Donnerstag, 17. Januar 2013

BIFFY CLYRO: Opposites (2013)


Wahrscheinlich das nächste große Ding, wenn sie sich zusammenreißen.
Erst hab ich gedacht, typische Hype-Band, aber einige Songs dieses Albums haben das gewisse Etwas. Die Musik (wie auch immer man sie klassifiziert) ist eine Mischung aus Foo Fighters, Snow Patrol, Porcupine Tree und Fallout Boy.



Ganz nett ist auch die neue Single Black Chandelier (YouTube).

Der erste Eindruck: Viele Songs sind sich recht ähnlich und insgesamt scheint das Album daher deutlich zu lang.

Muss das aber nach mehreren Durchläufen korrigieren: das Album ist klasse!
Nachteil bei einem 20-Track-Album, das auf 2 CDs aufgeteilt ist: es dauert, bis man alle Songs überhaupt zur Kenntnis nimmt. Und Biffy Clyro haben einige Perlen ganz ans Ende gepackt, darunter auch einige sehr schöne ruhige Stücke.

Besonders der Opener Different People gefällt mir ausnehmend gut wegen des starken Kontrastes - ruhiger Anfang (passt gut zum Hipgnosis-mäßigen Cover) und hektisches Ende. Auch der sich abwechselnde 7/8-8/8 -Takt ist toll gemacht. Weitere Anspieltipps: Trumpet Or Tap und The Thaw (beide im 6/8), das anfangs sphärische The Fog, das am Ende unglaublich Krach macht, andere Kracher wie das schon im letzten jahr als Single veröffentlichte Stingin Belle, sehr schön auch Spanish Radio mit seinen spanischen Trompeten und einem 5/4-Takt, Pocket könnte eine weitere Single werden, das etwas bombastische Skylight mit schönen Synthies oder mein derzeitiger Favorit Accident without Emergency.

Bis jetzt schon mal klar das Album des Jahres!

Auf jeden Fall sollte man die 2CD/1DVD-Version bevorzugen. Vor allem, weil Accident without Emergency in dem Single-Album nicht enthalten ist, aber auch die anderen zusätzlichen Songs sind allesamt gut und die Aufteilung in zwei Mal 10 Songs mit Pause zum Wechseln trägt zur Entspannung bei. Die CDs haben eigene (Unter-)Titel: "The Sand at the Core of Our Bones" und "The Land and the End of Our Toes" (beides Zitate aus dem Refrain von Sounds Like Balloons, dem dritten Song). Ursprünglich war geplant, die beiden CDs mit diesen Titeln einzeln rauszubringen. Musikalisch lässt sich nicht wirklich ein Gegensatz ("Opposites") erkennen, beide CDs klingen wie aus einem Guß.
Die DVD ist allerdings verzichtbar. Sie zeigt nur kurze Musikausschnitte und enthält ansonsten viel Gelaber aus dem Studio und Übungsraum von Band und Produzent. Wer gern breitesten Schottischen Akzent hört, wird jedoch seine Freude haben.

Montag, 7. Januar 2013

STRAWBS - Deep Cuts (1975/2006)

Unlängst habe ich die fehlenden Alben meiner frühen Lieblingsband STRAWBS geordert. Das sind vor allem die, die seinerzeit nicht bei A&M erschienen waren. Die beiden Polydor/Oyster-Alben "Deep Cuts" und "Burning For You" von 1976 und 77 sind nun angekommen und nach vielen Jahren hab ich erstere mal wieder hören dürfen.

Nach einer Serie von vier superben Prog-Folkrock-Alben nacheinander - "Grave New World", "Bursting At The Seams" (mit dem Single-Überhit Part Of The Union), "Hero and Heroine" und "Ghosts" (1972-75) - war das ebenfalls noch 1975 eingespielte "Nomadness" leider ein ziemlicher Flop, der die Band um den charismatischen Singer/Songwriter Dave Cousins den Plattenvertrag kostete. Das neue Label muss wohl einen Hit verlangt haben, jedenfalls ist der Opener I Only Want My Love To Grow In You extrem poppig, aber eben auch gut gemacht. Leider fiel in meiner Erinnerung der Rest des Albums immer stark ab - was ich beim Wiederhören der CD jetzt weitgehend revidieren musste. Sicher ist die Scheibe näher am "Classic Rock" als am Folkrock, aber Prog-Anleihen gibt es noch oft genug und Cousins schafft es immer wieder, seine Stimme dramatisch klingen zu lassen, wobei er hier nur selten in das Pathos der Anfangstage verfällt.

Das Album gab es schon mehrfach auf CD, von BGO gab es auch beide Oyster-Alben im Doppelpack - mit dem üblichen, kastrierten Cover. 2006 ist es erstmals remastert auf dem bandeigenen Witchwood-Label erschienen und hat einen guten Bonustrack - das von Gitarrist Dave Lambert geschrieben und gesungene You Won't See The Light, das dem Album gut zu Gesicht gestanden hätte. Lambert hatte auf den Vorgängeralben immer mindestens einen eigenen Song unterbringen können - warum dieser hier gescheitert war, ist kaum nachvollziehbar. Die anderen Songs sind hier meist von Cousins/Cronk geschrieben - damals ein Novum, hatte Cousins bis dahin doch eher allein komponiert. Vielleicht auch eine Vorgabe der Plattenfirma, leider gibt es keinerlei Erklärtext im Booklet - immerhin sind die Texte dabei.

"Burning For You", das Nachfolgealbum, hatte ich insgesamt noch besser in Erinnerung - mal sehen, ob das noch stimmt. An die oben genannten magischen Vier kommt allerdings sowieso keines so schnell ran.

Samstag, 22. Dezember 2012

CHARLIE - Fantasy Girls (1976) - No Second Chance (1977) - Lines (1978)

Habe lange nach den ersten drei Alben von Charlie gesucht, die es zwar schon seit einiger Zeit auf CD gibt, jedoch nur schwer bezahlbar zu bekommen sind. Daher jetzt bei jpc zugeschlagen (japanische Mini-LP-CDs), auch nicht ganz billig (33,99 €/Stück), sehen aber gut aus:



Das Debutalbum "Fantasy Girls" (1976) war noch etwas unausgewogen, hatte jedoch mit Please Let Me Know und Summer Romances zwei großartige Songs, die seinerzeit auch bei Winfried Trenkler im WDR 2 - Radio liefen. Das zweite Album "No Second Chance" (1977), das ich auch als US-LP mit einem Pinup-Girl-Cover und anderer Track-Reihenfolge habe, war schon der Höhepunkt ihres Schaffens. Johnny Hold Back ist hier der herausragende Song, der Rest ist aber keinesfalls schlecht. Das dritte Album "Lines" (1978) mit den Anspieltipps She loves to be in love und Out of control ist deutlich kommerzieller (erste Notierung in den Billboard Top 100), aber auch etwas glatter und nicht mehr ganz so aufregend.

Musikalisch handelt es sich hier um soliden Mainstream-Rock britischer Prägung, der jedoch nichts mit Glamrock oder Pubrock zu tun hatte, sondern immer mit einem Auge nach Amerika schielte, wo sie dann schließlich auch einige mittlere Hits hatten. Mir hat diese Mischung aus beiden Welten immer ganz gut gefallen, trotz des etwas gewöhnungsbedürftigen Gesangs des Songwriters und Leadgitarristen Terry Thomas. Klingt heute überraschenderweise wenig gealtert und macht wieder Spaß.

Ab dem zweiten Album war übrigens ein gewisser Julian Colbeck als Keyboarder und später auch als Co-Produzent dabei, der ja in den 1980er Jahren u.a. auch mit Steve Hackett zusammenarbeitete.

Samstag, 29. September 2012

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I

Ich bin (natürlich) mit Vinyl großgeworden. Schon im zarten Alter von drei Jahren war ich als Discjockey in der Famile berühmt. Obwohl ich da noch nicht lesen konnte, konnte ich A- und B-Seite von Rocco Granatas Single "Marina"/"Manuela" mühelos auseinanderhalten (hat meine Mutter immer stolz erzählt - sie hat nie herausgefunden, wie ich das gemacht habe und ich selbst weiß es leider nicht mehr). Den kleinen Braun-Plattenspieler meiner Eltern konnte ich jedenfalls im Schlaf bedienen. Meine erste eigene Single habe ich mit fünf bekommen. Als sich ein paar Jahre später auf dem Plattenteller erstmals "Hey Jude" drehte, weiß ich noch, dass ich staunte, weil der Song einfach nicht enden wollte. Mit 16 kaufte ich mir die erste, nagelneue Hifi-Anlage, da hatte ich schon über 500 LPs und unzählige Singles.

Aber: die Unzulänglichkeiten der analogen Medien haben mich schon gestört, bevor ich mit Digitaltechnik auch nur ansatzweise in Berührung gekommen war. Ich fand es erstaunlich, dass Platten rauschten und knacksten und dies auch noch umso mehr, je häufiger man sie abspielte. Da konnte man sie noch so vorsichtig am Rand anfassen - selbst ungespielte Platten schienen in der Hülle, vermeintlich sicher verpackt, mit den Jahren zu verderben. Manchmal war es zum Verzweifeln. Da man mit Chromdioxid-Cassetten und Dolby B bessere Rauschabstände erreichen konnte, verfiel auch ich eine zeitlang der Idee, Schallplatten beim ersten Abspielen auf Cassette zu überspielen und die Musik zumindest in der ersten Zeit, wo sie noch frisch war, von diesem Medium abzuspielen. Viele meiner Generation träumten damals von einem Spulentonbandgerät - das kam wenigstens optisch an das heran, was man damals in einem Tonstudio vorfinden konnte. Leider konnte man seine Lieblingsalben nicht als vorbespielte "Schnürsenkel"-Bänder kaufen - es gab bestenfalls vorbespielte Compact-Cassetten. Die waren jedoch teuer und klangen, bedingt durch das industrielle Highspeed-Kopierverfahren und die lange vorherrschenden Eisenoxidbänder, mehr als nur dürftig.

Die Geräteentwickler hatten damals ein einfaches, aber unerreichbares Ziel: Klangtreue (gern auch "HiFi" oder "High Fidelity" genannt). Es gab damals sogar eine HiFi-Norm, das war die DIN 45500, in der u.a. festgelegt war, welche Wertegrenzen die Geräte in verschiedenen kritischen Disziplinen einhalten sollten. Die Norm war zwar recht zahm (sonst hätte Vinyl sie ja nicht schaffen können), aber immerhin ein Gütesiegel. Echte "HiFi"-Geräte nach DIN waren teuer.

Schon damals gab es Mystiker, die glaubten zwischen dicken und dünnen Lautsprecherkabeln einen Unterschied zu hören, aber einig waren sich alle: jeder, wirklich jeder wollte seine Lieblingsmusik so unverfälscht wie möglich hören - eben so, wie es Musiker und Produzent im Studio entschieden hatten!

Dass die sogenannten "Audiophilen" diese Maxime inzwischen aufgegeben haben und nun wieder einem Medium huldigen, das sie damals mit Freuden und völlig zu Recht in die Wüste gejagt haben, ist eine absurde Fußnote der Geschichte. Aber diesen Esoterikern ging es schon damals eher darum, möglichst teure und aufwändige Anlagen zu besitzen als Musik darauf abzuspielen - Digitalgeräte waren Anfangs ja extrem teuer und daher hochbegehrt. Heute sind sie das nicht mehr - klar, dass es also wieder andersrum gehen muss.

Daher nun der neue Vinyl-Hype. Allerdings: Aussagen wie "Vinylplatten klingen aber so schön warm und CDs ach so kalt" hatte man bereits in den frühen 1980ern hören können - sie sind natürlich windelweich und völlig subjektiv, dennoch ist es keineswegs völlig irrational, wenn Menschen vorgeben, Vinyl klanglich zu bevorzugen. Man kann das alles durchaus ein Stück weit erklären - neben dem umgekehrten Placebo-Effekt (etwa: ich habe eine Mörderknete für Plattenspieler-Vorstufe-Verstärker-Kabel-Boxen ausgegeben, daher MUSS das jetzt besser klingen, sonst wär ja alles umsonst gewesen) gibt es durchaus mithilfe der Messtechnik und der Psychoakustik nachvollziehbare Erklärungen für dieses Phänomen. Es trägt den schönen Namen: "Klirrfaktor".

Der Klirrfaktor ist bei analoger Schallspeicherung und -übertragung immer eine kritische Größe, denn ihn möglichst klein zu halten erfordert schaltungstechnischen Aufwand, der zu steigenden Fertigungskosten führt. Wer es mag, da mal in die Tiefe zu gehen: Klirrfaktor (Wikipedia)
Bei der Fertigung einer Schallplatte (die ja seit der Einführung des Direct-Metal-Masterings in den frühen 1980ern keinerlei technische Fortschritte mehr gemacht hat) kommt es prinzipbedingt zu Verzerrungen des Audiosignals. Das bedeutet, dass sowohl beim initiierenden Lackschnitt als auch bei jedem Abspielvorgang der fertigen Platte durch die Platte selbst und durch die Übertragungskette dem Signal eine ganze Reihe sowohl gradzahliger als auch ungeradzahliger Oberschwingungen zugefügt werden, die im Original-Master nicht vorhanden waren. Dies bezeichnet man in der Messtechnik als "nicht-lineare Verzerrungen".

Glücklicherweise hat nun jeder Klang "von Haus aus" Oberschwingungen, denn reine Sinustöne kommen in der Natur nicht vor - und insbesondere der Anteil ungeradzahliger Obertöne, die nicht-harmonisch sind und daher insbesondere bei Musik ab einem gewissen Pegel störend wirken können, ist in der Regel gering. Die unterschiedliche Gewichtung von Obertönen sind für das Gehör entscheidend für die Identifikation eines Klangs. Eine Geige und ein Klavier erzeugen beim selben gespielten Grundton ein völlig unterschiedliches Obertonspektrum, an dem wir das jeweilige Instrument mit geschlossenen Augen erkennen können. Wir kennen uns also sehr gut aus mit Obertönen.
Von nicht-linearen Verzerrungen profitieren also im Wesentlichen die natürlich vorhandenen Obertöne, was zu dem psychoakustischen Effekt führt, dass so "behandelte" Klänge einen wahrnehmbaren Gewinn an Präsenz erfahren. Das liegt daran, dass das Gehör eine nicht-lineare Frequenzkurve hat, die im Mittenbereich am empfindlichsten ist (optimiert für Sprachwahrnehmung). Eine annähernd gleichmäßige Verteilung künstlicher Obertöne führt also vorwiegend zu einer gesteigerten Wahrnehmung dort, wo das Gehör am empfindlichsten ist. Gleichzeitig wird das Originalsignal durch die Überlagerung ein Stück weit verdeckt, zusammen mit der ohnehin schlechten Wiedergabetreue von sehr dynamischen Impulsen mit kurzen Attack-Zeiten (z.B. Bassdrum) wird das Signal quasi "verschliffen", was zu weiteren Verzerrungen führt, die sich nun dynamisch auswirken (hohe Dynamik=große Verzerrungen). Das ist nichts anderes als der Effekt, den viele Hörer mit "warm" charakterisieren.

Daher werfen Laien wie auch angebliche Fachleute der Digitaltechnik ja seit jeher vor, sie sei "kalt" und daher herzlos. In der messtechnischen Realität ist sie jedoch nur auf größtmögliche Neutralität getrimmt - nicht vergessen: das war von je her das Ziel aller Audioentwickler (übrigens auch von denen, die bis 1980 noch an der Weiterentwicklung der Vinylschallplatte gerabeitet haben)!
Mit den beim Digital Recording überall verbreiteten 24 bit A/D-Wandlern hat man dieses Ziel inzwischen mit relativ einfachen Mitteln erreicht; auch bei Doppelblindtests ist es selbst Fachleuten mit geschultem Gehör nicht mehr möglich, zwischen einem analogen Original-Mastertape und der digitalen Kopie davon zu unterscheiden.

"Vinyl ist besser" ist also Unfug oder bestenfalls fragwürdige Geschmackssache. Holt man jedoch das offenbar längst überholte Ideal der "Klangtreue" wieder aus der Schublade, kommt man nicht umhin festzustellen, dass eine technische Überlegenheit der Schallplatte objektiv nicht vorhanden ist. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das, was man klanglich beim Vinyl als Benefit empfinden mag, künstliche Obertöne sind, die von der ganzen Fertigungs- und Wiedergabekette hinzugefügt wurden - natürlich ohne Autorisierung der beteiligten Künstler!*
Wem es also auch in diesen aufgeklärten Zeiten darauf ankommt, das Studiomaster exakt so zu hören, wie es die Musiker und der Produzent im Studio entschieden haben, kann das definitiv nicht mit einem Plattenspieler tun (und wenn er noch so teuer war).

*Nebenbei bemerkt gibt es natürlich längst Effektgeräte, die einem Klang künstliche Oberschwingungen zufügen können. In den 1970ern nannte man die "Exciter" - später waren sie verpönt, da sie einen starken Gewöhnungsfaktor hatten - bei längerem Gebrauch ermüdete die Wahrnehmung des Effekts, was den Toningenieur schnell um seine Neutralität brachte.



Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Mittwoch, 22. August 2012

STYX - The Grand Illusion (1977)

Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat - eigentlich hasse ich diese Band bis in alle Ewigkeit allein für Boat On A River, aber ein paar Jahre davor haben STYX ganz nette, durchaus ambitionierte Musik gemacht - natürlich stets innerhalb der Grenzen von US-AOR, dem es 1977 ja nicht schlecht ging.

THE GRAND ILLUSION ist möglicherweise ihr Meisterwerk, das ich selbst nie besessen habe, aber wohl dank einer guten Cassetten-Überspielung von der LP eines Freundes in- und auswendig kenne - was ich soeben, da ich die kürzlich bei Amazon zum Spottpreis erstandene und sehr gut klingende CD zum ersten Mal höre, mit Erstaunen feststelle.

Es gibt zum Teil erstklassiges Songwriting - die gesamte "Seite 1" ist ohne Fehler mit dem genialen Title-Track als Opener, dann Tommy Shaws großartiges Fooling Yourself (bester Song des Albums), das etwas übertriebene Superstars und als Höhepunkt Come Sail Away als Abschluss. Einziger Ausfall: Miss America als Opener von "Seite 2", die insgesamt etwas abfällt, aber immer noch durchhörbar ist.

Was mir nach all den Jahren allerdings weit weniger gefällt, ist der affektierte high-pitch-Gesang in typischer US-Poser-Art - da sind alle drei Sänger leider gleich übel.

Freitag, 3. August 2012

SUSANNA HOFFS - Someday (2012)

Abb.: Amazon
Ihr erstes Soloalbum von 1991, das auf dem Erfolg des Bangles-Hits Eternal Flame aufsetzte und aus Susanna Hoffs einen internationalen Superstar machen sollte, enthielt mit My Side Of The Bed zwar einen veritablen, jedoch auch recht peinlichen weil schamlos kommerziellen Hit ("Shala-la-la, shalala-la-la, he-ya, he-ya"), ansonsten jedoch nur dürftigstes, aalglatt produziertes Füllmaterial. Das Album floppte und schon war sie eigentlich unten durch, daher wurde ihr eigentliches Solodebut "Susanna Hoffs" fünf Jahre später weitestgehend und leider zu Unrecht völlig ignoriert.

16 Jahre später nun ein neues Soloalbum! - Da das letzte Bangles-Album "Sweetheart Of The Sun" nicht ganz überzeugen konnte (die von Susanna gesungenen Songs ausgenommen) wurde ihr nunmehr drittes Soloalbum mit etwas gemischten Gefühlen erwartet, doch es kann voll und ganz überzeugen. Erstklassige Popsongs, die zwar nicht alle auf Anhieb ins Ohr gehen, jedoch immer stärker werden, je öfter man sie hört.

Schon der Opener November Sun ist ein kleines Meisterwerk der Arrangierkunst: Nach den ersten Takten rechnet man mit einem eher akustisch-puristisch gehaltenen Folk-Song, plötzlich setzt eine Trompete ein, dann ein Streichquartett, mehrere Mellotron-artige Flöten, später dann eine Orgel. Das Ganze so geschickt gemacht, dass man immer noch denkt, man hört einen simplen Folksong.

Großartige Musiker, großartige Produktion von Mitchell Froom (Suzanne Vega, Crowded House, Richard Thompson). Nach den hörbar preiswerten Spaß-Produktionen mit Matthew Sweet ("Under The Covers" Vol.1 + 2, übrigens ebenfalls empfehlenswert) scheint es hier wieder ein ordentliches Budget gegeben zu haben. Dass das Album nur 10 Tracks und 31 Minuten Laufzeit hat, ist nicht schlimm, denn umso schneller kann man wieder November Sun hören - wobei auch unter den anderen Tracks kein einziger Ausfall ist.

Dienstag, 19. Juni 2012

PINK FLOYD - Animals (1977)

Abb.: Wikipedia
Rückblickend betrachtet, ist "Animals" sicher nicht das beste Pink Floyd-Album, aber es bleibt für mich etwas besonderes, denn ich hatte den Hype um das Release seinerzeit bewusst miterlebt. Die Pressekampagne war schon sensationell und wenn man bedenkt, dass wir hier in Deutschland nur die Ausläufer mitbekommen haben... - trotzdem gab es damals nur zwei Sterne im Musik Express und einen ziemlichen, jedoch durchaus differenzierten Verriss.

Pink Floyd, so sah es damals aus, hatten sich mit dieser Platte endgültig in den Rock-Dinosaurier-Himmel katapultiert - was natürlich, ähnlich wie bei Genesis ein Jahr später, wegen der vorherrschenden musikalischen Großwetterlage -das Tiefdruckgebiet "Punk" sollte noch einige Zeit dräuen- eine gewisse hämische Dimension bekam, vor allem drüben auf der Insel. Animals war nicht gut gelitten. Drei von vier Mitgliedern der Sex Pistols trugen ein Pink-Floyd-T-Shirt mit der handgemalten, unglaublich provokanten Überschrift "I HATE" abwechselnd (ob es zwischendurch gewaschen wurde oder nicht, ist nicht überliefert).


Die Verkäufe waren dennoch ordentlich und die Musik - wenn auch nicht spektakulär, aber durchaus frisch und innovativ. Winfried Trenkler spielte Dogs seinerzeit komplett in seiner WDR2-Sendung "Rock-In", deren Stammhörer ich war. Ich kann mich erinnern, dass ich gleichermaßen fasziniert wie enttäuscht war - enttäuscht vor allem, weil das Album die durch die Vorgängeralben und die gigantische Werbekampagne hochgeschraubten Erwartungen nicht einlösen konnte. Fasziniert war ich vor allem von den optischen Details - das Battersea-Kohlekraftwerk auf dem Cover ist ein großartig-bedrückender Bau - schon in Natura sehenswert und beeindruckend, mit der speziellen Farbgebung des Hipgnosis-Artworks jedoch spektakulär finster und bedrohlich.

Die Aufnahmetechnik des Albums ist durchweg grandios - bis heute begeistert mich, wie in Sheep die gehaltenen Vokale von Waters Leadgesang nach wenigen Sekunden zu Gilmours Gitarre werden - Morphing nannte man das später. Dogs und vor allem Sheep sind agressive, finstere Meisterwerke mit einer unglaublichen Intensität, dazu mit feinsten Gitarrenriffs und perfektem, zeitlosem Sound.
Was ich erst viel später erfahren habe: diese beiden zentralen Albumtracks waren keine neuen Stücke, sondern lediglich Überarbeitungen der schon ein paar Jahre früher live gespielten Songs Raving and Drooling und You've got to be crazy, die wohl für das Vorgängeralbum "Wish You Were Here" konzipiert, jedoch ausgesondert worden waren.
Wirklich neu waren also nur die Roger Waters-Kompositionen, Pigs und die beiden Teile von Pigs on the wing, die das Album einrahmen. Diese sind zwar etwas belanglos, aber tausendmal besser als ähnlich angelegte Waters-Solo-Songs auf "The Wall".

Zu Pigs on the wing gibt es noch eine interessante Randnotiz: Parallel zur LP und Compact-Cassette erschien das Album seinerzeit in den USA auch im dort recht beliebten Format 8-Track-Cartridge. Diese enthält eine exklusive Langfassung von Pigs on the wing, bei dem die beiden Teile durch einen Mittelteil verbunden sind, der ein Gitarrensolo von Snowy White enthält. Pigs on the wing, so ist verschiedenen Quellen, u.a. auch Wikipedia zu entnehmen, sei ursprünglich ein einziger, drei Minuten langer Song gewesen, den man nachträglich auseinandergeschnitten habe, wodurch das Solo entfiel. Dass Snowy White und nicht David Gilmour das Solo eingespielt hat, wird damit begründet, dass man versehentlich ein früheres Solo David Gilmours gelöscht habe, so dass Snowy den wegen Babypause abwesenden Gilmour ersetzen musste.

Dropout im rechten Kanal (unten)
Das halte ich jedoch für reine Phantasie, denn beim Übergang zu Snowy Whites zugegeben schönem Solo ist ein Schnitt deutlich zu vernehmen. Außerdem ändert sich an dieser Stelle entsprechend der doch recht unterschiedlichen Abmischungen der beiden Einzelteile der Sound der Aufnahme. Bei Pigs on the wing 1 spielt nur eine einzige Gitarre und sie steht recht monofon im Center der Stereobasis, bei Pigs on the wing 2 (und nach dem Schnitt) spielen plötzlich zwei Gitarren und die sind auch noch extrem links und rechts aufgestellt. Der Schnitt selbst ist übrigens technisch nicht besonders gut ausgeführt: der rechte Kanal hat an der fraglichen Stelle einen etwa 11 Millisekunden langen Dropout. Klarer Hinweis auf einen damals üblichen 45°-Schrägschnitt des Tapes, der den linken Kanal einen Tick früher einsetzen lässt.

Man kann daher davon ausgehen, dass Pigs on the wing von Anfang an als Zweiteiler geplant und auch getrennt aufgenommen und abgemischt wurde, exakt so, wie es dann auf Vinyl, Cassette und später CD zu hören war und ist. Den Kollegen ist irgendwann, als das Album längst fertig war, bewusst geworden, dass die Tracklist des Albums für die 8-Spur-Cartridge Version etwas ungünstig war. Die Cartridges enthielten nämlich ein Endlos-Tape, das wieder von vorn begann, sofern man es nicht von Hand stoppte. Dadurch liefen jedoch Part 2 und Part 1 immer hintereinander - nicht nur langweilig, sondern auch in der falschen Reihenfolge. Irgendjemand hatte dann vermutlich die Idee, die beiden fertig gemasterten Teile plus ein 35 Sekunden langes Mittelstück (möglicherweise aus einem Outtake) zusammenzukleben. Um den deutlich hörbaren Übergang zu kaschieren und wohl auch, um den Song in der neuen Langversion abwechslungsreicher zu gestalten, benötigte man nur noch ein Gitarrensolo. Gilmour war nicht greifbar, also schnappte man sich Snowy White, der gerade im Studio herumstand. End of story.

Die lange Version mit dem Solo wurde übrigens 1995 auf Snowy Whites inzwischen vergriffenem Sampler "Goldtop" zum ersten und bisher einzigem Mal auf CD veröffentlicht.