Donnerstag, 16. Mai 2013

STEVEN WILSON - The raven that refused to sing (and other stories) (2013)

Vielleicht ist es noch zu früh, nach eindreiviertel Durchläufen des Albums schon meine Eindrücke aufzuschreiben, aber ich versuche es trotzdem mal. Muss vorausschicken, ich habe mir die CD+DVD-Version besorgt, weil ich die Verpackung der BluRay einfach mies finde. Das ist die übliche blau-transparente Plastikschachtel mit der billigen Folie außendrum, in der ein simples, einseitig bedrucktes Blatt liegt. Passt nicht im Entferntesten zum Artwork des Albums. Es soll zudem auch nur ein achtseitiges Faltbooklet enthalten sein statt des 40seitigen Booklets der Digipak-Deluxe-Ausgabe. DTS 24/96 ist ohnehin genauso gut wie Master HD von der BluRay und ob ich die Instrumentalversionen der einzelnen Songs brauche, weiß ich noch nicht. Ohnehin ließen sie sich nicht an einem Stück hören, was ich recht ärgerlich fände.
Grafisch finde ich die Vepackung der mir vorliegenden Ausgabe schon mal hervorragend. Illustrationen und die spärlich eingesetzte Typografie harmonieren geschmackvoll und bereits jetzt ist festzustellen, dass es sehr gut zur Musk passt.

Die Musik, ach ja:

Luminol ist jetzt nach dem vierten Durchlauf schon fast "gewohnt" (die ersten zwei Male hab ich die Stereoversion des "VISIONS"-Samplers gehört). Und es ist schon seltsam: hat man anfangs noch das Gefühl, nicht zu verstehen, was die einzelnen Passagen miteinander zu tun haben, verschwindet das nach mehreren Durchläufen und das große Ganze wird sichtbar. Der Surroundmix fächert das Klangbild sehr schön auf und die anfangs recht lang und anstrengend erscheinenden 12 Minuten erscheinen plötzlich leichtgewichtiger. Nick Beggs tritt ein paar Mal deutlich hervor und auch bei Theo Travis' Tröten hätte es gut auch eine Nummer kleiner getan. Gefällig sind dagegen die jederzeit vertraut klingen Mellotron-Flöten, die spontan an Moody-Blues-Paradestücke erinnern. Etwas weniger Sologedudel und das Stück wäre richtig gut.

Drive Home
kommt dagegen fast schon poppig herüber, erinnert an Blackfield-Glanzzeiten oder Lazarus. Pink Floyd schimmert hier sehr stark durch, auch weil eine Slide-Gitarre zu hören ist. Dazu ein feines Orchester, alles schön ausbalanciert und auf Schönklang optimiert. Leider drehen Sologitarre und Drums gegen Ende hin etwas durch, aber nur kurz. Melodisch hätte es hier ruhig ein wenig mehr sein dürfen.

The Holy Drinker fängt ohne erkennbare Struktur an, alle Instrumente scheinen munter drauflos zu improvisieren, nur gehalten von einem kurzen, sich regelmäßig wiederholenden Unisono-Riff. Nach einer kurzen Zäsur beginnt dann der Gesangspart, der recht spannend klingt, allerdings nach kurzer Zeit schon erkennen lässt, dass es hier ebenfalls keine richtige Melodie gibt. Jetzt fängt langsam der Drummer an zu nerven, dessen Ziel es offenbar ist, keinen einzigen Groove zuzulassen. Immer wenn man denkt, jetzt geht es aber mal ab, schiebt er einen schaut-mal-wie-toll-ich-bin Absurdbreak ein, der den Rhythmus schreddert und wenig Wohlbehagen zulässt. Ich muss gestehen, ich habe ein Problem mit Freejazz und mich nervt das Gedudel schnell. Zum Glück dauert es hier nicht immer allzu lang und wird durch eingeschobene, durchaus interessante Passagen unterbrochen. Eine zweite Gesangspassage, extrem ruhig, wird abgelöst von krachenden, Metal-mäßigen Gitarrentönen, auf die wiederum ein Mellotron-Chor ertönt. Mit leisem Wolfsgeheul klingt das Stück aus.

The Pin Drop erinnert stark an Pink Floyds Animal-Album, leider singt Wilson hier anfangs in einer Tonlage, für die seine Stimme definitiv nicht gemacht ist. Später gibt sich das zum Glück und sorgt für den vielleicht stärksten Moment auf diesem Album. Seine anhaltende Melodieschwäche scheint er im Mittelteil mit einer Art Kinderlied-Anleihe kompensieren zu wollen, das hilft ihm aber auch nicht viel weiter. Dennoch ein ganz starker Song.

Bei The Watchmaker war ich gestern abend beim ersten Hören tatsächlich eingeschlafen, obwohl es erst kurz nach halb elf war, wo ich eigentlich noch hellwach zu sein pflege. Die bereits viel geäußerten Genesis-Zitate waren mir jedoch gestern bereits aufgefallen - der Song klingt anfangs wie eine Mischung aus Supper's Ready und Cinema Show. Hab ich keine Probleme mit, im Gegenteil. Für Wilsons Verhältnisse klingt der Song enorm melodisch. Sehr schön auch der Klaviereinsatz und die 12-string Akustikgitarre, die eher verhaltene Sologitarre und das Mellotron, das fein aus den hinteren Speakern klingt. Später klingt es jedoch wieder etwas nach Pink Floyd und Porcupine Tree, was der Kontinuität des Songs jedoch überhaupt nicht schadet. Gut, mit "dududu" und "tadada"-Vocals konnte ich noch nie viel anfangen, aber wenn einem kein Text einfällt, muss man das wohl so machen. Leider fällt der Song danach wieder leicht auseinander, Sinnlos-Breaks, bedrohliche Chöre und Krach-Passagen steuern allmählich auf den Höhepunkt zu, der aber nicht kommt, der Song ist stattdessen irgendwie zuende. Trotz einiger Irritationen und nicht immer zu erkennender Struktur ein tolles Stück, das ich mir sicher öfter anhören werde.

The Raven..., das Titelstück. Das kannte ich schon von diesem Vorab-Videoclip, den es hier seltsamerweise nicht zu sehen gibt, stattdessen dreht sich auf dem TV immer noch der halbdurchsichtige "Planet" mit seinen sich überblendenden Grafiken, was allerdings schön gemacht ist und gut zur Musik passt. Der Song plätschert anfangs so dahin und wird dann mit dem Einsatz der Drums etwas lebendiger und verdichtet sich zu einer schönen Ballade, der es jedoch -auch hier wieder- etwas an Melodiösität fehlt. Längst nicht so langweilig, wie ich ihn zusammen mit dem Video in Erinnerung hatte.

Fazit:
Sehr gutes Album, dem nur hier und da vielleicht das gewisse Etwas fehlt. Die Kompositionen an sich scheinen nicht immer stark genug, aber die meist hervorragenden Arrangements reißen es immer wieder raus. Der Surroundsound ist toll, wenngleich es hier nicht allzu viele Überraschungen gibt, was die Verteilung der Instrumente angeht, dafür aber jederzeit transparent und perfekt balanciert. Die beiden hinteren Lautsprecher sind den drei vorderen nahezu gleichberechtigt - so soll es sein.

Ob es jedoch ein Meilenstein in der Geschichte des Progressive Rock ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Das neue Doppelalbum von Biffy Clyro ("Opposites") gefällt mir da jederzeit besser, auch wenn der Vergleich sich natürlich eigentlich verbietet, denn die kommen ja aus einer ganz anderen Ecke. Dennoch hätte ich einen etwas höheren "Rock"-Anteil durchaus auch hier begrüßt - etwas mehr Agressivität und Spontaneität, etwas mehr Biss, etwas mehr Struktur, dafür etwas weniger Gefrickel hätten dem Album hier und da gut getan. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Beste Songs: The Pin Drop und The Watchmaker, schwächster Track: The Holy Drinker.


Nachtrag 17.3.: 
Ich habe inzwischen noch ein paar weitere Durchläufe hinter mir, wobei ich diesmal einige Songs auch einzeln angewählt habe. Mein erster Eindruck scheint sich zu verfestigen, allerdings sieht es so aus, als würde mein Favorit Pin Drop einzeln gespielt etwas verlieren. Auch The Raven... fängt nach häufigerem Hören an, etwas zu nerven, besonders diese ständig wiederholten vier Töne. Als Kontrastpunkt nach Watchmaker kommt das deutlich besser. Ich denke, das ist ein Zeichen, dass die Tracks besser im Gesamtkontext funktionieren als für sich allein genommen. Also doch ein Gesamtkunstwerk...

Donnerstag, 28. März 2013

GENESIS: Three Sides Live (1982 ff.) - Eine Release-Übersicht



Hier ein Versuch, den Dschungel aus unterschiedlichen Releases mit unterschiedlichen Tracklists auf unterschiedlichen Tonträgern zu lichten. Aaaalso:

1982 erschien zunächst nur als Doppel-LP (Vinyl) "Three Sides Live" mit zwei verschiedenen Tracklists:
1. UK-only Pressung mit vier live-Seiten
2. International-(Rest der Welt) Pressungen mit drei live-Seiten
plus fünf Studiotracks auf der vierten Seite, beginnend mit den drei Tracks der UK-only E.P. "3x3". (Was auch der Grund für die vierte Live-Seite der UK-Pressung war, denn ansonsten hätte sich die zeitgleich erschienene E.P. dort kaum verkaufen lassen)
Damit können beide Tracklistings als "original" gelten, da die beiden Versionen zeitgleich erschienen.


"Four" Sides Live, UK-Import-LP
UK-Fatbox aufgeklappt mit Innenbooklet.
Kurze Zeit später wurden einige Importexemplare der UK-Pressung in Deutschland mit einem Aufkleber "Four" und dem kleingeschriebenen Zusatz "Vier Seiten live Limitierte Auflage" versehen, damit sie sich von der regulär erhältlichen deutschen Pressung unterscheiden ließ (siehe Abb. links).

Seitdem hat sich der Titel "Four Sides Live" im deutschen Sprachgebrauch festgesetzt; den gab es trotzdem aber nie offiziell.

Die unterschiedlichen Tracklists fanden sich unverändert auch bei den einige Jahre später erscheinenden CD-Ausgaben - mit Ausnahme der CD-Erstpressung 1984. Diese, von Polygram in Hannover produzierte Version wurde in die ganze Welt mit der internationalen Tracklist exportiert, auch die für Virgin UK bestimmte und mit einem hellblauen Label ("Blue Face") bedruckte Version hatte die Studiotracks am Ende.
Erst nachdem Virgin seine CD-Produktion nach England verlagerte, wurde für den UK-Markt wieder die UK-only-Tracklist verwendet - nun zum ersten Mal auf CD.
Bis 1994 gab es also wie beim Vinyl-Album die Aufteilung in UK und Rest-der-Welt (was die UK-CDs als Import in Deutschland damals unglaublich teuer machte - ich musste damals über 60 DM bezahlen, das entspricht heute 50 Euro!).
Alle CD-Erstausgaben hatten weltweit die Fatbox mit Innenbooklet.


UK-Fatbox Rückseite

Die UK-Version hatte ein geheftetes Innenbooklet mit allen Texten, erstmals waren so auch die Texte der drei Songs des "Abacab"-Albums abgedruckt.
Die Erstausgabe der in UK hergestellten Version erkennt man übrigens am fehlenden Barcode auf der Rückseite.



Einzigartiges Rosa (genesis-discography.org)
Größten Seltenheitswert hat natürlich die allererste CD-Pressung (Virgin/Charisma GECD 2002), made in Germany by Polygram, Hannover, die man an der rosa Rückseite und dem schon erwähnten "Blue Face"-Label erkennt. Diese erschien 1984, allerdings nur auf dem britischen Markt (Abb. rechts und unten).
Dieses Kuriosum resultierte aus dem Umstand, dass das Polygram-Presswerk in Hannover ab August 1982 auch den US- und UK-Markt mit CDs versorgte - die ersten Monate sogar ausschließlich, denn es war das einzige CD-Presswerk auf der ganzen Welt - bis dann Sony im Herbst 1982 ein eigenes in Japan baute. Die ersten Presswerke in UK und USA gab es nicht vor Mitte 1983 und bis 1985 exportierte das deutsche Polygram-Werk noch in alle Welt. Daher ist die CD-Erstpressung von "Three Sides Live" auf dem Virgin-Label zwar eine deutsche Pressung, jedoch nicht die deutsche Erstausgabe, denn die war Vertigo mit dem ebenfalls in Hannover produzierten "Blue Swirl"-Labelaufdruck vorbehalten.
Die CDs sind einfarbig hellblau ("Blue Face").
Das Innenbooklet der deutschen Fatbox bestand nur aus einem einfachen Faltblatt mit dem Foto im Breitformat. Wie man im nächsten Bild sehen kann, war das Foto bei der Virgin-Erstpressung außen, jedoch umlaufend in der Breitversion und wie in der UK-Version mit gelbem Logo. Ab der deutschen Erstausgabe (Vertigo) war das Foto innen ohne das gelbe Logo, außen war dafür das übliche Frontartwork mit dem Schwarzweiß-Logo zu sehen (also ähnlich wie das originale LP-Artwork).
"Blue Swirl"-Label
Beim CD-Aufdruck gibt es in der CD-Erstpressung einen Schreibfehler: "Paperplate". Ein Exemplar wird derzeit bei Ebay für 265 Euro angeboten!

Die deutsche Erstausgabe (Vertigo) hat durchaus ebenfalls Seltenheitswert. Sie ist erkennbar an dem blauen CD-Aufdruck (die Grafik wird "Blue Swirl" genannt, Abb. rechts).

Vertigo - Label ab 2. Auflage
Die späteren deutschen Vertigo-Pressungen haben ebenfalls einen Schreibfehler im Labelaufdruck ("In the eage") und einen roten Aufdruck mit anderem Muster.

US-Erstausgabe mit "Afterflow"
Die US-Erstausgabe der CD (Atlantic) hatte auch einen Schreibfehler, allerdings auf dem rückseitigen Einleger - "Afterflow" (Abb. rechts).

Spätere Ausgaben haben das falsche "F" gegen ein "G" ausgetauscht. Da man das wohl mit Schere und Kleber gemacht hat, sitzt das "G" erkennbar ein wenig zu hoch.
US-Fatbox-Front-Einleger mit riesigem Logo
Eine spätere Neuauflage (Made in Holland, Virgin, UK-Tracklist) verzichtete dann auf die Fatbox, daher wanderte das eigentliche Innenbooklet nach außen. Die Rückseite blieb unverändert (kleines Bild).
Eine Fatbox mit diesem Frontcover gibt es nicht!

Erst mit der 1994er Definitive Edition Remaster-Serie wurde die CD weltweit vereinheitlicht. Das Tracklisting aller CDs folgt seitdem der originalen UK-Ausgabe ohne Studiotracks. Die zusätzlichen drei Livetracks wurden damit erstmals weltweit veröffentlicht.

Die ehemalige International-Version mit den fünf Studiotracks ist seitdem weltweit vergriffen. Da der Originalmix des Songs Me And Virgil nur hier in digitaler Form erschienen ist, ist diese Version inzwischen durchaus gesucht. Zum Glück ist sie wegen der großen Verbreitung nicht allzu selten.


Anhang I: Tracklists
(Anm.: die unterschiedlichen CD-Ausgaben haben jeweils die LP-Seiten 1 und 2, sowie 3 und 4 auf je einer CD zusammengefasst.)

UK-Version bis 1994 (ab 1994: weltweit einheitliche Version):

Seite 1:
Turn It On Again
Dodo
Abacab

Seite 2:
Behind The Lines
Duchess
Me & Sarah Jane
Follow You Follow Me

Seite 3:
Misunderstanding
In The Cage (medley)
Afterglow

Seite 4:
One For The Vine
The Fountain Of Salmacis
It / Watcher Of The Skies


Internationale Version (außer UK, bis 1994, ab 1994 out of print):

Seite 1 - 3 wie UK-Version

Seite 4:
Paperlate (Studio version, von der "3x3"-EP) 
You Might Recall (Studio version, von der "3x3"-EP) 
Me And Virgil (Studio version, von der "3x3"-EP)
Evidence Of Autumn (Studio version, UK-Single B-Seite von Misunderstanding) 
Open Door (Studio version, UK-Single B-Seite von Duchess)


Anhang II: Daten der Live-Aufnahmen (gilt nur für die CDs, der gleichnamige Konzertfilm zeigt zum Teil andere Aufnahmen):
  • Behind the Lines, Duchess, Turn It On Again - Nassau Coliseum, Long Island, 29.11.1981.
  • Dodo, Abacab, Me & Sarah Jane, In The Cage (medley) - NEC Birmingham, 23.12.1981
  • Misunderstanding - Savoy Theatre, New York, 28.11.1981
  • Follow You, Follow Me - Lyceum Ballroom, London, 7.5.1980 (Teile dieses Konzerts wurden für die "Old Grey Whistle Test"-Sendung der BBC verwendet, enthalten auf der "Duke"-SACD/DVD)
  • One For The Vine -Theatre Royal, Drury Lane, London, 5.5.1980
  • Fountain of Salmacis - Unbekannt, 1978. (wurde oft für die Aufnahme vom Knebworth-Festival gehalten, ein direkter Vergleich mit der Radioaufnahme konnte dies jedoch nicht bestätigen. Anlässlich des Remixes 2009 ließ Toningenieur Nick Davis verlauten, dass die Aufnahme von Houston 1978 sei - dies kann aber nicht stimmen, da der Song nur während des ersten Tourneeabschnitts in Europa gespielt wurde)
  • It / Watcher of The Skies - Glasgow Apollo Theatre, 9.7.1976 (weitere Ausschnitte dieses Konzerts finden sich im Film "In Concert", enthalten auf der "A Trick Of The Tail"-SACD/DVD; Cinema Show von Seconds Out ist ebenfalls von dieser Show)

Samstag, 16. Februar 2013

BUTTERFLY BOUCHER - Flutterby (2003)

Eine kürzlich erfolgte Inspektion des iPhones meiner Tochter machte mich auf eine australische Ausnahmekünstlerin aufmerksam, deren Debutalbum ich sofort kaufen musste, weil mich der Song Another White Dash vollkommen geflasht hat:

Die Dame heißt tatsächlich Butterfly Boucher und das Album "Flutterby" - hierzulande nicht leicht zu bekommen, habe es über den Amazon Marketplace bezogen (10 Euro). Bekannt wurde sie als Bassistin in Missy Higgins' Band, sie spielt aber alle möglichen Instrumente und das alles andere als schlecht. Es lohnt sich, die Schnipsel bei Amazon mal anzuhören - das Album ist einfach klasse, über weite Strecken akustisch instrumentiert, aber immer dann elektrisch und kraftvoll, wenn es sein muss. Dazu hat sie mitreißende Backing Vocals, die mir Tränen in die Augen treiben.
Sie hat noch ein paar andere Alben aufgenommen, die aber stilistisch alle etwas anders klingen. Jetzt höre ich erstmal dieses, der Rest kommt vielleicht später.
 

Dienstag, 12. Februar 2013

Technobabble: Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) II

Hier ein Artikel aus der Frankfurter Rundschau, der beispielhaft ist für das gefährliche Halb- oder Nichtwissen von Journalisten zu diesem Thema: Schallplatten halten fast ewig - auf die Pflege kommt es an.
Eine Schallplatte lebt mit guter Pflege deutlich länger als viele digitale Audiomedien. «Im Grunde ist die Haltbarkeit unbegrenzt», sagt Rainer Bergmann, Vorsitzender der Analogue Audio Association (AAA), einem Verein zum Erhalt analoger Medien. «Bei CDs haben sie manchmal schon nach zehn Jahren einen unlesbaren Datenträger.»
Was der Kollege vergisst zu erwähnen: Schallplatten halten bei guter Lagerung nur unter einer Bedingung "fast ewig": Naämlich dann, wenn man sie niemals spielt!
Denn jeder Abspielvorgang verursacht Abrieb, d.h. die eingeprägten Wellenformen werden zunehmend verschliffen. Irgendwann kann man das dann auch hören. Am besten sollte man sie nie aus ihrer Hülle nehmen, denn sie laden sich gern schon beim Auspacken statisch auf und ziehen Staubfasern an. Hartgesottene Vinyl-Sammler wissen das und lassen ihre wertvollen Platten am Besten eingeschweißt. "Still sealed" ist nach wie vor das Gütesiegel, mit dem sich beim Verkauf historischer Schallplatten die höchsten Preise erzielen lässt.

Wie lange gepresste CDs bei normaler Behandlung halten, ist immer noch nicht abschließend geklärt. Meine älteste CD, Peter Gabriels "So", gekauft 1986, klingt immer noch exakt so wie am ersten Tag. Neulich habe ich sie für einen Artikel über das "So"-Remaster mit einem Plextor-Laufwerk und der Software ExactAudioCopy ausgelesen: 100% Qualität, d.h. keinerlei Lesefehler. Pflegebedürftigkeit: keine (immer nur am Rand angefasst, immer gleich zurück ins Jewelcase).

Noch mehr gelacht habe ich über diesen Absatz, der die Expertise des genannten Herrn doch mehr als nur ein wenig in Zweifel stellt:
Die beste Methode zur Digitalisierung der analogen Musiksammlung ist ein Plattenspieler mit USB-Anschluss. Software zum Aufzeichnen der Musik liegt solchen Geräten meist bei. Anstatt eines USB-Kabels können Anwender aber auch herkömmliche Klinkenstecker verwenden. Ein sogenannter Digital-Analog-Wandler unterdrückt dabei störendes Brummen.
Das ist grober Unfug und geradezu lächerlich.

Ein Plattenspieler mit integriertem USB-Anschluss ist ohne Zweifel die praktischste, aber auch die allerschlechteste Methode, Vinyl zu digitalisieren, denn es kommen nur da ausschließlich Low-Budget-Komponenten zum Einsatz. Neben dem billigen Laufwerk wäre da vor allem der fest eingebaute Entzerrer-Vorverstärker als wichtiges Glied der Übertragungskette zu nennen (von dem gut klingende Geräte das dreifache eines USB-Plattenspielers allein kosten), und ein A/D-Wandler, von dem in den meisten PC-Billig-Onboard-Soundkarten bessere Varianten verbaut sind.

Und auch bei Benutzung von Klinkensteckern benötigt man einen Analog-Digital-Wandler, keinen "Digital-Analog-Wandler", denn am PC sollen ja Nullen und Einsen ankommen, keine Schallwellen. Und dass ein Wandler jemals störendes Brummen unterdrückt hätte, wäre mir neu - die zeichnen das gnadenlos mit auf, wenn es am Eingang anliegt.



Die nächsten Folgen dieser Serie:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) III
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) IV
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) V
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VI
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VII
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) VIII 

Die frühere Folge:
Vinyl vs. CD (Wahn und Wirklichkeit) I

Sonntag, 20. Januar 2013

XAO SEFFCHEQUE UND DER REST: Ja - Nein - Vielleicht (1981)

Es ist im Nachhinein wirklich erstaunlich, welche Möglichkeiten sich ambitionierten Musikern Ende der 1970er/Anfang der 1980er boten. Es fanden sich tatsächlich Labels, die offen waren für wirklich neue Formen von Musik und nie wieder gab es wohl in Deutschland einen derart hohen kreativen Output. Es gab sogar vereinzelt Hits, die die etablierte Musikindustrie veranlasste, alles unter Vertrag zu nehmen, das nicht bei drei auf den Bäumen war. Unter dem Label "Neue Deutsche Welle" begann dann schnell der Ausverkauf und alles war vorbei.

Xao Seffcheque gehörte zur Düsseldorfer Punk-Szene um Bands wie Mittagspause, Fehlfarben, Der KFC, Die Toten Hosen etc. und war auch als Journalist bei diversen Musikzeitschriften tätig. Weil ich vor Jahren für das Düsseldorfer "Rondo"-Label einige Songs aus deren Repertoire für einen Label-Sampler remastert hatte, darunter auch einen Song von Xaos erstem Soloalbum "Deutschland nicht über alles", bekam ich Anfang des Jahres eine Mail mit der Anfrage, sein erstes "echtes" Soloalbum "JA - NEIN - VIELLEICHT" für die CD-Erstveröffentlichung zu remastern.

Daher habe ich in den letzten Tagen kaum etwas anderes gehört und muss feststellen, dass diese Musik einfach klasse ist. Die 32 Jahre sind nahezu spurlos daran vorbeigegangen, und es ist erstaunlich, wie frisch alles klingt. Das ist hier bei weitem kein Punk, auch wenn die Herkunft sich in der Grundhaltung niederschlägt, sondern eine ziemlich groovige, locker aber professionell eingespielte Mischung aus Funk, Jazz, Ska, Industrial, Rock und ja: Prog. Eine Assoziation bei mir war spontan Van der Graaf Generator. Aber auch Techno-artige, repetitive Strukturen wurden hier bereits vorweggenommen. Das Album erscheint überwiegend instrumental, klingt auch heute noch avantgardistisch und ist ungemein vielschichtig. Nach mehrmaligem Hören fast hypnotisch, einfach stark.

Anspieltipps gibt es nicht viele im Netz, was wohl auch daran liegt, dass es bislang keine CD davon gibt. Bei YouTube findet sich lediglich das allerdings nicht sehr repräsentative Du und ich.

Ich finde es klasse, dass diese Musik nun wiederveröffentlicht werden soll und ich darf verraten, dass es auch vier zum Teil unveröffentlichte Bonustracks geben wird, die 1981 für eine EP geplant waren, die das "Schallmauer"-Label jedoch so kurz nach dem Album nicht veröffentlichen wollte, darunter auch Solaungidohäng und das Lied vom verlorenen Wort, die man sich eine Zeitlang auf der Rondo-Homepage anhören konnte.


Update 13.2.2017: diesen Eintrag hatte ich vor ziemlich genau vier Jahren geschrieben - die CD ist jedoch bis heute nicht veröffentlicht worden. Allerdings wird am 17.2.2017 ein Sampler namens "Ja, nein, vielleicht kommt sehr gut - A Selection of Electronic Beats 1980-82" beim Hamburger Label "Bureau B" erschienen, der fast alle Stücke dieses Albums enthält. Es fehlen das Dizzy Gillespie-Cover Eine Nacht in Tunesien und der Opener Gute Freunde, letzterer ist jedoch in der englischen, bisher unveröffentlichten Version als Good Friends (mit der unnachahmlichen Julie Jigsaw) dabei. Unveröffentlicht sind ebenfalls die Stücke Julie's in Germany und Unfamous last words (das oben erwähnte "Lied vom verlorenen Wort" mit neuem Titel) dazu fünf weitere elektronische Tracks vom eher satirisch-kabarettistischen Vorgänger-Album "Sehr gut kommt sehr gut". Seit einigen Tagen gibt es auch ein offizielles Video dazu:


Donnerstag, 17. Januar 2013

BIFFY CLYRO: Opposites (2013)


Wahrscheinlich das nächste große Ding, wenn sie sich zusammenreißen.
Erst hab ich gedacht, typische Hype-Band, aber einige Songs dieses Albums haben das gewisse Etwas. Die Musik (wie auch immer man sie klassifiziert) ist eine Mischung aus Foo Fighters, Snow Patrol, Porcupine Tree und Fallout Boy.



Ganz nett ist auch die neue Single Black Chandelier (YouTube).

Der erste Eindruck: Viele Songs sind sich recht ähnlich und insgesamt scheint das Album daher deutlich zu lang.

Muss das aber nach mehreren Durchläufen korrigieren: das Album ist klasse!
Nachteil bei einem 20-Track-Album, das auf 2 CDs aufgeteilt ist: es dauert, bis man alle Songs überhaupt zur Kenntnis nimmt. Und Biffy Clyro haben einige Perlen ganz ans Ende gepackt, darunter auch einige sehr schöne ruhige Stücke.

Besonders der Opener Different People gefällt mir ausnehmend gut wegen des starken Kontrastes - ruhiger Anfang (passt gut zum Hipgnosis-mäßigen Cover) und hektisches Ende. Auch der sich abwechselnde 7/8-8/8 -Takt ist toll gemacht. Weitere Anspieltipps: Trumpet Or Tap und The Thaw (beide im 6/8), das anfangs sphärische The Fog, das am Ende unglaublich Krach macht, andere Kracher wie das schon im letzten jahr als Single veröffentlichte Stingin Belle, sehr schön auch Spanish Radio mit seinen spanischen Trompeten und einem 5/4-Takt, Pocket könnte eine weitere Single werden, das etwas bombastische Skylight mit schönen Synthies oder mein derzeitiger Favorit Accident without Emergency.

Bis jetzt schon mal klar das Album des Jahres!

Auf jeden Fall sollte man die 2CD/1DVD-Version bevorzugen. Vor allem, weil Accident without Emergency in dem Single-Album nicht enthalten ist, aber auch die anderen zusätzlichen Songs sind allesamt gut und die Aufteilung in zwei Mal 10 Songs mit Pause zum Wechseln trägt zur Entspannung bei. Die CDs haben eigene (Unter-)Titel: "The Sand at the Core of Our Bones" und "The Land and the End of Our Toes" (beides Zitate aus dem Refrain von Sounds Like Balloons, dem dritten Song). Ursprünglich war geplant, die beiden CDs mit diesen Titeln einzeln rauszubringen. Musikalisch lässt sich nicht wirklich ein Gegensatz ("Opposites") erkennen, beide CDs klingen wie aus einem Guß.
Die DVD ist allerdings verzichtbar. Sie zeigt nur kurze Musikausschnitte und enthält ansonsten viel Gelaber aus dem Studio und Übungsraum von Band und Produzent. Wer gern breitesten Schottischen Akzent hört, wird jedoch seine Freude haben.

Montag, 7. Januar 2013

STRAWBS - Deep Cuts (1975/2006)

Unlängst habe ich die fehlenden Alben meiner frühen Lieblingsband STRAWBS geordert. Das sind vor allem die, die seinerzeit nicht bei A&M erschienen waren. Die beiden Polydor/Oyster-Alben "Deep Cuts" und "Burning For You" von 1976 und 77 sind nun angekommen und nach vielen Jahren hab ich erstere mal wieder hören dürfen.

Nach einer Serie von vier superben Prog-Folkrock-Alben nacheinander - "Grave New World", "Bursting At The Seams" (mit dem Single-Überhit Part Of The Union), "Hero and Heroine" und "Ghosts" (1972-75) - war das ebenfalls noch 1975 eingespielte "Nomadness" leider ein ziemlicher Flop, der die Band um den charismatischen Singer/Songwriter Dave Cousins den Plattenvertrag kostete. Das neue Label muss wohl einen Hit verlangt haben, jedenfalls ist der Opener I Only Want My Love To Grow In You extrem poppig, aber eben auch gut gemacht. Leider fiel in meiner Erinnerung der Rest des Albums immer stark ab - was ich beim Wiederhören der CD jetzt weitgehend revidieren musste. Sicher ist die Scheibe näher am "Classic Rock" als am Folkrock, aber Prog-Anleihen gibt es noch oft genug und Cousins schafft es immer wieder, seine Stimme dramatisch klingen zu lassen, wobei er hier nur selten in das Pathos der Anfangstage verfällt.

Das Album gab es schon mehrfach auf CD, von BGO gab es auch beide Oyster-Alben im Doppelpack - mit dem üblichen, kastrierten Cover. 2006 ist es erstmals remastert auf dem bandeigenen Witchwood-Label erschienen und hat einen guten Bonustrack - das von Gitarrist Dave Lambert geschrieben und gesungene You Won't See The Light, das dem Album gut zu Gesicht gestanden hätte. Lambert hatte auf den Vorgängeralben immer mindestens einen eigenen Song unterbringen können - warum dieser hier gescheitert war, ist kaum nachvollziehbar. Die anderen Songs sind hier meist von Cousins/Cronk geschrieben - damals ein Novum, hatte Cousins bis dahin doch eher allein komponiert. Vielleicht auch eine Vorgabe der Plattenfirma, leider gibt es keinerlei Erklärtext im Booklet - immerhin sind die Texte dabei.

"Burning For You", das Nachfolgealbum, hatte ich insgesamt noch besser in Erinnerung - mal sehen, ob das noch stimmt. An die oben genannten magischen Vier kommt allerdings sowieso keines so schnell ran.