Dienstag, 12. Februar 2013

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II

Hier ein Artikel aus der Frankfurter Rundschau, der beispielhaft ist für das gefährliche Halb- oder Nichtwissen von Journalisten zu diesem Thema: Schallplatten halten fast ewig - auf die Pflege kommt es an.
Eine Schallplatte lebt mit guter Pflege deutlich länger als viele digitale Audiomedien. «Im Grunde ist die Haltbarkeit unbegrenzt», sagt Rainer Bergmann, Vorsitzender der Analogue Audio Association (AAA), einem Verein zum Erhalt analoger Medien. «Bei CDs haben sie manchmal schon nach zehn Jahren einen unlesbaren Datenträger.»
Was der Kollege vergisst zu erwähnen: Schallplatten halten bei guter Lagerung nur unter einer Bedingung "fast ewig": Naämlich dann, wenn man sie niemals spielt!
Denn jeder Abspielvorgang verursacht Abrieb, d.h. die eingeprägten Wellenformen werden zunehmend verschliffen. Irgendwann kann man das dann auch hören. Am besten sollte man sie nie aus ihrer Hülle nehmen, denn sie laden sich gern schon beim Auspacken statisch auf und ziehen Staubfasern an. Hartgesottene Vinyl-Sammler wissen das und lassen ihre wertvollen Platten am Besten eingeschweißt. "Still sealed" ist nach wie vor das Gütesiegel, mit dem sich beim Verkauf historischer Schallplatten die höchsten Preise erzielen lässt.

Wie lange gepresste CDs bei normaler Behandlung halten, ist immer noch nicht abschließend geklärt. Meine älteste CD, Peter Gabriels "So", gekauft 1986, klingt immer noch exakt so wie am ersten Tag. Neulich habe ich sie für einen Artikel über das "So"-Remaster mit einem Plextor-Laufwerk und der Software ExactAudioCopy ausgelesen: 100% Qualität, d.h. keinerlei Lesefehler. Pflegebedürftigkeit: keine (immer nur am Rand angefasst, immer gleich zurück ins Jewelcase).

Noch mehr gelacht habe ich über diesen Absatz, der die Expertise des genannten Herrn doch mehr als nur ein wenig in Zweifel stellt:
Die beste Methode zur Digitalisierung der analogen Musiksammlung ist ein Plattenspieler mit USB-Anschluss. Software zum Aufzeichnen der Musik liegt solchen Geräten meist bei. Anstatt eines USB-Kabels können Anwender aber auch herkömmliche Klinkenstecker verwenden. Ein sogenannter Digital-Analog-Wandler unterdrückt dabei störendes Brummen.
Das ist grober Unfug und geradezu lächerlich.

Ein Plattenspieler mit integriertem USB-Anschluss ist ohne Zweifel die praktischste, aber auch die allerschlechteste Methode, Vinyl zu digitalisieren, denn es kommen nur da ausschließlich Low-Budget-Komponenten zum Einsatz. Neben dem billigen Laufwerk wäre da vor allem der fest eingebaute Entzerrer-Vorverstärker als wichtiges Glied der Übertragungskette zu nennen (von dem gut klingende Geräte das dreifache eines USB-Plattenspielers allein kosten), und ein A/D-Wandler, von dem in den meisten PC-Billig-Onboard-Soundkarten bessere Varianten verbaut sind.

Und auch bei Benutzung von Klinkensteckern benötigt man einen Analog-Digital-Wandler, keinen "Digital-Analog-Wandler", denn am PC sollen ja Nullen und Einsen ankommen, keine Schallwellen. Und dass ein Wandler jemals störendes Brummen unterdrückt hätte, wäre mir neu - die zeichnen das gnadenlos mit auf, wenn es am Eingang anliegt.



Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die frühere Folge:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I

Sonntag, 20. Januar 2013

XAO SEFFCHEQUE UND DER REST: Ja - Nein - Vielleicht (1981)

Es ist im Nachhinein wirklich erstaunlich, welche Möglichkeiten sich ambitionierten Musikern Ende der 1970er/Anfang der 1980er boten. Es fanden sich tatsächlich Labels, die offen waren für wirklich neue Formen von Musik und nie wieder gab es wohl in Deutschland einen derart hohen kreativen Output. Es gab sogar vereinzelt Hits, die die etablierte Musikindustrie veranlasste, alles unter Vertrag zu nehmen, das nicht bei drei auf den Bäumen war. Unter dem Label "Neue Deutsche Welle" begann dann schnell der Ausverkauf und alles war vorbei.

Xao Seffcheque gehörte zur Düsseldorfer Punk-Szene um Bands wie Mittagspause, Fehlfarben, Der KFC, Die Toten Hosen etc. und war auch als Journalist bei diversen Musikzeitschriften tätig. Weil ich vor Jahren für das Düsseldorfer "Rondo"-Label einige Songs aus deren Repertoire für einen Label-Sampler remastert hatte, darunter auch einen Song von Xaos erstem Soloalbum "Deutschland nicht über alles", bekam ich Anfang des Jahres eine Mail mit der Anfrage, sein erstes "echtes" Soloalbum "JA - NEIN - VIELLEICHT" für die CD-Erstveröffentlichung zu remastern.

Daher habe ich in den letzten Tagen kaum etwas anderes gehört und muss feststellen, dass diese Musik einfach klasse ist. Die 32 Jahre sind nahezu spurlos daran vorbeigegangen, und es ist erstaunlich, wie frisch alles klingt. Das ist hier bei weitem kein Punk, auch wenn die Herkunft sich in der Grundhaltung niederschlägt, sondern eine ziemlich groovige, locker aber professionell eingespielte Mischung aus Funk, Jazz, Ska, Industrial, Rock und ja: Prog. Eine Assoziation bei mir war spontan Van der Graaf Generator. Aber auch Techno-artige, repetitive Strukturen wurden hier bereits vorweggenommen. Das Album erscheint überwiegend instrumental, klingt auch heute noch avantgardistisch und ist ungemein vielschichtig. Nach mehrmaligem Hören fast hypnotisch, einfach stark.

Anspieltipps gibt es nicht viele im Netz, was wohl auch daran liegt, dass es bislang keine CD davon gibt. Bei YouTube findet sich lediglich das allerdings nicht sehr repräsentative Du und ich.

Ich finde es klasse, dass diese Musik nun wiederveröffentlicht werden soll und ich darf verraten, dass es auch vier zum Teil unveröffentlichte Bonustracks geben wird, die 1981 für eine EP geplant waren, die das "Schallmauer"-Label jedoch so kurz nach dem Album nicht veröffentlichen wollte, darunter auch Solaungidohäng und das Lied vom verlorenen Wort, die man sich eine Zeitlang auf der Rondo-Homepage anhören konnte.


Update 13.2.2017: diesen Eintrag hatte ich vor ziemlich genau vier Jahren geschrieben - die CD ist jedoch bis heute nicht veröffentlicht worden. Allerdings wird am 17.2.2017 ein Sampler namens "Ja, nein, vielleicht kommt sehr gut - A Selection of Electronic Beats 1980-82" beim Hamburger Label "Bureau B" erschienen, der fast alle Stücke dieses Albums enthält. Es fehlen das Dizzy Gillespie-Cover Eine Nacht in Tunesien und der Opener Gute Freunde, letzterer ist jedoch in der englischen, bisher unveröffentlichten Version als Good Friends (mit der unnachahmlichen Julie Jigsaw) dabei. Unveröffentlicht sind ebenfalls die Stücke Julie's in Germany und Unfamous last words (das oben erwähnte "Lied vom verlorenen Wort" mit neuem Titel) dazu fünf weitere elektronische Tracks vom eher satirisch-kabarettistischen Vorgänger-Album "Sehr gut kommt sehr gut". Seit einigen Tagen gibt es auch ein offizielles Video dazu:


Donnerstag, 17. Januar 2013

BIFFY CLYRO: Opposites (2013)


Wahrscheinlich das nächste große Ding, wenn sie sich zusammenreißen.
Erst hab ich gedacht, typische Hype-Band, aber einige Songs dieses Albums haben das gewisse Etwas. Die Musik (wie auch immer man sie klassifiziert) ist eine Mischung aus Foo Fighters, Snow Patrol, Porcupine Tree und Fallout Boy.



Ganz nett ist auch die neue Single Black Chandelier (YouTube).

Der erste Eindruck: Viele Songs sind sich recht ähnlich und insgesamt scheint das Album daher deutlich zu lang.

Muss das aber nach mehreren Durchläufen korrigieren: das Album ist klasse!
Nachteil bei einem 20-Track-Album, das auf 2 CDs aufgeteilt ist: es dauert, bis man alle Songs überhaupt zur Kenntnis nimmt. Und Biffy Clyro haben einige Perlen ganz ans Ende gepackt, darunter auch einige sehr schöne ruhige Stücke.

Besonders der Opener Different People gefällt mir ausnehmend gut wegen des starken Kontrastes - ruhiger Anfang (passt gut zum Hipgnosis-mäßigen Cover) und hektisches Ende. Auch der sich abwechselnde 7/8-8/8 -Takt ist toll gemacht. Weitere Anspieltipps: Trumpet Or Tap und The Thaw (beide im 6/8), das anfangs sphärische The Fog, das am Ende unglaublich Krach macht, andere Kracher wie das schon im letzten jahr als Single veröffentlichte Stingin Belle, sehr schön auch Spanish Radio mit seinen spanischen Trompeten und einem 5/4-Takt, Pocket könnte eine weitere Single werden, das etwas bombastische Skylight mit schönen Synthies oder mein derzeitiger Favorit Accident without Emergency.

Bis jetzt schon mal klar das Album des Jahres!

Auf jeden Fall sollte man die 2CD/1DVD-Version bevorzugen. Vor allem, weil Accident without Emergency in dem Single-Album nicht enthalten ist, aber auch die anderen zusätzlichen Songs sind allesamt gut und die Aufteilung in zwei Mal 10 Songs mit Pause zum Wechseln trägt zur Entspannung bei. Die CDs haben eigene (Unter-)Titel: "The Sand at the Core of Our Bones" und "The Land and the End of Our Toes" (beides Zitate aus dem Refrain von Sounds Like Balloons, dem dritten Song). Ursprünglich war geplant, die beiden CDs mit diesen Titeln einzeln rauszubringen. Musikalisch lässt sich nicht wirklich ein Gegensatz ("Opposites") erkennen, beide CDs klingen wie aus einem Guß.
Die DVD ist allerdings verzichtbar. Sie zeigt nur kurze Musikausschnitte und enthält ansonsten viel Gelaber aus dem Studio und Übungsraum von Band und Produzent. Wer gern breitesten Schottischen Akzent hört, wird jedoch seine Freude haben.

Montag, 7. Januar 2013

STRAWBS - Deep Cuts (1975/2006)

Unlängst habe ich die fehlenden Alben meiner frühen Lieblingsband STRAWBS geordert. Das sind vor allem die, die seinerzeit nicht bei A&M erschienen waren. Die beiden Polydor/Oyster-Alben "Deep Cuts" und "Burning For You" von 1976 und 77 sind nun angekommen und nach vielen Jahren hab ich erstere mal wieder hören dürfen.

Nach einer Serie von vier superben Prog-Folkrock-Alben nacheinander - "Grave New World", "Bursting At The Seams" (mit dem Single-Überhit Part Of The Union), "Hero and Heroine" und "Ghosts" (1972-75) - war das ebenfalls noch 1975 eingespielte "Nomadness" leider ein ziemlicher Flop, der die Band um den charismatischen Singer/Songwriter Dave Cousins den Plattenvertrag kostete. Das neue Label muss wohl einen Hit verlangt haben, jedenfalls ist der Opener I Only Want My Love To Grow In You extrem poppig, aber eben auch gut gemacht. Leider fiel in meiner Erinnerung der Rest des Albums immer stark ab - was ich beim Wiederhören der CD jetzt weitgehend revidieren musste. Sicher ist die Scheibe näher am "Classic Rock" als am Folkrock, aber Prog-Anleihen gibt es noch oft genug und Cousins schafft es immer wieder, seine Stimme dramatisch klingen zu lassen, wobei er hier nur selten in das Pathos der Anfangstage verfällt.

Das Album gab es schon mehrfach auf CD, von BGO gab es auch beide Oyster-Alben im Doppelpack - mit dem üblichen, kastrierten Cover. 2006 ist es erstmals remastert auf dem bandeigenen Witchwood-Label erschienen und hat einen guten Bonustrack - das von Gitarrist Dave Lambert geschrieben und gesungene You Won't See The Light, das dem Album gut zu Gesicht gestanden hätte. Lambert hatte auf den Vorgängeralben immer mindestens einen eigenen Song unterbringen können - warum dieser hier gescheitert war, ist kaum nachvollziehbar. Die anderen Songs sind hier meist von Cousins/Cronk geschrieben - damals ein Novum, hatte Cousins bis dahin doch eher allein komponiert. Vielleicht auch eine Vorgabe der Plattenfirma, leider gibt es keinerlei Erklärtext im Booklet - immerhin sind die Texte dabei.

"Burning For You", das Nachfolgealbum, hatte ich insgesamt noch besser in Erinnerung - mal sehen, ob das noch stimmt. An die oben genannten magischen Vier kommt allerdings sowieso keines so schnell ran.

Samstag, 22. Dezember 2012

CHARLIE - Fantasy Girls (1976) - No Second Chance (1977) - Lines (1978)

Habe lange nach den ersten drei Alben von Charlie gesucht, die es zwar schon seit einiger Zeit auf CD gibt, jedoch nur schwer bezahlbar zu bekommen sind. Daher jetzt bei jpc zugeschlagen (japanische Mini-LP-CDs), auch nicht ganz billig (33,99 €/Stück), sehen aber gut aus:



Das Debutalbum "Fantasy Girls" (1976) war noch etwas unausgewogen, hatte jedoch mit Please Let Me Know und Summer Romances zwei großartige Songs, die seinerzeit auch bei Winfried Trenkler im WDR 2 - Radio liefen. Das zweite Album "No Second Chance" (1977), das ich auch als US-LP mit einem Pinup-Girl-Cover und anderer Track-Reihenfolge habe, war schon der Höhepunkt ihres Schaffens. Johnny Hold Back ist hier der herausragende Song, der Rest ist aber keinesfalls schlecht. Das dritte Album "Lines" (1978) mit den Anspieltipps She loves to be in love und Out of control ist deutlich kommerzieller (erste Notierung in den Billboard Top 100), aber auch etwas glatter und nicht mehr ganz so aufregend.

Musikalisch handelt es sich hier um soliden Mainstream-Rock britischer Prägung, der jedoch nichts mit Glamrock oder Pubrock zu tun hatte, sondern immer mit einem Auge nach Amerika schielte, wo sie dann schließlich auch einige mittlere Hits hatten. Mir hat diese Mischung aus beiden Welten immer ganz gut gefallen, trotz des etwas gewöhnungsbedürftigen Gesangs des Songwriters und Leadgitarristen Terry Thomas. Klingt heute überraschenderweise wenig gealtert und macht wieder Spaß.

Ab dem zweiten Album war übrigens ein gewisser Julian Colbeck als Keyboarder und später auch als Co-Produzent dabei, der ja in den 1980er Jahren u.a. auch mit Steve Hackett zusammenarbeitete.

Samstag, 29. September 2012

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I

Ich bin (natürlich) mit Vinyl großgeworden. Schon im zarten Alter von drei Jahren war ich als Discjockey in der Famile berühmt. Obwohl ich da noch nicht lesen konnte, konnte ich A- und B-Seite von Rocco Granatas Single "Marina"/"Manuela" mühelos auseinanderhalten (hat meine Mutter immer stolz erzählt - sie hat nie herausgefunden, wie ich das gemacht habe und ich selbst weiß es leider nicht mehr). Den kleinen Braun-Plattenspieler meiner Eltern konnte ich jedenfalls im Schlaf bedienen. Meine erste eigene Single habe ich mit fünf bekommen. Als sich ein paar Jahre später auf dem Plattenteller erstmals "Hey Jude" drehte, weiß ich noch, dass ich staunte, weil der Song einfach nicht enden wollte. Mit 16 kaufte ich mir die erste, nagelneue Hifi-Anlage, da hatte ich schon über 500 LPs und unzählige Singles.

Aber: die Unzulänglichkeiten der analogen Medien haben mich schon gestört, bevor ich mit Digitaltechnik auch nur ansatzweise in Berührung gekommen war. Ich fand es erstaunlich, dass Platten rauschten und knacksten und dies auch noch umso mehr, je häufiger man sie abspielte. Da konnte man sie noch so vorsichtig am Rand anfassen - selbst ungespielte Platten schienen in der Hülle, vermeintlich sicher verpackt, mit den Jahren zu verderben. Manchmal war es zum Verzweifeln. Da man mit Chromdioxid-Cassetten und Dolby B bessere Rauschabstände erreichen konnte, verfiel auch ich eine zeitlang der Idee, Schallplatten beim ersten Abspielen auf Cassette zu überspielen und die Musik zumindest in der ersten Zeit, wo sie noch frisch war, von diesem Medium abzuspielen. Viele meiner Generation träumten damals von einem Spulentonbandgerät - das kam wenigstens optisch an das heran, was man damals in einem Tonstudio vorfinden konnte. Leider konnte man seine Lieblingsalben nicht als vorbespielte "Schnürsenkel"-Bänder kaufen - es gab bestenfalls vorbespielte Compact-Cassetten. Die waren jedoch teuer und klangen, bedingt durch das industrielle Highspeed-Kopierverfahren und die lange vorherrschenden Eisenoxidbänder, mehr als nur dürftig.

Die Geräteentwickler hatten damals ein einfaches, aber unerreichbares Ziel: Klangtreue (gern auch "HiFi" oder "High Fidelity" genannt). Es gab damals sogar eine HiFi-Norm, das war die DIN 45500, in der u.a. festgelegt war, welche Wertegrenzen die Geräte in verschiedenen kritischen Disziplinen einhalten sollten. Die Norm war zwar recht zahm (sonst hätte Vinyl sie ja nicht schaffen können), aber immerhin ein Gütesiegel. Echte "HiFi"-Geräte nach DIN waren teuer.

Schon damals gab es Mystiker, die glaubten zwischen dicken und dünnen Lautsprecherkabeln einen Unterschied zu hören, aber einig waren sich alle: jeder, wirklich jeder wollte seine Lieblingsmusik so unverfälscht wie möglich hören - eben so, wie es Musiker und Produzent im Studio entschieden hatten!

Dass die sogenannten "Audiophilen" diese Maxime inzwischen aufgegeben haben und nun wieder einem Medium huldigen, das sie damals mit Freuden und völlig zu Recht in die Wüste gejagt haben, ist eine absurde Fußnote der Geschichte. Aber diesen Esoterikern ging es schon damals eher darum, möglichst teure und aufwändige Anlagen zu besitzen als Musik darauf abzuspielen - Digitalgeräte waren Anfangs ja extrem teuer und daher hochbegehrt. Heute sind sie das nicht mehr - klar, dass es also wieder andersrum gehen muss.

Daher nun der neue Vinyl-Hype. Allerdings: Aussagen wie "Vinylplatten klingen aber so schön warm und CDs ach so kalt" hatte man bereits in den frühen 1980ern hören können - sie sind natürlich windelweich und völlig subjektiv, dennoch ist es keineswegs völlig irrational, wenn Menschen vorgeben, Vinyl klanglich zu bevorzugen. Man kann das alles durchaus ein Stück weit erklären - neben dem umgekehrten Placebo-Effekt (etwa: ich habe eine Mörderknete für Plattenspieler-Vorstufe-Verstärker-Kabel-Boxen ausgegeben, daher MUSS das jetzt besser klingen, sonst wär ja alles umsonst gewesen) gibt es durchaus mithilfe der Messtechnik und der Psychoakustik nachvollziehbare Erklärungen für dieses Phänomen. Es trägt den schönen Namen: "Klirrfaktor".

Der Klirrfaktor ist bei analoger Schallspeicherung und -übertragung immer eine kritische Größe, denn ihn möglichst klein zu halten erfordert schaltungstechnischen Aufwand, der zu steigenden Fertigungskosten führt. Wer es mag, da mal in die Tiefe zu gehen: Klirrfaktor (Wikipedia)
Bei der Fertigung einer Schallplatte (die ja seit der Einführung des Direct-Metal-Masterings in den frühen 1980ern keinerlei technische Fortschritte mehr gemacht hat) kommt es prinzipbedingt zu Verzerrungen des Audiosignals. Das bedeutet, dass sowohl beim initiierenden Lackschnitt als auch bei jedem Abspielvorgang der fertigen Platte durch die Platte selbst und durch die Übertragungskette dem Signal eine ganze Reihe sowohl gradzahliger als auch ungeradzahliger Oberschwingungen zugefügt werden, die im Original-Master nicht vorhanden waren. Dies bezeichnet man in der Messtechnik als "nicht-lineare Verzerrungen".

Glücklicherweise hat nun jeder Klang "von Haus aus" Oberschwingungen, denn reine Sinustöne kommen in der Natur nicht vor - und insbesondere der Anteil ungeradzahliger Obertöne, die nicht-harmonisch sind und daher insbesondere bei Musik ab einem gewissen Pegel störend wirken können, ist in der Regel gering. Die unterschiedliche Gewichtung von Obertönen sind für das Gehör entscheidend für die Identifikation eines Klangs. Eine Geige und ein Klavier erzeugen beim selben gespielten Grundton ein völlig unterschiedliches Obertonspektrum, an dem wir das jeweilige Instrument mit geschlossenen Augen erkennen können. Wir kennen uns also sehr gut aus mit Obertönen.
Von nicht-linearen Verzerrungen profitieren also im Wesentlichen die natürlich vorhandenen Obertöne, was zu dem psychoakustischen Effekt führt, dass so "behandelte" Klänge einen wahrnehmbaren Gewinn an Präsenz erfahren. Das liegt daran, dass das Gehör eine nicht-lineare Frequenzkurve hat, die im Mittenbereich am empfindlichsten ist (optimiert für Sprachwahrnehmung). Eine annähernd gleichmäßige Verteilung künstlicher Obertöne führt also vorwiegend zu einer gesteigerten Wahrnehmung dort, wo das Gehör am empfindlichsten ist. Gleichzeitig wird das Originalsignal durch die Überlagerung ein Stück weit verdeckt, zusammen mit der ohnehin schlechten Wiedergabetreue von sehr dynamischen Impulsen mit kurzen Attack-Zeiten (z.B. Bassdrum) wird das Signal quasi "verschliffen", was zu weiteren Verzerrungen führt, die sich nun dynamisch auswirken (hohe Dynamik=große Verzerrungen). Das ist nichts anderes als der Effekt, den viele Hörer mit "warm" charakterisieren.

Daher werfen Laien wie auch angebliche Fachleute der Digitaltechnik ja seit jeher vor, sie sei "kalt" und daher herzlos. In der messtechnischen Realität ist sie jedoch nur auf größtmögliche Neutralität getrimmt - nicht vergessen: das war von je her das Ziel aller Audioentwickler (übrigens auch von denen, die bis 1980 noch an der Weiterentwicklung der Vinylschallplatte gerabeitet haben)!
Mit den beim Digital Recording überall verbreiteten 24 bit A/D-Wandlern hat man dieses Ziel inzwischen mit relativ einfachen Mitteln erreicht; auch bei Doppelblindtests ist es selbst Fachleuten mit geschultem Gehör nicht mehr möglich, zwischen einem analogen Original-Mastertape und der digitalen Kopie davon zu unterscheiden.

"Vinyl ist besser" ist also Unfug oder bestenfalls fragwürdige Geschmackssache. Holt man jedoch das offenbar längst überholte Ideal der "Klangtreue" wieder aus der Schublade, kommt man nicht umhin festzustellen, dass eine technische Überlegenheit der Schallplatte objektiv nicht vorhanden ist. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das, was man klanglich beim Vinyl als Benefit empfinden mag, künstliche Obertöne sind, die von der ganzen Fertigungs- und Wiedergabekette hinzugefügt wurden - natürlich ohne Autorisierung der beteiligten Künstler!*
Wem es also auch in diesen aufgeklärten Zeiten darauf ankommt, das Studiomaster exakt so zu hören, wie es die Musiker und der Produzent im Studio entschieden haben, kann das definitiv nicht mit einem Plattenspieler tun (und wenn er noch so teuer war).

*Nebenbei bemerkt gibt es natürlich längst Effektgeräte, die einem Klang künstliche Oberschwingungen zufügen können. In den 1970ern nannte man die "Exciter" - später waren sie verpönt, da sie einen starken Gewöhnungsfaktor hatten - bei längerem Gebrauch ermüdete die Wahrnehmung des Effekts, was den Toningenieur schnell um seine Neutralität brachte.



Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Mittwoch, 22. August 2012

STYX - The Grand Illusion (1977)

Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat - eigentlich hasse ich diese Band bis in alle Ewigkeit allein für Boat On A River, aber ein paar Jahre davor haben STYX ganz nette, durchaus ambitionierte Musik gemacht - natürlich stets innerhalb der Grenzen von US-AOR, dem es 1977 ja nicht schlecht ging.

THE GRAND ILLUSION ist möglicherweise ihr Meisterwerk, das ich selbst nie besessen habe, aber wohl dank einer guten Cassetten-Überspielung von der LP eines Freundes in- und auswendig kenne - was ich soeben, da ich die kürzlich bei Amazon zum Spottpreis erstandene und sehr gut klingende CD zum ersten Mal höre, mit Erstaunen feststelle.

Es gibt zum Teil erstklassiges Songwriting - die gesamte "Seite 1" ist ohne Fehler mit dem genialen Title-Track als Opener, dann Tommy Shaws großartiges Fooling Yourself (bester Song des Albums), das etwas übertriebene Superstars und als Höhepunkt Come Sail Away als Abschluss. Einziger Ausfall: Miss America als Opener von "Seite 2", die insgesamt etwas abfällt, aber immer noch durchhörbar ist.

Was mir nach all den Jahren allerdings weit weniger gefällt, ist der affektierte high-pitch-Gesang in typischer US-Poser-Art - da sind alle drei Sänger leider gleich übel.