1994 out of print):

Seite 1 - 3 wie UK-Version

Seite 4:
Paperlate (Studio version, von der "3x3"-EP) 
You Might Recall (Studio version, von der "3x3"-EP) 
Me And Virgil (Studio version, von der "3x3"-EP)
Evidence Of Autumn (Studio version, UK-Single B-Seite von Misunderstanding) 
Open Door (Studio version, UK-Single B-Seite von Duchess)


Anhang II: Daten der Live-Aufnahmen (gilt nur für die CDs, der gleichnamige Konzertfilm zeigt zum Teil andere Aufnahmen):
  • Behind the Lines, Duchess, Turn It On Again - Nassau Coliseum, Long Island, 29.11.1981.
  • Dodo, Abacab, Me & Sarah Jane, In The Cage (medley) - NEC Birmingham, 23.12.1981
  • Misunderstanding - Savoy Theatre, New York, 28.11.1981
  • Follow You, Follow Me - Lyceum Ballroom, London, 7.5.1980 (Teile dieses Konzerts wurden für die "Old Grey Whistle Test"-Sendung der BBC verwendet, enthalten auf der "Duke"-SACD/DVD)
  • One For The Vine -Theatre Royal, Drury Lane, London, 5.5.1980
  • Fountain of Salmacis - Unbekannt, 1978. (wurde oft für die Aufnahme vom Knebworth-Festival gehalten, ein direkter Vergleich mit der Radioaufnahme konnte dies jedoch nicht bestätigen. Anlässlich des Remixes 2009 ließ Toningenieur Nick Davis verlauten, dass die Aufnahme von Houston 1978 sei - dies kann aber nicht stimmen, da der Song nur während des ersten Tourneeabschnitts in Europa gespielt wurde)
  • It / Watcher of The Skies - Glasgow Apollo Theatre, 9.7.1976 (weitere Ausschnitte dieses Konzerts finden sich im Film "In Concert", enthalten auf der "A Trick Of The Tail"-SACD/DVD; Cinema Show von Seconds Out ist ebenfalls von dieser Show)

Dienstag, 21. Juni 2011

GENESIS - Follow You Follow Me (Song, 1978)

Abb.: Wikipedia
Follow You Follow Me ist relativ clever gemachter Pop - das muss man dem Stück lassen. Die Rhythmusgitarre gibt bereits zu Anfang das aus zehn Tönen unablässig und mit wenig Variation wiederholte Hauptthema vor. Dieses wird unter der Strophe durchgehalten. Im Refrain dient das Thema dann als Hookline, die Keyboards spielen es unisono mit und zum Schluss gibt es noch den lei-lei-lei-Falsetto-Chor, der - ja was wohl - genau: das Hauptthema singt.

Dadurch wird erreicht, dass man diese Melodie ständig hört - als Ohrwurm wirkt sie noch nach, wenn der Song lange vorbei ist. Unkritische Musikhörer mögen es, wenn sie einen Song wiedererkennen oder nach 10 Sekunden mitsummen können. Das vereinfacht den Kauf, da es auch nicht schwerfällt, es dem Verkäufer im Plattenladen vorzusingen. Kritische Musikhörer würden anmerken wollen, dass hier mit der Brechstange und recht schamlos versucht wurde, eine kommerziell erfolgreiche Single zu schreiben (was somit auch gelungen war).
Eine Anbiederung an den Massengeschmack war das dennoch nicht, denn was den Song auch ausmacht, ist das großartig gespielte Shuffle-Schlagzeug und die richtungsweisende Rhythmusgitarre, bei denen Mike seinen Mechanics-Stil vorwegnahm. Leider geht beides in der Album-Version ziemlich unter, nicht jedoch im US-Single-Remix.
FYFM im US-Remix
Da knallen die Drums plötzlich und die Keyboards quengeln sich nicht nervig in den Vordergrund. Auch kann man erstmals einen E-Bass bemerken, der sogar richtig groovt. Schade, dass es diese Version nie auf einen digitalen Tonträger geschafft hat.

Ein bisschen gemein war damals, dass der Erfolg dieser Single viele neue, vor allem weibliche Fans generierte, die sich dann -etwas blauäugig- ein Ticket für die anstehende Tournee besorgten - und sich dann verwundert die Ohren reiben mussten, entsprach doch der Rest des Programms so gar nicht ihren durch die Single geschürten Erwartungen. Sie mussten sich einfach noch ein paar Jahre gedulden...