Freitag, 3. August 2012

SUSANNA HOFFS - Someday (2012)

Abb.: Amazon
Ihr erstes Soloalbum von 1991, das auf dem Erfolg des Bangles-Hits Eternal Flame aufsetzte und aus Susanna Hoffs einen internationalen Superstar machen sollte, enthielt mit My Side Of The Bed zwar einen veritablen, jedoch auch recht peinlichen weil schamlos kommerziellen Hit ("Shala-la-la, shalala-la-la, he-ya, he-ya"), ansonsten jedoch nur dürftigstes, aalglatt produziertes Füllmaterial. Das Album floppte und schon war sie eigentlich unten durch, daher wurde ihr eigentliches Solodebut "Susanna Hoffs" fünf Jahre später weitestgehend und leider zu Unrecht völlig ignoriert.

16 Jahre später nun ein neues Soloalbum! - Da das letzte Bangles-Album "Sweetheart Of The Sun" nicht ganz überzeugen konnte (die von Susanna gesungenen Songs ausgenommen) wurde ihr nunmehr drittes Soloalbum mit etwas gemischten Gefühlen erwartet, doch es kann voll und ganz überzeugen. Erstklassige Popsongs, die zwar nicht alle auf Anhieb ins Ohr gehen, jedoch immer stärker werden, je öfter man sie hört.

Schon der Opener November Sun ist ein kleines Meisterwerk der Arrangierkunst: Nach den ersten Takten rechnet man mit einem eher akustisch-puristisch gehaltenen Folk-Song, plötzlich setzt eine Trompete ein, dann ein Streichquartett, mehrere Mellotron-artige Flöten, später dann eine Orgel. Das Ganze so geschickt gemacht, dass man immer noch denkt, man hört einen simplen Folksong.

Großartige Musiker, großartige Produktion von Mitchell Froom (Suzanne Vega, Crowded House, Richard Thompson). Nach den hörbar preiswerten Spaß-Produktionen mit Matthew Sweet ("Under The Covers" Vol.1 + 2, übrigens ebenfalls empfehlenswert) scheint es hier wieder ein ordentliches Budget gegeben zu haben. Dass das Album nur 10 Tracks und 31 Minuten Laufzeit hat, ist nicht schlimm, denn umso schneller kann man wieder November Sun hören - wobei auch unter den anderen Tracks kein einziger Ausfall ist.

Dienstag, 19. Juni 2012

PINK FLOYD - Animals (1977)

Abb.: Wikipedia
Rückblickend betrachtet, ist "Animals" sicher nicht das beste Pink Floyd-Album, aber es bleibt für mich etwas besonderes, denn ich hatte den Hype um das Release seinerzeit bewusst miterlebt. Die Pressekampagne war schon sensationell und wenn man bedenkt, dass wir hier in Deutschland nur die Ausläufer mitbekommen haben... - trotzdem gab es damals nur zwei Sterne im Musik Express und einen ziemlichen, jedoch durchaus differenzierten Verriss.

Pink Floyd, so sah es damals aus, hatten sich mit dieser Platte endgültig in den Rock-Dinosaurier-Himmel katapultiert - was natürlich, ähnlich wie bei Genesis ein Jahr später, wegen der vorherrschenden musikalischen Großwetterlage -das Tiefdruckgebiet "Punk" sollte noch einige Zeit dräuen- eine gewisse hämische Dimension bekam, vor allem drüben auf der Insel. Animals war nicht gut gelitten. Drei von vier Mitgliedern der Sex Pistols trugen ein Pink-Floyd-T-Shirt mit der handgemalten, unglaublich provokanten Überschrift "I HATE" abwechselnd (ob es zwischendurch gewaschen wurde oder nicht, ist nicht überliefert).


Die Verkäufe waren dennoch ordentlich und die Musik - wenn auch nicht spektakulär, aber durchaus frisch und innovativ. Winfried Trenkler spielte Dogs seinerzeit komplett in seiner WDR2-Sendung "Rock-In", deren Stammhörer ich war. Ich kann mich erinnern, dass ich gleichermaßen fasziniert wie enttäuscht war - enttäuscht vor allem, weil das Album die durch die Vorgängeralben und die gigantische Werbekampagne hochgeschraubten Erwartungen nicht einlösen konnte. Fasziniert war ich vor allem von den optischen Details - das Battersea-Kohlekraftwerk auf dem Cover ist ein großartig-bedrückender Bau - schon in Natura sehenswert und beeindruckend, mit der speziellen Farbgebung des Hipgnosis-Artworks jedoch spektakulär finster und bedrohlich.

Die Aufnahmetechnik des Albums ist durchweg grandios - bis heute begeistert mich, wie in Sheep die gehaltenen Vokale von Waters Leadgesang nach wenigen Sekunden zu Gilmours Gitarre werden - Morphing nannte man das später. Dogs und vor allem Sheep sind agressive, finstere Meisterwerke mit einer unglaublichen Intensität, dazu mit feinsten Gitarrenriffs und perfektem, zeitlosem Sound.
Was ich erst viel später erfahren habe: diese beiden zentralen Albumtracks waren keine neuen Stücke, sondern lediglich Überarbeitungen der schon ein paar Jahre früher live gespielten Songs Raving and Drooling und You've got to be crazy, die wohl für das Vorgängeralbum "Wish You Were Here" konzipiert, jedoch ausgesondert worden waren.
Wirklich neu waren also nur die Roger Waters-Kompositionen, Pigs und die beiden Teile von Pigs on the wing, die das Album einrahmen. Diese sind zwar etwas belanglos, aber tausendmal besser als ähnlich angelegte Waters-Solo-Songs auf "The Wall".

Zu Pigs on the wing gibt es noch eine interessante Randnotiz: Parallel zur LP und Compact-Cassette erschien das Album seinerzeit in den USA auch im dort recht beliebten Format 8-Track-Cartridge. Diese enthält eine exklusive Langfassung von Pigs on the wing, bei dem die beiden Teile durch einen Mittelteil verbunden sind, der ein Gitarrensolo von Snowy White enthält. Pigs on the wing, so ist verschiedenen Quellen, u.a. auch Wikipedia zu entnehmen, sei ursprünglich ein einziger, drei Minuten langer Song gewesen, den man nachträglich auseinandergeschnitten habe, wodurch das Solo entfiel. Dass Snowy White und nicht David Gilmour das Solo eingespielt hat, wird damit begründet, dass man versehentlich ein früheres Solo David Gilmours gelöscht habe, so dass Snowy den wegen Babypause abwesenden Gilmour ersetzen musste.

Dropout im rechten Kanal (unten)
Das halte ich jedoch für reine Phantasie, denn beim Übergang zu Snowy Whites zugegeben schönem Solo ist ein Schnitt deutlich zu vernehmen. Außerdem ändert sich an dieser Stelle entsprechend der doch recht unterschiedlichen Abmischungen der beiden Einzelteile der Sound der Aufnahme. Bei Pigs on the wing 1 spielt nur eine einzige Gitarre und sie steht recht monofon im Center der Stereobasis, bei Pigs on the wing 2 (und nach dem Schnitt) spielen plötzlich zwei Gitarren und die sind auch noch extrem links und rechts aufgestellt. Der Schnitt selbst ist übrigens technisch nicht besonders gut ausgeführt: der rechte Kanal hat an der fraglichen Stelle einen etwa 11 Millisekunden langen Dropout. Klarer Hinweis auf einen damals üblichen 45°-Schrägschnitt des Tapes, der den linken Kanal einen Tick früher einsetzen lässt.

Man kann daher davon ausgehen, dass Pigs on the wing von Anfang an als Zweiteiler geplant und auch getrennt aufgenommen und abgemischt wurde, exakt so, wie es dann auf Vinyl, Cassette und später CD zu hören war und ist. Den Kollegen ist irgendwann, als das Album längst fertig war, bewusst geworden, dass die Tracklist des Albums für die 8-Spur-Cartridge Version etwas ungünstig war. Die Cartridges enthielten nämlich ein Endlos-Tape, das wieder von vorn begann, sofern man es nicht von Hand stoppte. Dadurch liefen jedoch Part 2 und Part 1 immer hintereinander - nicht nur langweilig, sondern auch in der falschen Reihenfolge. Irgendjemand hatte dann vermutlich die Idee, die beiden fertig gemasterten Teile plus ein 35 Sekunden langes Mittelstück (möglicherweise aus einem Outtake) zusammenzukleben. Um den deutlich hörbaren Übergang zu kaschieren und wohl auch, um den Song in der neuen Langversion abwechslungsreicher zu gestalten, benötigte man nur noch ein Gitarrensolo. Gilmour war nicht greifbar, also schnappte man sich Snowy White, der gerade im Studio herumstand. End of story.

Die lange Version mit dem Solo wurde übrigens 1995 auf Snowy Whites inzwischen vergriffenem Sampler "Goldtop" zum ersten und bisher einzigem Mal auf CD veröffentlicht.

Mittwoch, 25. Januar 2012

PINK FLOYD - Atom Heart Mother (1970)

Habe jetzt "Atom Heart Mother" (2011 Remaster) überstanden und in zwei Etappen gehört. Dabei war aus Versehen der Shuffle-Knopf im iPhone gedrückt, so dass ich die Songs der zweiten LP-Seite nicht in der korrekten Reihenfolge gehört habe, was die nachträgliche Zuordnung meiner Eindrücke etwas erschwert, aber egal. Begonnen hat das aber mit der berüchtigten Atom Heart Mother Suite - die ich als "interessant" charakterisieren würde, ohne dass das jetzt ein Euphemismus sein soll. Sie haben hier definitiv was gewagt und Neuland beschritten, auch wenn das Experiment mit Bläsern und einem klassisch ausgebildeten Chor wohl als weitgehend gescheitert angesehen wird. Ich fand es weitgehend OK, wobei es mir im Mittelteil natürlich etwas zu kakophonisch zuging,  der "Text" des Chorgesangs jedoch mehrfach spontane Heiterkeit bereitet hatte: "Ssa ssa ssa ssa whsss - rrrrrrrr ho di rabatika gogotschaaah ... Wasserkuh, Wasserkuh - ruckuku ruckuku" - das hat schon viel Schönes.
Von den ziemlich sinnfreien Experimenten (wohl zuviel Stockhausen gehört die Jungs) mal abgesehen ist das Stück aber harmlos, durchaus anhörbar, schafft es aber nicht annähernd, eine vergleichbar magische Athmosphäre zu erzeugen wie ein Jahr später das ebenfalls LP-Seiten-füllende Echoes. Vielleicht sind es auch die Bläser, die über weite Strecken dann doch zu konventionell arrangiert sind und bei denen man oft das Gefühl hat, dass ihre Melodielinien, von einer Hammond oder einem Mellotron gespielt, vielleicht besser gekommen wären.

Die B-Seite des Albums ist auf jeden Fall zugänglicher. If - so etwas wie die Blaupause einer klassischen Roger-Waters-Ballade: nett aber etwas spannungslos. Summer '68 dann eine überraschend kurzweilige Einlage von Rick Wright - hier sind die Bläser besser passend eingesetzt. Fat Old Sun beginnt dann -für mich überraschend, denn das war mir bisher gar nicht aufgefallen- mit dem gleichen Glockengebimmel wie 24 Jahre später High Hopes - es ist nicht ganz identisch, ich habe aber nachhören müssen, um mich zu vergewissern. Ansonsten ist der Song, der am ehesten schon in Richtung "Meddle" geht, der vielleicht erste richtig gute Gilmour-Song, auch wenn ausgerechnet hier das Gitarrensolo an Ende klingt, als hätte es ein Anfänger gespielt. Schon seltsam, dennoch mein Favorit auf diesem Album. Mit Alan's Psychedelic Breakfast, einem weiteren Longtrack, wird man allerdings wieder ein wenig zu "Ummagumma" zurückgeworfen. Nach den lustigen Frühstücksgeräuschen zu Beginn ertönt mehrstimmiges pentatonisches Gedudel, dann schlürft Alan (etwas zu übertrieben) Tee, macht den Herd an und dazu erklingen akustische Gitarren, später die Pedal-Steel, offenbar Gilmours Beitrag. Plätschert etwas vor sich hin - am Ende hören wir passend dazu das Spiegelei brutzeln. Klingt lecker. Die letzten vier Minuten gehören dann der Band, die sich im Midtempo durch ein gefälliges, aber höhepunktloses Instrumental spielt - zum Schluss macht Alan dann den Abwasch und das Album ist zuende.

Es fehlen zu einem guten Floyd-Album ein wenig die großen Kompositionen und mit der Titel-Suite hat man sich ein wenig verzettelt, aber so ist es ein schönes Übergangsalbum, das gut in die Zeit passt. 1970 war ohnehin ein Jahr der Veränderungen, schon weil sich die Beatles endgültig auflösten und so Platz machten für einen Haufen neuer Bands, die alle ungefähr gleichzeitig aus den Startlöchern kamen. "Atom Heart Mother" ist sicher besser als sein Ruf und sicher ist nicht alles darauf "pretty horrible" (David Gilmour in der Nachbetrachtung).

Mittwoch, 18. Januar 2012

PINK FLOYD - die frühen und die späten Alben

"THE PIPER AT THE GATES OF DAWN" - sicherlich hat dieses Album mehr Substanz als die drei Nachfolgealben, wo die Band die Kurve ohne Syd Barrett noch nicht so recht hinbekommen hatte und die eigenen Ideen noch etwas klemmten und mangels Masse zum Teil breit ausgewalzt wurden. Ich habe mich gerade in den letzten Tagen durch "A SAUCERFUL OF SECRETS", "MORE" und "UMMAGUMMA" durchgehört - und kann diesen Alben heute deutlich weniger abgewinnen als früher. Über weite Strecken findet hier, besonders bei den Longtracks, unispiriertes, repetitives Gedudel statt. Besonders schlimm: die Orgelimprovisationen über weitgehend statischen Klangteppichen ohne Harmoniewechsel und mit zum Teil völlig frei laufenden Krach-Collagen, denen man mit Recht das Label "psychedelisch" aufkleben kann, aber heute nur noch so klingen, als seien die Musiker völlig zugedröhnt gewesen.

Insbesondere für das hochgelobte "Ummagumma" lautet mein Fazit: über weite Strecken grauenhaft. Den Live-Teil kann man noch halbwegs ertragen, wenngleich die Songs viel zu lang ausgewalzt sind, aber was die Kollegen da einzeln verbrechen, ist mitunter schon schlimm. So sehr ich mich bemüht habe, die meisten Stücke konnte ich nicht bis zum Ende durchhören. Sysiphus fängt ja ganz nett an, aber dann spielt Wright offenbar Piano mit den Ellenbogen. Waters Beitrag ist erstaunlich belanglos und Gilmour kriegt es irgendwie nicht hin - ein paar gute Ideen, aber nichts passt wirklich zusammen. Am Schluss nervt dann Mason. Sorry, aber das ist verschwurbelter und ziemlich breitgetretener Quark.

"Piper" war da ein schöner Gegensatz mit seinen ausgefeilten Songstrukturen voller bizarrer und genialer Einfälle, dazu zähle ich auch die frühen Singles. In seiner Innovationskraft ist es m. E. durchaus mit "Sgt. Pepper" vergleichbar; es wurde ja zur selben Zeit wie dieses aufgenommen (und vielleicht nicht zufällig ebenfalls in den Abbey Road Studios) und nur zwei Monate später veröffentlicht, was übrigens auch ein Beleg dafür ist, dass die Beatles damals auch nur den "Zeitgeist" aufgegriffen haben und sich dazu offenbar Anregungen aus dem sog. "Underground", zu dem PF damals gehörten, geholt hatten. Pink Floyd waren ja durchaus schon einige Zeit vor ihrem Debutalbum aktiv und hatten sich in der Londoner Szene einen Namen gemacht.
"Piper" hat halt nur mit den späteren Floyd nicht viel zu tun, vielleicht hat es das Album in der Wahrnehmung der Spätgeborenen deshalb schwerer.

A propos späte Pink Floyd: Heute morgen habe ich dann doch noch einmal "THE FINAL CUT" gehört. Es war nicht ganz so schlimm, wie ich es in Erinnerung hatte (nur einmal gehört vor 29 Jahren) - es ist von wenigen Momenten abgesehen eigentlich nur langweilig und Roger Waters sollte seine elaborierten Texte nicht selbst singen, das scheint jedenfalls das zu sein, was er noch weniger kann als spannende Songs zu schreiben. Alles was auf "The Wall" nervt, ist hier wiederzufinden. Leider aber auch kaum etwas von dem, was auf "The Wall" gut ist. Das Album war allerdings problemlos durchhörbar. Gut ist es deswegen trotzdem nicht.

Und schließlich "A MOMENTARY LAPSE OF REASON" - diesem Album wird ja von vielen Fans glatt die Existenzberechtigung abgesprochen - soo schlecht ist es aber doch nun wirklich nicht! - Da gibt es ein paar schöne Momente. Learning to fly ist eine ganz nette Single, On the turning away eine typische Floyd-Ballade mit einem feinen Gitarrensolo und One Slip fand ich immer schon einen tollen Song, der auch auf jedem anderen Album ein Höhepunkt wäre. Heute morgen in der Bahn aber fiel mir positiv das Instrumental Terminal Frost auf - das ist richtig klasse, hat ein paar unerwartete Harmoniewechsel, schöne Soli (Gitarre und Sax) und ist ein weiterer Höhepunkt des Albums. Gut, The Dogs Of War ist furchtbar, damit wollte Gilmour wohl Waters Abwesenheit kompensieren...
Sicher ist das Album kein Klassiker aber ich sag mal, doch sicher besser als "More", "Ummagumma" und "The Final Cut"!

Sonntag, 8. Januar 2012

JEFF WAYNE - The War of the Worlds

Ich habe mir neulich, trotz meiner überlieferten Abneigung gegen dieses Machwerk, mir die DVD der Konzerttour 2006 angeschaut und etwa drei Viertel davon sogar ertragen, danach hat es mir jedoch wirklich gereicht. Das Album kenne ich noch aus den 70ern, als ein Freund es ständig spielte und meinte, das sei ganz toll. Ich konnte dem damals schon nicht allzu viel abgewinnen, jetzt weiß ich auch wieder, warum:

Dieser Jeff Wayne hat nichts anderes gemacht, als drei oder bestenfalls vier musikalische Ideen auf Doppelalbumlänge auszuwalzen. Nicht nur, dass diese Ideen sich bis zur Nervgrenze ständig kaum variiert wiederholen, das ganze Album ist auch unterlegt mit dem ewig gleichen 70er-Jahre-Disco-Rhythmus, der auch einem unbefangenerem Hörer schon nach drei Minuten auf den Keks gehen sollte.

Dass das mit Rock und erst recht mit Prog nichts zu tun hat, erkennt man dann spätestens an der Form der Präsentation. Das sprechende Richard-Burton-Ei ist ein Witz, der Lightshow fällt nichts Besseres ein als Laserschüsse und die LED-Wand zeigt armselige Animationen. Das lebensgroße Alienschiff ist sicher teuer gewesen und sieht halbwegs spektakulär aus, dafür musste eben woanders gespart werden. Klar wird aber spätestens im zweiten Teil der DVD, dass Wayne nun offenbar nicht mehr beabsichtigt, uns sein "Werk" als die armselige Alan-Parsons-Kopie zu verkaufen, die die Studiofassung ursprünglich darstellte. Er will nun den Musical-Charakter stärker in den Vordergrund stellen und das ist ihm gut gelungen, obwohl es so aussieht, als könne er sich nicht recht entscheiden, ob es vielleicht doch nur eine konzertante Aufführung ist. Als Musical mag es so schlecht wie jedes andere sein, aber das mögen die entscheiden, die sich in diesem Sektor besser auskennen.

Dass man von Jeff Wayne in den Jahren zwischen dem Album und dieser "Auferstehung" nichts gehört hat, überrascht nicht. Ohnehin kam er wohl nur deshalb aus der Gruft damit, weil die Rente nicht mehr gereicht hat.

Dienstag, 21. Juni 2011

GENESIS - Follow You Follow Me (Song, 1978)

Abb.: Wikipedia
Follow You Follow Me ist relativ clever gemachter Pop - das muss man dem Stück lassen. Die Rhythmusgitarre gibt bereits zu Anfang das aus zehn Tönen unablässig und mit wenig Variation wiederholte Hauptthema vor. Dieses wird unter der Strophe durchgehalten. Im Refrain dient das Thema dann als Hookline, die Keyboards spielen es unisono mit und zum Schluss gibt es noch den lei-lei-lei-Falsetto-Chor, der - ja was wohl - genau: das Hauptthema singt.

Dadurch wird erreicht, dass man diese Melodie ständig hört - als Ohrwurm wirkt sie noch nach, wenn der Song lange vorbei ist. Unkritische Musikhörer mögen es, wenn sie einen Song wiedererkennen oder nach 10 Sekunden mitsummen können. Das vereinfacht den Kauf, da es auch nicht schwerfällt, es dem Verkäufer im Plattenladen vorzusingen. Kritische Musikhörer würden anmerken wollen, dass hier mit der Brechstange und recht schamlos versucht wurde, eine kommerziell erfolgreiche Single zu schreiben (was somit auch gelungen war).
Eine Anbiederung an den Massengeschmack war das dennoch nicht, denn was den Song auch ausmacht, ist das großartig gespielte Shuffle-Schlagzeug und die richtungsweisende Rhythmusgitarre, bei denen Mike seinen Mechanics-Stil vorwegnahm. Leider geht beides in der Album-Version ziemlich unter, nicht jedoch im US-Single-Remix.
FYFM im US-Remix
Da knallen die Drums plötzlich und die Keyboards quengeln sich nicht nervig in den Vordergrund. Auch kann man erstmals einen E-Bass bemerken, der sogar richtig groovt. Schade, dass es diese Version nie auf einen digitalen Tonträger geschafft hat.

Ein bisschen gemein war damals, dass der Erfolg dieser Single viele neue, vor allem weibliche Fans generierte, die sich dann -etwas blauäugig- ein Ticket für die anstehende Tournee besorgten - und sich dann verwundert die Ohren reiben mussten, entsprach doch der Rest des Programms so gar nicht ihren durch die Single geschürten Erwartungen. Sie mussten sich einfach noch ein paar Jahre gedulden...

GENESIS - ...And Then There Were Three... (1978)

Abb.: Wikipedia
Dieses Album ist für viele Genesis-Fans der Scheidepunkt - bis dahin war (fast) alles gut, danach ging es nur noch bergab. - Das ist natürlich etwas zu einfach und wie immer ist es hilfreich, das Album im Hinblick auf seine Entstehungszeit einzuordnen. 1978 und in den beiden Jahren davor hatte sich die Musikszene vor allem in UK um 180° gewendet. Genesis galten zwar auch vorher nie als unbedingt angesagt, aber mit dem Aufkommen des Punk und der nachfolgenden Gleichschaltung der damals noch wichtigen Musikgazetten fanden sich Genesis plötzlich in einer Reihe mit den anderen "Dinosauriern" des Rock, etwa Yes, King Crimson, Pink Floyd und ELP - und kassierten entsprechende Prügel.

Genesis ging es zu dieser Zeit auch aus anderen Gründen nicht gut. Gitarrist Steve Hackett hatte sich nach internen Querelen um seinen Anteil am musikalischen Output nach der "Wind & Wuthering"-Tour 1977 frustriert verabschiedet und die nunmehr zum Trio geschrumpfte Band litt unter einem Berg von Schulden. Banks, Collins und Rutherford wollten daher einen Wechsel einleiten - weg vom den progressiv-symphonischen Zehnminütern hin zu einfacheren Songstrukturen, die auch ein wenig zeitgemäßer anmuten sollten und sich so vielleicht besser verkaufen ließen. Leider trafen sie nicht immer die richtigen Entscheidungen. Eine davon war sicherlich, David Hentschel im Produzentensessel sitzen zu lassen.
Das Songmaterial selbst ist dabei noch halbwegs akzeptabel zu nennen, wenn auch keinerlei Höhepunkte wie auf früheren Alben zu finden sind (Cinema Show, Afterglow, Dance On A Volcano, Ripples, um nur wenige zu nennen). Steves Ausstieg hatte bewirkt, dass es auf der Gitarrenseite ein Vakuum gab, das Mike nicht annähernd füllen konnte, obwohl das Bemühen erkennbar ist, die E-Gitarre hin- und wieder zu betonen, als ob man sagen wollte: "hört her, hat gar nicht weh getan". Leider wurden darüber jedoch vor allem die akustischen Gitarrenparts nahezu vollständig geopfert - was sehr überraschend war, da Mike an diesen doch bislang einen großen Anteil hatte. Da seine E-Gitarre jedoch nicht annähernd Steves Kompetenz hatte, war das Gleichgewicht hier deutlich zu Tonys Gunsten verschoben. Jeder Song ist daher stark Keyboard-lastig, ständig wabern käsige Klangteppiche - zum ersten Mal fehlte das Mellotron - die Drums sind pappig und selten im Vordergrund und die Gitarren gehen im Klangbrei weitgehend unter. Das Konzept - wenn es denn überhaupt eins gab - ging nur an wenigen Stellen auf.

David Hentschel war als Produzent der Herausforderung entweder nicht gewachsen, oder er hatte nicht erkannt, dass die neuen Strukturen auch einen neuen Sound erfordert gehabt hätten. Dies kann man vor allem daran erkennen, dass die erhältlichen Remixe, schon der frühe US-Remix der Follow You Follow Me-Single aber auch der 2007er Nick-Davis-Remix des ganzen Albums, wie auch die Live-Versionen plötzlich um ganze Klassen frischer, dynamischer und lebendiger klangen als das von ihm verantwortete Original.

Dies und die Abkehr von den proggigen Instrumentalpassagen war das, was die bis-dahin-Genesis-Fans so enttäuschend fanden. Ich behaupte mal, dass nur sehr wenige, die vor "...And Then There Were Three..." bereits Fans der Band waren, dieses Album ebenfalls gut finden konnten. Im Rückblick und losgelöst vom damaligen Zeitgeist (ich habe 1978 auch lieber die Sex Pistols, The Cars, Ultravox, Devo und Ramones gehört) mag der Eindruck vielleicht anders sein, inzwischen wird das Album (unverdienterweise) oft als verdienter Nachfolger von "A Trick Of The Tail" und "Wind & Wuthering" oder sogar als "letztes gutes" Genesis-Album gehandelt.

Wäre "...And Then There Were Three..." bereits von Hugh Padgham produziert worden und hätte es den Sound von "Abacab" vorweggenommen, wäre es sicher völlig anders rezipiert worden. Möglicherweise wäre es sogar zu dem Meilenstein der Bandgeschichte geworden, für den "Abacab" leider ein paar Jahre zu spät gekommen war, aber die kreative Luft in der Band war zu diesem Zeitpunkt eigentlich zu dünn, um nicht zu sagen: raus. Das Album ist wie ein Beweis dafür, dass man die bisherige Stilrichtung ohne Steve Hackett (leider) nicht weiter bedienen konnte.

Versucht haben sie es immerhin tapfer, daher klingt "...And Then There Were Three..." über weite Strecken wie ein schaler Aufguß der vorangegangenen beiden Alben, ohne auch nur annähernd deren Originalität und Qualität zu erreichen. Burning Rope besteht aus Elementen abgeleitet von Eleventh Earl of Mar und One For The Vine, Undertow reimt sich nicht zufällig auf Afterglow und Deep in the Motherlode erscheint nicht viel mehr als eine Neuauflage von Squonk im 6/8-Takt. Das hatte man alles schon vorher und leider auch besser gehört. Halbwegs originell war bestenfalls Scenes from a night's dream und - ja, zugegeben: Follow you follow me.

Tatsächlich war bei aller berechtigter Kritik an diesem superbanalen und extrem kommerziellen Song hier der einzige Schritt in Richtung Neuland zu beobachten. Dieser ungenierte Versuch, einen Pop-Hit zu schreiben, kann man nur als gelungen betrachten. Die Bandgeschichte war daher hier doch nicht zuende, denn zum einen wurde die Singleauskopplung der bis dahin größte Hit - und zum anderen schaffte es die anschließende Tournee, die "...And Then There Were Three..."-Stücke so gut in die Setlist zu integrieren, dass sowohl alte wie neue Fans auf ihre Kosten kamen.

Die danach anstehende, fast zweijährige Pause wurde dann klug für die überfällige Neuaufstellung genutzt und so die Grundlage für die Erfolgsgeschichte der 1980er Jahre geschaffen. Weitreichendste Änderung: nach dem Vorbild Follow you follow me wurden alle wichtigen Songs ab sofort nur noch im Team und während der Recording-Sessions geschrieben und entwickelt. Nach 1982 fand sogar überhaupt keine Einzelkomposition mehr den Weg in eine Album-Setlist.

"...And Then There Were Three..." war daher für die Band immens wichtig - dieses Album hat -sicherlich unbeabsichtigt- das Kunststück geschafft, den Beteiligten aufzuzeigen, warum eine deutliche Veränderung zwingend erforderlich war. Es ist nur ein wenig schade, dass es dazu erst hat veröffentlicht werden müssen...